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Mütter in der Politik: „Leute mit Kindern, die sich politisch engagieren, sollten gefeiert werden!“

Sechs Politikerinnen sprechen kurz vor der Bundestagswahl darüber, was sich ändern muss, um mehr Müttern den Schritt in die Politik zu ermöglichen.

Ein politisches Amt mit Elternschaft zu vereinbaren, das ist in Deutschland eher Privatsache: Nach der Geburt in Elternzeit zu gehen, ist für Abgeordnete des Deutschen Bundestags gar nicht möglich – das heißt, dass Mütter spätestens nach acht Wochen Mutterschutz ihre Arbeit wieder aufnehmen müssen. Vor kurzem berichteten wir über eine Lokalpolitikerin der Grünen, die anonym wegen Kindeswohlgefährdung angezeigt wurde – weil sie ihr Baby bei einer Sitzung dabeihatte.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie fühlen sich Eltern von der Politik im Stich gelassen. Ihre Bedürfnisse spielen bei politischen Entscheidungen oft keine Rolle. Politische Entscheidungen werden häufig von Menschen getroffen, die persönlich weit entfernt sind von den Problemen, die Familien in diesem Land haben. Und viel zu selten sind an diesen Entscheidungsprozessen Menschen beteiligt, die sich aus tiefster Überzeugung – und durch eigene Erfahrungen sensibilisiert – für die Verbesserung der Situation von Familien einsetzen. Weil starre Arbeitskulturen im politischen Leben diese Menschen aus der Politik drängen – oder gar nicht erst teilhaben lassen.

Wir haben Politikerinnen aus sechs Parteien vor den Bundestagswahlen gefragt, was sie wirklich bräuchten, um ihre Mutterschaft mit ihrem politischen Amt gut zu vereinbaren – und was in Deutschland für ein gutes Leben für alle Familien fehlt.

Gesa Müller-Schulz, Klimaliste Berlin:

Foto: Marc Biebusch

Macht es einen Unterschied, als weiblich gelesene Person in der Politik aktiv zu sein? 

„Ja, das macht es aus meiner persönlichen Erfahrung heraus definitiv. Ich kann mich beispielsweise gut erinnern, dass ich auf politischen Abenden angefasst worden bin, obwohl ich das nicht wollte. Männer kamen mir näher, als es mir recht war. Auf einer Parteiveranstaltung musste sich einmal sogar ein Personenschützer eines hochrangigen Politikers zwischen mich und eine absolut übergriffige Person stellen. Die Zeiten mögen sich vordergründig geändert haben und weiblich gelesene Menschen sind in der Politik zunehmend vertreten. Aber das heißt nicht, dass wirklich verinnerlicht wurde, dass einer Frau nicht einfach an den Hintern gelangt werden darf. Auch nicht betrunken. Das ist aber nur die eine Seite. Das andere sind Situationen, in denen mir, wie erst neulich auf der Rückfahrt von einer Veranstaltung, eine Frau gesagt hat, dass wir halt besser sein müssten als Männer und dass Frauen das auch seien. Für mich steht fest, dass ich es leid bin, mich gegen physische Übergriffe zu wehren und ich bin müde davon, immer wieder Gründe zu finden, das System, dass de facto weiblich gelesene Menschen diskriminiert, zu akzeptieren. Und ich bin müde davon, daraus so eine Art Frauenpatriotismus zu entwickeln, der besagt, wir seien besser. Das lenkt alles viel zu sehr von den wichtigen Themen ab.“

„Die Zeiten mögen sich vordergründig geändert haben und weiblich gelesene Menschen sind in der Politik zunehmend vertreten. Aber das heißt nicht, dass wirklich verinnerlicht wurde, dass einer Frau nicht einfach an den Hintern gelangt werden darf.“ 

Welche Arbeitsbedingungen forderst du für Mütter in der Politik konkret, was fehlt?

„Alle sprechen von Digitalisierung, und dennoch hinken wir gerade in der politischen Arbeit und Teilhabe hier extrem hinterher. Warum gibt es weiterhin Sitzungswochen? Warum gibt es keine Telearbeit in der Politik? Warum müssen Politiker*innen immer noch für jede Abstimmung in Berlin sein? Dieser ständige Zwang zur Präsenz in der Politik macht es Care-arbeitenden Menschen unnötig schwer und lenkt auch von oft relevanteren Sachthemen ab. Auch Politiker, als Väter, werden so ständig aus ihren familiären Strukturen rausgerissen und unflexible Strukturen verfestigt. Vielleicht müssen wir uns trauen, manches anders zu organisieren in unserer Demokratie.“  

Was sind die wichtigsten politischen Maßnahmen, um Müttern und allen Menschen mit Kindern, egal in welcher Familienkonstellation und mit welchem wirtschaftlichen Hintergrund, ein gutes Leben zu ermöglichen?

„Mehr Zeit. Wir setzen uns bei der Klimaliste Berlin aus gutem Grund für eine Vier-Tage-Woche ein, ich wäre sogar für eine Drei-Tage-Woche. Ein Umdenken im kapitalistischen Leistungsdenken und mehr Zeit für die freie Gestaltung, für mehr Kreativität, mehr Teilhabe und Engagement in der Nachbar*innenschaft und für die Menschen, die wir lieben.“

Wie können Eltern am Arbeitsplatz besser geschützt werden?

