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Die Elternzeit stellt eine Beziehung auf Augenhöhe auf die Probe – das muss aber nicht sein

Für die Elternzeit legt immer noch meist ein Partner seine Karriere komplett auf Eis. Was muss eine gute Beziehung leisten, damit die Wertschätzung nicht verloren geht?

 

Wenn das Kind kommt verändert sich die Partnerschaft 

Eltern während der Elternzeit (in heterosexuellen Partnerschaften eben meist die Mutter, aber auch in homosexuellen Partnerschaften können die gleichen Probleme auftreten) beschreiben oft, wie wenig der (arbeitende) Elternteil präsent ist – nicht nur körperlich, sondern auch und vor allem in den vielen Überlegungen und Gedankenschleifen rund um die Frage: „Wie geht es weiter mit mir?“. Alle Karten auf den Tisch: Im Alltag ruft die Arbeit, das Kind schreit, die Zeit drängt, Einkäufe müssen erledigt werden und nicht selten steht, ganz nebenbei, noch ein Umzug an. In den ersten zwei Jahren nach der Geburt kann man von der Partnerschaft oft leider nicht allzu viel erwarten. Da ist schon mal viel erreicht, wenn die Eltern als Team gut funktionieren. 

Doch „nur“ das Funktionieren reicht nicht, wenn beide Partner Ambitionen haben sich persönlich und beruflich weiterentwickeln zu wollen. Was nun?

Folgendes Muster erkenne ich immer wieder: Der zuhausegebliebene Elternteil, verliert stetig an Selbstbewusstsein und wird zunehmend frustriert. Die Decke fällt einem auf den Kopf und der Mangel an Möglichkeiten für einen professionellen Austausch unter Erwachsenen tut sein Übriges dazu. Dabei spielt die Partnerschaft aus unserer Sicht eine tragende Rolle. Warum?

Vermisste Wertschätzung: Wie viel bin ich zuhause wert? 

Der Knackpunkt für zunehmende Frustration ist oft die vermisste Wertschätzung – wenn diese nicht vom Partner kommt, woher soll sie sonst kommen? Vom Kind zu Hause kann diese nicht erwartet werden. Da der Job wegfällt, fällt hier ein wesentlicher Feedback-Kanal aus. Gerade engagierte und ambitionierte Eltern haben sich bis zur Elternzeit oft stark über ihre Jobs identifiziert und ihren „Wert in der Welt“ am Beitrag für ihren Job und an ihren bisherigen Leistungen gemessen.

Oft haben die weiterarbeitenden Partner gar nicht auf dem Radar, dass das Thema „Wertschätzungsmangel“ so präsent ist. Und die betroffenen Eltern geben sich meist selbst zu wenig Wertschätzung für das, was sie tagsüber (und nachts) alles so wuppen. Wie oft habe ich das schon gehört: „Haushalt, Baby und Co: das kann ja jeder, dafür habe ich nicht studiert.“ 

Und genau hier möchte ich einhaken, denn für viele Eltern könnte eine veränderte Haltung das Erleben der Elternzeit wesentlich verändern – und folglich eventuell das ganze Leben, denn Entscheidungen und Handlungen während und nach der Elternzeit sind entscheidend für alle weiteren Schritte und werden je nach Ausgangslage anders ausfallen.

Das Gleichgewicht muss bleiben 

Die Qualität der Partnerschaft trägt also meiner Erfahrung nach wesentlich dazu bei, dass die Elternzeit als Feld der Möglichkeiten (für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung) und nicht als Sackgasse wahrgenommen wird. Partnerschaft sollte eine Energietankstelle sein. Hier sollte Platz für Träume sein. Für gemeinsame – aber auch für persönliche und berufliche Träume beider Partner. Hier sollten Freiräume geschaffen werden und Ermöglichung gelebt werden. Auf Augenhöhe, für beide, dem Elternteil zuhause und dem im Job. Doch wie soll das gehen im Elternzeit-Alltag? Es ist leider viel leichter, dass der eine Elternteil den anderen Elternteil einfach „abhängt“.

