Foto: Kuka Roboter GmbH

Wie Jurate Keblyte einmal Opfer einer Männerquote wurde

Jurate Keblyte ist eine unserer „25 Frauen, die wir bis 2025 als DAX-30-CEO sehen wollen“ und kümmert sich als Geschäftsführerin des Roboterherstellers Kuka um die Finanzen – im Interview erklärt sie, wie sie Zahlen zum Erzählen bringt.

 

Wer weiß schon, was in zehn Jahren sein wird?

Nach zehn Jahren beim Technologiekonzern Giesecke & Devrient kam Jurate Keblyte im Jahr 2010 zum Roboterhersteller Kuka in Augsburg und stieg im Controlling ein. Mittlerweile gehört sie der Geschäftsführung an und ist dort zuständig für die Finanzen. Wir haben mit ihr über Aufstiegsmöglichkeiten in Unternehmen, typische Frauenfehler und eine Männerquote in Litauern gesprochen.   

Sie
wurden im Sommer unter unsere „25 Frauen, die wir bis 2025 als
DAX-30-CEO sehen wollen“ gewählt – was dachten Sie spontan, als
Sie davon gehört haben? Ist das etwas, das Sie sich in Zukunft für sich vorstellen können?

Das kam für mich
total überraschend. Und natürlich fühlte ich mich geehrt und
geschmeichelt, in dieser Liste aufzutauchen, in einer Reihe zu stehen
mit so tollen Frauen. Im Moment ist das Thema aber noch total weit
weg für mich. Andererseits: Wenn ich zurückdenke an das Ende meines
Studiums oder die Zeit vor zehn Jahren, damals hätte ich niemals
gedacht, dass ich in zehn Jahren CFO eines Unternehmens sein würde,
das Roboter herstellt. Zu früh irgendwelche Pläne zu machen, ist
nicht unbedingt hilfreich, man kann einfach nicht wissen, was alles
passiert. Bisher, soviel kann ich sagen, wurde mir noch keine Stelle
als CEO eines DAX30-Konzerns angeboten. Im Moment sind wir mit Kuka
im MDAX – wer weiß, vielleicht schaffen wir es irgendwann in den
DAX-30 (lacht).“

Wie
war das bei Ihnen – war Ihnen schon im Studium klar, dass sie
später eine Führungsposition innehaben wollen, haben Sie konkret an
Ihrem Aufstieg gearbeitet? Oder ergaben sich eher Chancen, die Sie
dann ergriffen haben?

Nein,
einen Aufstiegsplan hatte ich im Studium nicht. In meiner
Berufslaufbahn haben sich immer wieder Gelegenheiten zum Aufstieg
ergeben, die ich genutzt habe. Zum Glück habe ich sie meistens
erkannt. Ich habe mich immer 
gefragt:
Was kann ich besonders gut? Wo kann ich mich einbringen? 
Welche
Richtung will ich einschlagen? Diese Fragen haben mich geleitet bei
meinen ersten Bewerbungen. Auch später ging mir darum, Bereiche zu
finden, in die ich mich bestmöglich einbringen kann. Aber es ging
mir nie darum, möglichst schnell aufzusteigen. Wenn man zu verbissen
ist, ist das meiner Meinung nach auch nicht hilfreich. Ich glaube,
wenn man gut in dem ist, was man macht, dann geht der Weg automatisch
in Richtung Führungsposition – wenn man das auch möchte.“

Wie
lief das bei Ihnen?

In
Unternehmen spricht man ja von Fachlaufbahnen und Manager- oder
Führungslaufbahnen. Beides ist für Unternehmen wichtig und jeder
findet im Laufe der Zeit, was einem eher liegt. Wenn jemand nicht gut
ist in Organisation, arbeitet lieber alleine, dann bringt es für
denjenigen nichts, eine Führungsposition anzustreben. Das muss ja
auch nicht sein. Wer ein sehr guter Ingenieur ist, kann eine
Ingenieurskarriere machen. Als Berufsanfängerin habe ich auch mit
Fachaufgaben begonnen, irgendwann kommt man dann an den Punkt, an dem
der eigene Verantwortungsbereich ausgeschöpft ist, und wenn man das
bisher gut gemacht hat, bekommt man Aufgaben, die sich nicht mehr
allein mit den eigenen Ressourcen bewältigen lassen. Das passiert
nicht von heute auf morgen, man wird ja nicht plötzlich vom
Sachbearbeiter zum Teamleiter, ich habe mich von der
Teilprojektleitung über die Projektleitung zur Teamleitung und so weiter weiterentwickelt.“