„Ich glaube, auch hier ist der beste Schutz, neben der Erweiterung des Gesetzes gegen Diskriminierung um den Einbezug von Eltern, ein Recht auf eine Vier- und später Drei-Tage-Woche. Arbeit gibt vielen Menschen einen Sinn. Das kann ich nachvollziehen. Trotzdem machen viele Eltern die Erfahrung, dass eine sinngebende Arbeit sich nicht immer mit den Beziehungen zu Hause vereinbaren lässt. Aber wenn wir genau hinschauen, schaffen wir es auch als Single kaum, Beziehungen aufzubauen, wenn wir den Hauptteil unseres Lebens in einem Büro verbringen. Wir alle brauchen mehr Zeit mit Menschen, die wir lieben, und Netzwerke, die Beziehungsarbeit unterstützen. Egal ob Eltern oder nicht. Und wir leben in einer Gesellschaft, die dies organisieren könnte.“

Wie könnte es gelingen, dass soziale Themen nicht mehr vorrangig von weiblich gelesenen Personen priorisiert werden, sondern auch von „alten weißen Männern“ in der Politik?

„Das Problem sind aus meiner Sicht nicht die ,alten weißen Männer‘ per se, sondern dass sie überrepräsentiert in der Politik vertreten sind, denn auch diese kümmern sich um die oben genannten Themen, nur ist deren Antwort eine andere. Das ist im Sinne einer repräsentativen Volksvertretung allerdings ein Problem. Die Frage ist also vielmehr: Wie gestalten wir das demokratische System generationengerecht und vor allem so, dass auch jüngere, BIPoC und weniger privilegierte Menschen bereit sind, sich politisch einzubringen und auch eine echte Chance auf faire Teilhabe haben?“  

Wie ist deine ideale Vorstellung davon, politisches Engagement und familiäre Sorgearbeit gemeinsam zu bewerkstelligen? Und wie weit sind wir heute davon entfernt?

„Ich bemerke schon jetzt im Wahlkampf, dass das, was ich gerne für die Themen wie meine Sorge wegen der Klimakrise und sozialer Gerechtigkeit tun möchte, kaum mit Familie, mit der Pflege meiner Freund*innenschaften oder meinem Ehrenamt vereinbar sind. Geschweige denn mit Selbstfürsorge. Gleichzeitig hatte ich in den letzten Wochen des Wahlkampfes den Eindruck, dass die Menschen, die im politischen System agieren, überfordert sind von Herausforderungen, die auf uns zukommen. Ich glaube, das ging vielen von uns so, als wir die Bilder von Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen gesehen haben oder die Angriffe auf Frau Baerbock wegen ihrer Mutterschaft. Für mich stellt sich also die Frage, ob wir unsere Demokratie noch stärker demokratisieren und Teilhabe vereinfachen sollten, etwa über repräsentative Räte, deren Beschlüsse tatsächlich bindend sind. Nur so können sich selbsterhaltende Systeme, welche bestimmte Bevölkerungsschichten bevorzugen, überwunden werden und die Eintrittshürde für eine diversere Gesellschaft gesenkt werden.“

Gesa Müller-Schulz, Jahrgang 1983, kandidiert auf Listenplatz drei für die Klimaliste bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus in Berlin. Sie ist Mutter von zwei Kindern.

Daniela Kluckert, FDP:

Foto: DBT/Inga Haar

Macht es einen Unterschied, als weiblich gelesene Person in der Politik aktiv zu sein? 

„Aus sich selbst heraus, macht das nach meinen Erfahrungen keinen Unterschied. Der Unterschied beginnt erst beim Thema ,Kinder‘“.

„Wir brauchen dringend Regeln für die Kinderbetreuung für Abgeordnete in der Zeit zwischen dem Ende der acht Wochen Mutterschutz und dem Kindergarteneintritt.“

Welche Arbeitsbedingungen forderst du für Mütter in der Politik konkret,was fehlt?

„Die Tätigkeit der Abgeordneten kann nicht sinnvoll delegiert werden. Das ergibt sich aus der Tätigkeit selbst heraus. Demnach ist es richtig, dass Abgeordnete nach dem gesetzlichen Mutterschutz, also acht Wochen nach der Geburt, wieder zurück in das Parlament kommen. Wir brauchen allerdings dringend Regeln für die Kinderbetreuung in der Zeit zwischen diesen acht Wochen und dem Kindergarteneintritt, der meist mit einem Jahr erfolgt. Abgeordnete müssen flexibel in ihrer Zeit und dem Ort ihrer Arbeit sein – in den Sitzungswochen müssen sie beispielsweise in Berlin sein. Diese Anforderungen werden derzeit mit keinem Angebot bei der Kinderbetreuung abgedeckt. Männliche Abgeordnete haben dieses Problem nicht – da bleiben die Kinder einfach zu Hause bei der Mutter.“

Was wären aus deiner Sicht die wichtigsten politischen Maßnahmen, um Müttern, beziehungsweise allen Menschen mit Kindern, egal in welcher Familienkonstellation und mit welchem wirtschaftlichen Hintergrund, ein gutes Leben zu ermöglichen?

