Foto: Mashup Communications

Entrepreneur statt Arbeitsbiene

Wie Mitarbeiter mit unternehmerischem Geist ihr Unternehmen verändern können.

 

Unternehmensspirit versus Arbeitsbiene

Im letzten Jahr hat sich die Mitarbeiterzahl unseres Unternehmens mehr als verdoppelt. Vor einem Jahr zählten wir noch fünf Mitarbeiter, mittlerweile besteht unser Team aus zehn Beratern plus Trainees und Praktikanten, und auch in den nächsten Monaten freuen wir uns über weitere neue Gesichter. Nicht nur fürs Team, sondern auch für mich als zweite Geschäftsführerin und HR-Managerin war dieses rasante Wachstum eine große Umstellung. Doch eine Konstante, die wir bei neuen Anstellungen immer beibehalten haben, ist die Devise, nicht einfach nur Mitarbeiter einzustellen, sondern Mitunternehmer.

Das ist natürlich nach einem Vorstellungsgespräch und einem Probetag bei uns nicht immer gleich ersichtlich. Aber ich glaube, inzwischen ein gutes Gespür dafür zu haben, wer ein Machertyp ist und wer eher dem Typ Arbeitsbiene entspricht. Typische Entrepreneure zeichnen sich vor allem durch die Persönlichkeitsmerkmale Risikobereitschaft, Selbstständigkeit und den Willen, gewünschte Ziele mit unkonventionellen Mitteln zu erreichen, aus. Man muss aber kein CEO sein, um zum Entrepreneur zu werden: Auch Angestellte können als Mitunternehmer mit neuen Ideen ihr Arbeitsumfeld verändern. Es gibt viele, die ihre Aufgaben fleißig und gewissenhaft abarbeiten, doch das würde uns als Unternehmen im Großen und Ganzen nicht weiter bringen. Miriam, die Gründerin unserer Agentur, und ich als zweite Geschäftsführerin sind trotz unserer jahrelangen Erfahrung und unserer Erfolge mit der Agentur nie allwissend und schätzen den Input unserer Mitarbeiter – wertvoller Input, aus dem sich neue Projekte, Aufgaben und im besten Fall Erweiterungen der Agentur ergeben.

Engagement und neue Ideen

Eine unserer ehemaligen Mitarbeiterinnen Franziska, die jetzt übrigens erfolgreich selbstständig als Bloggerin, Coach und Yoga-Lehrerin durchstartet, hatte Lust, sich als Seminarleiterin weiterzubilden, um Workshops und Trainings zu geben. Wäre diese Initiative nicht von Franziska gestartet worden, hätten wir uns erst viel später oder vielleicht gar nicht dafür entschieden, unsere Expertise in Vorträgen und Seminaren nach außen zu tragen. Sie zeigte Interesse und Motivation, wir gaben ihr Zeit, die nötige finanziellen Unterstützung und die Plattform, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Für beide Seiten eine Win-Win-Situation.

Noch ein Beispiel: Unsere Senior-Beraterin Julia interessiert sich für alle internationalen PR-Projekte unserer Agentur. Nicht nur, weil ihr die für sie schönste Stadt der Welt, San Francisco, und die englische Sprache ans Herz gewachsen sind. Sie liebt die Kommunikation und Koordination mit unseren internationalen Partnern. Jemand mit dieser Leidenschaft hat eine ganz andere Motivation und ein ganz anderes Gefühl der Verantwortung, als wenn wir einem Mitarbeiter einfach nur das Projekt mit einer Liste an Aufgaben zuweisen würden.

Der Gewinn für uns als Unternehmen liegt auf der Hand: Engagierte Mitarbeiter, neue Ideen, Ergebnisse und Erfolge, die wir allein als Chefinnen-Team nicht unmittelbar in unserer Vision auf dem Radar hatten.

Wohlfühlfaktor als Mini-CEO

Doch auch für jedes einzelne Teammitglied birgt dieses Prinzip „Entrepreneure statt typische Angestellte“ Vorteile. Unsere Mitarbeiter sollen bei uns das Gefühl haben, dass sie bei allem, was sie bei uns machen, auch etwas für sich schaffen. Außenstehende könnten meinen, dass wir uns mit diesem Prinzip ins eigene Fleisch schneiden. Denn, wie das Beispiel von Franziska zeigt, fördern wir den unternehmerischen Geist jedes Einzelnen, was manchmal auch dazu führt, dass sie sich trauen, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Doch ich würde es nie anders machen. Und ich bin stolz auf jeden unserer Alumni, die ihren Traum von Selbstständigkeit leben. Was wir von unseren Mitarbeitern an kreativem Input erhalten, ist unbezahlbar. Wir haben keine Maschinen, die unsere Arbeit verrichten – unsere Mitarbeiter sind unser kostbarstes Kapital. Was bei uns zählt, sind smarte Köpfe, diese zu fördern und das Beste aus ihnen herauszuholen. Unser Ziel ist es also, dass sie sich wohlfühlen, so weit, dass sie stolz darauf sind, bei uns zu arbeiten und das dementsprechend automatisch nach außen tragen, zum Beispiel auch bei Business-Events. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Alumni und wenn jeder aus unserem Team das Gefühl hat, aktiv das Unternehmen und unsere Agentur mitzugestalten, entsteht ein ganz anderes Level der Motivation und Lust an der Arbeit.

Vertrauen über Kontrolle

Was ich über die Jahre gelernt habe, ist immer zu versuchen, das Gefühl zu vermitteln, dass jeder Beitrag auf offene Ohren stößt. Es ist enorm wichtig, dass in einer Kultur, die unternehmerisches Denken fördern soll, jede Idee wertgeschätzt wird und erst einmal angehört werden muss. Ich frage regelmäßig, auf was unsere Mitarbeiter außerhalb ihrer alltäglichen Aufgaben Lust hätten und zu unserer Agentur passen würde und betone, dass wir sie dabei sehr gerne unterstützen.

Ich plädiere hier für mehr Vertrauen statt Kontrolle. Was zählt, ist das Ergebnis. Miriam und mir ist es egal, wie lang genau die Mittagspause ist und ob wirklich jeder exakt acht Stunden am Tag am Schreibtisch sitzt. Uns ist wichtig, was dabei herauskommt. Auf dem Weg dorthin sind Fehler OK. Miriam und ich wurden auch sozusagen mit der Gründung unserer Agentur über Nacht von der PR-Beraterin zum Chef und kennen das Prinzip „Trial and Error and Try again“. Entrepreneure experimentieren und entdecken – eine Null-Fehler-Politik wäre die falsche Basis für ein tolerantes und kreatives Arbeitsumfeld. Beim zweiten Anlauf werden aus Fehlern neue Erkenntnisse. Ich empfehle allerdings, nicht zu vergessen, trotzdem zu führen und zu lenken. Meiner Erfahrung nach hat eigentlich fast jeder das Entrepreneur-Gen, doch manchmal fehlt einfach der richtige Push.

Entrepreneure als Mitarbeiter werden heute in der Wirtschaft immer noch als moderner Ansatz der Unternehmensführung angesehen. In vielen Betrieben sind die Hierarchien zu starr und die Angst zu groß, die Kontrolle abzugeben und Neues zu schaffen. Verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Generation Entrepreneur für Eigenverantwortung, gewinnorientiertes Denken und Engagement steht. Und genau das möchten doch viele Unternehmen: motivierte Mitarbeiter, die sich mit dem Unternehmen identifizieren können als wäre es ihre eigene Firma und so nachhaltig zum Erfolg beitragen.

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