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„Klamotten bestehen aus Stoff – und ein Stück Stoff hat kein Geschlecht“

Mode kann Spaß machen, ermächtigen, Grenzen brechen, stressig sein, unter Druck setzen und langweilen. Darüber, wie Kleidung uns beeinflusst und wie die Modewelt künftig aussehen soll, haben wir mit vier Persönlichkeiten gesprochen.

Hier geht‘s zum zweiten Teil des Interviews.

Wie unglaublich aufregend ist dieses Gefühl, wenn man zum ersten Mal ein neu gekauftes Kleidungsstück anzieht und beim Blick in den Spiegel einfach alles passt! Die besten Klamotten sind wohl diejenigen, die entweder die eigene Persönlichkeit unterstreichen oder die das eigene Aussehen völlig neu in Szene setzen. Doch die Modewelt hat zwei Gesichter: Schönheit, Coolness und Glamour auf der einen, Ausbeutung, Ausgrenzung und Umweltbelastung auf der anderen Seite.

Der Moderator und Podcast-Host Tarik liebt an Mode vor allem ihre beiden Gegenpole: „Ich feiere es, dass Mode auf der einen Seite etwas sehr Banales hat und auf der anderen Seite auch so krass politisch ist.“ Die (Mode-)Journalistin Marlene Sørensen hat jährlich nach den Sommermonaten damit zu kämpfen, nicht in einen regelrechten Kaufrausch zu verfallen. Mittlerweile sind ihr bewusste Kaufentscheidungen bei Kleidungsstücken immer lieber. Und die beiden Berlinerinnen Anna Vladi und Karina Papp setzen ihre Garderobe überwiegend aus Kleidung zusammen, die sie auf den Straßen Berlins finden und gewinnen so einen völlig neuen Blick auf das Thema Mode.

Tarik

Tarik präsentierte das ZDF-Online-Format „Jäger & Sammler” und ist seit vergangenem Herbst Teil des Moderator*innen-Teams der NDR-Sendung „deep und deutlich“. Seit Dezember 2020 hostet er, gemeinsam mit Hadnet Tesfai, den gesellschaftspolitischen Klatsch-Podcast „Tratsch & Tacheles“ und füllt im Spotify-Original-Podcast „Man lernt nie aus“ unsere Wissenslücken.

Foto: Julian Mährlein

Gibt es ein Kleidungsstück, das eine besondere Bedeutung für dich hat? Erzähl uns davon! 

„Ich glaube, bei Klamotten bin ich polyamor. Denn es gibt nicht dieses eine Kleidungsstück mit DER einen besonderen Bedeutung. Die meisten meiner Klamotten haben eine besondere Bedeutung für mich. Da gibt es zum Beispiel eine Bluse mit Punkten, Tüll und leichten Puffärmeln, die ich bei meiner ersten ,deep und deutlich‘-Sendung anhatte. Oder einen langen Mantel mit Schlangenprint, den ich privat noch nie getragen habe, weil es ja gerade entweder regnet oder 30 Grad sind. 

Oder meine Dr. Martens-Plateaustiefel, die für mich eine besondere Bedeutung haben: Seit ich die 2019 gekauft habe, rücke ich das Thema Fashion auf meinen Instagram-Profil immer mehr in den Fokus. Zurzeit bin ich aber auch sehr verschossen in meine neuen, pinken Chucks mit Plateau, die wirklich so zuckersüß sind, dass ich jeden Tag vor Liebe schreien könnte. Und dann wäre da auch noch mein Whitney-Houston-T-Shirt, das ich sehr liebe, weil halt Whitney.“

Welche Bedeutung hat Mode allgemein für dich? 

„Wenn ich mein Geld nicht auch für so lästige Dinge wie Miete, Krankenversicherung oder Lebensmittel ausgeben müsste, dann würde ich alles in Klamotten stecken. Mir bereitet nichts anderes mehr Fun, als mich privat wie beruflich mit Mode zu beschäftigen. 

Ich feiere es, dass Mode auf der einen Seite etwas sehr Banales hat und auf der anderen Seite so krass politisch ist. Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der Mode keine große Rolle für mich gespielt hat. Schon als Jugendlicher im Ruhrgebiet habe ich klamottenmäßig Sachen ausprobiert, die von anderen als ‚mutig‘ gelabelt wurden. Für mich war natürlich nichts daran ‚mutig‘. Mode war einfach ein Mittel, mich auszudrücken.

Mode ist Kommunikation, ohne ein Wort verlieren zu müssen und das taugt mir sehr. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass ich als Teenager den Flip-Flop-Trend in Deutschland kreiert habe. Rückblickend bereue ich das sehr.“ 

Wer oder was hat deinen eigenen Kleidungsstil inspiriert?

