Foto: Timm Kölln

Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache: The devil lies in the detail

Der Autor Peter Littger hat auf sehr amüsante Weise seziert, womit wir uns auf Englisch am liebsten blamieren.

 

Der Englisch-Patient

Verreisen Sie nie ohne einen gut sortierten Erste-Hilfe-Wortschatz! Denn wenn Sie erst einmal verletzt sind, haben Sie bestimmt keine Nerven, Ihre Wörterbuch-App zu bedienen und Ihr Telefon zu suchen.

Reiselustige Menschen beschäftigt gelegentlich die Frage, wie sie sich eigentlich mit Ärzten verständigen sollen, deren Sprache sie nicht sprechen – people who are fond of travelling wonder at times how they should make themselves understood when dealing with physicians whose language they don’t speak.

Ich habe mir diese Frage leider nie gestellt – unfortunately, I have never asked myself this question. Bis ich im vergangenen Sommer mit meinem ältesten Sohn in New York war, wo wir uns plötzlich in der Notaufnahme eines Krankenhauses wiederfanden! Perhaps I should add that the emergency room is never far away when touring with a kid!

Es begann bei Toys“R”Us am Times Square. Mein Sohn fand den Spielzeugtempel so langweilig, dass er andauernd die Rolltreppe in die falsche Richtung hinauflief. Bis er hinfiel und sich das Schienbein aufschlug – he cut his shin while going up the escalator the wrong way.

Kleinlaut sagte er „Aua” – I heard him saying „ouch” sheepishly. Sein Gesicht war schmerzverzerrt – pain contorted his face –, und das Blut lief in seine Schuhe – his shoes were covered with blood.

„Mein Fuß ist so heiß, und das Bein sticht und pocht und kribbelt”, sagte er verzweifelt. „Und es zieht in den Fuß.” He said it with an obvious air of despair. Und dann fragte er mich noch verzweifelter: „Weißt du, wie man das auf Englisch sagt?”

Ich konnte ihm seine Verzweiflung leider nicht nehmen – I wasn’t able to alleviate his desperation. Denn ich antwortete: „Nein!”

Da guckte er verdutzt. „Papa, du schreibst ein Buch über Englisch, aber das weißt du nicht? Hast du denn wenigstens dein iPhone dabei?”

Keine Frage: Kinder, die im digitalen Zeitalter geboren sind, betrachten den digitalen Datenstrom als ständig verfügbares Hilfsmittel. Vor allem für Notlagen: Langeweile, Hunger („Wo ist der nächste Supermarkt?”) und anscheinend auch Schmerz – so called „net natives” seem to believe that all their problems can be resolved by digital means.

Schlagartig wurde mir klar, wie schlecht ich auf so einen Moment vorbereitet war. Ich kramte in meinem Gedächtnis nach Worten und musste gleichzeitig an meinen mittlerweile verstorbenen Großvater denken. Er war im Jahr 1907 auf die Welt gekommen, genau hundert Jahre vor meinem Sohn, seinem Urenkel – he was born almost exactly one hundred years before his great-grandson. Und er hatte es ohne Online-Wörterbücher und Apps geschafft, 103 Jahre alt zu werden – he had accomplished a very long life without any of these online i-gizmos. Er gehörte einer Generation an, die recht passabel Französisch gelernt hatte, aber kein Englisch – like many in his generation he had picked up sound French, but no English. Trotzdem war er mit über neunzig Jahren noch in die USA gereist.

Wie die meisten Soldaten hat er selten über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Aber ich erinnere mich, dass er mir als Kind einmal eine großväterliche Weisheit mitgab, die ich nie vergessen habe – a key take-away I will always remember: Die Sprache sei das einzige Kapital eines Verwundeten. Mit ihr könne er Schmerzen leichter ertragen, Vertrauen zu Ärzten und Schwestern gewinnen und überhaupt verstehen, was passiert. Mein Sohn schien das gerade zu bestätigen: Sprachlosigkeit als äußerste Form der Krise!

