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Kerstin Hack: „Mein Schiff ist ein Ort für Menschen, die sich nach Orientierung sehnen“

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, um einen Traum zu leben? Kerstin Hack hatte den Mut, eine Gelegenheit zu nutzen und alle Ängste über Bord zu werfen. Ein Porträt über eine Frau, die mit Rost, Schweiß und Tränen gekämpft hat, um ein Hausboot mitten in Berlin zu bauen.

 

Zu Besuch auf einem alten DDR-Schiff

Mein Weg führt  an leerstehenden Hallen und Containern vorbei in ein Labyrinth aus Glas, Stahl und Beton. Von weitem schon kann ich das Ufer der Spree erkennen. Zwischen Enten und Schwänen schaukeln Hausboote in dunklem Wasser vor sich hin. Hier, am Rande eines Industriegebiets in Berlin, lebt Kerstin Hack auf einem alten DDR-Torpedo-Schiff, das sie gemeinsam mit Freunden zu einem Haus- und Seminarboot umgebaut hat. Als ich die Fußgängerbrücke betrete, kommt sie mir entgegen. Lächelnd öffnet sie die Kabinentür und begrüßt mich an Bord der „Anna Grace“. Wir setzen uns an Deck, in den Schatten, und beobachten die spiegelglatte Wasseroberfläche. Kerstin beginnt zu erzählen, von ihren Träumen und Visionen, dem Umbau und die fünf Jahre harter Arbeit, die hinter ihr liegen.

Angefangen hat alles mit einem Zimmermannshammer, einer Metallsäge und
einer Rohrzange. Mehr besaß Kerstin damals nicht. Zudem fehlte ihr das Wissen über Schiffe, Wassergesetze oder Ähnliches. Eigentlich hatte sie keinen blassen Schimmer davon, was ihr Traum kosten würde, wie viel Zeit und Geld in den Umbau einfließen würde. Sie wusste nur, dass es sich lohnen würde.

„Ein ausreichendes Budget für das Projekt? Fehlanzeige. Erfahrung im Bauen? Nur die wenigen Stunden, die ich als Teenager meinen Eltern beim Hausbau geholfen hatte.“

Im Trubel und Lärm der Großstadt hatte sich die Autorin und Verlegerin schon immer nach einem Rückzugsort gesehnt. Ein Hausboot, direkt am Wasser, schien ihr perfekt. Hier könnte sie ihrer Arbeit als Coach und Supervisor nachgehen, Bücher und Ratgeber über die wichtigen Fragen des Lebens schreiben.

Durch ihre Arbeit ist Kerstin nur selten alleine. Immer wieder kommen Menschen an Bord und bleiben für ein paar Tage, um ihre Erlebnisse und Gedanken zu sortieren. Sie blicken dann auf das Wasser und in die Ferne und beginnen ein Gespräch, wenn ihnen danach ist. Kerstin bietet ihr Coaching auch den Menschen an, die finanziell nicht in der Lage sind, für einen Kurs zu bezahlen. Die Anfragen erreichen sie auf verschiedenen Wegen, telefonisch und per Mail, aber auch über Freund*innen und Bekannte. 


An den Besuch einer jungen Frau erinnert sich Kerstin noch genau. Sie war aus
Syrien geflüchtet und in einer Notunterkunft in Berlin-Tempelhof untergebracht. An einem Tag, an dem sie es in der Enge dort besonders schwer aushielt, kam sie auf das Schiff, zu Kerstin. Das viele Wasser um sie herum weckte ihre Erinnerung an die Überfahrt über das Meer. Als sie das Schiff panisch verlassen wollte, konnte Kerstin mit ihrer Coachingerfahrung helfen, den inneren Stress und die Angst der jungen Frau zu lösen. Sie blieb den ganzen Tag an Bord.

„Ich habe sehr viele Coaching-Sitzungen erlebt, in denen die Menschen nach einer Weile mit leuchtenden Augen sitzen, weil sie etwas verstanden haben. Und wenn ich dann sehe: Ein Mensch kommt weiter, lebt freier und wird stärker, dann macht mich das selbst sehr glücklich.“

Wenn sie merkt, mit ihrer Arbeit und dem Coaching das Leben anderer Menschen zu verändern, blüht sie auf. Das soziale Bewusstsein, das seit ihrer Kindheit tief verankert ist, hat sie schon in der Weltgeschichte herumgeschickt. Vor einigen Jahren war sie in Afghanistan, um traumatisierten Frauen zurück ins Leben zu helfen. Auch in ihrer alten Dreizimmer-Wohnung in Berlin-Friedenau waren oft junge Menschen zu Besuch. Sie schliefen eine Weile auf der Couch und wollten von ihr lernen, wie das Leben, mit seinen Höhen und Tiefen, funktioniert. Auf Dauer wurde ihre Wohnung jedoch zu klein, umso größer der Traum von einem eigenen Hausboot.

