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Wie Work-Life-Blending unser Privatleben kaputt macht

Den Begriff Work-Life-Balance kann so langsam keiner mehr hören – der neue Ansatz heißt „Work-Life-Blending“, also ein fließendes Ineinander-Übergehen von Berufs- und Privatleben. Aber wollen Menschen das wirklich und was macht das mit uns?

Nahtloser Übergang von Berufs- und Privatleben

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Für unseren Partner Manager Magazin schreibt er über die Fallstricke der neuen Arbeitswelt.

Wohin man auch schaut, es wirkt wie eine beschlossene Sache: „Ehe wir uns versahen, war die Work-Life-Balance schon längst wieder von gestern. Heute regiert Work-Life-Blending: ein Zustand, in dem Arbeit und Freizeit miteinander verschmelzen.“ So sang beispielsweise die Wirtschaftswoche (vom 22.01.2016) das hohe Lied auf den nahtlosen Übergang von Berufs- und Privatleben: Berufliches wird auch nach Feierabend erledigt, den es dann eigentlich nicht mehr gibt. Gleichzeitig wird der berufliche Alltag – sofern es die Sachzwänge zulassen – an privaten Interessen ausgerichtet.

Extrem sind Visionen wie die „Morgenstadt“, die unter anderem von Hans-Jörg Bullinger – ebenfalls MeinungsMacher bei manager-magazin.de – propagiert wird. Vieles davon ist faszinierend: Städte, die Strom und Wärme selbst erzeugen, intelligente Verkehrslösungen und überall Gärten, die uns mit frischem Gemüse versorgen. Der einzige Haken an der Sache: nicht nur Kulturangebote, auch der Arbeitsplatz ist praktischerweise gleich mitintegriert. Das geht noch ein Stück weiter als bei Google, wo sich die Mitarbeiter schon zum gemeinsam Frühstück treffen (müssen) und vielleicht auch das Wochenende zusammen verbringen. Hier lebt man gemeinsam.

Wann und wo die Mitarbeiter arbeiten? Egal!

Da wirkt es noch vergleichsweise harmlos, wenn der Personalvorstand von Daimler sich für eine Lockerung der Arbeitszeitgesetze ausspricht: „Wir müssen die Regeln flexibilisieren und den heutigen Arbeitsgewohnheiten anpassen.“ Und auch Henkel-Vorstandschef Kasper Rorsted verkündete kurz vor seinem Wechsel zu Adidas, ihm sei es egal, wann und wo Mitarbeiter arbeiten. Wichtig sei nur, dass seine Mitarbeiter ihr vorgegebenes Arbeitspensum erledigen – unabhängig von Arbeitsort und Arbeitszeit.

So ziemliche alle Forschungsinstitute, Arbeitgeberverbände und Beratungsfirmen sind sich einig: An einem Work-Life-Blending führt kein Weg mehr vorbei. Unternehmen brauchen dieses Blending und Mitarbeiter werden mit dem Versprechen geködert, im Gegenzug etwas mehr Flexibilität zu bekommen – sofern es die betrieblichen Belange zulassen. Bei schönem Wetter und wenig Arbeit sitzt man also mit seinem Laptop im Straßenkaffee bei einem perfekten Latte Macchiato, dafür bei zusätzlichem Arbeitsaufkommen am Abend und am Wochenende im Büro oder im Homeoffice. Es klingt wie eine gute Lösung – bis der Chef um zwei Uhr nachts Mails schreibt und Antworten erwartet.

Work-Life-Blending: Die Problemlandkarte

Wenn das Beratungsunternehmen Von Rundstedt schreibt, „die Mehrheit der Deutschen bewertet die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben noch kritisch“, bestätigt dies einerseits zwar, dass aktuell nur eine Minderheit Work-Life-Blending gut findet. Konkret: 69 Prozent sind der Auffassung, dass sich hier die Arbeit gegenüber der Freizeit durchsetze. Andererseits signalisiert das Wörtchen „noch“, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis (angeblich) alle begeistert auf diesen Zug aufspringen werden.

