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„Ich fühlte mich wie ein Zombie“: Über ein Leben mit Schlafstörungen

Sprachstörungen, angekratzte Freundschaften, Kraftlosigkeit – willkommen in einem Leben mit Schlafstörungen. Unsere Community-Autorin schreibt darüber, wie es ist, wenn die Schlaflosigkeit auf einmal dein Leben bestimmt, aber auch, wie der Weg zurück in die Normalität aussehen kann.

 

Die Schlafstörungen schlichen sich mit der Zeit ein

Ok, konzentrier dich. Atmen! Ein. Aus. Ein. Aus. An guten Tagen hilft dieses Atmen“ tatsächlich und ich falle irgendwann – wahrscheinlich durch völlige Verausgabung auf Grund von Atmung – in einen leichten und unruhigen Schlaf. An schlechten Tagen – und die sind eindeutig in der Mehrzahl – hilft auch das tiefste und inbrünstigste Atmen nicht mehr. Mein Körper ist wach und denkt nicht im Geringsten daran herunterzufahren, um mir und meinem Kopf die Ruhe zu gönnen, nach der wir uns sehnen. 

Das war übrigens nicht immer so. Als Teenager konnte ich noch während der spannendsten Filme und mit einem halben Liter Cola intus großartig einschlafen. Zu Uni-Zeiten kann ich mich an eine einzige Phase erinnern, in der mich mein ratternder Kopf eine zeitlang um dem Schlaf gebracht hat. Abgesehen davon, hatte ich früher keinerlei Schlafprobleme. Irgendwie schlich sich dieses fiese Problem still und heimlich über die Zeit ein.

Willkommen im Insomnia-Wunderland

Wie wichtig ausreichender Schlaf ist, merkt man erst mit der Zeit. Wenn man beispielsweise mit der neuen Kollegin einen Rundgang macht und der Name einer anderen guten Kollegin plötzlich wie ausradiert ist. Oder wenn man sich nicht mehr ausdrücken kann, weil ganz banale Worte im Vokabular fehlen. Und das, obwohl ich meine Gesprächspartner*innen früher schon während des Gesprächs automatisch im Kopf korrigierte, wenn die etwas grammatikalisch nicht korrekt formuliert hatten. Anfänglich konnte ich das noch mit Humor nehmen. Irgendwann fing es aber an, an meinem Selbstwert zu kratzen.

Mein Schlafmangel nahm weiter zu. Nicht selten kam ich auf ganze Null Stunden Schlaf in der Nacht. Bin ich am nächsten Tag zur Arbeit gegangen? Ja! Warum? Weil nicht genug Schlaf aus meiner Sicht nicht Grund genug war, mich krank zu melden. Ich war ja schließlich nicht „richtig krank“. Funktionierte das? Ja! Es kostete mich wahnsinnig viel Energie. Ich war müde. Ich konnte mich schlecht konzentrieren. Und am Ende eines Arbeitstages war ich so ausgelaugt, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen war. Das wäre eventuell noch zu verkraften gewesen, wäre es von Zeit zu Zeit mal vorgekommen. Aber das war mein Alltag. 

Ich fühlte mich wie ein Zombie

Für Sport hatte ich keine Kraft mehr. An Ausgehen war nicht zu denken. Das „normale“ Leben rückte für mich in weite Ferne. Sogar meine Freundschaften litten darunter, weil ich einfach zu nichts mehr zu gebrauchen war, Stimmungsschwankungen hatte, meine Ruhe wollte. Und immer öfter Verabredungen absagen musste beziehungsweise gar nicht erst zusagte. 

Lieb gemeinte Ratschläge von Freunden in Sachen Schlafhygiene konnte ich nur müde belächeln.

Ich habe abdunkelnde Vorhänge in meinem Schlafzimmer. Versuche abends nicht mehr online zu sein. Ich mache regelmäßig Yoga. Habe mich auch in Sachen Meditation versucht. Ich ernähre mich gesund und esse nicht zu spät abends. Ich trinke nur noch selten Alkohol. Ich habe ein Lavendelkissen. Und weitere ätherische Öle. Ich habe eine App, die Gewitter- und Regengeräusche macht. Ich gucke nachts nicht auf die Uhr, um Panik zu vermeiden, wenn es auf einmal schon wieder viel zu spät ist. Ich habe mir CBD Öl bestellt. Leider hatte auch dies keinen Effekt. Ich habe Globuli ausprobiert. Ich habe richtige Chemieblocker in mich reingestopft. Die führten leider nicht zu gutem Schlaf, sondern zu Magenproblemen und verstärkter Müdigkeit am nächsten Tag, da sie ihre Wirkung nachts mangels Schlaf nicht entfalten konnten. Trotzdem nahm ich sie über ein Jahr, in der Hoffnung, dass sie irgendwann vielleicht doch wirken würden. Taten sie aber nicht. Irgendwann kam der Tag, an dem nicht mal mehr Schlaftabletten wirkten. Und was machte ich: ich ging weiter fleißig zur Arbeit.

