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Jennifer Fey: „Seit mein Sohn geboren ist, verhandle ich deutlich besser“

Wie gut funktioniert Selbstständigkeit als Fotografin? Jennifer Fey arbeitet seit zehn Jahren freiberuflich und berichtet von ihren Erfahrungen als selbstständige Mutter in der Kreativbranche.

 

„Mein Tipp für Fotograf*innen, die sich selbstständig machen wollen: durchhalten.”

Berufliche Selbstständigkeit wird von außen betrachtet oft vor allem mit Freiheit in Verbindung gebracht. Gerade in der Kreativbranche hat das Ganze aber auch mit langen Arbeitszeiten, Verzicht und finanziellen Einschränkungen zu tun – vor allem zu Beginn. Die Kölner Fotografin Jennifer Fey blickt auf zehn Jahre Selbstständigkeit zurück. Sie kennt beide Seiten der Medaille sehr gut. Uns hat sie von Vor- und Nachteilen der Freiberuflichkeit, dem Konflikt zwischen Herzensprojekt und ökonomischer Sicherheit und neuen Hürden mit Kind erzählt.  

Du bist seit 2008 selbstständige Fotografin. Was ist das Schönste an deinem Berufsalltag?

„Die Freiheit, mir aussuchen zu können, mit wem und für wen ich arbeite. Eigentlich arbeite ich immer mit denselben Assistent*innen und Visagist*innen und mit denen bin ich auch privat befreundet. Dadurch verbringe ich selbst bei anstrengenden Aufträgen meinen Arbeitstag mit Freund*innen. Außerdem gewährt mir mein Beruf immer wieder Einblicke in Bereiche, mit denen ich in meinem privaten Leben nie in Berührung käme. Neulich habe ich zum Beispiel für ein Ingenieurbüro fotografiert, das Versorgungsnetze bewertet. Bis dahin hatte ich keine Ahnung was das bedeutet – das ist total spannend!”

Und was ist das Schwierigste?

„Ehrlich gesagt die Buchhaltung, also Angebote, Rechnungen, Steuer und alles, was damit zusammenhängt. Auch nach zehn Jahren fällt mir das noch schwer und ich habe inzwischen wirklich viele Varianten ausprobiert – einmal die Woche, einmal im Monat, immer direkt, wenn ein Projekt abgeschlossen ist und, und, und. Ich bin einfach nicht besonders gut in ,Schreibtischkram’ und es kostet mich jedes Mal Nerven, mich dranzusetzen. Glücklicherweise habe ich einen sehr geduldigen Steuerberater!

Außerdem dieses ganze Internet! Leider bin ich bis heute nicht in der Lage, mir selbst eine Homepage zu bauen. Jetzt habe ich schon eine, bei der es eigentlich sehr einfach sein sollte, selbst Inhalte einzupflegen und sie aktuell zu halten und ich mache es so gut wie nie, weil ich mich dabei immer anstelle wie jemand aus dem letzten Jahrhundert. Ich kapiere nix, habe Angst, dass ich mit einem Klick alles kaputt machen könnte und gebe dann irgendwann genervt auf …” 

Was hat sich beruflich verändert, seitdem du Mutter geworden bist?

„Seit mein Sohn geboren ist, verhandle ich deutlich besser. Vielleicht liegt das daran, dass ich immer ein Stückchen für unsere gemeinsame freie Zeit mit verhandle. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass ich meine Zeit jetzt effektiver nutze. Ich mache mir selbst nicht mehr so einen Druck wie früher und lasse mich auch von außen nicht mehr so stressen. Wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin und das Handy vergessen habe, ist das eben so. In Sachen Social Media bin ich etwas faul geworden, aber ich bin gerade dabei, das wieder zu ändern!”

„Die Strukturen, in denen ich mich bewege, habe ich mir selbst geschaffen und kann sie immer so anpassen, wie ich das gerade brauche.”

Ist deine Selbstständigkeit dabei eher Fluch oder Segen?