„Familien – in welcher Konstellation auch immer – müssen steuerlich entlastet werden. Die Kinderbetreuungskosten müssen vollständig absetzbar sein.“

Wie können Eltern am Arbeitsplatz besser geschützt werden?

„Ich empfinde den Arbeitsplatzschutz für Eltern in Deutschland als gut. Sollte es an Stellen Nachholbedarf geben, müssen wir diese angehen.“

Wie könnte es gelingen, dass soziale Themen nicht mehr vorrangig von weiblich gelesenen Personen priorisiert werden, sondern auch von „alten weißen Männern“ in der Politik?

„Diese Frage spiegelt nicht meine Erfahrung in der Politik wider. Überall sehen wir in der Sozial-, Umwelt- oder Bildungspolitik sowohl Männer als auch Frauen.“

Wie ist deine ideale Vorstellung davon, politisches Engagement und familiäre Sorgearbeit gemeinsam zu bewerkstelligen? Und wie weit sind wir heute davon entfernt?

„In meiner Idealvorstellung entscheidet darüber selbstbewusst die Familie selbst – unabhängig von Zwängen und Nöten. Leider ist es heute noch immer zu häufig so, dass die Frau hauptsächlich für die familiäre Sorgearbeit zuständig ist – ohne dies eigentlich zu wollen. Dafür müssen wir weiter daran arbeiten, tradierte Rollenvorstellungen aufzuheben und das Steuersystem fairer für Familien zu gestalten.“

Daniela Kluckert, Jahrgang 1980, ist seit Mai 2021 Mitglied im Bundesvorstand der FDP. Sie ist Mutter einer Tochter.

 

Cansel Kiziltepe, SPD:

Foto: Büro Kiziltepe

Macht es einen Unterschied, als weiblich gelesene Person in der Politik aktiv zu sein? 

„Weiblich gelesene Personen müssen sich in der Politik – wie in vielen anderen Gesellschaftsbereichen – noch immer stärker beweisen. Das erlebe ich natürlich auch als Finanzpolitikerin. Die Finanzbranche ist eine Männerdomäne. In der Finanzbranche geht es um Geld. Geld ist Macht. Die Anerkennung als Finanzexpertin musste ich mir hart erarbeiten. Auch im Deutschen Bundestag gibt es Sexismus. Es ist peinlich zu sehen, mit welchen Attitüden oder Sprüchen wir konfrontiert werden. Als emanzipierte Frau kann ich persönlich damit umgehen, aber es wird Zeit, dass auch Männer sich mit Sexismus und dem eigenen Verhalten beschäftigen.“

Welche Arbeitsbedingungen forderst du für Mütter in der Politik konkret/was fehlt?

„Kinderbetreuung ist das A und O. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich: Politik und Familie unter einen Hut zu bekommen, ist ein enormer Organisationsaufwand. In der Politik lässt sich vieles nicht im Voraus planen. Man benötigt also ein starkes Betreuungsnetz. Als SPD haben wir deshalb den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz durchgesetzt. Jetzt folgt auch ein Anspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder.“

Was wären aus deiner Sicht die wichtigsten politischen Maßnahmen, um Müttern, beziehungsweise allen Menschen mit Kindern, egal in welcher Familienkonstellation und mit welchem wirtschaftlichen Hintergrund, ein gutes Leben zu ermöglichen?

„Familienmodelle sind vielfältig. Es wird Zeit, dass wir alle Familien rechtlich absichern und für Gleichstellung von LGBTQIA+-Familien sorgen. Nur so können wir auch alle Familien stärker unterstützen. Mit einer Familienarbeitszeit wollen wir als SPD allen Eltern die Flexibilität geben, die sie benötigen. Gerade Alleinerziehende und Geringverdiener*innen müssen dabei entlastet werden. Wie gut sich Familie und Beruf vereinbaren lässt, darf nicht vom Portemonnaie abhängen. Deshalb wollen wir auch eine Kindergrundsicherung einführen und das Kindergeld nach dem Einkommen der Familie staffeln. Eine wichtige Maßnahme ist auch die Abschaffung des Ehegattensplittings. Denn es bildet eine längst überholte Realität der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau der 1950er-Jahre ab und hält Frauen erwiesenermaßen von der Erwerbstätigkeit ab. Gleichberechtigung ist eine ressortübergreifende Aufgabe und muss in allen Politikbereichen zu einer zentralen Bedingung werden – auch in der Steuerpolitik!“

„Familienmodelle sind vielfältig. Es wird Zeit, dass wir alle Familien rechtlich absichern und für Gleichstellung von LGBTQIA+-Familien sorgen. Nur so können wir auch alle Familien stärker unterstützen.“ 

Wie können Eltern am Arbeitsplatz besser geschützt werden?

„Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu stärken, müssen wir für mehr Flexibilität am Arbeitsplatz sorgen. Die Corona-Pandemie wurde für Eltern zu einer enormen Belastung und hat gezeigt, wie wichtig Kinderbetreuung für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist. Die Flexibilisierung durch die Verdopplung der Kinderkrankentage von zehn auf 20 Tage pro Elternteil und von 20 auf 40 Tage für Alleinerziehende sowie das Recht auf Homeoffice können uns auch in Zukunft dabei helfen, für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben zu sorgen. Wenn wir hinter uns lassen wollen, dass Frauen den Löwinnenanteil der unbezahlten Sorgearbeit stemmen, müssen wir die nötige Flexibilität für alle berufstätigen Eltern sicherstellen. Ich bin jedoch auch davon überzeugt, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft auf allen Führungsebenen repräsentiert werden sollte. Starke Mitbestimmung und eine geschlechterparitätische Unternehmensführung ist wichtig für eine arbeitnehmer*innenfreundliche Unternehmenskultur.“

Wie könnte es gelingen, dass soziale Themen nicht mehr vorrangig von weiblich gelesenen Personen priorisiert werden, sondern auch von „alten weißen Männern“ in der Politik?

„Die zentrale Aufgabe ist es, in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Politik für Repräsentation unserer gesellschaftlichen Vielfalt und aller Geschlechter zu sorgen. Die Erfahrung zeigt, freiwillige Absichtserklärungen reichen nicht aus, um reine Männerclubs in der Politik zu überwinden. Deshalb brauchen wir Paritätsgesetze. Aber auch Regelungen, die für ein faires Geschlechterverhältnis in Gremien sorgen. Die SPD achtet sehr streng drauf, dieses Ziel auch zu erreichen. Geschlechtergerechtigkeit ist eine Bedingung für soziale Gerechtigkeit. Deshalb müssen wir Gleichberechtigung in allen politischen Entscheidungen zu einer Prämisse machen. Dafür stehen uns Instrumente zur Verfügung – so zum Beispiel das Gender-Budgeting in der Haushaltsaufstellung.“

Wie ist deine ideale Vorstellung davon, politisches Engagement und familiäre Sorgearbeit gemeinsam zu bewerkstelligen? Und wie weit sind wir heute davon entfernt?

„Eine faire Verteilung der Sorgearbeit spielt dabei eine große Rolle. Wir brauchen aber auch neue Zugänge für politisches Engagement. In der Pandemie haben sich zum Beispiel digitale Treffen für viele Eltern bewährt. Die Präsenzkultur muss durchbrochen werden. Wichtige Entscheidungen dürfen nicht nur von denjenigen getroffen werden, die bis in die Puppen vor Ort sind. Präsenz ist nicht gleichzusetzen mit Produktivität. Die nächste Generation großzuziehen, ist kein Hobby, dem man zweimal die Woche nach der Arbeit nachgeht. Es geht schließlich darum, Kinder dabei zu begleiten, selbstständig denkende Erwachsene zu werden, die ihren Platz innerhalb unserer Gesellschaft finden. Es braucht einen Kulturwandel, der diese wichtige Aufgabe endlich angemessen würdigt.“

Cansel Kiziltepe, Jahrgang 1975, ist gewählte Bundestagsabgeordnete der SPD im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg Prenzlauer Berg Ost (Berlin). Sie hat einen Sohn und eine Tochter.

Manuela Anders-Granitzki, CDU:

Foto: Tobias Koch

Macht es einen Unterschied, als weiblich gelesene Person in der Politik aktiv zu sein? 

„Ich nehme schon Unterschiede wahr. Allein die Tatsache, dass ich für dieses Interview angefragt wurde, weil ich Mama und in der Politik bin, macht das doch schon einmal deutlich. Keiner meiner männlichen Mitstreiter hat eine Anfrage für ein Interview ,Väter in der Politik‘ bekommen. Ich würde mir sehr wünschen, dass hier keine Unterschiede mehr gemacht werden. Bis zu meiner Kandidatur als Wahlkreiskandidatin für den Bundestag hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich – als 43-jährige Mama zweier kleiner Mädels, die seit mehr als 15 Jahren im Schuldienst ist – so oft gefragt werde, ob ich ,als junge Frau‘, denn tatsächlich für den Bundestag kandidiere. Das kann man natürlich als Kompliment für die richtige Wahl der Tagescreme sehen, aber auch als Indiz dafür, dass Frauen mit einem Anteil von nur 31 Prozent der im Bundestag vertretenen Abgeordneten deutlich unterrepräsentiert sind. Das halte ich für ein gleichstellungspolitisches und vor allem demokratisches Defizit, das es abzubauen gilt.“

Welche Arbeitsbedingungen forderst du für Mütter in der Politik konkret, was fehlt?

„Jeder berufstätige Elternteil, häufiger die Mütter, kennen den täglichen Spagat zwischen Familie und Beruf. Wenn dann noch politisches Engagement hinzukommt, was in vielen Fällen ja ehrenamtlich ist, dann wird es nicht einfacher. Gott sei Dank verfügen wir Frauen in der Regel über ein recht ausgefeiltes Zeitmanagement. Aber auch dieses kommt an seine Grenzen, wenn viele politische Sitzungstermine oft außerhalb der klassischen Kinderbetreuungszeiten liegen oder wenn Entscheidungen durch besonders ausgeprägtes ,Sitzfleisch‘ getroffen werden. Hier kann viel für Familienfreundlichkeit getan werden, wenn man effizientere Sitzungsstrukturen schafft, unter anderem auch digital, und relevante Termine nicht auf Zeiten nach Kita- und Hortschließungen legt.“

Was wären aus deiner Sicht die wichtigsten politischen Maßnahmen, um Müttern beziehungsweise allen Menschen mit Kindern, egal in welcher Familienkonstellation und mit welchem wirtschaftlichen Hintergrund, ein gutes Leben zu ermöglichen?

