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Vergewaltigung im Livestream – wie sollten Facebook und Twitter damit umgehen?

In Live-Streaming-Netzwerken wie Periscope oder Facebook Live häufen sich die Fälle von live gestreamten Vergewaltigungen und anderen Fällen von Gewalt. Unternehmen die betroffenen Firmen genug, um solche Taten zu verhindern?

 

Die Faszination der Live-Übertragung

Gerade seit dem vergangenen Jahr haben die Anbieter von Live-Videoplattformen – also Twitter für Periscope, Facebook seine Plattform „Facebook Live“ – stark nach vorne gepusht und die Bekanntheit massiv erhöht.

Das, was die größte Faszination dieser Plattformen ausmacht – roher, unbearbeiteter Live-Content mit einem Klick – stellt aber auch die größte Gefahr dar: Die Unternehmen sind nicht in der Lage, live gestreamten Content zu kontrollieren – und dadurch entstehen jede Menge neuer Fragen zu Sicherheit und Privatsphäre der Nutzer, die bisher noch bei weitem nicht zufriedenstellend beantwortet werden können.

Denn Tatsache ist: Auf Plattformen wie Periscope kann jeder Mensch von überall auf der Welt live streamen, was auch immer er will – was, wenn das ein Verbrechen wie eine Vergewaltigung ist?

Der Unterschied zwischen live gestreamten Inhalten und vorher produzierten Fotos oder Filmen ist klar: Der Zuschauer eines Live-Streams wird, ob er das will oder nicht, in das Geschehen mit einbezogen; auch wenn er tausende Kilometer weit entfernt an einem Rechner sitzt und nicht aktiv in das Geschehen eingreifen kann, so wird er zum Beteiligten, der das, was er sieht, bewerten und darauf reagieren muss.

Buzzfeed berichtet nun ausführlich über ein Video, das am 30. März live auf Persiscope gestreamt wurde und die mutmaßliche Vergewaltigung einer jungen Frau durch drei Männer zeigt.

Wie könnte Kontrolle aussehen?

Die Kollegen von Buzzfeed, die mit mehreren Leuten, die das Video gesehen haben, gesprochen haben, berichten von einer großen Frustration der User: Sie hätten das Video sofort als bedenklich gekennzeichnet in der Hoffnung, damit zuständige Mitarbeiter der Plattform zu alarmieren. (Rein praktisch betrachtet muss man natürlich sagen: Was hätte im besten Fall passieren können? Dass ein zuständiger Mitarbeiter umgehend die nächstgelegene Polizeidienststelle informiert? Man darf davon ausgehen, dass, selbst wenn es solche Mechanismen bei den Videoplattformen geben würde, dabei so viel Zeit vergehen würde, dass die Polizei nicht mehr rechtzeitig eingreifen könnte.)

Nachdem also die mutmaßliche Vergewaltigung gestreamt worden war und mehrere Nutzer auf Twitter das Gesehene als Vergewaltigung bezeichnet hatten, löschte der User den entsprechenden Periscope- und auch seinen Twitter-Account. Momentan ist die Lage so, dass Periscope keine Kopie eines Videos hat, wenn dieses innerhalb von 24 Stunden nach dem Streamen gelöscht wird – was bedeutet: Es gibt keinerlei Beweismittel, um damit zu Polizei gehen zu können.

Periscope will sich laut Buzzfeed zu einzelnen Fällen nicht äußern, von Verantwortlichen der Plattform gibt es also kein Statement – somit auch keine Bestätigung, ob man von einem solchen Video Kenntnis habe oder nicht. Twitter, der Mutterkonzern von Periscope, verwies auf die Richtlinien der Plattform. Es gehe um direkte und ungefilterte Teilhabe an einer Geschichte, während sich diese entfalte. Es gebe Richtlinien, um Periscope offen und sicher zu machen: „Habt Spaß, und seid anständig zueinander.“

Wie den Überblick behalten?

Außerdem gebe man Strafverfolgungsbehörden die Möglichkeit eines Notfall-Offenlegungs-Ersuchens, um Zugang zu Videos mit kriminellem Inhalt zu bekommen, aber nur, wenn es sich um einen „dringenden Notfall“ handele, der „die Gefahr des Todes oder einer schwerwiegenden Körperverletzung einer Person“ beinhalte, wie es auf Buzzfeed heißt. Vergewaltigung und andere sexuelle Übergriffe tauchen in dieser Liste der Notfall-Ersuchen nicht auf.

Der Fall aus London ist nicht der einzige – vor ein paar Tagen war ein ähnlicher Fall in den Schlagzeilen: der eines 29-jährigen Mannes, der eine 17-Jährige vergewaltigt haben soll, während eine 18-jährige Freundin des Opfers die Tat gefilmt haben soll. Und Buzzfeed listet noch eine Reihe weiterer Fälle auf, in denen Straftaten live auf Live-Videoplattformen gestreamt wurden – von einer betrunkenen Autofahrt bis zur Massenschlägerei zwischen Teenagern vor einem Londoner Einkaufszentrum.

Facebooks CEO Mark Zuckerberg gerät ins Schwärmen, wenn er über die Vorzüge der Live-Streaming-Plattformen spricht: „Weil es live ist, gibt es keine Möglichkeit, die Inhalte zu kuratieren. Und das macht die Leute freier, sie trauen sich, sie selbst zu sein.“

Bei Twitter und Facebook sieht man die fehlende Bearbeitungsmöglichkeit, das „Rohe“ der Live-Videos, als Vorteil. Aber angesichts der unvorstellbar großen Menge an Content, der jeden Tag über die Plattformen gestreamt wird, bleibt die Frage: Inwieweit können solche Social-Media-Giganten überhaupt ihrer Verantwortung gerecht werden und über das Live-Streamen möglicher Verbrechen auf ihren Plattformen den Überblick behalten?

Es ist schon lange bekannt, dass die Kontrollmechanismen bei Netzwerken wie Facebook oder Twitter extrem langsam funktionieren – bei Facebook werden laut Buzzfeed jeden Tag eine Million Posts als bedenklich markiert, es kann Wochen dauern, bis ein Post gelöscht wird – gerade bei Live-Videoes ist aber nicht das größte Problem, ein Video schnellstmöglich zu löschen – sondern die Frage, wie es dann weitergeht. Buzzfeed zitiert eine Internet-Expertin der Stanford-Universität, die dafür plädiert, die Kontrolle von Live-Content zur obersten Priorität zu machen und eine „Dringende Reaktion“-Option einzurichten – mit der die Firma und Strafverfolgungsbehörden unmittelbar alarmiert werden könnten, wenn einem krimineller Live-Content auf einer Plattform auffällt.

Es sind so viele Frage offen, allen voran rechtliche: Kann jemand zur Rechenschaft gezogen werden, der kriminelle Aktivitäten, die er beobachtet, live streamt? Können Leute, die live gestreamte Verbrechen melden, als Zeugen bestellt werden?

Die Stanford-Expertin Daphne Keller stellt am Ende einen positiven Aspekt heraus: Die Plattformen könnten wiederum auch für Opfer von Verbrechen hilfreich sein, etwas wenn Polizeigewalt live gestreamt werde. „Das kann auch Schutz bedeuten – selbst wenn das Smartphone zerstört oder entwendet wird, ist der Beweis gesichert und das Video wurde von anderen Menschen gesehen.“ Kellers Fazit: „Live-Video-Plattformen haben das große Potenzial, der Welt etwas zu zeigen, über etwas in Kenntnis zu setzen – ob es nun etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist.“

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