Foto: Amira Fritz

Ist die Optimierung meines Körpers antifeministisch?

Rasierte Intimbehaarung, Botox und Reizwäsche – alles Folgen des Patriarchats? So ein Quatsch, meint unsere Kolumnistin und sieht darin eine Form von Kultur, die feministisch sein kann.

Wer mir ein bisschen folgt, meine Artikel liest, mich also zumindest als öffentliche Person kennt, weiß, ich bin gebotoxt – in der Zornesfalte nämlich. Vor einem Jahr habe ich angefangen, meine grauen Haare zu färben. Seit einem halben Jahr lass ich mir die Beinbehaarung wegbrutzeln. Ich mag meine kleinen Minibrüste, würde aber unter Umständen auch irgendwann mal Implantate reinhauen, ohne sie vergrößern zu wollen, sondern um die Form zu bewahren. Ja, ich habe rein gar nichts gegen Optimierung. Und ich glaube, dass die Frage, ob sie feministisch, neoliberal oder kapitalistisch sei, völlig irrelevant ist.

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Gerne wird heute mit viel Ideologie im Gepäck alles und jede*r bewertet. Du fährst SUV? Umweltsünder*in! Du isst Fleisch? Tiermörder*in! Du lässt dir Hyaluron spritzen? Du Opfer des Male Gaze! Ich weiß nicht genau, was an solchen Äußerungen besonders progressiv und modern sein soll. Ich finde es vor allem befremdlich, grenzüberschreitend und auch ein bisschen peinlich. Es geht dabei letztlich um Macht. Die Macht, anderen vorzuschreiben, wie sie richtig zu leben haben. Wie richtiges Leben geht. Und dass das vermeintlich falsche Leben unbedingt verbannt werden soll.

Dazu gehört auch die realitätsferne Vorstellung, dass es so etwas wie die Wahrheit gibt. Dass es so etwas wie richtig und falsch gibt. Nichts davon existiert. Und wer das wirklich immer noch nicht verstanden hat, sollte dringend ein Philosophie-Studium absolvieren.

Ein völlig anderes Leben

Ich selbst bin in der DDR aufgewachsen. Ohne Kapitalismus, Liberalismus, Werbung, Pornos, Barbies, Hochglanzmagazine und Erwartungen. Dafür mit einer Sorte Milch, einer Sorte Käse, einem blauen Pionierhals und FKK. Ich habe in meinem Umfeld, während meiner Kindheit und Jugend, nur Frauen mit Intimbehaarung kennengelernt. Dabei war im Übrigen der Intimbereich nichts weiter als ein Teil des Körpers. Nix Aufregendes. Kein Objekt. Schon gar nicht mit sexuellen Attributen versehen.

Wer seine*ihre Kindheit und Jugend mit nackten Körpern am Ostseestrand verbringt, der*die hat keine Fragen mehr. Der*die braucht auch keine Antworten. Der*die weiß, dass es sowas wie den idealen Körper sowieso nicht gibt. Nirgends. Der*die kann auch zwischen – Surprise! –  Werbung und Realität unterscheiden. Aber dazu muss man selbstverständlich an der Realität teilnehmen. „Nichts ist heilsamer als ein Sommertag an einem Brandenburgischen Badesee“, so schrieb ich es jedenfalls vor neun Monaten in einer Instagram-Story.

Und obwohl ich mit 14 Jahren noch nicht einmal ein Festnetztelefon in unserer Wohnung hatte, geschweige denn sowas wie den sagenumwobenen Male Gaze kannte, rasierte ich mir irgendwann mit 16 Jahren meine Achseln und Intimbehaarung, einfach, weil ich es selbst irgendwie geiler fand. Ich färbte mir auch meine Haare pink und ließ mir ein Zungenpiercing stechen. Trug Plateauschuhe und Strapse im E-Werk und tanzte zu Techno. Alles Male Gaze? Alles Patriarchat? Alles Neoliberalismus? Nichts davon ich? Nichts davon selbstbestimmt? Really?

Aufbrezeln geht auch ohne Dudes

Sollten wir uns als Frauen nicht ein bisschen mehr Credits geben? Vielleicht sowas wie die völlig irre Vorstellung, dass wir Entscheidungen einfach so für uns treffen. Dass nicht alles vom fucking Mann abhängt? Dass nicht alles das Patriarchat steuert? Dass wir als Frauen einfach unabhängig, selbständig und frei sind?

Wenn ich einen Dinnerabend nur mit Frauen mache, dann kommen alle Girls aufgebrezelt mit der heißesten Unterwäsche, ohne dass sowas wie ein Dude zur Penetration überhaupt anwesend ist. Das kennt ihr doch, oder? Dass wir uns für uns schön machen und nicht für den Mann. Denn schließlich ist die ästhetische Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, das Schmücken dieses Körpers, Kultur.

Eine Kulturtechnik, die schon seit Jahrtausenden für beeindruckende, absurde, fragwürdige und bezaubernde Körperveränderungen gesorgt hat. Immer angepasst an die jeweilige Zeit eben. Lange bevor solche Begriffe, wie sie heute kursieren, überhaupt existierten. Diese Begriffe existierten nicht, weil es keine Welt gab, zu der diese Begriffe überhaupt gepasst hätten.

Wer alles ideologisch untersucht, untermauert und bewertet, der*die ist nicht frei und schränkt andere in ihrer Freiheit ein. Und Entscheidungen wie Brust-OPs, Hyaluron-Unterspritzung, Haarentfernung und pipapo jeder einzelnen Frau individuell zu überlassen, ist für mich die Form von Feminismus, die ich unterstützen kann und will.

Warum du deinen Körper brauchst und wie du gut zu ihm sein kannst.

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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