„Diese Frage lässt sich nicht losgelöst von der jeweiligen Familienkonstellation beantworten, da die Familienkonstellationen und ihre jeweiligen Bedürfnisse eben so unterschiedlich sind. Ein gutes Leben hat in aller Regel auch etwas mit ausreichend finanziellen Mitteln zu tun. In einem Land wie Deutschland darf es keine Kinderarmut geben. Jedes Kind hat die gleichen Startchancen verdient und muss insbesondere vom Bildungssystem in bestmöglicher Weise profitieren dürfen. Der Anteil der alleinerziehenden Familien, die von Einkommens- und Altersarmut gefährdet sind, ist mit 43 Prozent wahnsinnig hoch. Alleinerziehend zu sein, ist immer noch Armutsrisiko Nummer eins. Politische Anstrengungen, wie die Reformen beim Unterhaltsvorschuss und Kinderzuschlag, sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. Weiterer Handlungsbedarf besteht bei der Erfassung des Mehrbedarfs von getrennt lebenden Familien und beim Ausfall von Unterhaltszahlungen. Vor allem muss das Unterhaltsrecht ganz dringend stärker die innerfamiliäre Aufgabenteilung vor und nach der Trennung berücksichtigen. In der Beziehung sind es häufig die Mütter, die ihre Arbeitszeit zugunsten der Kinderbetreuung reduzieren. Kommt es zur Trennung, drohen ihnen empfindliche Einbußen beim Lebenserwerbseinkommen. Auch nach der Trennung ist der Elternteil, bei dem das Kind vorrangig lebt, verpflichtet, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen und die dafür notwendigen Kosten der Kinderbetreuung selbst zu tragen. Das geht häufig zulasten der Mütter und ist aus meiner Sicht alles andere als fair.“

Wie können Eltern am Arbeitsplatz besser geschützt werden?

„Arbeitnehmer*innen wollen heute verstärkt selbstbestimmt arbeiten. Die Arbeitgeber*innenattraktivität und damit auch die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit sich Karriere und familiäre Aufgaben für die Arbeitnehmer*innen vereinbaren lassen. Die Arbeitszeit muss flexibler über den Tag verteilt werden können. Ebenso brauchen wir einen erleichterten Zugang zum Home-Office – wo das sinnvoll und gewollt ist –, Teilzeitmodelle für Führungskräfte, nachfrageorientierte Kinderbetreuungsangebote und eine lebensphasenorientierte Arbeitskultur. Ein solches Umdenken wird auch wesentlich zum Unternehmenserfolg beitragen, da Karriereabbrüche verhindert werden und Arbeitnehmer*innen dieses Entgegenkommen mit erhöhter Leistungsbereitschaft zurückgeben werden. Der Generation der Väter, die gern mehr Familienverantwortung übernehmen möchte, und sich schon länger nicht mehr nur als Ernährer der Familie versteht, muss es erleichtert werden, Elternzeit zu nehmen – und zwar über die obligatorischen zwei Monate hinaus.“

Wie könnte es gelingen, dass soziale Themen nicht mehr vorrangig von weiblich gelesenen Personen priorisiert werden, sondern auch von „alten weißen Männern“ in der Politik?

„Wir haben seit 16 Jahren mit Angela Merkel eine Frau an der Spitze der Bundesregierung. Die Märe ,der alten weißen Männer‘ verschärft nur gesellschaftliche Konfliktlinien und hilft uns nicht auf dem Weg zu echter Gleichberechtigung. Wir müssen weg von diesem ,Schubladendenken‘. Ich wünsche mir eine personelle Besetzung mit Expert*innen auf jedem politischen Fachgebiet, unabhängig von Alter und Geschlecht.“

Wie ist deine ideale Vorstellung davon, politisches Engagement und familiäre Sorgearbeit gemeinsam zu bewerkstelligen? Und wie weit sind wir heute davon entfernt?

„In meiner absoluten Idealvorstellung müssten wir darüber gar nicht mehr reden. Ehrenamtliches Engagement und Care-Work wären in der gesellschaftlichen Wertschätzung absolut gleichberechtigt mit klassischer Erwerbstätigkeit. Aber ja, bis dahin ist noch ein bisschen Weg zu gehen.“

Manuela Anders-Granitzki, Jahrgang 1978, ist Kandidatin der CDU im Bundestagswahlkreis Pankow (Berlin). Sie ist Mutter von zwei Töchtern.

 

Laura Sophie Dornheim, Bündnis 90/Die Grünen:

Foto: Felix Speiser

Macht es einen Unterschied, als weiblich gelesene Person in der Politik aktiv zu sein? 

