Auf dem Bild sind die Arme und Unterkörper einer Person zu sehen, die im Krankenhauskittel auf eine Operation wartet und dabei die OP-Kappe in den Händen hält.
Foto: Sharon Mccutcheon/Unsplash

„Wir waren machtlos. Und der Krebs unkontrollierbar“

Der Vater unserer Autorin ist an Krebs erkrankt – und sie fragt sich, warum Krebspatient*innen und ihre Angehörigen in einer Ausnahmesituation immer noch so allein gelassen werden mit ihren Ängsten und Sorgen.

„Fuck cancer“ – kein Satz drückt besser aus, was ich in den vergangenen Monaten dachte. Angst, Sorgen und Wut sind zu ständigen Begleiter*innen geworden. Ich wollte den Krebs meines Vaters am liebsten höchstpersönlich bekämpfen, ihn auffordern: „Lass Baba in Ruhe! Bitte hör auf, seinen Körper zu schwächen. Hör verdammt nochmal auf, unser Leben zu zerstören!“ Aber diese Gedanken veränderten nichts an Papas Lage. Das Einzige, was immer wieder auftauchte, war meine Überforderung mit der Situation.

Meine Familie und ich verstanden die Welt nicht mehr. Wir waren machtlos. Und der Krebs unkontrollierbar. Krebs lässt Paare, Familien, Freund*innenkreise, ganze Gesellschaften verzweifeln. Und die immer wiederkehrenden Sorgen hören seit Papas Krebsdiagnose einfach nicht auf. Es sind die Sorgen um meinen Vater, der sein Heimatland hinter sich gelassen hat, um seinen Kindern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Der Mann, dem ich so ähnlich bin und den ich als Trennungskind erst jetzt richtig kennenlerne. Und ständig tauchen die Fragen auf: Was ist, wenn ihm nur noch wenige Jahre bleiben? Was möchte ich unbedingt noch mit ihm erleben? Was will ich ihm noch sagen? Diese Gedanken überwältigen mich. Gerade als Psychologin wollte ich die Kontrolle behalten. Sollte es jetzt doch ausschließlich um meinen Vater und seine Bedürfnisse und Behandlung gehen. Eine Behandlung, die bisher keinerlei psychische Versorgung enthielt – und damit ist mein Vater kein Einzelfall.

Wie wird die Krebserkrankung erlebt?

Etwa fünf Millionen Menschen leben in Deutschland mit einer Krebsdiagnose. Knapp eine halbe Millionen Menschen erkranken hier jährlich an Krebs. Und wer in diesen Statistiken erst gar nicht auftaucht, sind die vielen Millionen Personen, die Angehörige von Krebspatient*innen sind. Obwohl wir durch die verschiedenen Erscheinungsformen nicht von „dem“ Krebs sprechen können, eint viele Patient*innen neben den körperlichen Beschwerden auch der psychische Stress. Fast jede*r dritte Krebspatient*in entwickelt als Folge einer onkologischen Erkrankung eine psychische Störung, trotzdem ist der Begriff der „Psychoonkologie“ selbst vielen Betroffenen noch unbekannt. Psychoonkologie beschäftigt sich als psychosoziales Gebiet mit dem Erleben der Krebserkrankung und Behandlung, dem Verhalten und den sozialen Ressourcen von Krebspatient*innen. Sie befasst sich sowohl mit den psychischen Belastungen der Krebspatient*innen als auch ihren Angehörigen. Psychoonkologie wird gerade in Zeiten von steigenden Krebsdiagnosen in einer alternden Gesellschaft immer wichtiger.

In den vergangenen Jahrzehnten stieg das Bewusstsein dafür, dass eine Krebserkrankung neben körperlichen Veränderungen und Schmerzen Patient*innen und ihre Angehörigen auch psychisch belastet. Auf die Diagnose und den Krankheitsverlauf können Angst (speziell vor Verschlechterung der Erkrankung), Depressionen und Stress folgen. Auch Trauer, Sucht, anhaltende Müdigkeit und Schlafstörungen sind häufige psychische Beschwerden, die bei einem Teil der onkologischen Patient*innen auftreten. Zudem erleben viele Niedergeschlagenheit, Sorgen und Antriebslosigkeit. Kurzum: Die Lebensqualität sinkt gravierend. All diese Symptome sind, wenn sie über einen längeren Zeitraum Leidensdruck auslösen, behandlungsbedürftig und somit auch relevant für die Psychoonkologie.

