Foto: L'oeil étranger – Flickr – CC BY 2.0

Mein Tinder-Experiment: Wie fucking easy kann Easy Fucking sein?

Gefühlt jeder Single ist in letzter Zeit auf Tinder unterwegs. So auch Noveaux-Autorin Fiona Fox, dem Versprechen folgend, es gäbe dort endlich mal nur Sex – ohne Drumherum. Doch kann man das wirklich per App steuern?

 

Es geht um das Eine

Ich würde ja schreiben, ich war auf der Suche nach Liebe. Oder, dass ich einfach neue Leute treffen wollte. Kleinen Schnack mit Touris halten oder Neu-Berliner interviewen, Horizont erweitern und so. Aber dann würde ich lügen. Freunde habe ich. Kochen und Lesezirkel öden mich an und Touris finde ich meistens doof. Mein Horizont ist weit und die elende Liebe, die sollte mich in diesem Lebensabschnitt um Gottes willen nicht erneut heimsuchen. Ich wollte Sex! Mit Pauken und Trompeten, mit Feuerwerk zum Orchester und jeder Menge Konfetti in der Luft. Der den Verstand verhöhnt und nur die Triebe agieren lässt. Einen wo der Nachname vor, währenddessen  und danach keine Rolle spielt und niemals nie eine spielen wird. Gesagt, getan. Die App wurde installiert und ich betrat sie: die schöne, neue Tinder-Welt.

Kaum biste drin, biste auch gleich dran. Bäm! Bäm! Die Matches trudelten fleißig ein. Nun ging es um strategische Selektion der männlichen Kandidaten. Der Erste erzählte von seinem Geld, was auf Kompensation gewisser Nachteile schließen ließ. Der Zweite quatschte von seinem Hund und der Dritte meinte es „wirklich ernst“. Der Vierte fand meine „Nase ganz toll“. Aber der Fünfte, der wurde interessant. Er schrieb im schlechten Steckbrief-Format seinen Lebenslauf. Hübsch, 1,96 groß und null Bock, sich ernsthaft zu unterhalten.

Mein  Kandidat war gefunden. Wir trafen uns direkt in seiner Wohnung. Jetzt ging es nur noch darum, das öde Gespräch schnell in ein verbales Vorspiel zu wandeln. Es wäre nun an der Zeit auf schmutzige Details einzugehen, aber eine Lady genießt und schweigt. Und ich mach’ das meistens auch. Nur so viel: Ich bekam sie, meine One-Night-Love-Affair mit allem, was dazugehört.

Tinder, öffne dich: next please! 

Und lange muss man als Frau nicht bitten. Der Nächste war bereits am Wochenende darauf am Start. Diesmal ging ich sogar zu einem Date. Betrieb über eine Stunde intelligente, eloquente Was-ich-nicht-alles-kann-und-du-so-Kommunikation. Gut, er mag sich vielleicht gewundert haben, dass ich für unseren romantischen Abend eine ziemlich abgefuckte Kneipe wählte, aber eine andere gab es nicht. Jedenfalls nicht bei mir um die Ecke.

Was soll ich sagen, der Zweite übertraf den Ersten und alle meine Fantasien obendrein. Bei seinem Können überhörte ich sogar die Salami-Pizza-Bestellung direkt nach seiner Beteuerung, dass er seit kurzem Veganer sei. Ich kam zwar nicht umhin, ihn darauf aufmerksam zu machen, doch als der gute Mann mich mit großen Augen ansah und erstaunt „Mein Gott! Du hast Recht, Salami ist ja auch Fleisch!“ ausrief, betrachtete ich stattdessen den wohlgeformten Sixpack und hatte dem nichts mehr hinzu zu fügen. Denn seine anderweitigen Talente waren tadellos.

Die One-Night wird zu Every-Night

Ich war in love mit Tinder. Ich meine, wie fucking easy kann easy fucking denn sein? Doch wie so oft im Leben, ist die Party auch auf Tinder irgendwann vorbei. Die Dinge werden kompliziert. Der „Zuletzt Online”- Status gewinnt erschreckend an Bedeutung, aus  „Wie magst du’s?“ wird „Ich mag dich“ und One-Night wird zu Every-Night. Und dann duscht Every-Night gerne mal in deinem Bad! Kocht in deiner Küche! Lässt seine Zahnbürste „für den Fall“ mal da! Der Zauber verblasst und die Gegenwart endet letztendlich in einem furchtbar realistischen Drama.

Mein Fazit? Love me Tinder, love me once! Sonst wird die App wider allen Versprechungen doch nur der verlängerte Arm der schnöden Wirklichkeit. Denn früher oder später werden aus Online-Datings eben Offline-Feelings. Ob man will oder nicht.

Text: Fiona Fox
Illustration: Verena Herbst
Titelbild: L’oeil étranger – Flickr – CC BY 2.0

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