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60 Jahre Gleichberechtigungsgesetz – woran wir noch immer scheitern

Mehr als 60 Jahre nach Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes sind wir von tatsächlicher Chancengleichheit von Männern und Frauen noch ein gutes Stück entfernt. Was muss sich ändern?

 

6 Jahrzehnte Gleichberechtigungsgesetz – eine Bilanz 

60 Jahre sind seit Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes am 1. Juli 1958 in Deutschland vergangen. Frauen und Männer sind gleichberechtigt – zumindest auf dem Papier. Denn, wie der Blick in die jüngsten Gleichstellungsberichte des Bundes und des Weltwirtschaftsforums zeigt: Wir treten seit Jahren auf der Stelle, obwohl wir auf dem Weg zu einer tatsächlichen Chancengleichheit noch einige Schritte vor uns haben. Dafür gibt es zwei Gründe:

1. Frauen werden zu viele Steine in den Weg gelegt 

Wer nicht in gleichem Umfang auf dem Arbeitsmarkt mitwirkt, spielt nicht in derselben Liga. Jede zweite Frau in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Zu wenig Unterstützung im Haushalt, zu geringe steuerliche Anreize, um früher wieder voll zu arbeiten und falsche gesellschaftliche Erwartungen an junge Mütter tragen dazu bei, dass Frauen bei Verdienst, Altersvorsorge und Rente benachteiligt sind.

2. Mehr Frauen müssen vorangehen

Unser Land wird zwar von einer Frau regiert, aber Männer dominieren die Privatwirtschaft, trotz Quoten. Es braucht Vorbilder, noch dringender aber braucht es Frauen, die den Mut haben, profitable Geschäftsideen umzusetzen, die eine positive Auswirkung auf unsere Gesellschaft haben. Ganz besonders gilt dies in der Tech-Branche, denn sie kann durch innovative Ideen die Gleichberechtigung vorantreiben.

Gefangen in der Teilzeitspirale

Fakt ist: Frauen verdienen durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer, wie das Statistische Bundesamt anlässlich des diesjährigen Equal Pay Day mitteilte. 21 Prozent – dabei handelt es sich um den europäischen nichtbereinigten Vergleichswert. Das bedeutet, dass strukturelle Unterschiede wie die Berufswahl nicht berücksichtigt werden. Der bereinigte Wert liegt immer noch bei sechs Prozent. Im Klartext verdeutlicht dieser Unterschied, dass in Berufen, in denen der Frauenanteil besonders hoch ist, schlicht zu wenig verdient wird. Frauen sind klar im Hintertreffen und haben somit gar keine echte Chance auf Gleichberechtigung. Hinzu kommt, dass 47 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten. Im Durchschnitt leisten sie dabei ein wöchentliches Arbeitspensum von 20 Stunden. Wie sollen wir so jemals die Lohnlücke schließen und zu den Männern aufschließen? Es geht dabei weniger darum, dass alle Frauen Vollzeit arbeiten müssen. Wir müssen wegkommen von dauerhaften 100/50- oder Alleinverdienner-Zuständen.

„Frauen erhalten in Deutschland im Durchschnitt nur 53 Prozent der Renteneinkommen von Männern.”

Was die Situation verkompliziert, ist das Steuer- und Abgabesystem in Deutschland. Es setzt die falschen Anreize und benachteiligt viele Frauen. Hält die Ehe bis ins Rentenalter, ist die steuerliche Benachteiligung für viele Frauen kein Problem. Jedoch werden zwei von fünf Ehen in Deutschland geschieden. Und damit verschärft sich die Situation auch noch langfristig: Frauen, die in jungen Jahren beruflich zurückstecken, verpassen Beförderungen, haben ein deutlich höheres Armutsrisiko und merklich geringere Rentenansprüche. Frauen erhalten in Deutschland im Durchschnitt nur 53 Prozent der Renteneinkommen von Männern.