„Die Frage ist wohl eher, wann gibt Billy Porter endlich zu, dass ich ihn inspiriere?“ 

„Klamotten bestehen aus Stoff – und ein Stück Stoff hat kein Geschlecht. Wie sich Menschen dieses Stück Stoff um den Körper schmeißen, ob als Hose, Top oder Kleid hat niemanden zu interessieren, außer eben die Person, die sich darin wohlfühlt.“ 

Tarik

Wie hat sich dein Bezug zu Mode im Laufe deines Lebens verändert?

„Auch wenn Mode für mich schon immer eine große Rolle gespielt hat, habe ich erst vor kurzer Zeit damit angefangen, mich bewusst mit dem Thema ‚Genderless Fashion‘ zu beschäftigen. Das ist für mich ein totaler Empowerment-Moment. 

Ich bin es nämlich wirklich leid, dass Menschen gesagt wird, dass sie bestimme Kleidungstücke nicht tragen dürfen, weil sie das eine oder das andere Geschlecht haben. Überraschung: Es gibt eh mehr als zwei Geschlechter. 

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Klamotten bestehen aus Stoff und ein Stück Stoff hat kein Geschlecht. Wie sich Menschen dieses Stück Stoff um den Körper schmeißen, ob als Hose, Top oder Kleid hat niemanden zu interessieren, außer eben die Person, die sich darin wohlfühlt.“ 

Gibt es Momente, in denen dich Mode und Trends unter Druck setzen? 

„Eigentlich gar nicht. Ich habe gerade auch eh das Gefühl, dass im Moment krass viele Trends gleichzeitig angesagt sind. Ob jetzt Animal-Print oder 90er oder 00er oder durch Gucci die 70er oder Puffärmel oder Miniröcke oder Karo oder Tüll oder Mustermix oder Polka Dots oder Blumenmuster oder alles gleichzeitig. Kurz oder lang, eng oder extrem weit …“

Was siehst du an Mode, Trends und der Fashion-Industrie kritisch?

„Da die Modeindustrie ja ein Teil unserer Gesellschaft ist und von Menschen gemacht wird, sehe ich genau die gleichen Sachen kritisch, die mir überall anders auch auf den Sender gehen: Dickenfeindlichkeit, Sexismus, Rassismus oder auch Behindertenfeindlichkeit

Ich merke aber, dass sich einige Dinge ändern und ich glaube daran, dass die Modeindustrie durch Repräsentation zu einem besseren Ort werden kann, von dem wir alle profitieren können. 

Über Mode werden viele relevante Themen verhandelt. Das geht von der Frage ,Was bedeutet Schönheit‘ bis hin zum Thema Nachhaltigkeit. Und wenn diese Prozesse mit vielen verschieden Akteur*innen verhandelt werden, dann kann das nur fein werden.“

Was wünscht du dir von der Modeindustrie und/oder der Gesellschaft in Bezug auf Kleidung?

„Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Leuten zu verbieten, Dinge zu tragen, auf die sie richtig Lust haben. Denn nur weil ich etwas nicht tragen würde, habe ich nicht das Recht anderen Menschen ein schlechtes Gefühl zu vermitteln. So nach dem Motto: ‚Was trägst du denn da?‘ 

Außerdem nerven mich diese albernen Moderegeln: Bei dem Po trägst du lieber diese Hose oder bei den Beinen macht ein kurzer Rock gar keinen Sinn oder bei der Körpergröße trägst du lieber keinen langen Mantel. Wer hat sich das bitteschön ausgedacht? Mode ist nicht dafür da, damit alle Menschen schlanker, größer und damit vermeintlich besser aussehen. Mode bedeutet Freiheit und wie diese Freiheit ausschaut, sollte jeder Mensch für sich selbst entscheiden.“ 

Marlene Sørensen

Marlene Sørensen ist Journalistin. Sie schreibt nicht ausschließlich, aber meistens über Mode, zum Beispiel für Medien wie „Harper’s Bazaar“, die „Berliner Zeitung“, „Zeit Online“ und das Magazin „Ohhhmhhh.de“. Marlene Sørensen ist außerdem Autorin von zwei Büchern („Stilvoll“ und „Woher hat sie das?“).   

Foto: James Castle

Gibt es ein Kleidungsstück, das eine besondere Bedeutung für dich hat? Erzähl uns davon! 

„Der Overall. Es ist nicht ein individueller Overall, den ich besonders liebe, sondern das ganze Konzept: Man ist in drei Sekunden angezogen und kann dank geräumiger Taschen das Nötigste immer am Körper tragen. Zudem macht er vom Homeoffice bis zum Spielplatz alles mit.

