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Achtsamkeit? Lasst mich mit eurem Eso-Kram zufrieden!

Was gerade ein riesiges Thema ist? Achtsamkeit! Aber wer hat eigentlich Zeit für so einen esoterischen Kram? Sorry, ich sicher nicht.

 

Wann haben wir begonnen, uns zum Projekt zu machen?

Manchmal fragt man sich schon, was hier eigentlich los ist. Wann haben wir uns eigentlich so krampfhaft auf das Thema Gesundheit gestürzt, dass die Beschäftigung damit schon fast zur Religion geworden ist? Wir haben uns mittlerweile alle selbst zum Projekt erklärt und sammeln dafür unermüdlich halbseidene Informationen, die zu kruden Essentrends (Clean Eating!) und Angst vor bestimmten Lebensmitteln (Brot, Milch, Zucker!), komischen Schlafgewohnheiten (zu kurz, zu lang!) oder sportlicher Aktivität in absurden Dosen (3 Stunden, 5 Minuten!) führen. Ist das eigentlich noch gesund?

Es scheint wie der verzweifelte Versuch, sich unsterblich zu machen. Was ist denn aus der schönen, alten Haltung geworden, dass man sich auch ein wenig verschwenden muss? Früher war mehr Rock n’ Roll. Und während ich bei gesundem Essen und Sport in Maßen zumindest noch konformgehe, poppen schon die nächsten Trends auf. Zum Beispiel, die derzeit unfassbar gehypte Achtsamkeit. Und sorry, aber auch damit habe ich so meine Probleme.

Keine Zeit für „Mindfulness“

Was soll ich sagen? Ich muss bei dem Begriff sofort an leicht gebräunte Menschen in weißen Walla-Walla-Kleidern denken, die mir betont beruhigend zuraunen, wie ich atmen, mich spüren und die Welt endlich in ihrer Gesamtheit wahrnehmen soll. Nee, da bin ich einfach raus. Ich habe keine Zeit für so einen Mist, ich habe Stress. Mein Leben ist schnell und voll – und ich mag das auch so. Na gut, ich habe kleine Schlafstörungen hier, mal etwas Herzrasen da – aber ach, die Gesundheit kann auch mal Schluckauf haben. Ich geb’s zu, ich bin ein kleiner Stress-Junkie. Ich habe einfach das Gefühl, wenn der Motor richtig was leisten muss, dann läuft er auch am besten.

Und ich bin ja nicht alleine mit meinen vollen Tagen. Wo, frage ich mich, kloppen sich die Leute dann da auch noch die Achtsamkeit rein? Und ich habe ja nicht mal Familie! Bricht eine Mutter nicht lachend in Tränen aus, wenn man ihr sagt, sie solle sich doch einfach mal eine Stunde am Tag nur auf sich besinnen? Wann geht das? Wenn die Kinder 30 sind vielleicht. Nein, ich habe irgendwie eine Abneigung gegen Begriffe, die versuchen mich ganz liebevoll und zart anzulachen. Das klappt nicht. Auf mich wirkt die gewollte Zartheit eher wie eine Neon-Reklame, die mir irgendwie zu plakativ einen Stuhlkreis mit Ausgebrannten anpreisen will, die jetzt endlich zum Aussteiger werden wollen. Zu viel, zu wäh. Nicht mein Ding. Nichts für mich. Zumindest dachte ich genau das lange.

Warum das Thema Achtsamkeit sympathischer ist, als ich zunächst dachte

Denn ja, ich bin immer noch ein Stress-Junkie und ich hege noch immer Argwohn gegen Trends, die missionarisch daherkommen. Aber was bedeutet Achtsamkeit denn? Letztlich geht es darum, den Stress nicht ausarten zu lassen und die Welt um sich herum wieder wirklich wahrzunehmen. Und das ist gar nicht der Hokuspokus, den ich zunächst befürchtete hatte. Bei aller Lust am hohen Tempo, das meist mein Leben bestimmt, sitze ich abends dann eben manchmal doch da und frage mich: Kann ich mich eigentlich an einen einzigen Menschen in der Bahn erinnern? Hat das Mittagessen eigentlich geschmeckt oder hat es nur den Magen gefüllt? Was will ich jetzt eigentlich noch mal genau? Und wo ist eigentlich das letzte Jahr geblieben? Und das Traurige ist: Oft weiß ich darauf keine Antwort.

Das kann’s echt nicht sein. Und klar, den Stress, die Schnelle, die werde ich wahrscheinlich immer mögen – aber das muss ja nicht gleich lebensmüde Formen annehmen. Sich einfach mal selbst besser im Blick zu haben, seinen Körper zu kennen und seine Reaktionen deuten zu können, sich mental mal Pausen schaffen, aufzutanken, sein Essen zu genießen, statt es nur in sich abgehetzt reinzuschlingen, seine Umgebung mal wieder wahrzunehmen, statt nur auf sein Smartphone zu schauen, Pläne auch mal umzuschmeißen, wenn alles zu viel wird, auch mal nur ruhig dazusitzen, vielleicht sogar zu meditieren, was weiß ich: Alles Dinge, die ziemlich easy in den Alltag zu integrieren sind, die keinen Esoteriker aus mir machen und die mich trotzdem ein Arbeitstier sein lassen – nur eben ein gesünderes.

Nicht schlecht oder? Ja, das dachte ich mir dann auch. Und so musste ich mein Vorurteil der Achtsamkeit gegenüber schweren Herzens ablegen. Denn die Idee, sich selbst mehr in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen, ohne dabei gleich religiöse Gefühle zu bekommen, ist mir dann doch zu sympathisch. Es ist am Ende wie mit Menschen: Der erste Eindruck zählt – aber manchmal lohnt es sich, noch ein zweites Mal hinzusehen.

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