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War es doch ein Fehler, mein Studium abzubrechen?

Welcher Weg führt an mein persönliches Ziel? Und sollte ich auf diesem immer funktionieren und möglichst nicht nach links und rechts sehen? Naemi plädiert für etwas mehr Mut.

 

Habe ich mir mit meiner Entscheidung, mein Studium abzubrechen, selbst ein Bein gestellt?

Nun
ja, diese Frage stelle ich mir. Zumindest hin und wieder. Wenn es gerade gut
läuft, seltener. Wenn es darum geht, mich an eine Bewerbung zu setzen, schon öfter.
Denn beim Lesen der Ausschreibungen prasselt jedes Mal eine Flut an Anforderungen auf mich ein, die mich ernsthaft fragen lässt, ob es wohl den
perfekten Menschen gibt, der all das erfüllt?

Ehrgeizig,
aber kollegial. Kontaktfreudig, team-, zielgruppen- und gemeinhin
natürlich auch zielorientiert. Kommunikativ. Aber nicht geschwätzig.
Abgeschlossen studiert und mehrjährig berufserfahren. In diesem Fall
ist mehr immer besser! Sympathisch, gut aussehend, gut gelaunt,
kritisch, aber nicht zu kritisch, stressresistent, konzeptuell denkend.
Gerne auch vielseitig und flexibel. Aber bitte zusätzlich mit ganz
speziellen Fachkenntnissen. Offen, entschlossen in der
Entscheidungsfindung, kompromissfähig und konsequent. Loyal und frei.
Einfühlend-distanziert. Kurz um: das bin ich nicht. Jedenfalls nicht
alles gleichzeitig. Letzendlich bin ich ja auch nur ein Mensch.

Gibt es nur den einen richtigen Weg?

Ich
habe insgesamt neun Jahre studiert. Immer das, was mich wirklich
interessierte: Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, vor Zivilrecht, kurz
auch Religionswissenschaft und danach Architektur. Wie passt das
zusammen? Diese Frage habe ich während dieser Zeit immer wieder gehört
und mich immer wieder sehr über diese Frage gewundert.

Denn ist es nicht
so, dass alles dich und mich tangiert und betrifft und somit alles
irgendwie zusammengehört? Schließlich sind doch alle Disziplinen, Studiengänge, Fächer und
Berufsfelder irgendwie miteinander verbunden und können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden – mehr
noch, sie müssen sogar als zusammenhängend betrachtet werden, denn all
diese betreffen zuletzt uns als Menschen in dieser Welt.

Es ist traurig, dass das die Wenigsten von uns wahrnehmen. Das Gros sieht einen vorgegebenen Weg und meint zu wissen, dass dieser eine
Weg nur auf eine bestimmte Art und Weise zum Ziel führt. Dass aber
gerade das Wissen vieler Wege, Ideen, Meinungen und Möglichkeiten den
Horizont immens erweitert und eine unheimliche Stärke bedeutet, dessen
sind sich, meines Erachtens, die wenigsten bewusst. Und so mutieren
Menschen zu Gefangenen ihres eigens auferlegten Tunnelblicks. Und
vielleicht auch jene, der auferlegten Perfektion und dem Wunsch, möglichst schnell an das
vermeintlich sichere Ziel zu kommen.

Wo lerne ich, was wichtig ist?

Ich
denke, das Studium ist eine Möglichkeit, mit der man sich vor allem
Informationen aneignet. Aber auch eine, um  sich jede Menge Soft Skills zu erarbeiten, wie
Disziplin, Teamwork, Rhetorik, Selbstmanagement, Kommunikation,
Kritikfähigkeit oder Belastbarkeit. Aber Offenheit? Eigenständigkeit?
Selbstsicherheit? Mut? Was ist mir ganz persönlich in meinem Leben
wichtig?

Diese Fragen spielen in diesem Rahmen doch eher eine
untergeordnete Rolle. Denn das Studium ist darauf ausgelegt, dass
man fortlaufend Leistungen erbringt, am besten sehr gute. Hat man diese
absolviert, hakt man sie ab. Erledigt! Und das möglichst in der
Regelstudienzeit, dann gilt man als fleißig und diszipliniert. Bald hält
man dann das Blatt Papier mit dem Titel Abschluss in den Händen. Aber
ist man dann „fertig“ und „gut genug“ geignet für den Kampf im Bewerbungsdschungel? 

Suche nach deiner Leidenschaft für ein bestimmtes Thema

Ich
bin der Meinung, viele Anteile davon sind durchaus wichtig. Und wer die Möglichkeit
hat, an einer Universität zu studieren, kann sich glücklich schätzen.
Wer die Möglichkeit hat, ein Handwerk zu erlernen, aber ebenso. Ich bin überzeugt, dass es bei der Suche nach dem Weg für sich vor allem um eine innere Kraft und Leidenschaft für ein
bestimmtes Thema geht.

Jeder ist ein ganz individueller Mensch und bringt die
unterschiedlichsten Fähigkeiten, Talente und Interessen mit. Zum Glück!
Wie trist wäre sonst das Dasein auf dieser runden Kugel, auf der wir leben?
Gleichzeitig bedeutet das, dass jeder Mensch individuelle Anforderungen
und Wünsche an das Leben mitbringt. Und sich selbst Fragen stellen und beantworten muss, wie: Wer bin ich? Was erwarte
ich von meinem Leben? Was möchte ich gesehen haben? Wer ist mir
wichtig? Was bin ich mir wert? Wie möchte ich leben und wie möchte ich
sterben?

Der Weg ist das Ziel

Diese Fragen zu
verfolgen und selbstsicher und ehrlich zu beantworten, das könnte ja
auch ein Ziel sein. Mein Lebenslauf war und ist nicht gerade der
geradeste Lebensweg. Doch warum habe ich immerzu das Gefühl, mich
erklären und dafür rechtfertigen zu müssen? Bin ich das selbst? Sind es
familäre Gründe? Oder doch gesellschaftliche? Wäre es doch „besser“
gewesen, sich für den einen Weg entschieden zu haben?

Meine
Unizeit habe ich vorzeitig abgeschlossen mit der Entscheidung, dass ich mich gut
gewappnet für die nächsten Schritte und das danach kommende Leben fühle.
Und Lust darauf habe! Ausgelernt haben möchte ich nicht. Denn ich glaube
daran, dass jeder Mensch die Chance hat, sein ganzes Leben lang zu
lernen und für sich zu entscheiden, was richtig ist und was sich gut
anfühlt. Ich möchte meinen Weg eben frei von diesen antrainierten
Erwartungen, auferlegten Normen und diffusen Ängsten gehen. Und genau
das bedeutet für mich Freiheit. Und diesem Wunsch versuche ich mich
mutig in die Arme zu schmeißen.

Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Habe
ich mir nun selbst ein Bein gestellt? Nein. Ich werde mich auch noch
mit 80 Jahren für diesen, meinen ungeraden Lebensweg entscheiden. Denn:
Der Weg ist das Ziel. Und am Ende macht
dich dein Weg zu dem Menschen, der du bist!

Hinweis: Dieser Artikel wurde zuerst auf dem Blog Studienabbrecherin veröffentlicht. 

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