Als Kerstin an einem Tag im Februar 2013 zufällig auf einem Verkaufsportal im Internet ein Angebot für ein Schiff entdeckte, zögerte sie nicht lange und fuhr zum Hamburger Hafen, um sich ein genaueres Bild von der Substanz der „MS Triton“ zu machen. Es war ein altes DDR-Marineschiff, Baujahr 1953. Genau das, was sie sich vorgestellt hatte. 

„Es hatte all das, was ich wollte: einen großen Raum, der sich als Wohnküche eignen würde. Einen weiteren, der groß genug für Seminare mit bis zu zwanzig Personen war. Dazu ein Steuerhaus, in dem ein kleiner Schreibtisch Platz finden konnte.“

Kurzerhand beschloss Kerstin, das Boot, das älter als sie selbst war, zu finanzieren. Mit 25.000 Euro war der Verkaufspreis nicht weit von ihren Möglichkeiten entfernt. Um den alten Schrottkahn bewohnbar zu machen, waren aber noch viele große und kleine Schritte nötig, die zusätzliches Budget und natürlich Arbeitskraft erforderten. Dabei war sie auf die Hilfe von Freund*innen und Bekannten angewiesen – und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise: sie halfen mit ihrer Zeit, mit Geld, mit Ressourcen.

Da das Schiff an einigen Stellen schon porös war, musste der Rost, der sich in über 60 Jahren angesammelt hatte, zuerst abgeschliffen werden. Als nächstes wurde das Innere des Schiffs Zentimeter für Zentimeter mit einer Isolierung ausgekleidet. Das ist wichtig, um auch bei den niedrigen Temperaturen im Winter auf dem Wasser leben zu können. Manchmal musste sich Kerstin auch den Rat von erfahrenen Bootsbauer*innen einholen. Komplexe Vorgänge und technische Funktionen, das wollte sie lieber den Expert*innen überlassen. 

Danach kam der Boden auf das Stahlgerippe, die Verkleidung an die Wand und das Inventar. Da bei einem Schiff alle Wände schief und krumm sind, und nichts dem herkömmlichen Standard entspricht, musste jedes Möbelstück einzeln angefertigt werden. Jedes Regal und jede Schublade hat Kerstin einzeln ausgemessen, von Hand gefertigt und eingebaut.

„Es war ein Geschenk, dass ich mir die Räume so gestalten konnte, wie ich wollte – frei von gesellschaftlichen Konventionen.“

Vor dem Umzug musste sich Kerstin von vielen Dingen trennen, die sich über Jahre hinweg angesammelt hatten: Kleidung, Bücher, Aktenordner. Es war einfach kein Platz mehr auf den wenigen Quadratmetern. Sie erzählt davon, wie schwierig und gleichzeitig befreiend dieser Schritt war, in räumlicher und emotionaler Hinsicht. Alles, was sich über viele Jahre hinweg angesammelt hatte, konnte sie einfach wie Ballast abwerfen. Sie verschenkte die meisten Dinge an Freund*innen und Nachbarn, und Menschen, denen es nicht so gut ging. Materielle Werte waren für sie noch nie ein Maßstab für ein gutes Leben, sagt Kerstin. 

Das Leben auf dem Wasser bringt einige Einschränkungen, aber mindestens genau so viele Freiheiten mit sich. Lächelnd erzählt mir Kerstin, dass sie sich jeden Morgen dafür entscheiden kann, eine Runde schwimmen zu gehen. Während sie ihren Kaffee trinkt, kann sie die Vögel beobachten. In ihrem kleinen Garten am Ufer gegenüber wachsen ihre eigenen Kräuter, Tomaten und Zucchini. Das Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein, gibt ihr Kraft und führt sie zurück – zu sich selbst.


Auf 1800 Tage kann Kerstin heute zurückblicken, in denen sie mit dem Umbau beschäftigt war – und nicht selten mit Rost, Schweiß und Tränen gekämpft hat. Ihr Traum ist Realität geworden: Aus einem Marineschiff wurde ein Hausboot, ein Lebensmittelpunkt für Kerstin und viele andere Menschen. 

Trotzdem ist sie heute nicht glücklicher als davor, meint sie. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass sie sich selbst vor dem sogenannten Zielerreichungstrugschluss bewahrt hat. Denn aus psychologischer Sicht machen uns Ziele und Träume, die an ein bestimmtes Ereignis gebunden sind, auf Dauer nicht glücklich. Dafür sind nur wir selbst verantwortlich.

„Kein Traum – wie schön er auch ist – macht uns glücklich. Glücklich oder unglücklich machen wir uns selbst. Mit unserer Fähigkeit oder Unfähigkeit, das, was das Leben aktuell bietet, zu genießen und zu bewältigen.“

Wer mehr über Kerstin und ihr Leben auf dem Hausboot lesen möchte, sollte einen Blick in ihr neues Buch werden:

„Leinen Los! Wie ich mitten in Berlin ein Hausboot baute, um meinen Traum zu leben“, bene! Verlag, 208 Seiten, 16,99 Euro

Das Buch ist natürlich auch bei lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer! 

Bei Kerstin bekommt ihr es auch mit persönlicher Widmung.


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