Böse formuliert: Der Beruf vermischt sich völlig mit dem Privatleben. Wollen wir das wirklich? Und ist das überhaupt gut für die Unternehmen? Und für die Mitarbeiter?

Sicherlich gibt es überzeugte Workaholics, denen das nichts ausmacht und die so ihr Leben definieren. Aber gilt das wirklich für die Mehrzahl der Menschen? Work-Life-Blending passt allenfalls begrenzt in das Wertesystem der Generation Y (geboren etwa ab 1980), weshalb es auch meist mit dieser Generation in Verbindung gebracht wird. Diese Generation Y ist leistungsorientiert, will ihre Freizeit genießen und kann als Digital Native auch mit den modernen Kommunikationsmedien arbeiten. Hier kann man sich Work-Life-Blending zumindest eingeschränkt vorstellen.

Beruf und „betriebliche Belange“ geben den Takt vor

Nach allem, was wir wissen, wird aber die Generation Z (geboren etwa ab 1990/1995) hier definitiv nicht mitspielen: Die Generation Z will klare Strukturen mit einem festen Zeitfenster für Arbeit und arbeitsfreien Abenden sowie Wochenenden. Natürlich möchte sie eine gewisse Flexibilität: Wenn die Handwerker kommen oder die Sonne scheint, dann ist Home-Office angesagt. Damit meint die Generation Z also ausschließlich die eigene Flexibilität und ganz sicher nicht die flexible Grenzziehung des spontanen „Blendings“ durch das Unternehmen.

Nicht alle Menschen können mit der metastasenartigen Durchdringung des Privatlebens durch den Beruf leben. Das führt zu Gesundheitsproblemen, stört den guten Schlaf und stellt private Beziehungen auf dauerhaft dramatische Proben. Work-Life-Blending wird dann zum institutionalisierten Alptraum und „Vertrauensarbeitszeit“ zum Synonym für „Zwang zur persönlichen Selbstausbeutung“.

Selbst die Idee der kombinierten Arbeits- und Wohnstädte lässt sich diskutieren: Es ist nicht erkennbar, ob alle Mitarbeiter direkt in der Nähe ihrer Arbeit wohnen möchten und auch noch auf dem Balkon im Liegestuhl Fragen von Kollegen oder Chefs beantworten möchte, ganz zu schweigen davon, einen Spielfilm mal kurz zu unterbrechen, um an einem spontanen Meeting teilzunehmen oder einen aufgeregten Kunden zu besänftigen.

Vor allem aber ist das Blending einseitig: Im Kern geben immer Beruf und „betriebliche Belange“ den Takt vor. Zudem ist es zwar zulässig, die Grillparty oder den Fernsehabend durch eine Anfrage vom Chef zu stören. Ob es aber der Chef wirklich toll findet, wenn im Gegenzug seine Mitarbeiter im Büro permanent auf Whatsapp aktiv sind oder auf Facebook, YouTube oder 9GAG (Online-Plattform für „lustige“ Bilder und Videos) herumsurfen? Das Konzept wird dementsprechend nur einseitig genutzt und führt zu einer Belegschaft mit permanentem Bereitschaftsdienst ohne Ruhezeiten.

Work-Life-Separation als zeitgemäße Alternative

Unternehmen werden nicht umhinkommen, deutlich kritischer mit den Lobgesängen der Protagonisten unserer neuen Arbeitswelt umzugehen. Auf Work-Life-Blending bezogen, wird dieser psychologische Vertrag bei einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern vielleicht noch eine große Zukunft haben. Aber auch nur, wenn das Blending in beide Richtungen funktioniert und toleriert wird.

Für viele andere Mitarbeiter müssen wir über eine Alternative nachdenken und könnten beim genauen Gegenteil fündig werden: Work-Life-Separation. Sie basiert auf einer klaren Trennung zwischen zwei Phasen, die beide gerade durch ihre klare Trennung positiv erlebt werden. Gerade Letzteres ist wichtig: Privatleben ist kein Ausgleich für Arbeit und deshalb wird auch nicht etwa Arbeit durch Freizeit ausbalanciert.

