Foto: Tom Grimbert | Unsplash

Wie Weltkarten unsere Wahrnehmung beeinflussen

Wie die Welt aussieht, das lernen wir schon früh durch Landkarten. Aber wie realistisch ist das, was wir sehen?

Europa ist nicht der Mittelpunkt

Wie unsere Welt aussieht, das wissen viele schon seit sie klein sind. Weltkarten begegnen uns in der Schule, später bei der Planung eines Urlaubs oder in den Nachrichten, wenn das Weltgeschehen der Woche zusammengefasst wird. Was wir dann sehen, ist meist folgendes: Europa in der Mitte, westlich Amerika und Südamerika, südlich Afrika – alles eben so wie wir es kennen und gewohnt sind. Diese Karte wurde 1569 von Gerhard Mercator gezeichnet und ist die gängigste Karte in europäischen Atlanten. Doch sie ist nicht ganz genau und verzerrt unsere Wahrnehmung. Wie das?

Die Karte wurde ursprünglich für die Seefahrt gezeichnet und bildet die Winkel zwischen Ländern getreu ab. Für diesen Zweck eignet sie sich auch sehr gut, da sie dank der Winkeltreue bei der Berechnung der Wege von Schiffen hilfreich ist. Doch um unsere Welt kennenzulernen und ein Gefühl für Ländergrößen zu bekommen, ist sie nicht unbedingt passend. Zum Beispiel erscheinen alle Flächen auf der Nordhalbkugel größer, da der Äquator nicht in der Mitte der Karte eingezeichnet ist, sondern im unteren Drittel. Zudem wird Europa immer zentral abgebildet und in der oberen Hälfte.

Diese Abbildung der Welt verleitet dazu, dass wir die Lage von Europa stark überschätzen. Zum einen hinsichtlich der Größe: Sie täuscht und lässt Europa größer als andere Länder wirken, die unter dem Äquator liegen. Zum anderen verleitet die Karte dazu, Europa immer als Mittelpunkt zu sehen und das nicht nur geographisch. Denn als Mittelpunkt bestimmt man natürlich das Geschehen um einen herum immens. Dabei ist Europa, genau wie jeder andere Kontinent oder jedes andere Land, natürlich nur ein Teil des großen globalen Weltgeschehens und zumal ja auch nicht besonders groß. Doch das kann schnell mal vergessen werden, wenn man sich selbst als Mitte der Welt wahrnimmt und über Ländern „steht“ wie zum Beispiel Afrika oder Südamerika – und das tun wir letztlich auch nur, weil wir die Karte so rum halten, dass Europa oben liegt.

Es gibt mehr als nur eine Weltkarte

Es gab schon mehrere Versuche von anderen Kartografen, eine getreue und realistische Karte zu zeichnen. Eine Weltkarte, die ein besseres Flächenverhältnis abbildet, ist die Peters-Projektion:

Quelle: Bildung trifft Entwicklung (BtE) bei Engagement Global gGmbH

Sie scheint auf den ersten Blick wiederum auch verzerrt zu sein und wirkt „falsch“, oder? Doch sie stellt die Länder hinsichtlich ihrer Fläche genau richtig dar. Bei ihr liegt der Äquator direkt in der Mitte und vermeidet so, dass sehr nördliche Länder größer wirken als südliche. Ihr Nachteil: Die Winkel zwischen den Ländern sind hier nicht ganz realitätsgetreu abgebildet und nicht mehr für die Navigation geeignet.

Eine der neuesten und vermutlichen genauesten Weltkarten wurde vor drei Jahren von dem japanischen Designer Hajime Narakuwa entworfen. Auch sie wirkt für die meisten wahrscheinlich erstmal ungewohnt: Sein Heimatland befindet sich in der Mitte der Karte, während Europa am äußersten Rand liegt. Er scheint mit seiner Karte das bisherige Problem, dass man versucht eine Kugel zweidimensional abzubilden, gelöst zu haben. Seine Karte berücksichtigt die Krümmung der Erde dadurch, dass sie faltbar ist.

Einfach mal den Blickwinkel ändern

Es ist also schwierig, eine perfekte Karte der Welt zu zeichnen. Alle haben ihre Vor- und Nachteile und es ist wichtig, sich das bewusst zu machen, öfter Mal die Perspektive zu wechseln oder im ersten Schritt vor allem zu hinterfragen, woher die eigene Perspektive überhaupt kommt. Sei es, indem man für die nächste Urlaubsplanung auf die Peters-Projektion schaut, die Karte einfach mal umdreht oder sich Australien in der „Mitte“ vorstellt.

Ein Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung  ist auch deshalb wichtig, damit wir unsere festgefahrenen Vorstellungen von der Welt ablegen und – im wahrsten Sinne – auf den Kopf stellen können. Unser eurozentrisches Denken überträgt sich darauf wie wir die Welt sehen und bewerten – genauso wie wir uns in dieser Welt wahrnehmen.

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