Foto: Andrew Robles | Unsplash

No sugar, no fun: Eine Liebeserklärung an ganz normales Essen

Diäten sind out. 2017 ist „Clean Eating” angesagt. Das ist aber kein Stück besser! Ein Plädoyer für Spaß am Essen.

 

Die Doppelmoral hinter der Diätkritik 

Liebe Leute, wir müssen mal darüber reden, dass sich aktuell alle Welt gegen Diäten ausspricht. Versteht mich bitte nicht falsch, es ist absolut großartig, dass der Film Embrace augenscheinlich viele Menschen wachgerüttelt hat und es ist sehr wichtig, dass mehr über diesen ganzen Wahnsinn geredet wird. Aber obwohl sich alle einig sind, wie krank dieser Schönheits- und Diätenwahn ist, dem wir alle tagtäglich ausgesetzt sind, haben wir es häufig mit einer äußerst perfiden Doppelmoral zu tun, denn nicht selten wird gleichzeitig betont, wie wichtig Sport und gesunde Ernährung sind und genau zu diesem Thema möchte ich mich heute mal äußern.

„Gesund und Fit“ scheint das neue Schlank zu sein. Schaut euch nur mal bei Instagram oder YouTube um. Dort wimmelt es nur so vor Restriktionen. Glaubt ihr nicht? Dann gebt mal #sugarfree #rawtill4 oder #hclf ein – um nur drei Beispiele zu nennen. Alles Diäten. Und die Frage, die wir uns stellen sollten, ist doch: Wie kann es sein, dass eine Irre, die bis zu 50 Bananen am Tag isst und offen propagiert, dass sie die weibliche Menstruation für eine Verschwörungstheorie hält, über 700.000 Follower hat, die ihre Monomeals und ihre abgemagerten Selfies so hart feiern? In was für einer wahnsinnigen Welt leben wir, in der eine Frau, die zwei Wochen lang nichts als Mangos isst, um zu „entgiften“, mit ihren „Extreme Mono Fruit Diets“ hunderttausende offener Türen einrennt?

Bullshit Promo mit Essstörungs-Background

Aber auch die Youtuber hierzulande stehen dem internationalen Irrsinn in nichts nach. So wird beispielsweise in dem Video „Überfressen bis es schmerzt“ nicht nur erklärt, dass Öl ungesund isst, sondern auch, dass man sich ganz automatisch überfrisst, wenn man zu viele unverarbeitete und „ungesunde“ Lebensmittel zu sich nimmt. Solche Videos machen mich stinksauer. Ich esse sowohl verarbeitete, als auch unverarbeitete Lebensmittel und ich überfresse mich höchst selten bis nie. Und schon gar nicht „bis es schmerzt“. Ganz eventuell könnte es daran liegen, dass ich nicht essgestört bin. Hat sich eigentlich noch nie jemand gefragt, warum diese ganzen Youtuber, die den größten Bullshit propagieren, nahezu allesamt geradewegs aus einer Essstörung kommen?

Je mehr Restriktionen eine Ernährungsform mitbringt, desto stärker zieht sie essgestörte junge Frauen und Mädchen an, denn Kontrolle ist einfacher als Loslassen. Das hat auch ein großes Online Programm erkannt und den Begriff „Intuitives Essen“ versaut, indem es propagiert, dass man mit intuitivem Essen abnimmt. Nachdem das Programm in allen größeren Frauenzeitschriften gehyped wurde („Abnehmen??? Geil!”), tauchen in Facebook-Gruppen, in denen es eigentlich um intuitives, also „normales“ Essen gehen soll, Fragen wie „Wie viel hast Du mit intuitivem Essen abgenommen?“, auf. Es werden Links zu Blogs mit healthy rohveganen Energiebällchen gepostet und es werden Mahlzeiten fotografiert. Der Unterschied zu einer Diät- oder Abnehmgruppe? Keine Ahnung.

Diäten von heute haben sich als Ernährungskonzepte verkleidet

Wir halten also mal eben fest, dass Diäten oldschool sind. Niemand gibt heutzutage mehr zu, abnehmen zu wollen. Aber alle wollen gesund und fit sein. Und wie sieht ein gesunder, fitter Körper in den Köpfen der meisten Menschen aus, na? Richtig, schlank. Die Diäten von heute haben sich also als Ernährungskonzepte verkleidet und aktivieren nicht selten Schuldgefühle, denn zu sagen „Ich möchte nicht abnehmen“ ist noch vergleichsweise easy. Wenn mir aber eine verkleidete Diät suggeriert, dass es für meine Gesundheit wichtig ist, Zucker vollständig aus meiner Ernährung zu eliminieren, werden Schuldgefühle aktiviert, die sich nur schwerlich abschütteln lassen. Denn wer hat schon den Mut, sich hinzustellen und zu sagen: „Ist mir scheißegal.“? Denn das würde ja bedeuten, dass man in Kauf nimmt, krank zu werden.

