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Eine Liebeserklärung an die Komfortzone – es ist okay, nicht über sich hinauszuwachsen

Erfolg von jetzt auf gleich. Tausende Coaches tummeln sich im Netz und versprechen dir den Durchbruch. Das verunsichert. Ist es denn nicht in Ordnung, das Leben in seinem eigenen Tempo zu leben?

 

Muss man seine Angst überwinden?

Ich schau mir oft und gerne YouTube-Filme passionierter Kletterer an. Wie sie an einem Finger am Abgrund hängen und es dabei noch schaffen, in die Kamera zu grinsen. Wie sie behände und flink, einen Zug nach dem anderen, die Felswände erklimmen. Mich begeistert die Wendigkeit, die mentale Stärke, der Fokus, das unglaubliche Körpergefühl, das solche Menschen in sich tragen. Es fasziniert mich, wozu ein Mensch fähig ist, wenn er wirklich will. „Grenzen setzt man sich im Kopf”, heißt es. Das suggerieren tausende Ratgeber, Coaches und Bücher, die zum positiven Denken anregen. Das stimmt, natürlich. Warum reicht es mir dann trotzdem, diesen Freeclimbern „nur” zuzusehen? Setz ich da meine Grenzen zu niedrig? Wag ich mich zu wenig ans Limit? Ich klettere ja gerne – aber eben gesichert. 

Ich mag meine Komfortzone. Darf ich mir eingestehen, dass ich beim Klettern (und auch sonst im Leben) dieses Quäntchen „Komfortzone” brauche? Dieses Vertrauen, dass ich mich da bewege, wo ich mich gut fühle. Denn, das Gefühl, das mich befällt, wenn ich Menschen ohne Seil am Fels sehe, hat für mich mit „Glücksgefühl” so gar nichts gemeinsam. Es ist eher diese einzigartige Mischung aus Abscheu und Faszination. Wie die klaffende Wunde, die man anstarrt, weil man den Blick einfach nicht abwenden kann. Meine Schweisshände sprechen ihre eigene Sprache. Mein rasender Pulsschlag, der mir verrät, dass ich da nicht sein möchte. Einfach, weil es nicht dem entspricht, was mich im Moment glücklich macht.

Sind Grenzen nicht auch etwas Gutes?

Bin ich draußen unterwegs, geht es mir nicht um den Kick, die Leistung. Sondern schlicht und einfach um das Gefühl, im Einklang mit der Umgebung zu sein. In meinem Tempo die glasklare und atemberaubende Schönheit der Natur aufzusaugen. Natürlich, ich fordere mich gerne. Und lote Grenzen aus. Ich mag es, wenn mein Puls in die Höhe schnellt und ich auch mal etwas zittrig im Fels stehe. Doch inzwischen hab ich gelernt zu akzeptieren, dass meine eigenen Grenzen auf ihrem ganz eigenen Level sein dürfen. 

Das kann sogar täglich variieren. Und es ist völlig ok, sich seine Grenzen selbst zu setzen. Es hilft nichts, wenn dir jemand sagt, dass Freeclimbing voll geil ist und das ultimative Glücksgefühl mit sich bringt, wenn du dir alleine beim Gedanken daran schon fast in die Hose machst. Außer du siehst ganz klar das Ziel vor Augen, spürst, dass du trotz allem Respekt deine Befriedigung in der Grenzüberschreitung finden wirst. Dann kannst du dir den Mut, step by step erarbeiten, über viele Jahre hinweg.

Umgeben von Grenzgängern?

Und so ist es auch im Leben. Wenn man sich umhört, ist man von erfolgreichen, schönen, wahnsinnig glücklichen Menschen umgeben. Menschen, die ihr Leben mit Leichtigkeit meistern und immer auf der Sonnenseite stehen. Menschen, die dir suggerieren, dass es ganz einfach ist, Erfolg zu haben und alles zu erreichen, was du dir wünscht. Erfolg quasi über Nacht, wird oft versprochen, aber ist das auch realistisch? 

Mich setzen diese Aussagen, die Vergleiche, die ich mit anderen mache, manchmal unter Druck. Denn jeder Mensch hat einen anderen Weg und jeder soll für sich selbst herausfinden, in welchem Tempo er vorwärts gehen will und kann. Grenzen setzt sich nämlich jeder selbst.

Welches Tempo ist mein Tempo?

Es ist schwierig, in einer von Erfolg und Leistung strotzenden Gesellschaft auch mal Schwäche zu zeigen. Sich hinzustellen und zu sagen: „Nee du, das will ich nicht, das kann ich nicht. Das ist mir zu viel.” Sich eingestehen dürfen, dass man in gewissen Momenten einen Schritt zurück macht. Vielleicht einfach, um Anlauf zu holen und zum großen Sprung anzusetzen. Denn so ist das Leben. Manchmal braucht es Jahre, um sich zu trauen. 

Kein Kletterer erreicht in einem Tag, in einem Jahr eine 7a oder mehr. Jahrelanges Training, akribisches Feilen und Justieren stecken dahinter. Man muss sich seiner Leidenschaft voll hingeben und darf die Freude nie verlieren. Immer das Große Ganze im Blick behalten, um mit genügend Selbstliebe den Weg zu verändern. Und wenns nötig ist, sich immer wieder Ruhepausen zu gönnen. Dann kann es so kommen, wie ein berühmter Mann einmal sagte. „Ich brauchte über dreißig Jahre, um über Nacht berühmt zu werden.“ Wer weiss, vielleicht werd auch ich mal zum Freeclimber, in dreissig Jahren, über Nacht.

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