Faktoren wie Abschalten oder Regenerieren werden durch die Work-Life-Separation wieder möglich und erlauben dem Mitarbeiter, einen freien Kopf zu bekommen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Mitarbeiter innovativ sein sollen, ist solch ein Abschalten notwendig – ein Aspekt, dem auch Richard Branson und viele Kämpfer für eine wirklich zukunftsfähige neue Arbeitswelt („New Work“) zustimmen. Abzuschalten und einem Hobby – etwa Kunst zu erschaffen – zu folgen, führt dazu, dass Mitarbeiter wieder kreativ sein können und mehr erreichen, als wenn sie im permanenten Hamsterrad des Work-Life-Blendings mit seinen nie endenden Projekten stecken.

Und dann noch ein betriebswirtschaftliches Argument: Soweit erkennbar, gibt es keine Studien, die belegen, dass die individuelle Arbeitsleistung durch eine immer weitergetriebene Vermischung von Berufs- und Privatleben gesteigert wird. Im Gegensatz dazu gibt es durchaus Vorteile, die durch bewusstes und echtes Abschalten entstehen.

Abgesehen vom potenziell überschätzen Zaubertrank „Flexibilität“ spricht letztlich überhaupt nichts für Work-Life-Blending, womit wir eine absolut groteske Situation haben: Immer mehr Unternehmen glauben an die verlockenden Zauberformeln des „Work-Life-Blending“ und hängen mit begeistertem Blick an den Lippen der Berater und Forscher, die ihnen diese versprechen.

Konsequenzen für die Unternehmen

Aber was wird passieren, wenn die Mitarbeiter nicht bereit sind, in dieser schönen, neuen „verblendeten“ Arbeitswelt mitzuspielen? Und wenn beispielsweise die Generation Z sich von Arbeitgebern fernhält, die explizit oder implizit von einem Work-Life-Blending ausgehen und ganz erstaunt sind, wenn magische Worte wie „wir haben ein flexibles Arbeitszeitsystem“ plötzlich nicht mehr ziehen?

Für Unternehmen hat dies unmittelbare Konsequenzen: Es gibt wieder klare Arbeitszeitstrukturen, und das ist weder altmodisch noch unrealisierbar. Gleichzeitig bedeutet dies bessere Planung und Organisation. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung gibt es hier umfassende Möglichkeiten, die verhindern, dass um 16:00 Uhr der Chef seinen staunenden Mitarbeitern mitteilt, dass heute (einmal wieder) zwei Stunden (mindestens!) länger gearbeitet wird. Konkret formuliert: Flexibilität darf nicht die Allzweckwaffe gegen Organisationsversagen sein und Digitalisierung nicht nur dazu dienen, in die Privatsphäre der Mitarbeiter einzudringen.

Über dieses alternative Szenario sollte man nachdenken und nicht länger den einschmeichelnd-gefährlichen und scheinbar alternativlosen Verlockungen der falschen Propheten mit ihrer pseudo-betriebswirtschaftlichen Argumentation folgen: Die Abkehr von Work-Life-Blending als kollektivem Irrweg wäre dann eine Chance für ein wirklich anderes, produktiveres und lebenswerteres New Work.

HINWEIS: Die Veröffentlichung des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von manager-magazin.demanager-magazin.de liefert täglich Wirtschaft aus erster Hand: durch Orientierung über die wichtigsten Nachrichten des Tages, Inspiration durch die Vorstellung relevanter Trends und mutiger Managerinnen und Manager – und durch den Blick auch auf die unterhaltsame Seite der Wirtschaft. Die tägliche Online-Ausgabe ergänzt das monatliche Magazin mit seinen investigativen und exklusiven Geschichten aus der Welt der Wirtschaft.

 

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