Foto: Jon Flobrant

Schweden stoppt das 6-Stunden-Tag-Experiment – eine gute Entscheidung?

Was so schön klang, ist nun schon wieder vorbei: Ende des Jahres wurde das Experiment des 6-Stunden-Arbeitstages in Göteborg, in der Pflege, gestoppt. Doch was sind die Gründe? Und ist das richtig oder zu kurzsichtig?

 

6-Stunden-Arbeitstage: Was hat das Experiment ergeben?

Bis Ende des vergangenen Jahres lief das Experiment des 6-Stunden-Arbeitstages in einem Altenheim in Göteborg, dass im Jahr 2003 durch den Autohersteller Toyota angeschoben wurde. 2015 schlossen sich dann besagtes Altenheim, ein Krankenhaus und ein Tech-Startup an. Hier wurden in der Testphase nur noch 30-Stunden statt 40-Stunden pro Woche gearbeitet, was die Motivation der Mitarbeiter fördern und einen geringeren Krankenstand bringen sollte, in dem der Stress reduziert und die Balance zwischen Privat- und Berufsleben wieder hergestellt würde. Und genau diese Effekte konnte das Altenheim auch verzeichnen und dennoch wurde das Projekt eingestellt. Warum?

Ganz einfach, erklärt Daniel Bernmar, der für die Verwaltung der Altenpflege zuständig ist, gegenüber Bloomberg: es wurde zu teuer, da durch die Reduzierung der Arbeitszeit des Einzelnen mehr Menschen eingestellt werden mussten und ein zusätzlicher finanzieller Aufwand von umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro in den zwei Jahren Experiment entstanden ist. Klingt erst einmal plausibel – und doch wirft das die Frage auf, wie viel Geld wohl auf der anderen Seite durch den niedrigeren Krankenstand sowie stärker motivierte und damit auch produktivere Mitarbeiter eingespart wurde.

Das Experiment kostet Geld, aber das lohnt sich langfristig

Auch wenn hier in zwei Jahren vielleicht kein Millionenbetrag zustande kommt, muss man vielleicht etwas langfristiger denken. Denn gerade in der Pflege, einer Branche mit Knochenjobs, können eingelernte Fachkräfte mit einer reduzierten Arbeitszeit länger im Job bleiben – damit bleiben Wissen und Erfahrung in den Häusern, die sonst verloren gehen würden. Mal abgesehen von der humanistischen Perspektive darauf, dass Menschen, die nicht komplett ausgezehrt aus dem Jobleben aussteigen, auch mehr von ihrem Lebensabend haben. Und nicht zu vergessen Menschen, die gepflegt werden, von Pflegerinnen und Pflegern profitieren, die nicht vor Stress überquellen. Zudem profitiert die Stadt davon, dass durch ein mehr an Personalaufwand auch die Arbeitslosenzahlen nach unten gehen und damit wiederum eine halbe Millionen Euro eingespart werden konnten.

Für Experimente wie jenes der verkürzten Arbeitszeit, oder auch Überlegungen zum Bedingungslosen Grundeinkommen, brauchen wir ganz sicher einen langen Atem. Aber dass wir sie machen müssen, zeigen nicht nur zahlreiche Studien zum Thema Gesundheit und Arbeit der vergangenen Jahre, sondern auch die Prognosen zur Arbeitswelt von morgen. Findet übrigens auch der Chef des Weltwirschaftsforums, Klaus Schwab, der in einem aktuellen Interview sagt: „Auch ich finde die Idee des Grundeinkommens grundsätzlich plausibel. Und ich glaube, dass die Diskussion darüber in zehn Jahren viel weiter sein wird als heute.“ 

Auch Bernmar sagt gegenüber Bloomberg, dass er an ein Modell mit reduzierter Arbeitszeit glaubt, auch wenn sich Göteborg gegen eine Fortsetzung des Experiments entschieden hat. Denn: „Je reicher wir werden, desto mehr müssen wir diesen Reichtum auf andere Weise einsetzen, als in ein neueres Auto oder mehr Konsum.“

Dass wir über neue Modelle in der Arbeitswelt ernsthaft nachdenken müssen, findet also immer größeren Konsens. Doch um wirklich weiterzukommen, brauchen wir auch Entscheider, die gewillt sind eventuell erst einmal in neue Konzepte zu investieren und langfristig zu denken. Immerhin sind diese Investitionen kein humanistischer Akt für mehr Spiel und Spaß, sondern werden sehr bald auch ökonomisch relevant und interessant sein.

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