Foto: BP

Das sind die neuen Top-Managerinnen in deutschen Aufsichtsräten

Nun haben wir sie, die Frauenquote. Wie sind die Managerinnen, die diese begehrten Posten bekommen? Es ist eine neue Generation von Aufsichtsrätinnen, die die Unternehmen verändern werden. Vier berichten hier von ihrem Aufstieg.

 

Kandidatinnen gibt es genug

Jenny
von Zepelin und Monika Dunkel haben vier Frauen porträtiert, die in Zukunft die Aufsichtsräte großer deutscher Unternehmen aufmischen werden. Die ganze Geschichte steht in der neuen Ausgabe von Capital.

Die
Gelegenheit ist günstiger denn je. Über Karrierechancen für Frauen
und Mindestquoten wird seit Jahren diskutiert, der öffentliche Druck
auf Unternehmen wächst. Im Mai trat das Gesetz zur Förderung der
Gleichberechtigung in Kraft, ab Januar 2016 müssen vor allem
börsennotierte Konzerne liefern: 30 Prozent der
Aufsichtsratsmandate müssen mit Frauen besetzt werden – das sind
allein bei den 100 größten deutschen Konzernen 170 Posten.

Kandidatinnen
gibt es reichlich. Denn viele Top-Managerinnen zwischen Mitte 40 und
Mitte 50 sehen einen Posten im Kontrollrat auch als Sprungbrett für
ihre Karriere. Nach dem Motto: Der Aufsichtsrat ist der Einstieg zum
Aufstieg. Das ist neu. Galten die Gremien doch jahrzehntelang als
Auffangbecken für pensionierte Vorstände. Die meisten Managerinnen
aber wollen keinen Frühstücksdirektorenposten neben ihrem Hauptjob.
Sie wollen sich durch das Mandat profilieren und sich für
Vorstandsposten in der ersten Liga der deutschen Wirtschaft
empfehlen.

Das
Wirtschaftsmagazin Capital hat vier Frauen besucht, die zu dieser
neuen Garde von Aufsichtsrätinnen gehören. „Aufsichtsratsmandate
sind die perfekte Qualifikation für den nächsten Karriereschritt“,
sagt Telekom-Managerin Carola Wahl. Wenn die gläserne Decke nicht
von unten zu durchbrechen ist, fliegen Managerinnen ab sofort halt
von oben ein. „Die Tür ist auf, nun müssen wir durch“, sagt
RWE-Managerin Mayers-Beecks. Egal ob sie die Quote befürworten oder
nicht, sie wissen, dass sie die Prototypen sind, die die Quote mit
Leben füllen müssen. Es reicht nicht, das Mandat zu haben, sie
wollen die Macht auch nutzen, um das Klima dort oben zu verändern.
Denn sie haben gesehen, dass sich einige Frauen vor ihnen nicht lange
auf den Top-Posten gehalten haben. Deshalb ziehen sie aus als
Botschafterinnen für einen Kulturwandel. Denn sie haben, wie Gesche
Joost es sagt, „keine Lust mehr auf reine Männerrunden, wo alle
über 60 sind“.

Die
Risikoexpertin – Sabine
Dietrich

Quelle: BP

Sabine
Dietrich ist Mineralölmanagerin. Eine der wenigen Frauen in diesem
Geschäft und eine der ganz wenigen, die es bis an die Spitze
geschafft haben. Seit 24 Jahren arbeitet die Diplom-Ingenieurin beim
britischen Ölkonzern BP. Dort hat sie den Aufbau des
Tankstellengeschäfts in den neuen Bundesländern geleitet, die
Landesgesellschaften in Vietnam und Indien mit aufgebaut, vor knapp
vier Jahren wurde sie in den Vorstand der Europa-Gesellschaft von BP
berufen. Dort hat sie nach der Havarie der Ölplattform Deepwater
Horizon ein verbessertes systematisches Risikomanagement eingeführt.
„Das hat viel mit Compliance und Corporate Governance zu tun“,
sagt Dietrich. Also mit der Regeltreue im operativen Management und
bei der Führung eines Konzerns.

Und
genau darum war die 55-Jährige nach Frankfurt zur Bewerbungsrunde
mit Martin Blessing und Klaus-Peter Müller, Vorstandschef und
Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank, gekommen. „Diese
Qualifikation ist für die Commerzbank sicherlich interessant. Denn
das Prinzip bleibt branchenübergreifend das gleiche“, so Dietrich.
Drei Stunden dauerte das Vorstellungsgespräch, dann war
Chefkontrolleur Müller überzeugt: Einen der Sitze im Aufsichtsrat,
die er zu besetzen hatte, sollte Dietrich bekommen.

Die
Prozessoptimiererin – Elisabeth
Mayers-Beecks

Elisabeth
Mayers-Beecks’ Strategie sieht so aus: Sie fährt in die Dörfer im
Braunkohlerevier am Niederrhein und trommelt die Vorsitzenden der
Schützen-, Karnevals- und Sportvereine zusammen. Diesen Männern
erklärt die freundliche Frau von RWE dann, dass sie nun
Führungskräfte sind, die ihre Vereinsmitglieder in einem
schwierigen Veränderungsprozess mitnehmen müssen.