„It tickles”, sagte ich vorsichtig. „Ich glaube, man sagt: it tickles.” Es bedeutet: Es kribbelt, es pikst und sticht. Doch es ist so ungenau, dass es zu wenig aussagt. Meinen Telefonjoker Richard konnte ich nicht anrufen. Er war in London, und dort war es sechs Uhr am Morgen. Also begann ich tatsächlich in meinen Jackentaschen nach meinem Telefon zu suchen. In der Hoffnung, dass der Akku nicht leer war …

Inzwischen gaben sich die lieben Amerikaner um uns herum alle Mühe. Ein Dame von Toys“R”Us hatte längst den Rettungsdienst der New Yorker Feuerwehr alarmiert. Am Hinterausgang an der 44. Straße war schon ein Krankenwagen aufgekreuzt, der mit allen Lichtern blinkte und auf uns wartete – the ambulance had arrived and was blinking like a christmas tree. Alles wirkte, als wollten sie mit uns eine neue Folge von „Emergency Room” drehen – they seemingly made every effort to stage a new episode of that television series. Es war eine komische Situation: Wir saßen bei Toys“R”Us in der Ecke der Barbiepuppen und spielten die Hauptrollen in einer Episode, deren Text wir nicht kannten – we were starring in this episode but didn’t know the script!

Ein Rettungssanitäter stellte sich vor: „Hi, I am John.” Er hatte eine rollende Liege dabei – a paramedic turned up with his stretcher. In America they call it „gurney”. Er fragte meinen Sohn: „Are you o. k.?” Der antwortete auf Deutsch „mittel” und wedelte mit der Hand. Es war eine lässige und originelle Reaktion, um aus der Sprachklemme herauszukommen! John wandte sich mir zu: „What does he feel? Any noticeable sensations?”

Wie sagt man denn nun „stechen” und „pochen” und „kribbeln” und „Es zieht in den Fuß”? Als Kölner ist es mir nicht fremd, über Schmerzen und Gefühle zu sprechen. Rheinländer kleiden ihre „Jeföhle” bekanntlich auch ohne Aufforderung in Worte: „Isch han Kopp-ping.” Und tatsächlich wirkt der Schmerz auf Kölsch, man sagt „Ping”, wie eine eigentümliche Kreuzung aus Chinesisch und Englisch.

Der Sanitäter John, der meine geistige Abwesenheit wohl bemerkt hatte – surely he had noticed my bemusement –, fragte noch einmal: „Is your boy alright? Any pang?”

Pang! Ein Wort wie ein Stromschlag! Ein plötzlicher Motivationsschub, der meinen Vokabelschatz reaktivierte, der tief in meinem Gedächtnis schlummerte – the word reactivated my memory. Es fuhr so tief in mich wie „pang”-Schmerzen manchmal fahren. Man sagt zum Beispiel: „It felt like a pang in my heart” – ein tiefer Schmerz im Herzen. Auch kann „pang” einen Seelen- und Gefühlsschmerz ausdrücken: „The memory of my uncle falling off the cliff came back to me with a pang.” Ich rate Ihnen, „pang” auf der Stelle in Ihren aktiven englischen Wortschatz aufzunehmen!

Es schoss aus mir heraus – I fired away: „Yes, my son has a pang. His foot feels warm from inside. The shin prickles. And it’s throbbing and tickling. And the pain is dragging into his foot.”

Mein Sohn schaute mich mit großen Augen an. Meine Ladehemmung – say: mental block – hatte ihn geängstigt. Jetzt lachte er wieder, und dass er sein Bein für einen Moment vergessen konnte, zeigte mir, dass es ihm nicht so schlecht ging. Doch eins war auch klar: Die Wunde musste genäht werden – the wound needed stitching – und das möglichst bald. Wir mussten also los – we had to get on with that episode: get going to the ER (noch einmal: ER = Emergency Room; mehr über gängige Abkürzungen erfahren Sie im Kapitel „OMG – ich finde das Klo nicht!”).