„In dem Moment, in dem Baba mitgeteilt wurde, dass ein bösartiger Tumor seinen Körper befallen hat, brach nicht nur für ihn eine Welt zusammen.“

Verunsicherung, Trauer, Überforderung

In dem Moment, in dem Baba mitgeteilt wurde, dass ein bösartiger Tumor seinen Körper befallen hat, brach nicht nur für ihn eine Welt zusammen. Auch ich merkte, dass in mir etwas kaputtging. Verunsicherung, dann Trauer, dann Überforderung. Ich fühlte mich zu jung, um die Verantwortung für die Krebsbehandlung meines eigenen Vaters zu tragen. Und gleichzeitig merkte ich schnell, dass ein 71-Jähriger mit Migrationsgeschichte im deutschen Gesundheitssystem allein nicht zurechtkommt. Der Stress greift um sich und bestimmt auch das Leben der Angehörigen: Die Tatsache, dass ich seit Papas Diagnose abgenommen habe, ist kein Zufall. Schlafstörungen und innere Unruhe begleiten mich seitdem – die schwerwiegende Krebsdiagnose meines Vaters veränderte auch mein Leben. In dieser Zeit blieb mir keine Kraft, um auf meine eigenen Bedürfnisse zu achten – wobei genau das wichtig gewesen wäre.

Was macht es mit Kindern, die Angst davor haben, die gemeinsame Zeit mit ihren Eltern zu verlieren? Die stets erreichbar sein wollen, um bloß keinen wichtigen Anruf zu verpassen. Was macht es mit Beziehungspartner*innen, wenn sie das Leben ihrer Liebsten nur noch in Fünf- oder Zehn-Jahres-Überlebensraten prognostiziert bekommen? Wie geht es Eltern, die um das Leben ihrer Kinder bangen? Die nicht wissen, wie sich der Tumor im Körper ihres Nachwuchses entwickelt. Auch sie fiebern bei jeder Chemotherapie, jedem Erbrechen oder steigenden Entzündungswerten ihrer Kinder mit.

Angst vor zu wenig Verantwortung

Viele Angehörige sorgen sich davor, beim Behandlungsprozess nicht genug Verantwortung zu übernehmen. Einige fühlen sich vom Gesundheitssystem allein gelassen. Andere berichten außerdem von eigenen Ängsten, Depressionen, Schlaf- oder Appetitstörungen. Auch das Ungerechtigkeitsempfinden wird zentral: Die Frage, warum ausgerechnet die*der eigene Liebste betroffen ist, kann zu Sinnkrisen führen.

Mein Vater konnte sich den Einsatz für seine eigene psychische Gesundheit nicht leisten. Als Exil-Iraner, der seinen Unterhalt als Erzieher oder mit dem Verkauf von Telefonkarten bestritt, konnte er sich keine Auszeiten nehmen. Im Laufe seiner Erkrankung wurde er ruhiger, zog sich zurück. Ich sah, was der Krebs in ihm auslöste. Auch ich als Psychologin bemerkte für mich erst dann, dass man sich den Raum für psychische Gesundheit bewusst nehmen muss. Am Ende war Babas Krebserkrankung der Auslöser dafür, selbst in Therapie zu gehen und dort jemanden anzutreffen, der mit den Sorgen und Bedürfnissen von Krebspatient*innen und ihren Angehörigen vertraut ist. Ich bin angehende Psychotherapeutin, und ich bin jenseits der Ausbildung zur Psychotherapie gegangen – weil es Phasen gibt, die man nicht allein bewältigen muss. Und auch deshalb bin ich darüber enttäuscht, dass meinem Vater bis heute keine psychoonkologische Beratung angeboten wurde.