Und genau diese Perfidie macht mich so wütend. Es sind sich zwar so ziemlich alle einig, dass Diäten daneben sind, aber Açai-Bowls, Mono-Meals und Nicecream sind trotzdem super, weil „healthy as fuck”. Mit diesem Beitrag möchte ich euch für diese versteckten Diäten sensibilisieren.

Mal Hand auf’s Herz: Wie oft schaltet sich euer Kopf ein, bevor ihr esst? Wie oft unterteilt ihr Lebensmittel in „gesund“ und „ungesund“ oder in „gut“ und „böse“? Fühlt ihr euch schlecht, wenn ihr mal ein Croissant in Nutella taucht oder die Lieblingspizza aufesst, obwohl ihr nach der Hälfte schon satt seid? Bezeichnet ihr es als „sündigen“, wenn ihr ein Stück Erdbeertorte esst oder könnt ihr sie voll und ganz genießen, ohne danach gleich in die Sportsachen zu schlüpfen und sie mit einem Workout wieder abzutrainieren? Was denkt ihr, wenn euch dicke Menschen auf der Straße, im Supermarkt oder am Strand begegnen? Welche Begriffe schwirren euch dann im Kopf herum? Faul? Ungezügelt? Ekelhaft? Das nur mal so als Gedankenexperiment.

Zeit mit Lieblingsmenschen wirkt sich positiver auf die Gesundheit aus als Ernährung und Sport!

Ein 7 Mind Artikel zum Thema „Richtig Streiten“ (der auf den ersten Blick gar nichts mit Diäten, Abnehmen, Fitness oder Gesundheit zu tun hat), beschäftigt sich mit dem Geheimnis des Glücks und zitiert eine Havard Studie mit folgendem Ergebnis:

„Wie wichtig enge Beziehungen zu anderen Menschen für das Glücksempfinden sind, ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt […] Entscheidend waren nicht – wie viele anfangs dachten – Erfolg, Status oder Sicherheit, sondern: stabile Beziehungen. Ein einziger wirklich enger Freund kann nach Erkenntnis der Forscher mehr zur Zufriedenheit – und sogar zur Gesundheit – beitragen als Sport, Ernährung oder Wohlstand.“

Heißt das etwa, dass ein Abendessen mit Lieblingsmenschen sich positiver auf unsere Gesundheit auswirkt, als Zuhause im stillen Kämmerlein das Clean-Eating-Mahl aus maximal fünf unverarbeiteten Zutaten zuzubereiten, nachdem das Tages-Workout absolviert wurde? Und gilt diese sensationelle Neuigkeit etwa auch, wenn es sich bei diesem Abendessen mit Freunden um eine Pizza beim Lieblingsitaliener handelt, die Gluten enthält? Und vielleicht sogar auch, wenn man sich in der Sonne im Park auf ein Eis mit der Freundin verabredet? So ein richtiges Eis mit Zucker? Vermutlich ist das so, denn liebe Leute, unsere Seele schlägt Purzelbäume, wenn wir auch mal faulenzen oder genießen. Wohin die allgegenwärtige Selbstgeißelung und Selbstoptimierung führen kann, wird auch in dem Artikel „Wenn Clean Eating krank macht“ von Emilie Wegner deutlich. On point!

Ich plädiere dafür, dass wir uns mal kollektiv entspannen, und zwar im Kopf. Wann immer euch jemand erzählen will, dass ein ganz bestimmtes Lebensmittel böse oder ungesund ist, erhebt zwei Mittelfinger im Geiste und schenkt euch und eurem Körper ganz besonders viel Liebe. Esst euer Lieblingsgericht, genießt „richtiges“ Eis in der Sonne, trinkt abends Wein auf dem Balkon, feiert das Leben und lasst es euch gutgehen! Denn je größer die Gruppe an Menschen, die auf diesen ganzen Wahnsinn scheißt, desto geringer die Macht, die von der milliardenschweren Diätindustrie ausgeht.

Jetzt auf der Pro Embrace-Welle mitzuschwimmen, sich aber gleichzeitig selbst bestimmte Lebensmittel zu verbieten und einen „healthy Lifestyle“ zu propagieren, bringt uns nämlich keinen einzigen Schritt weiter, okay?

Dieser Text ist bereits auf I Love Spa erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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