Foto: David Marcu | Stocksnap

Andere Länder, andere Sitten: Was wir Deutschen uns abschauen können

Die Stadt, in der wir leben, prägt uns. Umso wichtiger ist es ab und zu mal auszubrechen und andere Orte kennenzulernen. Gerade uns funktional-denkenden Deutschen fehlt es nämlich leider oft ein bisschen an Gesellig- und Gemütlichkeit, findet unsere Community-Autorin Aileen.

 

Es ist immer wieder schön, nach Hause zu kommen

Ich liebe meine Heimat Berlin, trotzdem habe ich in den letzten Jahren, vor und während des Studiums, gerne jede Gelegenheit genutzt auch mal andere Städte und Länder kennenzulernen. Nach dem Abi ging es für ein paar Monate Gastronomiearbeit nach Bournemouth in England. Ein paar Jahre später für ein Erasmus-Semester nach Barcelona, für mein erstes Pflichtpraktikum im Bachelor dann nach Amsterdam und aktuell wohne ich für mein letztes Pflichtpraktikum im Master in Kopenhagen. 

Dabei stellte ich für mich in den letzten Jahren fest, dass ich mich mit jeder Rückkehr nach Berlin neu in meine Heimat verliebe und das Leben in Deutschland mehr und mehr zu schätzen weiß. Denn, was ein Land tatsächlich zu bieten hat, lernt man oft erst, wenn man es denn mal verlässt. Plötzlich findet man Dinge ganz toll, die man vorher jahrelang bemängelt hat (in meinem Fall so zum Beispiel die BVG oder unsere deutschen Krankenkassen). Gleichzeitig lernt man aber auch, dass jedes Land, jede Stadt über seine Eigenarten verfügt, die die Menschen, die in ihr leben, prägen.

Meine dänische Kollegin beschreibt unsere deutsche Mentalität zum Beispiel gerne als Rittersport Mentalität: Quadratisch, praktisch, gut. Was ich früher für ein Vorurteil hielt, kann ich mittlerweile gut bestätigen, denn es beschreibt den deutschen Spirit, unsere Lebens- und Arbeitsweise schon sehr passend. Deutschland, das Land der Funktionalität, wo immer alles seinen geregelten Gang läuft – außer wir bauen Flughäfen.

Wie wärs mit ein bisschen kultureller Inspiration?

Dolce Vita und griechische Gelassenheit erlauben wir uns ja maximal in den zwei Wochen Urlaub im Jahr. Die amerikanische Jobkultur des Scheiterns? Nee, ist uns zu heikel, schließlich zählen die harten Fakten! Klar, dank unseres Funktionalitätsdenken geht es uns wirtschaftlich gut, aber ein bisschen mehr Gelassenheit ab und an würde doch auch nicht schaden oder?!

Ich für mich habe festgestellt, dass ich nach jedem Auslandsaufenthalt mit neuen Erfahrungen nach Hause komme. Erst rückwirkend betrachtet, durch den Vergleich, verstehe ich, über welche Eigenarten die Städte, in denen ich gelebt habe, verfügen und wie mich das jeweilige Mind-Set geprägt hat. Neben einem erweiterten Horizont und generell einer toleranteren Haltung, versuche ich daher auch immer ein bisschen was von eben diesem Mind-Set mit nach Hause zu nehmen. 

Hier meine kleine Liste an Werten und Konzepten, die ich gerne mit euch teilen würde: 

1. Bournemouth, England: Spaß haben und sich selbst nicht zu ernst nehmen!

Hier gilt: Keine Party ohne Motto! Sich selbst zu ernst nehmen? Kann den Engländern nicht passieren. Denn, Briten sind alles, aber nicht langweilig. Das spießige Image, das England woanders oft hat, nicht zuletzt auch wegen dem Königshaus, kann ich so nicht bestätigen. Es gibt schließlich immer was zu feiern! Ob den Geburtstag der Queen, irgendeinen Bankholiday, Muttertag, Valentinstag – bei Tesco findet man eigentlich fast jede Woche neue Glückwunschkarten und fertige Themen-Torten. Für den einen mag das purer Kommerz sein, ich aber glaube, dass die Briten sich einfach gern und oft sagen, wie gern sie sich haben. Nach dem 9-to-5-Arbeitstag schnell nach Hause oder noch auf ein Bier mit den Kollegen in den Pub um die Ecke? Für viele stellt sich diese Frage gar nicht erst, ist doch schließlich Feierabend!

Barcelona, Spanien: Ab und an muss auch mal Siesta sein! 

