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Salma Hayek: „In den Augen von Weinstein war ich kein Mensch, sondern ein Ding, ein Körper“

Mit Salma Hayek hat ein weiterer weiblicher Hollywood-Star verstörende Details über Harvey Weinstein öffentlich gemacht. In einem Essay für die „New York Times“ erklärt sie, warum sie sich erst jetzt traut, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

 

Eine weitere gewaltige Stimme

Die Liste der Frauen, die öffentlich gemacht haben, von Harvey Weinsein sexuell bedrängt, belästigt oder missbraucht worden zu sein, wächst immer weiter: Mit Salma Hayek ist nun eine gewaltige neue Stimme dazugekommen: In einem verstörenden und bewegenden, mutigen und offenen Essay, der in der „New York Times“ erschienen ist, schildert sie nicht nur, wie sie sich jahrelang Harvey Weinstein wortwörtlich vom Leibe halten musste; sie schildert auch, warum es für eine Frau in Hollywood bis heute nicht reicht, einfach gute Arbeit zu liefern.

Hayek beschreibt ihren Weg von einer 14-jährigen Schülerin zum mexikanischen Soap-Star, der den Schritt nach Hollywood schafft und über Komparsen- und Nebenrollen irgendwann den Durchbruch schafft. Sie beschreibt, wie sie durch ihr Herzensprojekt, ein Film über die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo, mit Harvey Weinstein in Kontakt kam. Miramax, die Firma von Weinstein, sei damals eine Art Sehnsuchtsort für Künstler gewesen, die abseits des Mainstreams Filme machen wollten, die dennoch für das große Publikum funktionierten – Weinstein sei darin ein Meister gewesen. 

Jedes „Nein“ machte den Zorn größer

Als er zusagte, „Frida“ zu produzieren, war Hayek euphorisch. „Ich hatte das Gefühl, mein Traum würde wahr“, schreibt sie. „In meiner Naivität dachte ich, er würde an mich glauben und meine bisherige Arbeit würdigen. Er hatte tatsächlich ,ja‘ gesagt!“ Und dann, schreibt Hayek weiter, sei es plötzlich für sie darum gegangen, ,Nein‘ zu sagen. Nein, weil sie nicht zusammen mit Weinstein duschen wollte; nein, weil sie ihn nicht massieren wollte; nein, weil sie keinen Oralsex mit ihm haben wollte; nein, weil sie nicht wollte, dass ein nackter Freund Weinsteins sie massierte; und mit jedem ,nein‘, schreibt Hayek, habe sie Weinsteins berüchtigten Zorn geweckt. „Ich glaube, es gab nichts, was Harvey mehr hasste als das Wort ,nein‘“, schreibt Hayek.

Weinstein habe  mit Schmeicheleien und Drohungen gearbeitet, die darin gipfelten, dass er drohte, sie umzubringen. Als er realisiert habe, dass Hayek sich ihren Film nicht so „verdienen“ würde, wie er sich das vorstellte, habe er ihr mitgeteilt, dass er die Hauptrolle und das Drehbuch einer anderen Schauspielerin angeboten habe. 

„In seinen Augen war ich keine Künstlerin; ich war nicht mal ein Mensch, ich war ein Ding, ein Körper“

Ausführlich schildert Hayek, wie Weinstein sie schikanierte und sie den Film unter größten Anstrengungen am Ende doch mit Miramax produzierte. Die sexuellen Attacken hörten mit Drehbeginn auf, dafür steigerte sich Weinstein in seine Aggressivität gegenüber Hayek hinein. Detailliert beschreibt Hayek, wie Weinstein sie nötigte, eine (völlig sinnlose) Nacktszene in den Film einzubauen, indem er drohte, ansonsten die Dreharbeiten abzubrechen. Und Hayek wiederum, die Jahre in das Projekt gesteckt hat viele Menschen um Gefallen gebeten hat, damit der Film zustanden kommen konnte, sah am Ende keinen anderen Weg, als der Szene zuzustimmen. Am Drehtag, schreibt sie, habe sie einen Nervenzusammenbruch erlitten. „Frida“, der Film, den Weinstein von Anfang an niedermachte und zunächst für zu schlecht  befand, um ihn in die Kinos zu bringen, bekam sechs Oscar-Nominierungen, unter anderem für Hayek als beste Schauspielerin, und gewann zwei Trophäen.

Hayek beschreibt, wie sie in der Öffentlichkeit immer gute Miene zum bösen Spiel machte, wie sie sich nie anmerken ließ, wie sehr Weinstein ihr Angst machte. Sie sei in den Krieg gezogen und habe gewonnen, habe sie sich selbst gut zugeredet. 

Weinstein hat übrigens mittlerweile verlautbaren lassen, Hayeks Vorwürfe seien „nicht korrekt“, er erinnere sich lediglich an „rüpelhaftes Verhalten“.

Frauen werden künstlerisch entwertet

„Aber warum müssen weibliche Künstlerinnen in den Krieg ziehen, um unsere Geschichten zu erzählen? Warum müssen wir so hart kämpfen, um unsere Würde zu behalten?“ Hayek sieht eine Verbindung zwischen dem, was so viele Frauen durch einen  gestörten Charakter wie Weinstein erlitten haben, und den Strukturen der Filmindustrie: Frauen seien in einem unanständigen Maß künstlerisch entwertet, die Filmindustrie habe kein Interesse daran, herauszufinden, was ein weibliches Publikum sehen  möchte und welche Geschichten Frauen erzählen wollen. Sie zitiert eine Studie, nach der nur vier Prozent aller Regisseure der vergangen zehn Jahre weiblich waren; 80 Prozent dieser Regisseurinnen konnten nur einen einzigen Film machen.

Eine weitere Studie belege, dass Frauen nur 27 Prozent Redeanteil in den wichtigsten Filme aus dem 2016 hatten. „Und dann fragen sich die Leute, warum man unsere Stimmen nicht schon früher gehört hat? Die Statistiken sprechen für sich – unsere Stimmen sind nicht willkommen“. So lange keine Gleichberechtigung in der Branche herrsche und Männer und Frauen den gleichen Wert hätten, sei die Filmbranche ein fruchtbarer Boden für Leute wie Weinstein.

Am Ende schreibt Hayek, sie hoffe, dass ihre Stimme nun auch dazu beitrage, zu verstehen, warum es so schwierig ist, an die Öffentlichkeit zu gehen, und warum viele Frauen so lange gewartet haben. Männer, schreibt sie, hätten bisher sexuell belästigt, weil sie es konnten. Und Frauen würden heute darüber reden, in dieser neuen Ära – weil sie es endlich können.

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