„Leider ist auch 2021 die Antwort darauf immer noch: Ja. Es macht einen Unterschied. Gerade merke ich das ganz krass im Wahlkampf. Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht ein Typ an den Stand kommt und seinen Hass auf Annalena Baerbock auskotzt. Anders kann ich das wirklich nicht sagen, denn es ist in diesen Fällen überdeutlich, dass es nicht um Inhalte geht, sondern um sie als Frau, die es gewagt hat, einen Machtanspruch zu stellen. Auch online erlebe ich das, seitdem ich angefangen habe, mich politisch zu äußern: Man wird als Frau deutlich häufiger, deutlich aggressiver und persönlicher angegriffen. Zum Glück tut sich aber was. Als Digitalpolitikerin freue ich mich total, dass es auch zu diesem Thema in jeder Partei weibliche Expertinnen gibt. Bei Panels und anderen Veranstaltungen ist für die meisten mittlerweile selbstverständlich auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu achten.“

Welche Arbeitsbedingungen forderst du für Mütter in der Politik konkret, was fehlt?

Politik als Beruf ist leider per se nicht sonderlich familienfreundlich. Das ist schade, denn es trägt auch dazu bei, dass viele Menschen sich nicht mit Politiker*innen identifizieren können – dabei ist es ja eigentlich genau das, was die repräsentative Demokratie ausmachen sollte. Bei uns Grünen ist es seit Gründung total normal, dass Kinder bei Sitzungen dabei sind, bei jeder Parteiveranstaltung gibt es Kinderbetreuung und wir achten auf pünktliche Endzeiten, damit nicht die, die nach Hause müssen, von Entscheidungen ausgeschlossen sind. Das macht es schon sehr viel leichter, sich zu engagieren. Und es wird auch wirklich gelebt: Mir ist es schon öfter passiert, dass ein Parteifreund spontan mein Kind bespaßt hat, während ich einen Redebeitrag hatte. Persönlich würde ich mich sehr freuen, wenn wenigstens der Sonntag wirklich politikfrei wäre, da gab es vor ein paar Jahren mal eine überparteiliche Initiative dazu.“

„Wirklich viel würde sich verändern, wenn wir es schaffen würden, von einer starren 40-Stunden-Woche wegzukommen.“

Was wären aus deiner Sicht die wichtigsten politischen Maßnahmen, um Müttern, beziehungsweise allen Menschen mit Kindern, egal in welcher Familienkonstellation und mit welchem wirtschaftlichen Hintergrund, ein gutes Leben zu ermöglichen?

„Die Kindergrundsicherung, so wie wir sie gerne umsetzen würden, ist aus meiner Sicht das Wichtigste, denn wer jeden Tag Geldsorgen hat, hat kaum ein gutes Leben. Statt einem Flickenteppich von Kinder- und Familienzuwendungen wollen wir einen Garantie-Betrag von 290 Euro für jedes Kind, für Familien mit geringerem Einkommen bis zu 547 Euro. Davon würden vor allem Kinder von Alleinerziehenden und Kinder von Hartz-IV-Empfangenden profitieren. Denn dass jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut lebt, wollen wir nicht akzeptieren, sondern schleunigst ändern.
Als berufstätige Mutter will ich mich außerdem für das Recht auf Rückkehr in Vollzeit und ein Recht auf Home-Office einsetzen. So ermöglichen wir es vor allem Frauen aus der ,Teilzeitfalle‘ rauszukommen und Beruf und Care-Arbeit flexibler zu verbinden. Wirklich viel würde sich verändern, wenn wir es schaffen würden, von einer starren 40-Stunden-Woche wegzukommen. Das ist aus meiner Sicht ein Relikt der Industrialisierung, das einfach nicht mehr zeitgemäß ist.“

Wie können Eltern am Arbeitsplatz besser geschützt werden?

„Wir haben in Deutschland starke Gesetze gegen Diskriminierung, nur ist Elternschaft bisher nicht als Diskriminierungsmerkmal anerkannt. Das wollen wir ändern. Denn was ist es, wenn nicht Diskriminierung, wenn einer Mutter am ersten Tag nach der Elternzeit die Kündigung vorgelegt wird?“

Wie könnte es gelingen, dass soziale Themen nicht mehr vorrangig von weiblich gelesenen Personen priorisiert werden, sondern auch von „alten weißen Männern“ in der Politik?

„Die alten weißen Männer von heute müssen durch die nachwachsenden weißen Männer (und nicht weißen, und nicht männlichen) ersetzt werden. Ich fürchte, das ist unsere beste Chance. Und bis dahin konfrontieren wir alle ,alten weißen Männer‘ mit ihrer Ignoranz. So, dass es für sie immer unbequemer wird.“

Wie ist deine ideale Vorstellung davon, politisches Engagement und familiäre Sorgearbeit gemeinsam zu bewerkstelligen? Und wie weit sind wir heute davon entfernt?

