Foto: Youtube

Sich an die Brust fassen lassen: Ist das Kunst?

Ob es gegen die Objektivierung von Frauen hilft, sich öffentlich im Intimbereich anfassen zu lassen, das untersuchte Performancekünstlerin Milo Moiré in ihrer jüngsten Arbeit.

 

Die Kunst und die Nacktheit

Eine Frau lässt sich in der Innenstadt europäischer Metropolen von Passant*innen für zwöf Sekunden an der Brust und für 30 Sekunden im Schritt berühren. Verdeckt durch verspiegelte Kästen, wird den Umstehenden der Blick auf die betreffenden Regionen verwehrt, sie sehen lediglich ihr eigenes Spiegelbild. Soweit, so ungewöhnlich. Diese Aktion wurde in den letzten Wochen von der selbsternannten „Konzeptkünstlerin, Performancekünstlerin, Malerin, Kunst-Amazone und Psychologin“ Milo Moiré in Düsseldorf, Amsterdam und London durchgeführt.

Moiré, die zwar von den Boulevardmedien als „Nacktkünstlerin“ gefeiert wird, von der Kunstszene bisher jedoch weitgehend ignoriert wurde, machte bereits Anfang diesen Jahres von sich reden. Da protestierte sie nackt auf der Kölner Domplatte gegen die sexuellen Übergriffe auf Frauen.

Diese selbst gewählte Rolle als Frauenrechtlerin führt Moiré nun mit ihrer Performance Mirror Box fort. Mit den Worten 

„I’m standing here for the woman rights and sexual equality. We have the same sexuality like man have but we decide when we will be touched or not“ 

eröffnete sie ihre Performance und lud sowohl Männer als auch Frauen ein, in den Kasten zu greifen und sie zu berühren.

Zunächst wirkt dieses Konzept ungewöhnlich und spannend, da Moiré, als berührte Frau, (zumindest theoretisch) selbst darüber entscheidet, wer sie anfasst und wer nicht. Sie bestimmt also den Ablauf und behauptet sich als
sexuell begehrende Frau, die es für einen festgelegten Zeitraum genießt, angefasst zu werden. 

Die Idee ist nicht neu

Bereits 1968 führte die Performancekünstlerin VALIE EXPORT mit ihrem Tapp- und Tastkino eine sehr ähnliche Aktion durch. Auch sie bedeckte ihre Brust mit einem Kasten und forderte Passant*innen auf, hineinzugreifen. Diese setzten sich der Gefahr aus, durch das Tasten im Dunkeln, von den Umstehenden, ebenso wie von der Künstlerin, bei einer intimen Handlung ertappt zu werden. 1968 führte das zu harscher Kritik seitens der Medien, so wurde sie unter anderem als Prostituierte beschimpft. Moiré selbst beschreibt ihre Performance als eine Hommage an VALIE EXPORT. Bisher hat sich die Künstlerin zu dieser „Würdigung“ ihrer Arbeit noch nicht öffentlich geäußert.

Auch Milo Moirés Performance löste medial und rechtlich geteilte Reaktionen aus. Während sie in Amsterdam und Düsseldorf die Aktion problemlos durchführen konnte, wurde sie in London für einen kurzen Zeitraum inhaftiert und musste eine Geldstrafe zahlen, da die Londoner Behörden die Aktion nicht als Kunst ansahen.

Die Frage nach der Relevanz

Aber wie sinnvoll ist eine Wiederaufführung dieser Performance heute noch und trägt die Erweiterung der Aktion durch Milo Moiré dazu bei, die Botschaft zu verstärken? Welche Rolle spielt sie selbst als Künstlerin?

Dass die Thematisierung gleichberechtigter Sexualität wichtig ist, ist unbestreitbar. Doch welche Bedeutung hat es, dass in Moirés Boxen Kameras angebracht waren, die die Berührungen aufgezeichnet haben? Man könnte meinen, dass so nicht nur die Teilnehmer*innen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden, sondern durch die Veröffentlichung auch den Berührungen jede Intimität geraubt wird. Aber wäre es dann nicht interessant, die Berührungen und die Blicke der Teilnehmer*innen zu sehen? In dem, von Moiré veröffentlichten Video, werden die Reaktionen und Gesichtsausdrücke nur vereinzelt gezeigt. Stattdessen sieht man vor allem, wie Moirés Vagina in Nahaufnahme gefingert wird. Auch das kann natürlich Kunst sein. Ähnliches kennt man bereits aus VALIE EXPORTs Orgasmusfilm von 1967 oder Carolee Schneemanns Film Fuses (1964–1967), jedoch ist auf Moirés Website lediglich die zensierte Version ihrer Arbeit zu sehen. 

Die unzensierte Kunst kostet

Den vollen Kunstgenuss kann man sich für nur 7,99 € nach Hause liefern lassen – diskrete Verpackung inklusive. Das lässt unweigerlich an der reinen künstlerischen Absicht, für die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einzustehen, zweifeln. Dazu trägt auch die Erscheinung der Künstlerin bei. Moiré wirkt durch ihre offensichtlich vergrößerten Brüste, das starke Make-up und den, für sie typischen, verführerischen Gesichtsausdruck, nicht wie eine klassische Performancekünstlerin. Stattdessen erinnert sie eher an ein Erotikmodel oder eine Pornodarstellerin. Das Klischee einer Intellektuellen, Frauenrechtsaktivistin oder Performerin bedient sie damit jedenfalls nicht.

Ist das noch Kunst?

Sie selbst beschreibt Mirror Box und ihre Performancekunst im Allgemeinen „als Ort des Widerspruchs – Paradox als Keim seelischer Entwicklung“. Und vielleicht ist es genau das, was ihre Arbeiten ausdrücken: Den Widerspruch. Zwar bezeichnet sie sich selbst nicht als Feministin, jedoch behandelt sie Themen die definitiv feministische Inhalte haben und bricht mit dem Bild
der „klassischen“ Feministin. 

Dabei schwankt sie zwischen Trash, Kommerz und Inhalt, kombiniert Pornographie und Kunst und wirft die Wertvorstellungen der, eigentlich so toleranten, Feminist*innen über den Haufen.

Milo Moiré mag vieles sein – Vor allem aber ist sie eine Künstlerin, die Kopfschmerzen bereitet.

Dieser Text erschien zuerst auf www.jananowakphotography.de/blog/

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