Seelische Schwierigkeiten durch die Krebsdiagnose

Es wird Zeit, über die psychischen Bedürfnisse von Krebspatient*innen zu sprechen. Krebspatient*innen und ihre Angehörigen verdienen mit ihren psychischen Problemen individuelle Unterstützung. Glücklicherweise nimmt die Zahl der Psychoonkolog*innen an Kliniken, in Praxen, Beratungsstellen und anderen Einrichtungen zu. Von Entspannungsverfahren und Psychotherapie bis hin zu Online-Kursen und Selbsthilfegruppen – Psychoonkologie existiert heute in verschiedenen Formen.

Es ist nicht neu, dass viele Patient*innen seelische Schwierigkeiten durch ihre Krebsdiagnose haben. Und trotzdem sprechen wir kaum über die psychischen Probleme, die Krebs verursacht. Als Auslöser, um in Therapie zu gehen, wird von vielen Patient*innen häufig ein unvorhergesehenes, belastendes Ereignis angegeben. Ereignisse, die das Gefühl auslösen können, dass man ihnen nicht gewachsen ist. Ereignisse, die über längere Zeit hinweg Leidensdruck verursachen. Und spätestens da wird klar, dass professionelle Unterstützung für Krebspatient*innen nicht nur hilfreich, sondern notwendig ist.

Wir trennen im Gesundheitssystem immer noch körperliche Beschwerden von psychischen, obwohl wir die Zusammenhänge kennen. Obwohl uns bewusst ist, dass körperliche Beschwerden und Diagnosen psychisch belasten können. Und mehr als das: Sie sind häufig der Grund für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung.

Wir müssen ganzheitlich denken

Der Umgang mit den psychischen Bedürfnissen von Krebspatient*innen und ihren Angehörigen ist keine Privatsache. Während wir wissen, dass der Umgang mit Krebs eine angemessene medizinische Behandlung verlangt, geht es nun endlich darum, die psychischen Beschwerden der Patient*innen und ihren Angehörigen ernst zu nehmen.

Ich wünsche mir, dass in jedem onkologischen Behandlungsteam auch ein*e Psychoonkolog*in anwesend ist. Ich träume davon, dass wir bei körperlichen Erkrankungen selbstverständlich auch die Psyche im Blick haben; dass wir aufhören, körperliche und psychische Gesundheit künstlich zu trennen. Und dass wir anerkennen: Niemand sollte die enorme Belastung und den Stress, die mit körperlichen, teils lebensbedrohlichen Erkrankungen einhergehen, allein bewältigen müssen.

Und ich hoffe, dass es eines Tages keine*n Krebserkrankte*n mehr gibt, die*der noch nie vom Bereich der Psychoonkologie gehört hat, weil wir ein Gesundheitssystem haben, das ganzheitlich denkt. Ein System, in dem Angststörungen und Depressionen genauso ein Grund für regelmäßige Gesundheits-Check-Ups sind wie Bluthochdruck oder Diabetes. Und in dem wir über die psychische Gesundheit genauso häufig sprechen wie über die körperliche. Es ist Zeit für Psychoonkologie.

Weiteres zum Thema Psychoonkologie:

Für Betroffene:

https://www.krebshilfe.de/informieren/ueber-krebs/infothek/#pickyourpoison

https://www.psycho-onkologie.net/finder/suche.html?&query=

Patientenleitlinie:

https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Patientenleitlinien/Patiententleitlinie_Psychoonkologie-1750017.pdf

Für Angehörige:

https://www.inkanet.de/leben-mit-krebs/familie-partnerschaft/angehoerige

www.krebshilfe.de/infomaterial/Blaue_Ratgeber/Hilfen-fuer-Angehoerige_BlaueRatgeber_DeutscheKrebshilfe.pdf

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Anahita Sattarian findet, dass es Zeit für eine Mental Health Revolution ist. Sie ist Psychologin und befindet sich in der Ausbildung zur Psychotherapeutin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie arbeitet am Neuropsychiatrischen Zentrum und ist Stipendiatin der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Zuvor war sie u.a. in der Flüchtlingsambulanz Hamburg und am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bielefeld tätig und engagierte sich als Geflüchtetenlotsin und bei einem Sorgentelefon. Beiträge schrieb sie für den Tagesspiegel und das Hamburger Abendblatt und wurde vom ZDF, NDR und DIE ZEIT begleitet. In ihren Texten beschäftigt sich mit dem Thema Psychische Gesundheit.

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