Foto: Eva Baales

Joy Denalane: „Ich kann es aushalten, nicht jedem zu gefallen“

Am 3. März erscheint mit „Gleisdreieck“ das neue Album von Joy Denalane. Wir haben mit ihr über die Platte, ihre Liebe zum Hip Hop und das Aufwachsen in Berlin gesprochen.

 

„Mit meinem neuen Album will ich meine Liebe zum Hip Hop offiziell machen“

Das Gleisdreieck, sagt Joy Denalane, ist ein Unort – und doch verbindet sie viel mit ihm, denn genau hier ist die Berlinerin aufgewachsen. Kein Wunder also, dass sie ihrem neuen Album, auf dem sie der Frage nachgeht, wer sie ist und wo sie herkommt, genau diesen Namen gegeben hat. Wir haben mit der Königin des deutschsprachigen Soul über ihre Kindheit, die Liebe zu Hip Hop und darüber gesprochen, warum es so wichtig ist, sich selbst nicht immer so wahnsinnig wichtig zu nehmen.

Du bist am Gleisdreieck aufgewachsen. Was ist deine eindrucksvollste Erinnerung an die Tage damals?

„Wenn ich an meine Kindheit am Gleisdreieck denke, kommt mir sofort unser Hof vor dem Haus in den Sinn. Bei uns gab es unheimlich viele Kinder und im Sommer war es extrem voll. Auf dem Hof gab es einen Mini-Spielplatz, mit Sandkasten für die Kleinen und Wippe und Schaukel für die etwas größeren Kinder. Die Mütter und Väter saßen entspannt auf Bänken und haben aufgepasst. Daran denke ich oft und auch gerne zurück.“

Du kehrst mit dem Album zurück zu dir selbst in jungen Jahren und thematisierst auch Wurzeln im Allgemeinen. Warum war dir das jetzt wichtig?

„Mit dem Gefühl von Heimat oder Zugehörigkeit beschäftige ich mich ja immer schon. Das findet immer einen Platz auf meinen Alben, weil es einfach ein Lebensthema ist. Auch wenn es keines ist, das ich mir selbst ausgesucht habe – es wurde mir von außen auferlegt. Ich habe sehr früh festgestellt, dass ich anders aussehe als die meisten, aber das habe ich selbst erstmal nicht gewertet, das war halt so. Aber irgendwann gab es dazu von anderen Fragen und auch eine Bewertung dessen, und so wurde das Teil meiner Lebensgeschichte. Darüber denke ich nicht permanent nach, aber es ist ein Teil von mir und es hat mich geprägt – in meiner Art mich zu bewegen und in Kommunikation mit anderen zu treten.“

Foto: Eva Baales

Bist du jemand, der diesen Rückbezug zu sich selbst braucht, um nach vorne blicken zu können? Oder eher jemand der einfach losfliegt und nicht mehr viel zurückschaut?

„Natürlich kann man einfach, ohne einen Blick zurück, weitergehen im Alltag. Das macht vieles einfacher. Und doch hängt eben auch alles miteinander zusammen. Der Titel ‚Gleisdreieck’ stand auch nicht von Beginn an fest, sondern ist mir quasi zugeflogen als ich die Songs für das Album bereits fertig hatte und eines Morgens mit der U-Bahn am Gleisdreieck vorbeigefahren bin. Ich las diesen Namen und plötzlich taten sich Bilder vor mir auf. Denn es ist natürlich einerseits der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, aber man kann Gleisdreieck auch als poetisches Bild verstehen – als Bahnhof, an dem man um- und aussteigt, sich begegnet und verabschiedet oder auch als Gabelung.

Auf Gabelungen stoßen wir im Leben permanent, mehrmals täglich: Wie mache ich das heute, wie reagiere ich, was nehme ich mir vor? Das Gleisdreieck hat also für mich ganz vieles abgedeckt, meine frühkindliche Prägung, und wenn man so möchte, ein kleines Stück Nostalgie – obwohl ich mich überhaupt nicht als nostalgisch beschreiben würde.“

Hast du manchmal an den Gleisen am Gleisdreieck gestanden und dir gewünscht einfach wegzureisen?

„Nein, ich stand nicht direkt an den Gleisen. Aber dieser Ort, von dem ich komme, das ist kein schöner Ort. Es ist vielmehr ein Unort, mitten in der Stadt. Auch als die Mauer noch stand lag er trotzdem recht zentral, unweit vom Ku’damm und unweit von Kreuzberg 36, aber vielE Attraktionen gab es dort nicht. Und ich habe mir als Kind schon gedacht: Hier will ich nicht bleiben.
Und das wurde mir noch bewusster als ich dann aufs Gymnasium in Steglitz kam. Steglitz hat mich zwar nicht interessiert, aber ich habe über den Tellerrand hinausgeschaut. Ich war auf einmal nicht mehr nur die vom Gleisdreieck, die sich in ihrem überschaubaren Radius bewegt, sondern ich hatte auf einmal einen Blick nach draußen gewonnen. Und der zeigte mir: Hier will ich nicht alt werden.“

Aber aus Berlin wegzugehen war kein Thema?

