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Die angepasste Generation: Sei authentisch, aber bitte nicht zu sehr!

Unternehmen wollen individuelle Bewerber. Authentisch sein ist ein Muss. Aber stimmt das eigentlich?

 

Mein unseriöses Vorhaben

Dienstag, 9. August 2016. Nach mehr als drei Jahren habe ich mich dazu entschlossen, meine Idee von einem Tattoo endlich in die Tat umzusetzen. So ging ich also vollkommen überzeugt und euphorisch ins Tattoo-Studio um mich beraten zu lassen und wollte direkt einen Termin ausmachen. Ich stellte der Tätowiererin meine Idee von dem Motiv an meinem Handgelenk vor. Während der Beratung allerdings stellte ich fest, dass die Dame selbst gar keine Tattoos an Hand und Armen hatte. Das fand ich komisch und sprach sie darauf an. Ihre Antwort: „Ich habe noch einen zweiten, einen seriösen Job.“ Wie jetzt?  

Alles steht unter dem Stern der Individualität und Kreativität, es ist 2016 in Berlin und ein Tattoo ist noch immer nicht in unserer Gesellschaft akzeptiert und wird als „unseriös“ angesehen?
Zugegeben, die erste Tattoo-Welle der „Arschgeweihe“ habe ich (Gott sei Dank) verpasst, da ich damals noch zu jung war. Ich fand das damals auch nicht sonderlich hübsch und meine Eltern hätten auch rechtzeitig eingegriffen. Die zweite Welle der Blümchen und Schmetterlinge habe ich dann auch verpasst, da ich damals gemodelt habe und sämtliche Veränderungen an meinem Körper nicht erlaubt waren. Generell gehörte ich aber sowieso nie zu den Rebellen, die krass auf ihre Individualität pochten, indem sie sich besonders verrückt kleideten, Piercings stechen oder eben Tatottos machen lassen. Ein Tattoo fand ich auch eigentlich nie sonderlich spannend (an mir), dachte mir aber, wenn doch, dann gut überlegt und etwas Persönliches. 2016 war der Moment gekommen, ich hatte mein Motiv, meinen Spruch und die Stelle gefunden. Ein kleines, filigranes Dreieck, mit einem eingearbeiteten Spruch „be bold“ soll nun bald die Innenseite meines Handgelenks zieren. 

Ja, der eine oder andere mag denken, so ein grafischer Hipster-Kram. Mhm, mag sein. Wer mich allerdings kennt, weiß, dass ich für Design und Schönes schon immer viel übrig hatte. Den Spruch kann man mögen oder eben nicht. Mir egal. Denn darum geht es ja nicht. Für mich stellt das Tattoo viel mehr dar als nur ein modisches Stament. Es steht für eine neue Phase in meinem Leben, einen neuen Aufbruch, für meine eigene Authentizität, Originalität und Ehrlichkeit mit mir selbst. „Be bold“ steht für mich für das Über-den-eigenen-Schatten-Springen, die Komfortzone verlassen und dafür, Initiative zu ergreifen. Somit hat es für mich also einen tieferen Sinn. Aber, auch wenn es keinen Sinn ergibt, sondern nur der Zierde dient, who cares? Ich nicht! Ok, wenn man als Model arbeitet sind Tattoos tabu, das verstehe ich, da man dort seinen Körper mit verkauft. Auch das man sich über die Stelle vorher Gedanken macht und eventuell keine wählt, die direkt ins Auge springt, bevor ich überhaupt den Namen von jemanden kenne, ok! Da gehe ich mit! 

Warum aber scheint das Tattoo dann noch immer ein Problem zu sein? Die Tätowiererin riet mir davon ab, wenn ich denn auch einen seriösen Job hätte. Ich habe eineinhalb Jahre bei einem Wirtschaftsprüfer gearbeitet und plane in naher Zukunft vielleicht auch, meine politische Karriere zu vertiefen. Ist das ein Berufsweg, den man als seriös beschreibt?

Was heißt denn eigentlich seriös?

In meinen Augen heißt seriös sein vor allem, zu 100 Prozent man selbst zu sein. Meine Gedanken, meine Stimme, mein Aussehen, mein Auftreten. Ich war noch nie ein Fan von aufgesetztem Verhalten, Blendern und Leuten, die keine eigene Meinung haben und sich je nach Gemütslage und Kontext anpassen. Warum darf ich also mein Inneres nicht nach außen tragen? Wir wollen alle individuell sein, nach außen aber bilden wir einen konformen Einheitsbrei. Komischerweise sind falsche Wimpern, gemachte Augenbrauen, künstliche Fingernägel und Absatzschuhe bei Frauen durchaus akzeptiert, übrigens vor allem in der Businesswelt! Ja, eine weiße Bluse und ein schwarzer Blazer wirken seriös, weil sie dafür sorgen, dass wir einen Menschen erst einmal fachlich und dann vielleicht persönlich kennenlernen. Aber passt dieses Denken noch zum „neuen Arbeiten“ im Jahr 2016? Wollen wir nicht Menschen in den Unternehmen, die durch eine besondere Gabe, Kompetenz, Wissen, Charakterzug etc. herausstechen, damit einzigartig sind und das Unternehmen erkennbar machen?  Stellt ein dezentes, ästhetisches Tattoo, mit einer persönlichen Bedeutung, welches zur Not auch unter einer langen Bluse verschwinden könnte, diese Kompetenz, Gabe, Erfahrung von mir in Frage? Und wie war das noch gleich mit Diversität?

