Auf dem Foto ist die Autorin Mirna Funk zu sehen, die an einem Holztisch sitzt und ernst in die Kamera blickt.
Foto: Sebastian Geis

Warum wir uns dem Scheitern hingeben sollten

Das Leben unserer Kolumnistin Mirna Funk bestand in den ersten 30 Jahren aus einem Fail nach dem nächsten. Doch nur so, schreibt sie, konnte sie zu der Person werden, die sie heute ist.

Okay, this was fun. Der Austausch mit meiner Community zum Thema Scheitern war der spannendste, seit ich damit begonnen habe, in dieser Kolumne Leser*innen-Fragen zu beantworten. Warum? Weil die Meinungen in zwei Lager aufgeteilt waren und sich dort ausnahmslos wiederholten. Das eine Lager behauptete, dass die Umdeutung von Scheitern als Chance ein nerviges kapitalistisches Beiwerk sei und das andere Lager fragte sich, warum man in Deutschland Scheitern nicht ein bisschen amerikanischer, also als Chance, sehen könne. Crazy, oder? Und weil Ambiguitätstoleranz im Moment ein bisschen zu kurz kommt, in den Debatten, in den Vorstellungen von dem, was richtig und falsch ist, hier nun meine ambiguitätstoleranteste Antwort ever:

Rückblickend kann ich ganz offen sagen, ich bin locker die ersten 30 Jahre meines Lebens konkret und kontinuierlich gescheitert. Immer, wenn ich mich nach dem letzten Fail irgendwie aufgerafft hatte, kam ruckzuck ein neuer um die Ecke. Life was fucking hard. Wirklich unendlich hart, konfus und einfach nur scheiße. Ich konnte nach meinem unfassbar schlechten Abitur nicht studieren und musste eine Lösung finden. Aber die Lösung war natürlich nicht das, was ich eigentlich hatte machen wollen: Philosophie und Geschichte studieren, um eine akademische Laufbahn einzuschlagen nämlich. Also studierte ich an so einem albernen Institut Kommunikation. Das Studium fuhr ich allerdings auch gegen die Wand.

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Und das Leben segelte an mir vorbei

Parallel dazu arbeitete ich zu diesem Zeitpunkt schon 20 Stunden die Woche in Agenturen, weil irgendwie ja die Miete bezahlt werden musste. Und da machte ich so Comms-Kram und sah dabei zu, wie mein Leben, das ich mir als 15/16-Jährige eigentlich schöner vorgestellt hatte, an mir vorbeisegelte. In eine völlig andere Richtung. Und ich saß da und konnte irgendwie nur dabei zuschauen. Auch, weil ich nicht verstand, wie man das mit dem Leben eigentlich machen soll.

„Wenn ich zurückblicke, dann kann ich ganz offen sagen, ich bin locker die ersten 30 Jahre meines Lebens konkret und kontinuierlich gescheitert.“

Sowas wie „das Leben als Chance begreifen“ kam mir selten dämlich vor. Einfach, weil meine Optionen begrenzt waren. Ich musste meine Existenz absichern und war so mit dieser Existenzabsicherung beschäftigt, dass ich keinerlei Kapazitäten dafür hatte, aus den vielen wie an einen Perlenschnur aufgefädelten Fails noch Chancen abzuleiten. Es war ein täglicher Kampf um die Miete, die Warmwasserkosten und eine Packung Eier. Diesem Kampf war ich so verschrieben, dass mein Leben unglaublich eng, rigide und von Angst geprägt war. Erst als ich durch einen körperlichen Fail diesen Kampf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste und mit 28 Jahren von Harz IV lebte, änderte sich mein Narrativ.

Befreiung aus dem Hamsterrad

Ja, ich war gescheitert. Auf ganzer fucking Linie. Und ich lebte das Scheitern ein Jahr in meinem Bett aus, um es daraufhin endlich als Chance wahrnehmen zu können. Denn das war es. Dieses große Scheitern 2009, das man wirklich als Cherry On The Top bewerten könnte, war meine große Chance, die Mirna zu werden, die ich hatte werden wollen, der ich aber keinen Raum schenkte, weil ich sie nicht aus dem Hamsterrad befreit und ihr damit nie das Scheitern auf ganzer Linie geschenkt hatte.

Soll heißen, ich war zuvor gescheitert, aber immer wieder so, dass ich mir noch Milch kaufen konnte. Jetzt war mir das aber eigentlich nicht mehr möglich. Wer schon mal auf Harz IV war, der kann ein Lied davon singen. Ich war endlich ein walkender Fulltime-Fail. Und aus diesem Gefühl heraus entwickelte sich ein Humor dem Leben gegenüber und eine Hoffnung auf die Zukunft ohnegleichen.

Ein neuer Blick aufs Leben

Das heißt, hätte ich mich dem Scheitern nicht eine Zeit lang völlig hingegeben, hätte ich es nicht angenommen, es nicht embraced, es nicht als das gewertet was es war, SCHEITERN, dann hätte sich daraus nicht ein neuer Blick aufs Leben entwickeln können. Hätte ich mich allerdings darauf ausgeruht, mich von nun an als walkender Fulltime-Fail gesehen, dann wäre ich einfach nur in meiner Entwicklung stehengeblieben. Ich musste die Kraft aus dem großen Scheitern aus mir selbst heraus gewinnen und das tat ich auch.

„In jedem Scheitern sofort eine Chance zu sehen, vereitelt uns die Fähigkeit, Verantwortung für unser eigenes Handeln zu übernehmen und zu schauen, was wir wirklich möglicherweise falsch gemacht oder falsch entschieden haben“

Das heißt, beide Lager sind richtig! In jedem Scheitern sofort eine Chance zu sehen, vereitelt uns die Fähigkeit, Verantwortung für unser eigenes Handeln zu übernehmen und zu schauen, was wir wirklich möglicherweise falsch gemacht oder falsch entschieden haben. Es sich im Scheitern allerdings gemütlich zu machen und sich selbst zu erklären, würde man es als Chance betrachten, sei das nur eine kapitalistische Manipulation, ist nichts weiter als die Verweigerung von Selbstwirksamkeit. Aber die haben wir. Egal mit welchen noch so harten Bedingungen wir es zu tun haben.

Schöner Scheitern. Trennung, Kündigung, Vorsätze – wir scheitern alle, immer wieder. Doch was lernen wir daraus?

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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