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Verhüten ohne Hormone? Das sind wirklich sinnvolle Alternativen!

Ein sexuell aktives Lebe ohne die Pille? Ja, oh Wunder, das ist möglich! Aber was sind hier wirkliche Alternativen und was ist doch eher veraltet? Unsere Communityautorin Julia von Pidoll antwortet auf einen Ze.tt-Text zum Thema.

 

Verhütung: Hier braucht es mehr als das Jugendmagazin-Basiswissen

Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust über dieses Thema zu schreiben, aber der aktuelle ze.tt Artikel bietet sich einfach so penetrant an, dass mir eigentlich nichts anderes übrig bleibt.

Eine vielversprechende Überschrift trägt dem Umstand Rechnung, dass – oh Wunder – ein sexuell aktives Leben auch ohne die übermächtig erscheindende
Pille möglich ist. Leider ist das zwar auch im Jahr 2016 vielen Frauen und Männern neu, aber erfreulicherweise tragen die letzten Skandale um das wichtigste Verhütungsmittel für Frauen dazu bei, das Thema aufzugreifen.

Anstatt echte Alternativen aufzuzeigen nennt der Artikel nichts anderes als Basiswikipediawissen, das in der Form sogar schon in der „Bravo“ zu lesen war – als diese noch einen gewissen Stellenwert hatte, das ist also schon ein gutes Jahrzehnt her. Moment, damit tue ich der Zeitschrift fast Unrecht, in der Bravo wäre man damals mehr ins Detail gegangen, hätte aber auf schwülstige Formulierungen wie „deine Vagina kennenlernen“ verzichtet.

Mit der Kupferspirale zur Eileiterschwangerschaft?

So lesen also insbesondere die Frauen, die mit dem Gedanken spielen auf hormonelle Verhütung zu verzichten, nichts anderes als dass die Kupferspirale nicht so ganz sicher ist und zu Eileiterschwangerschaft führen kann, beim Einsetzen wehtut und vor der ersten Geburt anfälliger ist für Komplikationen. Alleine schon dieser Tenor: Als würden alle Frauen Kinder kriegen (wollen/können/sollen). Insbesondere sehr junge Frauen haben in der Regel bisher nur die Pille benutzt und noch lange nicht vor ihre Familienplanung anzugehen. Übrigens ist die Pille noch 2011 mit 43 Prozent die geläufigste Verhütungsmethode in Deutschland gewesen (Quelle: Statista).

Verhütung wie im 19. Jahrhundert oder einfach spontan Sex haben

Doch damit nicht genug: Das Diaphragma, eine umständliche und sicherlich alles andere als erotische Angelegenheit wird zusammen mit einer wohl etwas neueren (im Grunde wirkungs- und anwendungsgleichen) Alternative genannt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wo es in der bekannten Form erfunden wurde, mag das ja durchaus sinnvoll gewesen sein, ungefähr zu einer Zeit wo sich die meisten „anständigen“ Frauen noch verschämt ins abgedunkelte Schlafzimmer begeben haben, wenn der Ehemann mal wieder Lust auf seine Befriedigung hatte. Oder aber auch die etwas „freigeistigeren“ Frauen, die genau wussten wann es beim Rendezvous zum Beischlafe kommen würde. Und das soll heute wirklich die Pillen-Alternative für moderne Frauen in oder außerhalb einer Partnerschaften sein, die sich zum Geschlechtsverkehr nicht verabreden, sondern im Zweifel auch mal spontan übereinander herfallen möchten? Fragwürdig.

Bei der Auswahl erscheint die Pille auf einmal als kleineres Übel

Über diesen merkwürdigen „Stöpsel“ möchte ich eigentlich gar nicht viel sagen, die Vagina einer Frau ist im Durchschnitt (!) neun Zentimeter lang, dann beginnt der Muttermund – also der Grund, warum es in gewissen Stellungen manchmal etwas wehtut. Zumindest in Deutschland ist der Durchschnittspenis aber um die 12 bis 13 cm lang. Also hieße das, beim Akt selbst könnte ER nicht ganz rein und wenn würde SIE die ganze Zeit dieses komische Ding in die empfindlichsten Stellen gerammt bekommen? Wenn so die alternative Verhütung aussieht lebte ich ab heute wieder mit Pille.

Das Kondom als Innovation? Echt jetzt?

Munter geht es in diesem doch recht kurzen Artikel weiter mit dem innovativsten, was die Verhütungsindustrie in den letzten Jahrhunderten zustande gebracht zu haben scheint (abgesehen von der Pille): Das Kondom, das mit 32 Prozent auf Platz Zwei der Verhütungsmittel landet. Diese wunderbare Erfindung aus Latex, die uns vor Geschlechtskrankheiten zumindest einigermaßen zu schützen vermag und bei nicht allzu dämlicher Anwendung (oder bedauernswert viel Pech) zuverlässig vor Schwangerschaften schützt, wird der Leserin hier als die gute alte Alternative zur Pille verkauft.