Warum
ist es Ihnen wichtig, in einer Führungsposition zu arbeiten? Was
können Sie womöglich tun, bewegen, verändern, wozu Sie sonst keine
Möglichkeit hätten?

In
einer Führungsposition bin ich ganz einfach in der Lage, mehr
Ergebnisse zu liefern. Wenn ich alleine arbeite, bin ich auf meine
eigene Kapazität und auf meine eigenen Ressourcen beschränkt. In
einer Führungsposition habe ich größere Fachgebiete, größere
Aufgaben, kann viel mehr Einfluss nehmen, das ist für mich der Reiz:
Dass ich aus vielen kleinen Puzzleteilen ein vollständiges Bild
zusammensetzen kann. Nehmen wir doch als Beispiel ein großes
Projekt, wie die Einführung eines neuen ERP-Systems, wie das gerade
bei Kuka läuft: So ein System deckt sämtliche Prozesse in einem
Unternehmen ab, von der Erstellung eines Angebots bis zur
Auslieferung des fertigen Produkts. So eine Einführung macht man
nicht mit einem kleinen Team, sondern viele Menschen, viele Teams
sind daran beteiligt und all die Aufgaben, Ergebnisse müssen
aufeinander abgestimmt, koordiniert werden.“

Was
macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonders viel Spaß? Was reizt Sie an
dem Bereich Finanzen und Controlling, der Außenstehenden, die vom
Thema kaum Ahnung haben, ja manchmal etwas trocken vorkommen kann?

Es
geht im Finanzbereich nicht um langweilige Zahlentabellen. Eigentlich
arbeite ich nicht mit Zahlen, sondern mit Menschen. Es geht um die
Ergebnisse, die aus Zusammenspiel der Teams, der Mitarbeiter entstehen.
Ich sage immer: Zahlen zählen, Zahlen erzählen. Das Spannende ist gerade, die Zahlen zum Erzählen zu bringen, damit die
verantwortlichen Manager verstehen, an welchen Stellschrauben sie
drehen müssen, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen.“

Oft
heißt es, je höher man in einem Unternehmen kommt, desto härter
bläst der Wind, desto weniger komme es auf inhaltliche Arbeit an,
sondern vor allem darum, alle möglichen Interessen zu bedienen und
Netzwerke zufriedenzustellen, die richtigen Fäden ziehen zu können
– haben Sie das auc
h
schon so empfunden? Strengt das manchmal an oder macht Ihnen das eher
Spaß?

Ich
muss sagen, dass ich das noch nie so negativ empfunden habe. Je höher
man in einem Unternehmen aufsteigt, desto mehr Leute mit starkem
Charakter wird man dort treffen – aber genau das macht ja
Führungskräfte aus: dass sie gestalten wollten, dass sie das
Unternehmen prägen wollen, in eine bestimmte Richtung steuern
wollen, das ist bei mir ja auch so. Natürlich gibt es dann
unterschiedliche Sichtweisen, aber das ist doch das Beste, was einem
Unternehmen passieren kann – es werden bessere Entscheidungen
getroffen, wenn verschiedene Perspektiven eingebracht werden … wie
rau der Ton ist, ist von Unternehmen zu Unternehmen natürlich
verschieden. Aber grundsätzlich bekommt man es in den oberen Etagen
mit starken Persönlichkeiten zu tun, mit Leuten, die gestalten
wollen. Wenn man das nicht wollte, wäre man dort ja falsch.“

Ich
nehme an, dass der Bereich, in dem Sie arbeiten, immer noch relativ
männlich dominiert ist – hat die Tatsache, dass Sie eine Frau
sind, je eine Rolle gespielt? Wenn ja, haben Sie positive oder
negative Erfahrungen gemacht als Frau in einer Führungsposition?