Hinzu kommt: In der Regel übernehmen Frauen, zumindest vorübergehend, den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, etwa Kindererziehung oder die Pflege kranker Angehöriger. Was dazu führt, dass sie sehr viel häufiger in Teilzeit oder gar nicht arbeiten. Die bekannten Gründe: das deutsche Steuersystem – aber auch die Kinderbetreuungsstrukturen, sowohl für kleine Kinder als auch für Schulkinder, tragen dazu bei, dass eine Wiederkehr zur Vollzeit scheitert oder aufgeschoben wird. Es ist also erwiesenermaßen oft nicht die freie Wahl der Frauen, in Teilzeit oder gar nicht zu arbeiten. Vielmehr ist dieses Modell die Folge sowohl einer unzureichenden Bildungs- und Betreuungssituation als auch des langfristig nachteiligen Steuersystems. Da braucht es schon etwas mehr als nur ein Gesetz, dass das Recht auf Rückkehr in Vollzeit zusichert.

Die Stellschrauben: Eine moderne Gesetzgebung, Anerkennung für Care-Arbeit und Lohngleichheit

Was braucht es also, um diese Spirale aufzuhalten und um eines Tages tatsächlich eine reale Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen? Eine Alternative zum Ehegattensplitting! Es ist nicht mehr zeitgemäß, denn es nährt die Abhängigkeit vieler Frauen von ihren besser verdienenden Ehepartnern und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie später auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die steuerliche Benachteiligung wird für viele Frauen insbesondere dann zum Problem, wenn es zur Scheidung kommt. Die Folge: Entweder müssen die Frauen nach der Scheidung mehr arbeiten – oder es droht der Abstieg in die Armut.

Zweites Stichwort: Care-Arbeit. Diese ist schon längst mehr als nur das Private, das Familiäre. Sie ist das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Daher sollte auch eine angemessene Anrechnung der Kindererziehungszeiten oder Pflegezeiten älterer Angehöriger auf die Rente erfolgen. Oder es müssen andersherum steuerliche Anreize geschaffen werden, um Frauen wieder schneller in Beschäftigungsverhältnisse zu bringen. Gebraucht wird also das genaue Gegenteil vom Ehegattensplitting, das vielen Frauen die Entscheidung erschwert, arbeiten zu gehen. Denn nach dieser Steuerregelung müssen Frauen höhere Steuern zahlen und stehen dann entweder vor der Doppelbelastung von Job plus Care-Arbeit – da diese nach wie vor von Frauen ausgeübt wird – oder müssen mit dem verdienten Geld, von dem ihnen durch das Ehegattensplitting netto weniger bleibt, externe Hilfe zur Entlastung finanzieren. Für Familien ergibt das kurzfristig keinen Sinn.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit 

In Frankreich sind haushaltsnahe Dienstleistungen zu 50 Prozent steuerlich absetzbar – bis zu einer Obergrenze von 15.000 Euro (Geringverdiener: 1.500 Euro). Für Dienstleister*innen gilt ein reduzierter Umsatzsteuersatz von 5,5 Prozent. Das erhöht die Zahlungsbereitschaft und schafft gute Voraussetzungen für mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen im Dienstleistungssektor. Eine Win-Win-Situation. In Deutschland ist die steuerliche Situation weniger komfortabel: Wer eine*n Alltagshelfer*in anstellt, kann jährlich nur bis zu 20 Prozent bei der Steuer geltend machen und steuerlich absetzbar sind dabei nur bis zu 4.000 Euro pro Jahr. Ebenso bedarf es einer Aufwertung der Care-Berufe durch höhere Löhne in typischen Frauenberufen, um die Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern zu schließen. Noch heute verdienen Frauen im Schnitt um acht Euro weniger pro Stunde als Männer in von ihnen dominierten Berufen bei gleicher Ausbildungszeit.