An der Kasse im Supermarkt spricht die Kassiererin lieber mit ihrer Kollegin als dich zu bedienen? Nicht ungewöhnlich in Spanien, denn hier tickt die Uhr etwas langsamer und entspannter. Da bleibt man auch gerne mal auf dem Gehweg stehen und tauscht sich über den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Darüber hinaus ist erstaunte mich aber vor allem, wie viele Spanier auch mit Mitte zwanzig noch bei ihren Eltern wohnen. Nicht, dass ich jetzt vor habe wieder zu meinen Eltern zu ziehen, aber die Tradition, regelmäßig sonntags mit den Eltern und Großeltern gemeinsam Paella zu essen, finde ich doch sehr nett! Plus: Viele Restaurants öffnen abends nicht vor 20 Uhr. Kinder, die im Sommer noch nach elf Uhr abends auf dem Marktplatz herumtollen? Auch das ist in Deutschland unvorstellbar, schließlich kommt der Sandmann doch schon um 19 Uhr! Sicher, das liegt auch daran, dass sich die Uhrzeiten dem Klima anpassen, vor allem aber daran, dass das Abendessen hier noch richtig zelebriert wird! 

Amsterdam, Niederlande: Jeden Tag Gezelligheid!

In einer WG mit drei Holländerinnen habe ich gelernt, was das Wort „Gezelligkeit” bedeutet. Es steht für eine Mischung aus Freundlichkeit, Genießen und Geselligkeit. Während meiner Zeit in der WG verging eigentlich kein Abend an dem nicht irgendwer, irgendwen zu Besuch hatte. Entweder man traf sich mit alten Freundinnen aus den Studentenverbindungen, den alten Mitbewohnerinnen, Freunden aus der Heimat, den Eltern, einem der mindestens drei Geschwister oder dem Sportverein. Prinzipiell gehört man irgendwie tausenden Teams und Gruppen an. Zum Abendbrot eine Stulle? Die gibt’s da nur mittags, denn abends Punkt 19 Uhr wird gemeinsam gekocht und mit Freunden oder Familie gegessen. Das Kochhaus-Konzept beispielsweise gab es dort, sofern ich weiß, auch schon bevor es in Berlin eröffnet wurde (und das mag ja was heißen). Plus, alle sind einfach immer super freundlich. Als ich das einer Freundin in Amsterdam erzählte, konnte sie das gar nicht glauben. Denn, sie findet, dass Amsterdam im Vergleich zu Südholland total unfreundlich ist. Nun ja, was soll ich sagen, ich bin aus Berlin, da ist viel Platz nach oben. Was ich aber am tollsten in Holland fand, war die Arbeitsweise: ein männlicher Chef in Teilzeit? Klar! Regelmäßiges Homeoffice? Kein Problem! 

Kopenhagen, Dänemark: Hygge!

Abends einfach mal nichts machen, außer Wollsocken anziehen, Kerzen anzünden, Netflix einschalten oder ein Buch in die Hand nehmen, super hyggelig! Das „Hygge-Konzept” erfreut sich aktuell auch außerhalb Dänemarks großer Beliebtheit. Als ein sehr aktiver Mensch, fällt es mir manchmal schwer am Abend die Füße hochzulegen und einfach mal bewusst Nichts zu machen. Es gibt in Berlin für mich eigentlich jeden Abend was zu erleben oder jemanden, mit dem ich was unternehmen könnte. Mein Leben in Kopenhagen sieht da ganz anders aus, mit regelmäßigen Wollsocken-Gesichtsmasken-Zeremonien auf der Couch. Sicherlich liegt es in erster Linie daran, dass mein soziales Netzwerk hier sehr beschränkt ist und es war sicher auch nicht die beste Idee für den Winter herzukommen, aber letztlich tat mir genau das auch mal ganz gut. Die kleinen Momente zu genießen und auch mal wieder ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Arbeitstage von neun bis 17 Uhr und danach ab zur Familie ist hier übrigens normal, uncool ist wer länger bleibt! 

Und in Berlin so? 


Komm bloß nicht auf die Idee, dich hier zu wichtig zu nehmen! Als gebürtige Berlinerin fällt es mir natürlich schwer, meine eigene Stadt neutral zu reflektieren. Aber was ich von außen betrachtet gelernt habe, ist, dass man hier einfach schnell wieder auf den Boden der Tatsachen kommt. Man ist einer von knapp vier Millionen. Auf der anderen Seite ist Berlin ein Dorf, Kiezkultur heißt: man kennt sich, man grüßt sich! Plus, kommt man so wie ich aus Pankow, dann sind es vor allem Werte wie Herzlichkeit und Bodenständigkeit, die einen prägen. Wir dürfen also getrost ab und an mal aus unserer Rittersport-Mentalität ausbrechen und ein bisschen geselliger, entspannter und gelassener sein. 
Falls ich was vergessen habe, ergänzt gerne eure Erfahrungen!

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