„Definitiv ein Segen! Die Strukturen, in denen ich mich bewege, habe ich mir selbst geschaffen und kann sie immer so anpassen, wie ich das gerade brauche. Termine mit meinen Kund*innen kann ich zu einem sehr großen Teil selbst bestimmen, so dass es kein Problem ist, meinen Sohn vorher in die Kita zu bringen.”

Das klingt nach sehr viel Freiheit. Welche Rolle spielt dein Mann beim Thema Betreuung? Welches Modell lebt ihr?

„Teamwork. Mein Mann ist Lehrer an einem Berufskolleg und seine Arbeitszeiten sind sehr familienfreundlich. Unser Sohn geht von 8.30 bis 15.30 Uhr in die Kita und an manchen Tagen genießen wir den Luxus, ihn dort gemeinsam abzuholen und zu dritt auf den Spielplatz oder sonst wohin zu gehen. Wir haben nicht wirklich ein Modell. Jede*r macht das, was er*sie kann, wann er*sie kann. Das heißt, wenn einer mehr arbeiten muss, übernimmt der*die andere mehr Kinderbetreuung und Hausarbeit und umgekehrt. Jede*r braucht auch mal Zeit für sich und das geht auch. Ein von mir im Vorfeld unterschätzter Riesenvorteil ist, dass beide Großeltern in der Nähe wohnen und immer wieder gerne einspringen, wenn es mit der Betreuung mal eng wird. Insgesamt sind wir aber sehr gern alle zusammen.”

Viele Menschen entscheiden sich ja auch für die Selbstständigkeit, um endlich die Dinge machen zu können, mit denen sie sich wirklich identifizieren können – die Realität sieht dann oft anders aus. Wie viel Prozent deiner Arbeit kannst du mit Herzensprojekten füllen?

„Im Grunde liegen mir die meisten Projekte, an denen ich arbeite, am Herzen. Durch die, hinter denen große Budgets stehen, kann ich mir erlauben, auch die anzunehmen, an denen ich kaum oder gar nicht verdiene.”

Und was sind das konkret für Projekte?

„Seit letztem Jahr arbeite ich zum Beispiel mit einer tunesischen Journalistin in einem sogenannten Tandem für die Organisation ,Wir machen das’. Zusammen porträtieren wir Geflüchtete in Deutschland und erzählen ihre Geschichte. Zuletzt haben wir einen Cartoonisten und Künstler aus Syrien porträtiert. Neben dem Horror seiner Flucht und den Schwierigkeiten, irgendwo anzukommen, litt er darunter, drei Jahre keine Kunst machen zu können. Seine Geschichte hat mich sehr berührt – Leute wie ihn gibt es in meinem Freund*innenkreis viele. Das hat den Krieg für mich greifbarer gemacht. Ein anderes Herzensprojekt ist mein eigenes kleines Modemagazin ,Le Cahier’, das ich seit Ende letzten Jahres zusammen mit einer Freundin herausgebe. Wir beide lieben Mode und genießen es, sie so zu zeigen, wie es uns gefällt. Es ist ein kleines, feines 36-seitiges Print-Magazin, dessen zweite Ausgabe im Mai erschienen ist.

„Mein Tipp für Fotograf*innen, die sich selbstständig machen wollen: durchhalten.”

Hast du einen Tipp für Fotograf*innen, die sich selbstständig machen wollen? Was braucht ein Portfolio auf jeden Fall?

„Durchhalten! Die ersten Jahre sind schwer! Wie in allen selbstständigen Berufen in der Kreativwirtschaft arbeitet man anfangs sehr, sehr viel – für wenig Geld. Es dauert, aber das wird besser! 

Ein Portfolio sollte meiner Meinung nach die Bilder zeigen, die man im Job auch gerne machen möchte, ganz nach dem Motto: Zieh dich für den Job an, den du willst, nicht für den, den du hast‘.”  

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Nach Stationen als Praktikantin, Volontärin und feste Redakteurin bei EDITION F bin ich seit Mai 2019 freie Journalistin und schreibe hier alle zwei Wochen eine politische Kolumne. Vorher habe ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert. Gute Bücher, intersektionaler Feminismus und gutes Essen lassen mein Herz höher schlagen.

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