Last but not least muss gelten: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Zwar ist das Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit in Deutschland bereits im Juli 2017 in Kraft getreten. Dass das Gesetz und die Pflicht zur Auskunft über den Lohn der Kolleg*innen jedoch zu mehr Lohngerechtigkeit führen wird, wird bezweifelt. Island geht mit gutem Beispiel voran und hat ein strikteres Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit eingeführt. Als erstes Land weltweit setzt Island seit dem 1. Januar 2018 gleiche Löhne für Männer und Frauen in gleicher Position durch.

Frauen an die Macht: Die Zukunft aktiv mitgestalten

Nur rund ein Viertel der Arbeitsplätze bei Apple, Google, Facebook und Microsoft ist von Frauen besetzt. Laut dem Digitalverband Bitkom sind Frauen in aufstrebenden deutschen Tech-Unternehmen noch immer deutlich in der Unterzahl. Insgesamt sicher kein typisch deutsches Phänomen. Dennoch sind gerade hier Frauen ein unterschätztes Potenzial. Ein höherer Frauenanteil in technischen Berufen führt dazu, dass Produkte und Services die weiblichen Ansprüche besser bedienen. Und setzt vor allem einen positiven Kreislauf in Gang: Das Aufbrechen der Geschlechterrollen. Frauen in der MINT-Branche motivieren nachfolgende Mädchen-Generationen, ihrem Beispiel zu folgen und sich in ihren Karriereambitionen nicht von Stereotypen ausbremsen zu lassen. Es ist wichtig und notwendig, dass Frauen genauso selbstverständlich in der Tech-Welt wahrgenommen werden wie Männer. Um mehr Frauen für Tech-Themen zu interessieren, müssen die Frauen, die schon in der Branche sind, noch sichtbarer werden, ihre eigenen Ideen vorantreiben und Vorbildrollen einnehmen. Am Ende profitieren alle von einer konsequenteren Öffnung des Tech-Boys-Club. Denn Studien belegen: Eine diversifizierte Branche performt besser, ist offener, flexibler und reaktionsschneller.

Apropos Männer: Auch sie sind nicht unbedingt glücklich mit der vorherrschenden Rollenaufteilung. Aus einer Care.com-Studie aus 2017 geht hervor, dass viele deutsche Väter bemängeln, nicht genügend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Die Mehrheit der Väter wünscht sich daher, befragt
nach familienfreundlichen Angeboten der Arbeitgeber*innen, eine verringerte Arbeitszeit (52 Prozent). Dass es nicht zwingend zwei volle Gehälter braucht, um eine Familie zu ernähren, zeigen die aktuellen Verhältnisse. Mit dem Elterngeld Plus müssen endlich gleichberechtigtere Modelle zur Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit Einzug halten – zumindest vorübergehend. Wir brauchen mehr 80/80-Partnerschaften. Hierfür spielt die Digitalisierung der Arbeitswelt eine entscheidende Rolle: Sie wirkt sich positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus. Denn wo früher noch zumeist die Mütter Care-Arbeit geleistet haben, können sich durch entsprechende Technologien und Homeoffice-Lösungen beide Elternteile ihre Arbeitszeit besser einteilen – wenn es die berufliche Tätigkeit erlaubt. Und wenn beide Geschlechter mobiles Arbeiten nutzen, können wir Stereotypen am Arbeitsplatz leichter überwinden und mehr Familienzeit ermöglichen. Allerdings stehen wir auch hier in Deutschland eher am Anfang denn mittendrin. Denn es fehlt immer noch an tragfähigen Strukturen.

Was es jetzt braucht

Die Familienpolitik in Deutschland hat schon viele Fortschritte gemacht: Kita-Ausbau, Elterngeld Plus, Recht auf Rückkehr in Vollzeit. Wenn jetzt auch noch die letzten Hürden abgebaut werden, haben wir endlich die Rahmenbedingungen, in denen Gleichberechtigung dauerhaft gelingen kann. Wenn gleichzeitig mehr Frauen Risiken eingehen, um ihre Ideen umzusetzen, ebnen sie damit den Weg zu einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft. Dann schaffen wir die letzten Meter in deutlich weniger als 60 Jahren – und zwar nicht nur auf dem Papier.

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