„Nein, ich wollte eigentlich nie aus Berlin weg – obwohl ich damals Amerika wahnsinnig spannend fand. New York wäre wahrscheinlich etwas für mich gewesen, das war in meiner Vorstellung einfach die ultimative Großstadt. Außerdem war Amerika das Land des Hip Hop, der Sneaker, es hat mir einfach einen Lifestyle vermittelt, den ich erstrebenswert fand. Aber so richtig weg wollte ich nicht aus Berlin.“

Du hast einige Features auf dem Album, nach welchen Kriterien hast du dir die Künstler ausgesucht?

„Nach Geschmack (lacht). Ahzumjot habe ich lange aus der Ferne beobachtet. Irgendwann habe ich mir seinen Kontakt besorgt und gefragt, ob er nicht mal im Studio vorbeikommen will. Das hat er gemacht, ich habe ihm ein paar Sachen gezeigt und er hielt die Zusammenarbeit dann auch für eine gute Idee – das ist wirklich ein ganz toller Typ! Mit Megaloh habe ich ja auch schon so viel auf Bühnen gestanden, aber auch Marteria wollte ich dabeihaben, weil ich schon lange Fan von ihm bin. Und Tua nicht zu vergessen! Es ging mir darum, unterschiedliche Generationen zusammen- und meine Liebe zum Hip Hop zum Ausdruck zu bringen. Das ist auf meinen Vorgängeralben noch nicht passiert, weil ich früher kein wirklicher Fan von Deutschrap war – aber heute gibt es so viele gute MC’s und das wollte ich nicht an mir vorbeiziehen lassen. Ich musste meine Liebe zum deutschsprachigen Hip Hop einfach noch einmal absolut offiziell machen.“

Im Intro wird gefragt: „Hast du dich schon einmal verkauft?“ Wie würdest du die Frage beantworten?

„Ja klar, das kenne ich. Man neigt dazu, Dinge gegen den eigenen Willen zu tun oder zu sagen, weil man Angst davor hat, anzuecken oder auf Ablehnung zu stoßen. Das ist glaube ich auch keine Sache, die man in seinem Leben jemals gänzlich ablegt. Wir Menschen sind Lebewesen, die sich erst durch die Kommunikation mit der Außenwelt wirklich erfassen – da kann es manchmal schwer sein, gegen jemanden zu halten, der ganz anders denkt als man selbst. Und in anderen Momenten ist es wiederum ganz leicht für sich einzustehen. Ich gehöre schon eher zu den Leuten, die es auch aushalten können, mal nicht zu gefallen. Aber natürlich bin auch nicht frei von diesen Gedanken.“

In „Hologramm“ geht es darum, dass sich zwei Menschen verlieren. Was denkst du, ist das Wichtigste, um auch im Alltag beieinander zu bleiben?

„Das kommt ganz auf die Beziehung an. In einer Freundschaft ist man vielleicht nicht so eng aneinander gebunden, wie in einer Liebesbeziehung. Aber ganz grundsätzlich sollte man nicht vergessen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, auch wenn das manchmal schwerfällt. Und einander Raum zu geben. Man muss es aushalten können, dass der Partner auch mal Dinge tut, die man selbst ablehnt – aber natürlich nur, wenn es dabei um nichts nachhaltig Schädigendes oder Verletzendes geht. Die Eigenarten des Menschen sind manchmal anstrengend, aber sie machen uns aus. Es ist wichtig, dass man auch in einer Partnerschaft man selbst sein kann. Außerdem sollte man sich, wenn man mal wieder vom anderen genervt ist, bewusstmachen, was man selbst so von sich gibt, wenn der Tag lang ist. Da kommt nämlich auch jede Menge Mist raus (lacht).“

In „So sieht man sich wieder“ singst du: „Alles was ich wollte hab ich schon bekommen.“ Wenn man im Leben seine Wünsche erfüllt bekommt oder sie sich selbst erfüllt, stellt sich da ein Gefühl des Sattseins ein?

„Nein, das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn der Mensch alles hat, wird er nie an den Punkt der Ruhe kommen – es braucht immer noch mehr. Im Satz davor singe ich ‚Ich schaue auf Beton und träume vom Meer / wenn mein Leben doch nur nicht so endgültig wär. Und ich schaue aufs Meer, aber träume vom Beton / alles was ich je wollte hab ich längst bekommen.’ Wie man es also dreht und wendet, es ist immer eine Unzufriedenheit da.“

Wenn du deinem jüngeren Ich einen Rat geben könntest, was würdest du dir selbst sagen?

„Ich würde meinem jüngeren Ich sagen: Sei geduldiger mit deinen Mitmenschen und gebe ihnen mehr Raum. Bewahre die Ruhe und geh nicht immer davon aus, dass das, was du denkst, das Non-Plus-Ultra ist.“

Joy Denalane: Gleisdreieck erscheint am 3. März 2017.

Mehr bei EDITION F

Lisa Who: „Ich bin selbst meine härteste Kritikerin“ Weiterlesen

Balbina: „Es ist nicht leicht, anders zu sein“ Weiterlesen

Radikal und außergewöhnlich: Chanson-Sängerin Juliette Gréco. Weiterlesen

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.