Spießigkeit 2.0 – das wahre Problem der Gen-Y 

Wir sprechen jeden Tag von Individualisierung und präsentieren uns als aufmüpfige Generation. Wir geben vor, cooler zu sein als unsere Elterngeneration und lauter als die Hippies der 70er, aber sind wir das wirklich? Ich sage nein! Ein Aufschrei bei einem Tattoo kann nur bedeuten, dass wir mindestens genauso spießig sind wie auch schon Generationen vor uns. 

Und der jungen Generation fehlt leider auch oft das Engagement.Wie viele von uns setzen sich denn noch mit Herz und Leidenschaft für ein Thema ein? Sind Teil einer Gewerkschaft, eines Vereins, einer Partei? Stattdessen ist jeder nur mit sich und seiner Selbstoptimierung beschäftigt. Die wir uns übrigens nur leisten können, weil wir eine verwöhnte Generation sind. Wir mussten weder für unsere Rechte kämpfen, noch für politische Partizipation. Solidarität und gesellschaftliches Interesse scheinen für viele meiner Generation Fremdwörter zu sein. Statt Auto, Haus und Boot, hat man jetzt Bali-Urlaub, Smartphone und Designer-Pullover. In meinen Augen, sind wir damit nicht weniger spießig als unsere Eltern, nur eben getarnt in coolen Hipster-Klamotten und zwischen tausend Auslandsaufenthalten. 

Versteht mich nicht falsch, ich habe absolut nichts gegen Spießer. Im Gegenteil, ich würde mich sogar in vielen Teilen meines Lebens auch als solchen bezeichnen. Ich träume von einem Gartenhäuschen im Grünen, trage Perlenohrringe zu besonderen Anlässen und hasse es, mich Zuhause auf die Couch zu setzen mit der gleichen Hose, mit der ich zuvor in der S- oder U-Bahn saß. Unter der Woche poche ich auf meine Ruhezeiten von 22 bis 6 Uhr, und Sonntag wird gerne Tatort im heimisches Wohnzimmer geschaut. Was mich aber stört ist, dass wir die Kompetenzen unserer Mitmenschen darauf reduzieren, welchen Lebensweg, welchen Lifestyle sie für sich gewählt haben. Globalisierung und Digitalisierung erlauben uns doch eigentlich bunter denn je zu sein, eine Gesellschaft zu sein, die mehr Interessen, Themen und Hobbys verfolgt als je eine andere zuvor. Und dennoch scheint es, als ob wir am Ende doch alle den gleichen Instagram-Filter über unser Leben setzten. 

Endlich unterschiedlich sein – ohne ausgegrenzt zu werden

So richtig weiß ich jetzt gar nicht mehr, ob ich mich noch immer über die Tatsache ärgere, dass Tattoos nach wie vor einen Schmuddel-Charakter haben, oder aber eigentlich darüber, dass ich mich einer Generation zuordnen muss, die selbstgefällig ist, Demokratie und Recht für selbstverständlich nimmt und gesellschaftlich faul unterwegs ist. Mich nervt es, dass nicht jeder so sein kann wie er mag, auch in 2016 nicht. Soll doch jeder lieben wen oder was er will, Fleisch essen oder vegan sein, Hip Hop oder Electro hören. Tolerant und offen sein heißt vor allem, den anderen zu akzeptieren und zu respektieren. Statt immer direkt alles bei anderen abzulehnen, weil man es vielleicht selbst nie machen würde, es nicht zum eigenen Leben passt, sollten wir lieber versuchen, den Mensch in seiner Gesamtheit zu sehen, Interesse und Verständnis für sein Leben zeigen.

Solange wir Individualität nur als Mode verstanden haben, nicht aber als ehrliches Konzept leben, erscheint mir diese ganze Coolness meiner Generation heuchlerisch. Zeigen wir doch mal, dass wir genauso mutig sind wie unsere Großeltern und Eltern, Mauern einreißen und für Rechte auf die Straßen gehen können. Wir wiegen uns in einer Sicherheit, die wir als selbstverständlich sehen. Auf der einen Seite wollen wir alles besser machen und verändern, auf der anderen Seite verfolgen wir aber noch immer die gleichen Denkmuster, wie viele vor uns auch. 

Seriosität bedeutet meiner Meinung nach Authentizität. Ich sage ja nicht, dass wir uns alle tätowieren lassen müssen (wirklich nicht!). Mein Wunsch an meine Generation: Löst euch von diesen alten Denkmustern, reduziert Menschen nicht nur auf ihr Äußeres und unterstützt eure Mitmenschen in der Entfaltung ihrer Individualität. 

Falls mich jetzt kein Unternehmen mehr einstellen möchte, dann ist das leider so. Ich aber möchte ohnehin lieber durch meine Kompetenz, Erfahrung und Persönlichkeit überzeugen. Ich möchte eine Beziehung mit meinem Job eingehen, die zu 100 Prozent auf Ehrlichkeit und Authentizität beruht. Und dazu gehört dann auch meine Tätowierung.


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