„Mit dem herrschenden Paradigma von Vollzeitarbeit und Präsenzkultur ist das kaum gut möglich. Für mich persönlich klappt es aktuell nur, weil ich einen Partner habe, der sich freut, die volle Elternzeit zu nehmen und gerade sehr viel mehr Haushalt- und Sorgearbeit übernimmt. Manchmal finde ich es fast lustig, wie wir das komplette Gegenteil des Klischees von Hausfrau und Karrieremann leben, aber eigentlich kann es das ja auch nicht sein.“

Laura Sophie Dornheim, Jahrgang 1983, tritt bei den Bundestagswahlen als Direktkandidatin für Bündnis90/Die Grünen im Bezirk Berlin-Lichtenberg an. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Berlin.

Nadja Charaby, Die Linke:

Foto: Marc Biebusch

Macht es einen Unterschied, als weiblich gelesene Person in der Politik aktiv zu sein? 

„Als weiblich gelesene Person, als Person of Color, als nicht heterosexuell lebende Person erlebe ich mein politisches Engagement auf eine Art und Weise, die sicherlich einen Unterschied macht zu den Erlebnissen der männlich gelesenen (und weißen) Personen. Als weiblich gelesene Person bemerke ich zum Beispiel an Infoständen oder auch bei Haustürgesprächen, dass es von den Menschen, die ich anspreche, durchaus positiv aufgenommen wird, dass sie von mir angequatscht werden. Gleichzeitig ist die Politik bis heute leider weiter ein von männlich gelesenen Personen dominiertes Feld, in den Parteien gibt es mehr männliche Mitglieder als weibliche oder LGBTQIA+. Das trifft auf patriarchale Machtstrukturen, die sich über Jahrzehnte in den Parteien etabliert haben, dadurch entsteht eine politische Kultur, die es vor allem jungen, weiblich gelesenen Personen und auch LGBTQIA+ schwer macht, sich in den Kontexten wohlzufühlen. Ganz konkret und aktuell: Wenn ich mich im jetzt laufenden Wahlkampf auf den Straßen umschaue, dann sehe ich vor allem weiße Männer, die für sich als Kandidierende werben. Auch wenn sich da inzwischen ein bisschen was tut. Die Politik selbst tut sich damit keinen Gefallen, weil sie sich selbst langweilig macht.“

„Unserer Gesellschaft muss es darum gehen, dass Geld, Arbeit und Zeit zwischen den Geschlechtern gerecht verteilt werden und wir einer Retraditionalisierung der Rollenaufteilung entgegentreten.“

Welche Arbeitsbedingungen forderst du für Mütter in der Politik konkret, was fehlt dir?

„Es wäre sicherlich schon einmal gut, wenn es mehr solcher Beiträge wie dieses Interview gäbe, die das Thema publik machen. Ich kann es aber auch verstehen, wenn Politikerinnen nicht über sich als Mütter sprechen. Weiblich gelesene Personen sind leider oft Ziele hässlichster sexistischer Attacken, vor allem in den sozialen Medien, als Mutter gäbe es vielleicht weitere Angriffspunkte, und wer schützt uns dann samt Kindern und Familie? Mir ist es aber auch ein Anliegen, dass Muttersein und Politik nicht zwei sich gegenseitig ausschließende Punkte sind. Es muss möglich sein, dass Mütter, oder ich als Co-Mutter, genauso am politischen Leben teilhaben können, wichtige Ämter annehmen, sich trauen zu kandidieren. Es geht ganz praktisch auch um Kinderbetreuung im politischen Alltag. Denn was für eine Demokratie ist das denn bitteschön, die Mütter strukturell ausschließt, einfach, weil sie Mütter sind und auf die Kinder aufpassen müssen? In der Politik läuft das meiste über Ehrenamt, das möchte ich hier unbedingt anerkennend festhalten. Natürlich finden Parteiveranstaltungen oder Bezirksverordnetenversammlungen dann zu Zeiten statt, wo die meisten Leute Feierabend haben oder am Wochenende. Aber zu der Zeit müssen die Kinder ins Bett, die Schule oder Kita sind zu. Vieles ließe sich vielleicht damit auflösen, dass Sorgearbeit gesellschaftlich mehr Anerkennung bekommt und mensch nicht nur der tolle Hecht ist, weil mensch auf der einen oder anderen politischen Versammlung eine grandiose Rede gehalten hat, sondern einfach auch, weil mensch der Mutter durchs Aufpassen auf die Kinder den Rücken freigehalten hat und sie die noch grandiosere Rede halten konnte.“

Was wären aus deiner Sicht die wichtigsten politischen Maßnahmen, um Müttern, beziehungsweise allen Menschen mit Kindern, egal in welcher Familienkonstellation und mit welchem wirtschaftlichen Hintergrund, ein gutes Leben zu ermöglichen?

