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Selbstmord auf Raten: Mein Leben mit Anorexie und mein Weg zurück

Unsere Community-Autorin hatte Anorexie. Jahrelang hat sich ihr Leben nur um ihre Waage gedreht. Mit Hilfe einer Klinik hat sie den Weg zurück ins Leben geschafft. Hier erzählt sie davon.

 

Meine Anorexie war wie ein Selbstmord auf Raten 

Im Zusammenhang mit Anorexie, oft auch als „Magersucht“ bezeichnet, gibt es immer noch viele Missverständnisse. Das beginnt schon bei der Bezeichnung „Magersucht”. Sie kann den Eindruck erwecken, es ginge allein ums Dünnsein wollen. Wie falsch diese Annahme doch ist. 

Ich habe meine magere Statur immer gehasst – und doch hat sie mir eine vermeintliche Sicherheit gegeben. Ein Trugschluss natürlich, denn letztlich ist nur eins sicher: An dieser Krankheit kann man sterben, auch wenn das viele Betroffene nicht wahrhaben wollen. Auch ich habe die Gefahr immer weggeschoben. Selbst als ich mit Magensonde und an Maschinen angeschlossen auf der Intensivstation lag, weil mein Körper irgendwann einfach keine Kraft mehr hatte. Kaum ging es mir besser habe ich munter weiter gemacht mit meinem Selbstmord auf Raten. 

Wie die Krankheit verläuft 

Warum tut jemand so etwas? Warum quält er sich selbst und zieht auch sein Umfeld mit hinein? Anorexie ist keine einsame Krankheit, denn sie findet nicht im Verborgenen statt. Die Familie muss mit ansehen, wie sich ein geliebter Mensch tagtäglich weiter, Stück für Stück, zugrunde richtet. Längst scheint der*die Betroffene jedoch unerreichbar, denn er*sie ist längst zum*zur Sklav*in ihrer Erkrankung geworden. Anorexie eine Suchterkrankung ist, die sich in vielen Fällen verselbstständigt. Die*der Erkrankte verliert die Kontrolle, gerät immer tiefer in den Sog der Magersucht und ist irgendwann so tief in ihrer*seiner eigenen Erkrankung gefangen, dass sie in ihrer ganz eigenen persönlichen Hölle lebt. 

Das Tückische ist, dass Anorexie ihr*ihm eine vermeintliche Sicherheit vermittelt, weil sie klare Regeln und Routinen vorgibt. Anorexiepatient*innen sind sehr diszipliniert, schätzen Regeln und sind zu 100 Prozent zuverlässig. Oft sind sie perfektionistisch und weichen niemals von selbst gesteckten Zielen ab. Dies trifft auf schulische oder akademische Leistungen ebenso zu wie auf familiäre Pflichten. Anorektiker*innen kümmern sich gerne aufopferungsvoll um andere. 

Was anfangs wunderbar funktioniert und die*den Betroffene*n sogar mit Stolz erfüllt, wird irgendwann zur Qual. Eine Depression ist fast unvermeidbar, die*der Patient*in zieht sich immer mehr zurück. Ein Teufelskreis aus Einsamkeit, Selbsthass und immer härteren Regeln. Die Anorexie wird umso stärker, je mehr sich die*der Erkrankte in ihre*seine eigne Welt flüchtet. Sich daraus selbst zu befreien, ist in diesem Stadium kaum noch möglich. Es ist wie in einem Labyrinth, je weiter man hineinläuft, desto unwahrscheinlicher ist es, den Ausgang zu finden. Die Verzweiflung wird größer, die Kräfte lassen nach. 

Die Angst vor dem Leben 

Unnötig zu erwähnen, dass der Zeiger der Waage in diesem Stadium immer weiter nach links wandert. Längst hat die*der Betroffene die Freude daran verloren, vielmehr hat sie*er Angst. Sterben wollen die wenigsten Anorexiepatient*innen, sie haben aber auch Angst vor dem Leben. Denn sie haben längst vergessen, was Leben eigentlich bedeutet. Sie haben regelrecht Panik vor sozialen Bindungen, sehnen sich aber insgeheim nach menschlicher Nähe und Zuwendung. So paradox es auch klingen mag. Sie hassen ihre Kraftlosigkeit, haben aber gleichzeitig Angst vor jedem Gramm mehr auf der Waage. 

Die Waage ist die einzige Konstante in einem Leben, das ansonsten so furchtbar unsicher scheint. Die*der Betroffene leidet und wünscht sich, aus ihrem*seinem eigenen Teufelskreis auszubrechen. Doch die Angst vor der Welt da draußen ist noch stärker. Was, wenn das Leben ohne die Anorexie noch schlimmer ist? Sie gibt ihr*ihm immerhin Schutz, sie ist der Panzer, der vor Angriffen von außen schützt. Was wenn die sichere Mauer einstürzt? Wer beschützt sie*ihn dann?! Ist es da nicht besser, in dieser sicheren, wenn auch düsteren Welt zu bleiben? 

Was mir geholfen hat 

Was kann das Umfeld tun, um bei einer so schweren Erkrankung zu helfen? Wenn die*der Betroffene quasi nur noch als äußere Hülle erscheint, ihr*sein Wesen verschwunden zu sein scheint? So hart es auch klingen mag, letztlich muss die*der Patient*in selbst leben wollen. Die Allermeisten entscheiden sich irgendwann für einen Klinikaufenthalt, wenn der Leidensdruck zu groß wird. Doch auch dann sind sie längst nicht gesund. Aber sie sind bereit, alte Verhaltensmuster aufzugeben. Dies ist ein langer und oft steiniger Weg. Der Weg aus einer Anorexie ist keine Einbahnstraße und oft von Rückschlägen durchzogen. In dieser Phase ist es wichtig, geduldig zu sein. Mir haben aber auch klare Worte geholfen, die wachrütteln und signalisieren, dass andere Anteil nehmen. Es ist ein schmaler Grad zwischen unterstützen und Druck. Jede Betroffene reagiert auch anders. So verschieden wir Menschen, so unterschiedlich auch die Krankheitsgeschichten. 

Für mich war es essentiell, dass meine Familie immer zu mir gestanden hat. Sie ist meine Konstante und mein sicherer Hafen. Und ich habe nach vielen Jahren einen Ort gefunden, der für mich ein zweites Zuhause geworden ist. Eine Klinik mit tollen Menschen, die mir gezeigt hat, dass ich sein kann, wie ich bin. Dass ich Fehler machen darf, weil ich aus ihnen lernen kann. Dass es okay ist, zu fallen. Und dass es nie zu spät ist, wieder aufzustehen. Dass Ehrlichkeit und Vertrauen der Schlüssel sind und das am Anfang immer eine Entscheidung stehen muss. 

Ich widme diesen Text einer langjährigen Mitpatientin, die vor einem Jahr an den Folgen der Anorexie gestorben ist. 

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