Und nebenbei sehe ich in der hemdsärmeligen Variante, die ich bevorzuge (Paul Newman im Blaumann ist meine ewige Vorlage), aus, als könnte ich jederzeit sowohl einen Reifen wechseln als auch elegant an einer Bar lehnen. Viel mehr kann man von einem Kleidungsstück nicht erwarten.“

„Kleidung kann mich aufmuntern oder auch frustrieren, mich verwandeln und darstellen, erheben und manchmal auch einfach nur anziehen.“ 

Marlene Sørensen

Welche Bedeutung hat Mode allgemein für dich? 

„Eine große schon allein dadurch, dass ich mich beruflich damit beschäftige. Wenn ich aber nicht gerade überlege, welche tiefere Bedeutung das Comeback der Puffärmel wohl haben könnte, setze ich mich auch privat täglich mit Mode auseinander. Kleidung ist extrem emotional. Sie kann mich aufmuntern oder auch frustrieren, mich verwandeln und darstellen, erheben und manchmal auch einfach nur anziehen.“ 

Wer oder was hat deinen Kleidungsstil inspiriert?

„Die Frauen (und durchaus auch Männer), deren Stil mich reizt und anleitet, wechseln ständig. Gerade schaue ich mir gerne Bilder von Lauren Hutton und Anjelica Huston in den Siebzigerjahren an, aber auch Brittany Bathgate und Alexis Foreman auf Instagram. Es sind auch immer wieder Menschen, denen ich zufällig auf der Straße begegne, die mich inspirieren.

Die Vorbilder ändern sich also. Was sich mit der Zeit aber verfestigt hat, sind meine Vorlieben. Ich mag klare Linien, dunkle Farben, unkomplizierte Schnitte. Das sind Fixpunkte, an denen ich mich mehr orientiere als an spezifischen Personen.“ 

Wie hat sich dein Bezug zu Mode im Laufe deines Lebens verändert?

„Vielleicht nicht so stark wie man annehmen könnte. Meine erste modische Erinnerung ist ein zitronengelber Anzug, den ich zur Einschulung trug. Würde ich heute wieder genauso anziehen.“

Gibt es Momente, in denen dich Mode und Trends unter Druck setzen?

„Klar. Bei der Septemberitis, einer jährlich wiederkehrenden Erkrankung, die immer dann einsetzt, wenn die Sommerkleider verstaut und die Modenschauen gelaufen sind, denke ich: Ich brauche alles und zwar SOFORT! Mit den Jahren hat sich meine Impulskontrolle verbessert. Es gibt modische Strömungen, denen ich mich trotzdem nicht entziehen kann (Stichwort Puffärmel), von denen ich mich dann aber auch gerne mitreißen lasse.

Es ist der Lauf der Mode, dass sich Vorlieben, Schnitte und Sichtweisen ändern. Das bedeutet aber nicht, dass man allem nachgeben muss oder sollte. Ich finde viel mehr Gefallen an bewussten Entscheidungen für Teile, die ich lange tragen werde.“ 

Was siehst du an Mode, Trends und der Fashion-Industrie kritisch?

„Die reine Menge an Kleidung, die trotz eines erhöhten Bewusstseins und verstärkter Betonung auf Nachhaltigkeit jedes Jahr produziert wird. Die eingeschränkte Repräsentanz verschiedener Körperformen, Hautfarben oder Gender. Eine mangelnde Inklusion auch in Bezug auf Menschen mit Behinderungen. Die Verschmutzung, die Ausbeutung, die Verschwendung.

Jetzt, über ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie, die natürlich auch die Mode und die Industrie dahinter betroffen hat, hoffe ich, dass wir mehr daraus lernen, als dass die Jogginghose ein duftes Kleidungsstück ist. Was mir unter anderem Hoffnung macht, sind die vielen Marken und Initiativen, die mir vor allem auf Instagram zuletzt aufgefallen sind und die darum bemüht sind, es anders zu machen.“

Was wünscht du dir von der Modeindustrie und/oder der Gesellschaft in Bezug auf Kleidung?

„Weniger herstellen, weniger konsumieren. Da sind wir alle in der Verantwortung. Ich glaube aber auch, dass sich maßgeblich nur etwas ändern kann, wenn die Politik durch Gesetze für Veränderungen sorgt, statt sich der Wirtschaft zu beugen.

