Foto: Bettina Görwitz

Die Gluckenmutter und ihr Weichei-Kind

Überall sind sie, die überbehütenden Übermuttis, die ihre Kinder zu Weicheiern erziehen. Und nach Jahren des babyfreundlich-realitätsfernen Heititeis sind diese Mütter auch verweichlicht, auch weltfremd. Der Teufelskreis eines selbst auferlegten Sozialexperiments.

 

Das tragische Schicksal des Weicheikindes

Kürzlich beim Fußballtraining der Siebenjährigen. Ein Junge, wir nennen
ihn „Max“ – in Wahrheit hat er einen ochsenknechtmäßigen
Trend-Doppelvornamen, der auch eine Farbe beinhaltet – rennt aufgelöst
auf mich zu. „Der Leopold hat mir meine Jacke weggenommen und einfach
woanders hingetan!“ Der Leopold ist mein Sohn. Ich hielt es mit den
Namen eher konservativ. Die Jacke lag mittlerweile hinter dem Tor, der
Trainer schimpfte bereits meinen Sohn. Ich antwortete „Regel das selbst!
Hol sie dir wieder oder nimm Leopold seine Jacke weg.“

Ich fand das
geradezu salomonisch gelöst…Etwa eine Stunde später erhielt ich einen
empörten Anruf: Max‘ Mutter. Max sei noch immer sehr unglücklich,
dass ich ihm nicht seine Jacke aus den Händen meines Sohnes (der
übrigens drakonische Strafen verdient hätte) geholt habe. Er hatte das
Gefühl, ich würde ihn und seine Belange im Moment der an mich gerichteten
Beschwerde
nicht ernst nehmen. Kurze Überlegung meinerseits: Welch ein
schlaues Kerlchen! In der Tat, ich habe es nicht ernst genommen. Und ja –
ich finde, er hätte sich selbst drum kümmern müssen… Er ist ein Weichei.

Erfolg- und zeitversprechende Erziehungsmethoden

Mein Vater sagte: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Und gepetzt wird
nicht!“ Er hat drei Töchter – möglicherweise ist dieser für ihn
ungewöhnlich religiöse Ausspruch auch dem Umstand geschuldet, dass er
sich schlichtweg nicht um Schwestern-Streitigkeiten kümmern wollte. Also
haben wir uns selbst darum gekümmert. Ich führe das bei meinen Kindern
fort: Ich habe einfach weder Zeit noch Lust, mich mit weggenommenen
Lego-Steinen zu beschäftigen. Ein brüderlicher Streit (Streit, nicht
Kampf – wir sind ja keine Wilden!) zeigt: Nur der, der sich durchsetzt,  ist der Sieger. Er hat für sein Recht/seine Idee/sein Vorhaben/seinen Legostein gekämpft  und es am Ende bekommen. Der eine gewinnt, der andere eben nicht. 

Wichtig ist, zu versuchen zu gewinnen. Nicht unterbuttern lassen. Für
sich selbst einstehen. „Das Risiko des Scheiterns gehört mit zum Leben.“ Das sagt Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbands und Autor des Buchs „Helikopter-Eltern.
Schluss mit Förderwahn und Verwöhnen
“. Meine Kinder kennen das Gewinnen
aus eigener Kraft genauso wie das blöde Scheitern; sie sind also
gewappnet für’s Leben und ausgerüstet im Wettbewerb mit den nach-Mami-schreienden Petzen.

Übermotivierte Übermuttis stören bei der Ostereiersuche, in der Uni-Beratung
sowie im Bewerbungsgespräch des Juniors, wo sie das Gehalt für ihr
Premiumkind aushandeln. Für das perfekte Kind einmal perfekte Welt
bitte…es sind karikatureske Beobachtungen, die in der
3sat-Dokumentation „Generation Weichei“ gezeigt werden.

Der Weichei-Teufelskreis der Mütter

Jeder kennt die stereotypische Mütter der überbehüteten
Weichei-Kinder: die gelangweilte Alleinerziehende, die außer dem Kind
keine Aufgabe hat, die spätgebärende Ex-Unternehmensberaterin, deren Kind
ein erfolgreiches Projekt werden muss, die
Erziehungsratgeber-verschlingende Kunsthistorikerin, die sich bewusst
für ein Einzelkind entschieden hat. Sie schaffen eine utopische Insel
der Glückseligkeit, ohne Wettbewerb, ohne Streit, wahrscheinlich ohne
Fleischkonsum – sicherlich ohne Realität. Und sind am Ende selbst total
überrascht, wenn sie sich – nach gelungener Abnabelung des Kindes durch
Krippenstart oder Volljährigkeit – in der bösen Wirklichkeit ohne
Weichzeichner und ohne von Keimen befreiendem Windelfeuchttuch
wiederfinden.

Denn nach Jahren voller Heititei und „Das ist NICHT Deine
Schuld!“ und „Das hast du super-primi-mega-toll gemacht!“ haben sich
diese Mütter ebenfalls verwandelt: in Weichei-Frauen…Und reagieren
schockiert, dass man für „Haben“ auch in irgendeiner Form „Geben“ oder
„Tun“ muss. Hat sich Super-Mutti entschlossen, statt „doch irgendetwas mit Kindern oder einen neuen netten Blog zu machen, wieder in ihren alten Job zurückzukehren, ist das schwierig. Für alle. Der Wiedereinstig in das Berufsleben ist eine Konfrontation mit der unschönen Wahrheit. Es wird hart verhandelt statt lieb verwöhnt. Und nun schmeißen Sätze wie „Das ist eine schlechte Leistung von Ihnen. Wir haben hier nun andere Standards Mutti vollends aus der Bahn. Nun schließt sich der Kreis: Mutter und Kind sind nur bedingt auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar, weil nicht belastbar. Die Helikopter-Eltern sind abgestürzt. Samt ihrer Zukunft.

„Überbehütung…ist ein Sozialexperiment bei dem die Folgen noch nicht absehbar sind.“//aus der Dokumentation „Generation Weichei“

Besagte Mutter von „Max“ verstand in oben erwähntem Telefonat im
Übrigen auch nicht meine Aversion gegen das Petzen jeder Kleinigkeit und
raunte mir leise zu: „Also ich finde das ganz ganz toll, dass mein Sohn
immer zu mir kommt und mir sagt, wenn ihn jemand geärgert hat. Das
zeigt doch, dass er Vertrauen in mich hat.“ Ja prima! Ich möchte, dass
mir mein Sohn etwas anderes zeigt: dass er Vertrauen in sich selbst hat!

Dieser Text erschien zuerst auf Bettinas Blog „Mami und Gör . Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht.

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