Dazu
gehört schon einiges an Kreativität: Dorfbewohnern, die aus ihrer
Heimat vertrieben werden sollen, weil ihr Land zur
Braunkohleförderung gebraucht wird, mit Managementmethoden und
Change-Prozessen zu kommen. Früher bekamen die Vereine einfach ein
bisschen Geld zugesteckt.

Mayers-Beecks
gehört zu dem nicht überall beliebten Team, das die Umsiedlungen
von Ortschaften wie Garzweiler plant. Seit zwölf Jahren leitet die
Stadtplanerin die Umsiedlungsabteilung von RWE Power, der
Kraftwerkstochter des zweitgrößten deutschen Versorgers.

Und
nun ist sie Teil eines Veränderungsprozesses, der bei RWE ganz oben
stattfindet. Seit gut einem Jahr sitzt Mayers-Beecks beim kommunalen
Versorger NEW, an dem RWE Deutschland zu 44 Prozent beteiligt ist, im
Kontrollgremium. Denn sie gehört zur ersten Generation von Frauen,
die beim Essener Energiekonzern für die Aufgaben in internen
Aufsichtsräten gezielt vorbereitet wurden. Der Konzern muss nämlich
Aufsichtsräte bei zahlreichen Tochtergesellschaften und
Beteiligungen besetzen – rund 700 interne Kontrolleurposten
insgesamt.

Die
Strategin – Carola
Wahl

Quelle: Telekom

Carola Wahl ist seit 20 Jahren im Geschäft, ihr Werdegang wirkt wie ein
Masterplan: Wirtschaftsstudium mit Stationen in England, USA,
Spanien. Jobeinstieg beim Medienkonzern Bertelsmann, kaufmännische
Leiterin beim damaligen Internet-Start-up AOL Europe, dann Wechsel
zur Strategieberatung Booz & Company. Fünf Jahre arbeitete
sie an Projekten zu Neuen Medien, Digitalisierung,
Content-Strategien. Die Deutsche Telekom gehörte zu ihren Kunden,
der heutige Konzernchef Timotheus Höttges warb sie ab. Das war vor
elf Jahren. Heute ist die 46-Jährige im Vertrieb unter anderem für
den Absatz über Händler wie Media Markt und Saturn zuständig.

Seit
April 2014 sitzt sie im Aufsichtsrat des viertgrößten deutschen
Energiekonzerns EnBW. Sie war von einer Personalberaterin
angesprochen worden, es folgten mehrere Vorstellungsrunden, ein
halbes Jahr später wurde sie gewählt. „Ich war überrascht, dass
es so schnell ging. Denn es heißt, dass es in der Regel bis zu fünf
Jahre dauern kann, bis man ein solches Mandat bekommt“, sagt Wahl.

Die
Tech-Forscherin – Gesche
Joost

Quelle: UdK

Bei Gesche Joost kam vergangenen November SAP-Vorstandschef Bill
McDermott vorbei. Die Designforscherin und Internetbotschafterin der
Bundesregierung hatte keine Ahnung, was er im Schilde führte. Er
wolle sich mal in ihrem Design-Lab umsehen, behauptete der
US-Amerikaner. Die beiden hatten sich bei einer Veranstaltung
kennengelernt, sie hatte ihn eingeladen und nicht weiter daran
gedacht. Nun war er da. Er sah eine Holzschaukel mitten im Raum,
darauf telefoniert Joost gern, einen großen Küchentisch, daran
kocht und isst das Team zwei, drei Mal in der Woche gemeinsam. Er sah
offene Räume, flache Hierarchien, coole Leute. Er ließ sich die
Forschungsprojekte zeigen, diskutierte am Küchentisch mit Studenten
und Doktoranden über nutzerorientierte Softwareentwicklung und fand
das alles „unforgettable“.

Tatsächlich
ging die Frau dem Mann nicht mehr aus dem Kopf. Ein paar Monate
später beriet McDermott mit Firmengründer und Aufsichtsrat Hasso
Plattner über die künftige Besetzung des Aufsichtsrats. Und
natürlich fiel ihr Name: Gesche Joost. Plattner fragte bei der
40-Jährigen an, ob sie sich vorstellen könne, in den Aufsichtsrat
von SAP zu kommen. „Na klar“, sagte Joost.


Wie die Commerzbank auf Sabine Dietrich aufmerksam wurde, wie RWE-Managerinnen es geschafft haben, auf die Aufsichtsratsposten vorzurücken, warum die Telekom-Managerin Carola Wahl Aufsichtsratsmandate als idealen Karriereschritt sieht und wie Gesche Joost den Aufsichtsrat von SAP aufmischen will, steht in der aktuellen Ausgabe von  Capital, das Wirtschaftsmagazin mit Reportagen, Analysen, Kommentaren aus der Welt der Wirtschaft und der persönlichen Finanzen.

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