Das ist nun wahrlich kein Geheimtipp, aber ich lege jedem*jeder „Unsere Welt neu denken: Eine Einladung“ von Maja Göpel ans Herz, in dem es, sehr kurz gesagt, ganz generell darum geht, wie man zu einer Lebensweise findet, die gut für eine*n und gut für den Planeten ist.“  

Karina Papp & Anna Vladi

Auf ihrem Instagram-Profil präsentieren Karina Papp und Anna Vladi Kleidung, die sie auf der Straße gefunden haben. Dadurch bringen sie das Problem des Überkonsums mit dem Wunsch zusammen, kreativ und doch modisch zu sein. Sie zeigen alternative Wege, sich zu kleiden, erzählen Geschichten von anderen bewussten Modemacher*innen und Kleiderschränken.

Links: Anna, rechts: Karina | Foto: Andreas Eggler

Gibt es ein Kleidungsstück, das eine besondere Bedeutung für dich hat? Erzähl uns davon! 

Anna: „Eigentlich versuche ich jedem Kleinstück Wert zu geben. Am wertvollsten sind die Stücke, die von Freund*innen gefunden und an mich weitergegeben wurden. Außerdem Stücke, die noch von meiner Mama kommen. Davon habe ich leider nicht viele.“ 

Karina: „Ich ziehe es vor, Kleidung als Trägerin von Erinnerungen zu betrachten. Ich schätze Kleidung, die mir von einem Familienmitglied, einem*r Freund*in oder einer neuen Bekanntschaft weitergegeben wurde. Es ist die Person hinter der Kleidung, die am meisten zählt. Und hinter jedem Kleidungsstück stehen so viele Menschen. Diese rosafarbene Leinenhose (siehe Foto unten) hat Anna in Griechenland gefunden. Wir haben Bilder von ihr für den Blog gemacht, dann habe ich sie vergangenen Sommer in Berlin getragen. Diesen Sommer werde ich sie ein wenig besticken und sie unserer gemeinsamen Freundin in Russland schenken.“

Foto: Andreas Eggler

Welche Bedeutung hat Mode allgemein für dich?

Anna: „Für mich ist Mode ein Mittel, mich zu äußern, auch politisch. Damit kann jede*r ein Statement setzen.“

Karina: „Mode ist Kunst, die vermeintlich für jede*n zugänglich ist. In Wirklichkeit müssen wir viele Gesetze brechen, um wirklich Spaß damit zu haben. Als ich gemerkt habe, dass ich alles tragen kann, was ich will, habe ich Kleidung als meine mögliche Verbündete betrachtet. Sie hilft mir, unsichtbar zu sein, wenn ich es will, und aufzufallen, wenn ich es will.“

Wer oder was hat deinen Kleidungsstil inspiriert?

Anna: „Die Straßen von Berlin, aber auch ich selbst. Berlin ist so divers, vor allem Neukölln, wo ich wohne. Dadurch, dass ich die Klamotten zufällig auf der Straße finde, sind sie immer sehr unterschiedlich. Und dann hängt es von mir ab, wie ich sie kombiniere, ob ich was umnähe oder umschneidere.“

Karina: „Meine erste große Inspiration in Mode war meine Mutter. Sie lebte in einer winzigen Provinzstadt und hatte nie Angst davor, sich extravagant und schick zu kleiden. Und dann Berlin! Diese Stadt hat meinen Horizont erweitert und jeder Mensch, den ich sehe, ist eine Quelle für neue Ideen. Aber ehrlich gesagt, Inspiration ist überall. Als ich das letzte Mal beim Friseur war, um meine Haare zu färben, habe ich ein Bild von einem frischen Knoblauch als Referenz mitgebracht. Silber und rosa und weiß.“

„Ich achte jetzt darauf, dass jedes Kleidungsstück, das ich habe, nie direkt in den Müll wandert, wenn ich es nicht mehr brauche. Auch das Konzept einer ,neuen‘ Sache ist etwas, das ich versuche, für mich zu überdenken. Alles kann wieder neu sein, es kommt nur auf die richtige Aufmerksamkeit an.“

Karina Papp

Wie hat sich dein Bezug zu Mode im Laufe deines Lebens verändert?