„An zentraler Stelle steht da für mich, dass wir umverteilen müssen und zwar (Sorge-)Arbeit und Zeit. Der Großteil der entlohnten und nicht entlohnten Erziehungsarbeit wird von Frauen* gemacht, sie leisten 50 Prozent mehr Sorgearbeit als Männer, sie arbeiten häufiger in Teilzeit und schlechter bezahlten Jobs, wer Elternzeit nimmt, muss leider immer noch hinnehmen, danach schlechtere Chancen im Job zu haben. Das führt dazu, dass es vor allem weiblich gelesene Personen sind, die Beruf, Familie und Freizeit als Zerreißprobe erleben. Konkrete Maßnahmen, um dem entgegenzuwirken, sind zum Beispiel ein kürzeres Normalarbeitsverhältnis, DIE LINKE fordert hier die 30-Stunden-Woche, die Begrenzung von Überstunden, familienfreundliche Arbeits- und Schichtzeiten, ein Mindestlohn von 13 EUR, der auch bei Teilzeit ein gutes Leben möglich macht. Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung als Co-Mutter heraus möchte ich noch unbedingt loswerden, dass es für mich zum ,guten Leben‘ gehört, dass wir als lesbisches Ehepaar vom Gesetzgeber genauso behandelt werden, wie heterosexuelle Ehepaare. Sorry, es fühlt sich wirklich nicht nach ,gutem Leben‘ an, dass ich unser gemeinsames Kind aufgrund eines extrem rückschrittlichen Abstammungsgesetzes als Stiefkind adoptieren muss, während meine Partnerin vom Jugendamt Infopost für Alleinerziehende erhält. Hier ist eine Gleichstellung von lesbischen, schwulen Ehen aber auch die rechtliche Anerkennung der Co-Elternschaft von Trans*, intergeschlechtlichen und nicht binären Eltern notwendig – und zwar rückwirkend.“

Wie können Eltern am Arbeitsplatz besser geschützt werden?

„Oft fällt da ja der Slogan von der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wesentlich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist der flächendeckende Ausbau der gebührenfreien öffentlichen Kindertagesbetreuung. Mit flächendeckender Ganztagsbetreuung müssen Eltern sich nicht zwischen der Betreuung ihrer Kinder und ihrem Beruf entscheiden. Das gilt auch für die Ganztagsbetreuung im Grundschulalter. Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf familiengerechte Arbeitszeiten für alle, die Verantwortung für Erziehungsarbeit übernehmen. Wir brauchen Arbeitszeiten, die zum Leben passen. Es wird immer von der Flexibilisierung der Arbeitszeit gesprochen. Warum soll diese immer nur an betrieblichen Interessen ausgerichtet sein? Wichtiger wäre es hier, Arbeitszeiten an die jeweiligen Lebensphasen der Menschen anzupassen. Bis zum sechsten Lebensjahr eines Kindes sollten Eltern eh einen besonderen Kündigungsschutz genießen.“

Wie könnte es gelingen, dass soziale Themen nicht mehr vorrangig von weiblich gelesenen Personen priorisiert werden, sondern auch von „alten weißen Männern“ in der Politik?

„Die junge Generation hat doch ordentlich Rabatz gemacht in den vergangenen Jahren und treibt die Politik da schon ganz gut vor sich her. Auf einmal machen ,alte weiße Männer‘ wie Laschet und Scholz mit Klimapolitik Werbung für sich. Auch wenn wir wissen, dass deren Vorschläge bei Weitem nicht dem entsprechen, was getan werden muss, so schaffen es zivilgesellschaftliche Diskurse und soziale Bewegungen ja doch, Themen ins Zentrum der Macht zu katapultieren. Ich denke, dass die Politik der ,alten weißen Männer‘ ein Auslaufmodell ist und Politik ein insgesamt diverserer Kontext wird. Die weiblich gelesenen und LGBTQIA+- sowie BIPoC-Aktivist*innen und Politiker*innen, die jetzt schon versuchen, Politik anders zu leben, machen mir viel Hoffnung.“

Wie ist deine ideale Vorstellung davon, politisches Engagement und familiäre Sorgearbeit gemeinsam zu bewerkstelligen? Und wie weit sind wir heute davon entfernt?

„Am besten wäre es, wenn ich mir als Arbeitnehmerin, politisch Aktive und Sorgearbeiterin einfach nicht ständig Gedanken darüber machen müsste, wie ich alles und das bisschen Bedürfnis nach Sport und Freizeit unter einen Hut bekomme. Es tut unserer Demokratie gut, wenn Menschen sich gern politisch oder ehrenamtlich engagieren. (Co-)Mutter sein darf kein Grund sein, davon ausgeschlossen zu sein. Leute mit Kindern, die sich politisch engagieren, sollten gefeiert werden und ganz besonders Alleinerziehende. Im Privaten, so hoffe ich, bekommen meine Partnerin und ich das hin, die Sorgearbeit gleichberechtigt aufzuteilen, beziehungsweise einander dafür mit Wertschätzung zu begegnen und der anderen somit Freiräume für Job und politisches Engagement zu schaffen. Auf der politischen Ebene scheint der Weg leider noch weiter, als er sein müsste.“

Nadja Charaby, Jahrgang 1977, arbeitet im Bereich der internationalen Politik und Klimapolitik. In der Partei DIE LINKE engagiert sie sich ehrenamtlich, derzeit ist sie Mitglied des Bezirksvorstandes DIE LINKE in Berlin-Mitte. Nadja ist seit etwas mehr als fünf Monaten Co-Mutter und aktuell in Elternzeit.

Fotos Titelbild: Marc Biebusch, Francesca Carola, Büro Kiziltepe, Felix Speiser, Tobias Koch, DTB/Inga Haar

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