Doch zuerst musste ich noch ein Formular unterschreiben, das mir die Dame von Toys“R”Us unter die Nase hielt: „Disclaimer of liability” – Haftungsausschluss. Sie hatte sich in der Zwischenzeit die Videoaufzeichnungen der Rolltreppe angesehen: „Your boy went up the elevator the wrong way. That’s not our fault. Please sign here.” Als hätten wir das nicht längst gewusst!

Die Fahrt im Krankenwagen dauerte länger als ich dachte. Es quietschten keine Reifen und die blauen, gelben und roten Leuchten des Wagens blieben auch aus. Waren wir kein Notfall mehr? Mein Sohn schlief auf der Trage ein, es sah gemütlich aus – his place on the stretcher looked extremely comfy.

Das war eine gute Gelegenheit, noch einmal über die besten Schmerzausdrücke nachzudenken und sie in einen Erste-Hilfe-Koffer der Worte zu packen. Ohne ihn werde ich nie mehr verreisen!

It’s prickling | it prickles | I have a prickling sensation – Es kribbelt. Auch: Es kratzt. (Sagen Sie „to scratch” nur, wenn Sie sich selber kratzen: „I scratch myself.” Wenn es im Hals kratzt, sagt man: „My throat feels rough.”)

I have got a numb feeling | sensation – Ich habe ein taubes Gefühl. Ähnlich wie: „I hardly feel anything.”

It’s tingling | it tingles – Es kribbelt schon wieder. Diesmal geht es etwas mehr ins Kitzeln. Vielleicht, wenn eine Wunde heilt.

It’s tickling | it tickles – Wenn es wirklich nur kitzelt.

It’s like pins and needles – Und noch einmal: Ich spüre ein Kribbeln. Und wenn der Fuß einschläft: „I have got pins and needles in my foot.”

It’s itching | it itches | itching sensation – Es juckt.

It’s burning | it burns | burning sensation – Es brennt.

It’s smarting | it smarts – Es brennt. Ähnlich wie „it’s sore”: Es brennt, es ist wund.

It’s biting | it bites – Es brennt.

It’s throbbing | it throbs | throbbing sensation – Es pocht.

I’ve got sharp pain(s) – Ich habe einen stechenden Schmerz. Die Mehrzahl klingt besser. Aber sagen Sie nicht „a pain”. Sie können auch „in pain” sein: „I am in great pain.” (klingt schlimm!)

I’ve got dull pain(s) – Ich habe einen dumpfen Schmerz.

I’ve got nagging pain(s) – Ich habe einen bohrenden Schmerz.

I’ve got dragging pain(s) – Ich habe ziehende Schmerzen.

It’s piercing | I have got piercing pain(s) – Ich habe einen stechenden/bohrenden Schmerz.

It’s stinging | it stings | I have got stinging pain(s) – Ich habe einen stechenden, beißenden Schmerz.

Ich erinnere mich daran, dass ich mir vor Jahren einmal die Bänder und den Fuß verletzt hatte. Wenn man sich aussuchen könnte, wo man sich verletzt, würde ich immer Neuseeland wählen! Nicht nur, dass die Versorgung ausgezeichnet ist. Das dortige Gesundheitssystem übernimmt auch alle Kosten – it’s an excellent place to seek medical treatment as they bear all costs. Oder wie man sich in den Kneipen von Neuseeland zuruft: „It’s my shout!” Ich zahl die Runde! In den Krankenhäusern machen sie das auch. In den USA leider nicht!