Die Wertschätzung für die jeweiligen Rollen in der Familie ist wesentlich für die erlebte Qualität der Elternzeit und nicht zuletzt für die Qualität der getroffenen Entscheidungen hinsichtlich weiterer Schritte mit der Familie und dem Beruf. Die Rolle der zuhausebleibenden Person ist neu und die Partner müssen sich neu organisieren statt so weiterzumachen wie bisher, nur gefühlt in eingeschränkter Form. Hier ist es gefährlich, das Denken auf die Aussage, dass ein Partner jetzt „zuhause ist, nichts mehr leistet und weniger oder nichts mehr verdient“, zu reduzieren. Das ist zu kurz gesprungen. Der Partner zu Hause hat nun einen anderen Job mit einer anderen Vergütungslogik, er sollte sich auch über die neue Rolle definieren und identifizieren können, und nicht nur über das, was mal vor der Geburt war. Dabei sollten sich die Partner gegenseitig unterstützen.

Weiter denken: sich ein eigenes System schaffen

Auch finanziell – denn in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem müssen wir uns in der Partnerschaft und vor allem in der Elternzeit unsere eigene Logik bauen. Oft erleben wir leider, dass Geld als implizites Machtmittel missbraucht wird. Der Partner zu Hause, der nun weniger oder gar nichts mehr verdient, begibt sich in eine gefühlte Abhängigkeit vom arbeitenden Partner (was wiederum das Gefühl bestärkt, dass der Elternteil zu Hause „nichts wert ist“ …). Da Weiterbildung meist auch etwas kostet und nicht alle Arbeitgeber eine Weiterbildung während der Elternzeit zahlen, müssen sich sich elternzeitnehmende Frauen (oder Männer) oft die Weiterbildung in der Familie „hart erkämpfen“ und haben zusätzlich noch ein schlechtes Gewissen, da das ausgegebene Geld nicht ihres ist, sondern eine „Spende“ des Partners. 

Dass wir uns hier aber nur mit Glaubenssätzen beschäftigen und diese auch geändert werden können ist vielen nicht bewusst. Wie stark machen wir uns abhängig vom Wirtschaftssystem da draußen? Bzw. wie schaffen wir uns unser eigenes System, was besser zu unseren Werten passt – und sei es nur in unserem Mikrokosmos Familie?

Gemeinsam füreinander 

Wenn die Partner wirklich daran interessiert sind, sich gegenseitig in ihrer Entwicklung zu unterstützen, wenn sie trotz der finanziellen makro-systemisch-bedingten schiefen Rahmenbedingungen auf Augenhöhe bleiben, dann entsteht ein anderes Selbstverständnis. Der weiterarbeitende Partner hat ein Kind und kann nur deswegen arbeiten und Karriere machen, weil der andere Partner ihm den Rücken freihält. Wieviel ist das dem arbeitenden Partner wert? Wieviel ist dem arbeitenden Partner wert, dass das Familienklima gesund ist? Dass Zufriedenheit überwiegt? Dass der Partner nicht gestresst ist? Die Kinder glücklich? Dass sich die Familie weiter gesund entwickeln kann? Dass alle zufrieden sind? Die meisten Partner würden sagen, dass das am allerwichtigsten ist. Und wenn sie tagsüber nicht dabei sind und nicht die kleinen und großen Wutanfälle, Küchenkatastrophen, durchgeschrienen Besorgungsfahrten oder verpatzten Mittagsschlafe erleben (was oft stressiger ist als die stressigsten Meetings im Office), dann ist Frage angebracht: „Was können wir wie füreinander tun, damit es uns beiden gut geht?“ Die Teilnahme an einer Weiterbildung ist schon mal ein großes Signal für das Leben auf Augenhöhe und das Interesse an der jeweiligen Weiterentwicklung des Partners – egal ob zu Hause oder im Job.

Die Partner sollten sich in den jeweiligen neuen Rollen anerkennen und wertschätzen. Wenn sich die Partner ermöglichen, sich gegenseitig unterstützen mit den Ambitionen und Träumen und Plänen, dann kann auch die Elternzeit genutzt werden als Feld für Weiterentwicklung – für alle Beteiligten.

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