Foto: Garry Knight – Flickr – CC BY 2.0

Lustige News für die jungen Leser – Meinen die mich?

Immer mehr Medienhäuser gehen mit jungen Formaten ihrer etablierten Marken online. Ob sie damit wirklich den Kern treffen oder doch an der Zielgruppe vorbeischießen? Ein ehrlicher Blick von einer potentiellen Leserin.

 

„Zeit für etwas Frisches“

„OMG so fancy“, „Haha – früher hieß es LOL“ und „Läuft!“. Würde jemand aus meinem Freundeskreis – alle um die 20 – diese Worte in den Mund nehmen, würde er wahrscheinlich nur mit einem kritischen Blick bestraft werden. Dass die Ausdrücke ihre besten Zeiten schon längst hinter sich haben, ist an den Machern der neuen Spiegel-Seite anscheinend vorbeigezogen. „bento“ soll also das neue digitale Zuhause für junge Erwachsene sein. Das, was ich bisher nur als Asia-Box mit Eiernudeln,
Sojasprossen und gebratenen Frühlingsrollen kannte, wirbt nun „mit Szene, Musik, Mode, Style, Reisen, Gadgets und mehr“, heißt es auf Spiegel Online. Mein erster Gedanke, als ich davon erfuhr: Oh, nein. Bitte nicht noch so ein junger Abklatsch. Verstehen die heutigen Journalisten – selbst die jüngeren – unsere Generation denn gar nicht?

Schon nach wenigen Klicks sollte sich meine Befürchtung
bestätigen: Überschriften wie „Wie ich Darstellerin in einem feministischen
Porno wurde“ oder „Wir. instagrammen. Deutschland“ versuchen, mein
Leseinteresse zu wecken und mich zum Klicken zu animieren. Doch vergebens. Das
Einzige, was sich bei mir regt, sind meine Mundwinkel, die zu zucken beginnen. Ich finde mich in einem Dschungel von Artikeln wieder, in denen zwanghaft versucht wird alle Wörter, Hashtags und Emoticons, die irgendwann mal ihre viralen Wellen geschlagen haben, zu vereinen. 

Sehen wir so aus, als bräuchten wir alles vereinfacht?

Und damit ist Spiegel Online nicht alleine. Auch die Zeit Online launchte
mit ze.tt im September ein junges Magazin. Zwar mit etwas weniger provokanten Schlagzeilen und einem wesentlich kleineren Team, doch erinnern auch hier Themen wie das Vegetarier-Dasein und Genitalverstümmelung an eine schlechtere Version der Konkurrenten Vice oder Buzzfeed. Von Bild gibt es byou und von der Bunten soll wohl auch etwas kommen. 

Sollten bento und ze.tt aus der Angst entstanden sein, die jungen digitalen Leser zu verlieren, gehen sie damit meiner Meinung nach einen Schritt in die falsche Richtung. Mich würde interessieren, was die großen Medienhäuser von uns „jungen Erwachsenen“ und unserem Medienverhalten erwarten, wenn sie von allem eine „junge“ Version entwickeln müssen. Wirken wir so desinteressiert und blöd, dass jedes Thema extra für uns anders aufbereitet, vereinfacht dargestellt werden muss?

Bitte bleibt doch bei dem, was ihr macht

Es wäre gelogen, unsere Generation als die seriösen und intellektuellen traditionellen Zeitungsleser zu präsentieren. Denn das trifft bei unserer Begeisterung für Katzenvideos und Kanye-West-stops-smiling-compilations nun wirklich nicht zu. Wir verplempern unsere Zeit in sozialen Netzwerken und können uns stundenlang von einer Design-, Musik-, Modeseite zur Nächsten klicken. Und dabei komplett die Zeit vergessen. Ich lese schon längst viele englischsprachige Seiten wie Refinery29, Racked, Wired, Ignant und na klar, Modeblogs wie zum Beispiel das AmazedmagSoweit sehe ich  das Klischee der Medienopfer-Generation bestätigt – online sind wir immer. 

Doch, wenn es um das gezielte Aufsuchen von Nachrichten geht, darum, sich zu informieren, sind wir effizienter als man denkt: Wir wollen Informationen und News prägnant auf den Punkt gebracht. Gerne anspruchsvoll und ohne viel Geschwafel, so wie Zeit Online das ja tut, oder auch tagesschau.de. Sonst könnten wir es ja auch gleich lassen und unsere Zeit anders nutzen. Für Virales, Hashtags, Gifs, Sticker und Emoticons brauchen wir kein neues Magazin. Denn die können wir uns eh per Facebook und Whatsapp hin- und herschicken.

Ich bin 20 und studiere – also genau die Zielgruppe – habe aber bisher diese „junge“ Strategie nicht durchblickt.

Klare Grenzen ziehen

Das Einzige, was bei bento tatsächlich neu ist: die Newsletter-Funktion via Whatsapp. An sich innovativ, dennoch kein Tool für mich. In aller Liebe zur cross- und multimedialen Verknüpfung, da ziehe ich klare Grenzen: In Whatsapp schreibe ich mit meinen Liebsten, News gibt’s online oder in Nachrichten-Apps. Es geht nicht alles mit allem! 

Vielleicht würde jetzt eine 16-Jährige über meine Ansicht lachen und sich fragen, in welchem Zeitalter ich denn hängen geblieben sei, aber: All das, was mir auf bento und ze.tt geboten wird, ist für mich nichts Neues. Und damit, liebe Medienmacher, keine neuen Adressen für mein digitales
Zuhause. 

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