Foto: Andrea Piacquadio | Pexels

Wie wird eine Welt ohne Catcalling möglich?

Anzügliches Rufen, Nachpfeifen oder aufdringliches Ansprechen ist kein Kompliment, sondern Belästigung. In einigen europäischen Ländern ist verbale sexuelle Belästigung bereits als Straftat in den Gesetzestexten vermerkt.

Das ist das Problem:

Weltweit erleben Frauen auf der Straße Catcalling: Meist sind es Männer, die dabei ungefragt ihren Körper oder ihre Kleidung kommentieren, ihnen aggressive sexuelle Avancen machen. Dieses Verhalten hat nichts mit respektvoll geäußerten Komplimenten zu tun, sondern ist eine Form der verbalen Gewalt. Laut einer umfangreichen Studie der Meinungsforscher*innen von YouGov gaben 64 Prozent aller Frauen im Vereinigten Königreich an, dass sie im öffentlichen Raum sexuelle Belästigungen dieser Art erlebt hatten, in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen waren es 84 Prozent. Eine internationale Studie der Cornell-Universität fand heraus, dass 84 Prozent aller Frauen weltweit Catcalling schon vor ihrem 18. Lebensjahr erfahren. In Deutschland ist Catcalling nicht strafbar, denn nach deutschem Recht muss sexuelle Belästigung der Definition nach Körperkontakt beinhalten.

„84 Prozent aller Frauen weltweit haben Catcalling schon vor ihrem 18. Lebensjahr erfahren.“

Das ist der Impuls:

In Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Portugal ist Catcalling bereits illegal. 2020 startete die Studentin Antonia Quell eine Petition, die die Strafbarkeit von Catcalling in Deutschland anstrebt. Sie bezieht sich in ihrer Petition auf Menschen aller Geschlechter, betont aber auch, dass Frauen am stärksten von Catcalling betroffen sind. Knapp 70.000 Menschen haben den Aufruf unterschrieben.

„Das Verhalten von Männern, die ungefragt Körper oder Kleidung kommentieren, aggressive sexuelle Avancen machen, hat nichts mit respektvoll geäußerten Komplimenten zu tun, sondern ist eine Form der verbalen Gewalt.“

Das ist die Lösung:

Quells größtes Vorbild ist Frankreich. Hier ist der sogenannte Angela-Plan seit 2018 in Kraft. Dieser umfasst das Verbot von verbaler und nonverbaler sexualisierter Belästigung auf der Straße. Das Vergehen gilt in Frankreich als Ordnungswidrigkeit, nicht als Verbrechen. Das heißt: Sieht ein*e Polizist*in auf der Straße, dass eine Frau belästigt wird, kann sie vom Catcaller sofort eine Geldstrafe von bis zu 750 Euro kassieren. Wäre Catcalling formal ein Verbrechen, müsste erst ein aufwendiger Prozess stattfinden, um Täter*innen zur Rechenschaft zu ziehen. In Frankreich wurden bereits im ersten Jahr der neuen Regelung über 700 Geldstrafen wegen Catcalling verhängt.

„In Frankreich wurden bereits im ersten Jahr der neuen Regelung über 700 Geldstrafen wegen Catcalling verhängt.“

Weitere Maßnahmen des Plans: Es soll ein großes Netzwerk an Bars, Restaurants, Apotheken und weiteren, festen Standorten angelegt werden, die Frauen im Fall sexualisierter Belästigung aufsuchen können. Wenn sie dort den Code: „Wo ist Angela?“ verwenden, müssen ihnen die Angestellten der entsprechenden Einrichtungen helfen, ihnen etwa ein Taxi oder die Polizei rufen. Dazu soll auch ein festes Kontingent an kostenlosen Fahrten bereitstehen. Außerdem sollen Aufklärungskampagnen über sexuelle Gewalt im Netz durchgeführt werden. In Großbritannien haben zwei junge Engländerinnen die Kampagne „Our Streets Now“ ins Leben gerufen, die unter anderem erreichen will, dass Catcalling Pflichtthema an allen Schulen wird. Denn Aktivist:innen sind sich einig: Hauptverantwortlich für das Problem sind Jungen und Männer. Sie müssen sich früh kritisch mit der Thematik auseinandersetzen und lernen, Frauen respektvoll zu behandeln.

Dieser Artikel erschien zuerst im „enorm Magazin“. „Enorm“ beleuchtet ungesehene positive Entwicklungen, inspirierende Menschen und Ideen für eine bessere Welt. „Enorm“ will zeigen, dass ein Magazin Menschen empowern kann – mit jedem Heft, Artikel, Beitrag, Newsletter und Podcast. Damit geben sie positiven Geschichten, die in der breiten Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit erhalten, eine Plattform.

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