Und dann änderte sich etwas: Ich ging offen mit dem Problem um

Allerdings hatten sich in der Zwischenzeit etwas geändert: Ich ging offen mit meinem Schlafproblem um. Das hatte mehrere Gründe: Freundschaften sind mein Ein und Alles. Um Verständnis dafür zu erhalten, dass ich häufig müde, gereizt oder übermäßig erschöpft war, musste ich die Karten auf den Tisch legen und ganz offen über mein Problem sprechen. Ich wollte, dass das Problem ernst genommen und stärker als Krankheit anerkannt wird. Solange ich ein Geheimnis daraus mache, erkenne ich mangelnden Schlaf selbst nicht als Problem an und nichts ändert sich. 

Viele meiner Freunde reagierten mit Verständnis. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es ihnen von Zeit zu Zeit nach wie vor schwer fällt, mein Verhalten zu akzeptieren. Wenn ich beispielsweise sage, dass ich nur auf einen Drink mitkomme, dann darf ich mir oft Aussagen anhören, wie: „Ja, ja, warten wir mal ab”. Das ist zwar einerseits schön, weil es mir zeigt, dass sie gerne mehr Zeit mit mir verbringen würden. Setzt mich aber gleichzeitig unter Druck. Denn ich möchte ja nicht früh nach Hause gehen, weil ich mir nichts besseres vorstellen könnte, als Samstagabend alleine zu Hause abzuhängen, während meine Freunde die Nacht unsicher machen. Sondern weil das momentan der einzige Weg ist, das Problem halbwegs in den Griff zu bekommen. Alkohol und zeitliche Unregelmäßigkeiten sind nämlich zwei absolute Killer in Sachen Schlaf.

Nach dem Privatleben kam auch die Offenheit im Job

Aber zurück: Nachdem ich also in meinem Privatleben bereits sehr offen mit dem Thema umging und dabei vordergründig auf positive Reaktionen, Verständnis und ebenfalls betroffene Personen stieß, beschloss ich, dass ich auch in meinem Arbeitsumfeld kein Geheimnis mehr daraus machen wollte. Ich wollte anderen zeigen, dass es ok ist, derartige „Probleme“ zu haben und offen darüber zu sprechen. Dass es keine Schwäche, kein Karrierekiller ist. Und dass ich gerne als Kontaktperson da bin, wenn andere Personen über ähnliche oder auch andere Probleme sprechen möchten. Denn, das habe ich gelernt: Zuhören, Verständnis und das Gefühl nicht alleine zu sein, helfen ungemein.

Ich hatte das Glück, dass meine Chefin ebenfalls positiv und mit Verständnis auf „mein Geständnis“ reagierte. Und dennoch ist es nicht so, also wüsste mittlerweile jeder an meinem Arbeitsplatz Bescheid. Ich erzähle meine Geschichte dann, wenn es angebracht ist und ich einer Person vertraue. Immer mit dem Hinweis, dass ich gerne als Ansprechpartner – auch für weitere Personen – da bin. Vielleicht nutze ich irgendwann weitere Kanäle mit denen ich mehr Menschen erreiche. Aber für den Moment fühle ich mich wohl mit dieser Art und Weise.

Ein Problem zu akzeptieren und offen damit umzugehen hilft 

Es löst das Problem zwar nicht. Aber es nimmt Druck. Druck funktionieren zu müssen und so zu tun als ob nichts wäre. Und führte in meinem Fall zudem dazu, dass ich mich nachts einfach nicht mehr so verrückt mache, wenn man bei Schaf 1.025 angelangt bin. Gehe ich weiterhin zur Arbeit, wenn ich schlecht bis gar nicht geschlafen habe? Ja! Warum? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich fehlt mir nach wie vor der Mut, diesen letzten Schritt auch konsequent durchzuziehen. In gewisser Weise tut mir das Arbeiten – zumindest in Maßen – allerdings auch gut, weil es mir Normalität vermittelt. Allerdings freue ich mich auf die immer stärker werdende Flexibilität, die es mir irgendwann vielleicht ermöglicht, meinen Arbeitstag an meinen Schlaf anzupassen, statt wie bisher meinen Schlaf – meist erfolglos – an meinen Arbeitszeiten auszurichten.

Vor kurzem bin ich auf ein neues Medikament umgestiegen welches meinen Schlaf tatsächlich unterstützt. Zwar schlafe ich nicht zu 100 Prozent „normal“ und regulär, aber ich bekomme wieder Schlaf und das ist für mich momentan die Hauptsache. Langfristig sind für mich Medikamente allerdings keine Lösung. Denn schließlich lösen sie das Problem nicht, sondern unterdrücken es nur. Aber ich habe gelernt, das Zwischenschritte auf dem Weg zur Idealvorstellung manchmal notwendig sind und dass man zu Gunsten der eigenen Gesundheit manchmal ein Auge zudrücken sollte.

Wenn ihr oder euch nahestehende Personen ähnliche Erfahrungen gemacht habt, freue ich mich auf den Austausch mit euch. Natürlich freue ich mich auch über alle weiteren Nachrichten. 

In diesem Sinne: Sweet Dreams.

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