Foto: Shortys by Luise

Älterwerden ist Glück – warum ich meinen Geburtstag wieder gern feiere

Luise ist 35 geworden und hat ihren Geburtstag früher gehasst. Hier schreibt sie darüber, warum sich das geändert hat.

 

Den Geburtstag ertragen, nicht feiern

Da ich die Midlife-Crisis nicht mehr belächele, bin ich vermutlich dort angekommen.

Älterwerden konnte ich nie leiden. Bereits mit achtzehn erlebte ich meine erste Krise. Die Jugend war vorbei und ich vor dem Gesetz voll strafmündig.

Die Jahre danach ertrug ich meinen Geburtstag, feierte aber nicht. An meinem Dreißigsten flüchtete ich nach Japan. Der Runde erwischte mich brutal und schonungslos unter meinem Backpackerrucksack, mitten in Tokio.

Von wegen Achtsamkeit, Leben im Jetzt und der Schicksal-Schnick-Schnack. Fakt war:

Schnell wird das älter werden, mit dem Älterwerden.

Das, und das tiefe Verständnis für die Bedeutung der „Endlichkeit“, taten mir weh. Um dem immer größer werdenden Schmerz Einhalt zu gebieten, musste ich handeln.

Mein 35. Geburtstag war der beste Zeitpunkt. Er fiel auf einen Sonntag, wir konnten reinfeiern.

Bereits am Samstagnachmittag ging‘s los. Hatte sturmfrei. Kennt ihr das Gefühl, Mama allein zu Hause? Großartig. Über Whatsapp tauschten meine Schwester und ich unsere Outfits aus.

Mit vertrauter Stilberatung fiel die Auswahl leichter. Styling-Tipps zur Locken-Friseur holte ich mir von einer Minderjährigen auf ihrem Youtube-Kanal. Tutorial nennt man das. Wusste ich nicht. Wie haben wir das früher alles hingebracht? Auf jeden Fall mit Prosecco. Der schmeckte immer noch gleich gut. Die Locken waren für die Katz, der Alkohol für den Kater und ich aufgebrezelt wie ein Partymäuschen. Mit Lieblingsoutfit und bester Laune durfte der Abend beginnen.

Müde sind alle, aufgeben will keine

Gemeinsam mit meinen lebenslangen Freundinnen saß ich beim Italiener und genoss die letzten Stunden der 34 Jahre. Müde waren wir alle zum Dessert, aufgeben wollte keine von uns.

Mit dem Taxi fuhren wir in einen Club. „Back to the Roots”. Passender konnte das Motto nicht sein. Weil ich Geburtstagskind war, durften wir in eine VIP-Lounge. Der Türsteher führte uns hin und sagte: „Falls euch jemand stört, sagt es mir. Ich kümmere mich drum.“ Früher hätten wir das geil gefunden, heute war es lustig. Was haben wir gelacht.

Die Musik war gut, die Tanzfläche leer und ich wollte saufen. Wehe, sie werden losgelassen. Malibu pur war die Ansage. Das klebrige Zeug schmeckte und schrie nach mehr. Da ich keinen Alkohol vertrage, war ich nach dem dritten Shot sternhagelvoll.

Kurze Zeit später fegten wir Ladys wie wildgeworden über die Tanzfläche. Ein Headbanger war ein Scheiß gegen unsere Körperakrobatik.

Punkt zwölf, die Tanzfläche mittlerweile gut gefüllt, ging die Musik aus. Der DJ wollte reden.

„Wir haben ein Geburtstagskind. Luise wird 35 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch.“

Auch das noch. Die Mädels umarmten, küssten mich und gratulierten mir zum neuen Lebensjahr. Für einen Moment fühlte es sich alt an, abhauen konnte ich nicht. Hatte dann auch keine Zeit mehr, wir mussten weitertanzen.

Im Morgengrauen fuhr uns das Taxi nach Hause. Wir waren besoffen, platt und selig. Was für eine Nacht! Es war nicht wie früher, sondern wie heute. Genau das macht unsere Party zu etwas Besonderem.

Vier Tage später ging auch mein Kater. Umso reifer ich werde, umso mehr liebt er meine Gesellschaft. Ein nettes Kompliment, findet ihr nicht?

Ich habe vor drei Wochen mit dem Rauchen aufgehört. Am liebsten würde ich eine Friedenspfeife mit dem Alter rauchen. Das lass ich lieber und widme meine Energie einem Resümee:

Mein Geburtstag war ein Genuss. Das fühlt sich gut an.

Ich feiere, weil ich wieder ein Jahr gesund und glücklich leben durfte. Wenn ich das mit solch feinen Menschen zelebrieren darf, kann ich den nächsten kaum erwarten.

Vielleicht lag ich die Jahre davor falsch. Ab jetzt mache ich es richtig.

Erkenntnisreiche Grüße,

Eure Luise


Dieser Text erschien im Oktober auf Luises Blog Shortys by Luise. Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht.


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