Ich lernte damals eine Menge Vokabeln rund um meine Beine und ihre Bänder – the ligaments. Die Kreuzbänder im Knie sind „crucial ligaments”. Bänder zu stauchen oder zu zerren, nennt man „ligament sprain” oder „a pulled ligament”. Eine Dehnung ist „a stretched ligament” oder „strained ligaments”. (Be careful: Don’t confuse the terms „sprain” and „strain”!) Ein vollständiger Riss eines Bandes ist „ligament rupture” oder lateinisch „desmorrhexis”. Dasselbe gilt für die Muskeln – the muscles.

Das Unangenehme in meinem Fall war der Kapselriss im Fuß. Im Deutschen ist das einfach gesagt. Im Englischen muss man etwas ausholen: „a laceration of the capsule”. Erspart blieb mir zum Glück ein Bruch: „fracture”. Zum Beispiel des Fußgelenks – the ankle. Die Handgelenke heißen „wrist”, der „Ellbogen” ist „elbow”. Alle anderen Gelenke werden als „joints” bezeichnet, etwa ein Fingergelenk: „knuckle joint”, ein Kniegelenk: „knee joint”, oder ein Hüftgelenk: „hip joint”. Und ein künstliches Hüftgelenk? It’s an artificial hip joint. Und weil ich gerade dabei bin: Hier noch einige wichtige Stellen, die Sie sich verletzen könnten. Von oben nach unten:

Stirn

forehead

Hinterkopf

occiput; man spricht es oksi-pod.

Schlüsselbein

collar bone („Kragenknochen”) Und da der Schlüssel auf Lateinisch „clavis” heißt, sagt man auch „clavicle”.

Unterarm

forearm (Und was bedeutet „underarm”? Das ist die Achselhöhle, aber die verletzen Sie sich bestimmt nicht.)

Sehnenscheidenentzündung

Jede Art der Sehnenscheidenentzündung ist „tendinitis” (Mir ist allerdings eine andere Bezeichnung in diesem Moment etwas geläufiger: „typewriter’s cramp”.)

Rippe

rib

Leiste

groin. Einen Leistenbruch nennt man „hernia”.

Meniskus

meniscus

Schienbein

shin; der Knochen: „tibia”

Wadenbein

calf; der Knochen: „fibula”

 

Und was ist die Zivilisationskrankheit Nummer eins: der Bandscheibenvorfall? It’s called „slipped disc”. In den USA mit dem seltenen „k”: „slipped disk”.

Der Rest unserer Geschichte in New York ist übrigens schnell erzählt: Nachdem wir im Mount Sinai Roosevelt Hospital aufgenommen worden waren, wurde mein Sohn zuerst geröntgt und später mit drei Stichen genäht – first we had to register, then my son was x-rayed and later he got three stiches in his shin. (Das man übrigens nicht mit dem „chin” verwechseln darf: dem Kinn. Die Aussprache: schinn und tschinn. Ähnlich wie Chicago und Schiwago.)

Before we were able to leave the spot, I had to pay $ 1,700. Unsere Versicherung erstattete die Summe – the insurance covered the amount. Wer glaubt, dass das teuer war, täuscht sich allerdings: Krankenwagenfahrt, Röntgen, Nähen und ein Kaffee – meine Oma hätte gesagt: Das summiert sich – it all mounts up! In other words: It wasn’t hefty charges. It was reasonable – angemessen.

Und wo ich gerade von „charges” spreche – speaking of charges: Wer aus einem Krankenhaus entlassen werden will, fragt nicht: „When will I be freed/released/liberated?”. Das fragt man in Gefangenschaft! Die Zauberformel lautet: „When will I be discharged?” „Discharge” hat viele Bedeutungen, in der Sprache der Mediziner beschreibt es übrigens auch eine nässende Wunde: „a discharging wound”.

Aber dieses Problem hatten wir ja nun gebannt. Wir wurden entlassen. Mein Sohn konnte laufen, und so gingen wir für den Rest des Tages keine Rolltreppen mehr hoch oder runter, sondern zur Erholung von diesem kleinen Schock lieber einen Hamburger essen.

Auszug aus: Peter Littger: The devil lies in the detail. Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache. © Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2015

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