Anna: „In meiner Heimatstadt gab es kaum Möglichkeiten Klamotten zu kaufen. Wir sind einmal im Jahr nach Moskau geflogen, um notwendige Kleidung zu kaufen. Mit 18 bin ich zum ersten Mal nach Deutschland gekommen, sah zum ersten Mal die richtige Fast Fashion-Industrie und war erst begeistert. Begeistert darüber, dass ich mir so viel leisten konnte. Die Enttäuschung kam aber schnell: Viele ziehen sich gleich an und auch die Qualität der Klamotten war sehr schlecht.“

Karina: „Mit der Zeit verband ich mehr Punkte miteinander. Jetzt ist mir sehr klar, dass die Modeindustrie mit a) menschlicher Arbeit und b) der Natur verbunden ist. Ich denke, das Verständnis, dass Müll auch ein Modeproblem ist, hat mir geholfen, mehr darauf zu achten, was und wie ich konsumiere. Ich achte jetzt darauf, dass jedes Kleidungsstück, das ich habe, nie direkt in den Müll wandert, wenn ich es nicht mehr brauche. Auch das Konzept einer ,neuen‘ Sache ist etwas, das ich versuche, für mich zu überdenken. Alles kann wieder neu sein, es kommt nur auf die richtige Aufmerksamkeit an.“

Gibt es Momente, in denen dich Mode und Trends unter Druck setzen?

Anna: „Bestimmt, es kann auch sein, dass ich das nicht merke. Es gefällt mir zu sehen, was in der Mode passiert, aber das heißt nicht, dass ich das auch tragen muss. Es kann mich inspirieren oder auf eigene Ideen bringen, etwas Neues in meiner Garderobe auszuprobieren. Aber unter Druck gesetzt fühle ich mich nicht.“ 

Karina: „Für mich ist Mode eine sehr persönliche Kommunikation zwischen mir und der Welt, mir und den Menschen um mich herum. Ich folge vielleicht einigen Teilen des Trends, aber nie ganz. Ich möchte alles persönlich gestalten. Eine Stickerei machen, die Ärmel abreißen, die Jeans kürzen. Also denke ich, der einzige Druck ist zu versuchen, GEGEN den Trend zu gehen. Ist das vielleicht dann auch ein Trend?“

Was siehst du an Mode, Trends und der Fashion-Industrie kritisch?

Anna: „An der Fashion-Industrie finde ich sehr viele Sachen falsch, vor allem an Fast Fashion  —  dazu kann ich viel schreiben. Die Qualität von Fast-Fashion-Klamotten ist sehr niedrig, es ist von Anfang an vorprogrammiert, dass wir die Sachen nach einem Monat wegwerfen und was Neues kaufen. Es ärgert mich auch, dass viele große Marken jetzt ,grün‘ spielen, auch wenn sie das gar nicht sind  – so verkaufen sie die eigenen Kund*innen für blöd.“ 

Karina: „Meine größte Kritik geht an diejenigen, die für die Botschaften verantwortlich sind, die die Modeindustrie verbreitet. Ich kann noch so wütend sein auf den Kapitalismus, auf die Konzerne, auf die Arbeitspolitik in diesem Bereich, aber in letzter Zeit versuche ich, von diesen Abstraktionen wegzukommen. Hinter jeder Entscheidung stehen immer Menschen. Die Verbraucher*innen können nur einen Teil verantworten, der Rest liegt auf den Schultern derer, die wirklich Einfluss und Macht haben. Eine faire und ökologisch nachhaltige Modeproduktion einzufordern, ist die Aufgabe aller Konsument*innen, deren andere menschliche Bedürfnisse erfüllt sind. Je mehr wir fordern, desto mehr Druck spüren diejenigen, die an der Macht sind, dies auch umzusetzen.“

Was wünscht du dir von der Modeindustrie und/oder der Gesellschaft in Bezug auf Kleidung?

Anna: „Eine Revolution. Es klingt wahrscheinlich sehr drastisch, aber so wie jetzt können wir nicht mehr weitermachen. Die kleinen Schritte, die wir machen, sind viel zu klein. Ich wünsche mir, dass alle Geschäfte ihren Kund*innen klarmachen, wie viele Ressourcen in ihrer Kleidung stecken. Wie viele Liter Wasser dafür benutzt wurden, wer sie produziert hat und wie viel CO2 für den Transport verbraucht wurde.“  

Karina: „Ich wünsche uns, dass die Ressourcen da sind, wenn sie gebraucht werden. Das gilt auch für die natürlichen Ressourcen. Wir müssen wieder lernen, wie wir diese am wenigsten schädlich für die Natur nutzen. Es geht auch um die mentalen Ressourcen eines*r jeden, der*die sich Gedanken über die Zukunft der Modeindustrie macht.

Ich glaube, dass die Zukunft sehr positiv sein kann, wenn zum Beispiel Produktionsarbeit gut vergütet wird, die Mehrheit der Textilien re- und upgecycled wird und die Secondhand- und Tauschkultur so angenommen wird, wie sie sein sollte. Aber wir müssen alle sehr viel dafür arbeiten, deshalb wünsche ich uns, dass wir alle Ressourcen dafür haben.“

Mode – Was wir anziehen wollen.

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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