Spätestens jetzt war bei mir der Punkt erreicht, wo ich nicht fassen konnte, dass dieser „Serviceartikel“ an dieser Stelle schon zu Ende sein soll. Die Autorin hat sich ja mit der Nennung des jeweiligen Pearl-Index nicht weiter aufgehalten, dann folge ich diesem Beispiel mal und halte das Versprechen der Überschrift ein, so gut ich es immerhin aus eigener Erfahrung vermag:

Apps und die Kunst, mitzudenken

Wer über hormonfreie Verhütung spricht sollte sich wenigstens die Mühe geben, die „Natürliche Familienplanung“ (NFP) nach Sensiplan, Persona und diverse hilfreiche Apps in diesem Zusammenhang anzusprechen. Kann es so schwer sein, kann es so heikel sein, interessierten Leserinnen wenigstens diese Optionen zu nennen? Auch wenn diese aufgrund dessen, dass unsere Körper keine Maschinen sind keine 100 Prozent Sicherheit versprechen und tatsächlich ein Mitdenken der Anwenderin voraussetzen? Immerhin hat mit Zeit Autor Marin Majica sogar bereits ein Mann dieses Thema angesprochen, was im Hinblick auf den Fakt, dass Verhütung beide Geschlechter angeht sehr erfreulich ist. Das er heimlich und halb im Scherz(?) auf ein Versagen der App zu Gunsten einer kleinen Tochter hofft, sei ihm verziehen.

Sicher ist, nicht jede Frau kann mit Temperaturmessung, Beobachtung der körperlichen Signale unterhalb und oberhalb der Gürtellinie und den natürlichen Schwankungen des eigenen Körpers verhüten. Im Zweifel einfach die eigene Mutter fragen wie das bei ihr so war. Frauen die unter starken
Zyklusschwankungen leiden sind in der Tat mit einer anderen Verhütungsmethode besser bedient, wenn die Pille gut vertragen wird, dann sogar mit dieser. Aber da bleibt immer noch ein großer Teil an Frauen übrig, die sich mit dieser Form der Verhütung ein Stück Kontrolle und Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper zurückholen, wo vorher bei jeder vergessenen Pille oder einem schlecht vertragenen Essen Panik geschoben wurde. Im Zweifel sogar die Nebenwirkungen der „Pille danach“ das kleinste Übel an der Geschichte waren.

Was man tun kann: Verantwortung für sich selbst übernehmen

Jedes Verhütungsmittel kann versagen. Aber die genaue Beschäftigung mit dem, was der Körper so macht und etwas mehr Bewusstsein was die Konsequenzen von laxer Disziplin bei der Verhütung betrifft kann diese Quote um ein Vielfaches minimieren.  Die oben genannten Möglichkeiten aber helfen dabei, im Zweifel zu wissen, ob eine Pille danach überhaupt notwendig ist und ob sogar (an einigen Tagen) auf jegliche Barrieren (Kondom) verzichtet werden kann. Richtig angewendet und um ziemlich sicher nicht schwanger zu werden, bleiben bei einem 28-Tage-Zyklus immerhin lockere 14 Tage übrig, in denen eine Schwangerschaft so unwahrscheinlich ist wie das gerissene Kondom. Würden Kondome so oft reißen wie in manchen Foren berichtet, wären sie als Verhütungsmethode sicherlich nicht so beliebt. Das Risiko ist also ziemlich überschaubar.

Wie hoch oder niedrig das Risiko ist muss aber jede Frau für sich persönlich entscheiden können. Mit der App Ovuview funktioniert das ganze ziemlich komfortabel, sie ist sogar kostenlos und wer mag kann sie sogar in babyblau einstellen. Sogar ob man schwanger werden will oder eben genau dies vermeiden möchte kann eingestellt werden. Und ja, es erfordert tatsächlich
Geduld, bis nach ein paar Monaten ausreichend Daten eingetragen sind um eine
sichere Prognose zuzulassen. Aber das sollte zumindest in einer festen
Beziehung, in der es nicht mehr darum geht, sich permanent mit einem Kondom vor Krankheiten zu schützen drin sein oder? Das Stichwort heißt hier einfach
Verantwortung. Diese übernimmt Frau, die auf Hormone keine Lust mehr hat, zuerst für sich selbst.

PS: Wie auch im Umfeld der Autorin des ze.tt Artikels verwenden auch in meinem Umfeld kaum noch Frauen die Pille. Seit ich meiner Frauenärztin gezeigt habe, wie ich das mit dieser App mache, empfiehlt sie diese sogar weiter. Im Gegensatz zu einer Amtskollegin die mir Sprüche drückte á la „Studentinnen sind generell viel zu undiszipliniert, alles außer Pille ist unverantwortlich“, sehe ich mich hiermit auch von ärztlicher Seite in der Entscheidung bestätigt. 

PPS: Ist es nicht merkwürdig, dass die letzte große Innovation in der schmerzfreien und komfortablen Verhütungsmethode die Antibabypille war? Die Forschung kümmert sich anscheinend lieber um die besten Methoden zur Faltenunterspritzung.

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