Für
mich hat das bisher tatsächlich nie eine Rolle gespielt. 
Vielleicht,
weil ich es nicht anders kenne, weil es schon immer so gewesen ist,
dass ich alleine unter vielen Männern gewesen bin, ich bin das
einfach gewöhnt. Zu Beginn meiner Karriere war es sicherlich so,
dass ich mich nicht immer sofort wohlgefühlt habe in Meetings, wenn
da außer mir nur viel ältere Herren saßen
. Aber ich glaube, dass nicht
das Geschlecht, sondern die Generationen eine Rolle spielen, da
ändert sich zunehmend die Sicht, zum Glück auch in Deutschland.
Frauen in Führungspositionen sind vor allem in Deutschland ein
großes Thema. Ich bin Litauerin – in Litauen ist das überhaupt
kein Thema, schon vor ein paar Jahren hatte Litauen europaweit die
meisten Frauen in Führungspositionen, es ist für mich eigentlich
nicht nachvollziehbar, warum das in Deutschland so ein großes
Problem ist.“

Und
woran könnte es Ihrer Ansicht nach liegen?

Es
liegt nicht nur am Selbstbild der Frauen, wie es so oft suggeriert
wird. Sondern auch am Bild der Gesellschaft von den Frauen. Eines der
größten Hindernisse sind die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit
von Familie und Beruf. Das ist in Deutschland nicht einfach, die Frau
wird oft immer noch als Familienmensch gesehen. In Litauen gibt es
den Begriff der Rabenmutter auch nicht, es ist selbstverständlich,
dass Frauen nach dem Ende des Mutterschutzes wieder Vollzeit arbeiten
und die Kinder betreut werden, das ist gut organisiert. Eine
persönliche Anekdote, die ganz gut die Situation in Litauen 
beschreibt:
Ich selbst bin sozusagen ein Quotenopfer: Ich wollte eigentlich
Informatik studieren, wurde aber nicht zugelassen, weil es eine
Männerquote für das Fach gab. Schon damals hatten die Mädchen
bessere Noten und bekamen mehr Studienplätze, und es gab die
gesellschaftliche Sorgen, dass es bald zu wenig gut ausgebildete
Männer für all diese Frauen geben könnte. Die Quote wurde nach ein
paar Jahren zwar wieder abgeschafft, aber ich fiel genau in dieses
Zeit und musste mir ein anderes Studienfach suchen.“

Was
wäre Ihr Ratschlag an junge Frauen am Anfang ihrer Karriere?

Auch
in Deutschland sind Mädchen mindestens genauso gut in der Schule und
im Studium wie die Männer. Aber oft wählen sie Berufe, in denen es
gar nicht möglich ist, eine große Karriere zu machen, und selbst
wenn sie in den entsprechenden Berufen sind, trauen sie sich zu wenig
zu
. Auch, weil von der Gesellschaft Druck ausgeübt wird und ihnen
eingeredet wird, dass sie doch eine wichtige Rolle für die Familie
zu spielen hätten. Mein Rat wäre: Ergreift eure Chance! Nicht zu
viel darüber nachgrübeln, was man womöglich nicht kann, sondern
überlegen: Was will ich machen? Frauen tendieren dazu, sich darauf
zu konzentrieren, was sie noch nicht können. Den typischen
Frauenfehler habe ich auch schon 
gemacht:
Ich wollte mal innerhalb eines Unternehmens einen anderen Job machen.
Im Bewerbungsgespräch habe ich dann erstmal sofort damit losgelegt,
welche der Anforderungen ich alle nicht erfülle. Die Person, die
über die Besetzung zu entscheiden hatte, war glücklicherweise auch
eine Frau, die zu mir sagte: ,Das kannst du doch alles noch lernen
,
und ich bekam den Job, das war vielleicht auch Glück. Ich kann also
nur empfehlen, sich darauf zu konzentrieren, was man gut macht. Und
der Rest lässt sich noch lernen.“

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