Foto: CDU | Tobias Koch

Peter Tauber: „Wer etwas Ordentliches gelernt hat, braucht keine drei Minijobs“

Wer keine ordentliche Ausbildung macht, ist selbst schuld an seiner Armut – so lautet die Botschaft, die der CDU-Generalsekretär am Montagabend mit einem Tweet in die Welt blies. Und damit erntete er viel Kritik.

 

Was ist eine ordentliche Ausbildung, und was gute Arbeit?

Wie kann dieses „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ gestaltet werden? Hinter dem Slogan, mit dem die CDU/CSU Wahlkampf macht und der so engagiert klingt als sei jemand beim Texten eingeschlafen, steckt vor allem die Idee der Union, bis 2025 die Vollbeschäftigung zu erreichen. Praktischerweise ist dieser Zeitpunkt ja noch weit entfernt, nämlich am Ende der nächsten Legislaturperiode – so dass man sich daran vorerst noch nicht messen lassen muss. Aber was soll diese Vollbeschäftigung (die Tauber zudem für wesentlich besser als die von der SPD geforderte Gerechtigkeit hält) eigentlich bedeuten, fragte sich am gestrigen Abend, am 4. Juli, ein Twitternutzer, der daraufhin CDU-Generalsekretär Peter Tauber antwitterte, um zu fragen, ob das für ihn nun einfach drei Minijobs heiße. Statt sich ernsthaft mit diesem berechtigten Einwurf auseinanderzusetzen, entschied sich Tauber für folgende Antwort: „Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs“. Und damit kam ein Stein ins Rollen, den der Generalsekretär bis heute Morgen offensichtlich auch nicht vorhatte aufzuhalten.

Aus seinem Tweet spricht nicht nur eine Entfremdung von der Realität, sondern auch noch der blanke Hohn für Menschen, die hart in ihren Jobs arbeiten, die aber nicht so gut bezahlt sind, dass sie auf einen Minijob verzichten könnten. Was ist mit Mechanikerinnen und Mechanikern, mit Friseurinnen und Friseuren, was ist mit Menschen, die in der Pflege, oder im Einzelhandel arbeiten? Für die ist es ein Schlag ins Gesicht, denn scheinbar üben sie einen Beruf aus, für den es keiner „ordentlichen Ausbildung“ bedarf. Und was ist mit Menschen, die, so könnte man es wohl interpretieren, ein Studium und damit eine ordentliche Ausbildung haben und keinen Job bekommen, weil der Arbeitsmarkt es nicht hergibt, wie Architekten, Geisteswissenschaftlern und und und? 

Was ist mit Menschen, die vielleicht auf Grund eines Schicksalsschlages oder einer Krankheit aus ihrem Beruf rausmussten, den Anschluss verpassten, und nun auf Minijobs angewiesen sind? Was ist mit Müttern, die nicht mehr in ihren Beruf zurückkommen können? Was ist mit Alleinerziehenden, die in Teilzeit arbeiten und aufstocken müssen? Die Liste könnte noch sehr lange so weitergehen. Was ist denn für diese Menschen geplant, liebe CDU/CSU? Mit den „saftigen“ 25 Euro mehr Kindergeld ist hier nichts getan. Ja, die Union plant auch Steuerentlastungen, von dieser aber profitiert vor allem die Mittelschicht und die Einkommensklassen darüber. Eine feine Sache, aber wer für Deutschland die Zukunft gestalten will, kann nicht einfach eine Bevölkerungsgruppe übergehen. 

Fakt ist, wir brauchen Politiker, die nah an der Lebensrealität sind

Dieser Realität verschließt sich Peter Tauber vollkommen, indem er heute morgen mit einem: „Fakt ist, nur mit einer guten Ausbildung verdient man genug, damit man nicht drei Mini-Jobs braucht, um über die Runden zu kommen.“ nachlegte. Ja, sicherlich, im besten Falle ist das so. Aber es wäre doch sinnvoll, nicht mit Ideal-Zuständen Wahlkampf zu machen (schon gar nicht, wenn man nicht dafür sorgt, dass diese eintreten) und leere Phrasen in den Raum zu pusten, sondern sich den Aufgaben zu stellen, die die Realität nun einmal mit sich bringt. Es wäre doch sinnvoll, ein gutes Konzept für Menschen aufzustellen, die aufstocken müssen, die neben ihrem ordentlichen Beruf noch einen weiteren Job brauchen, um über den Monat zu kommen, statt von oben herab zu argumentieren, aus einer Perspektive, die sehr sehr vielen Menschen in diesem Land einfach komplett fremd ist. Die hart schuften und sich sicherlich oft fragen, wo dieses gute Deutschland sein soll, in dem man gerne lebt. Und warum wir es eigentlich nicht schaffen, die Schere zwischen Arm und Reich nach und nach zu schließen, statt sie weiter auseinanderklaffen zu lassen – und das auch verbal, wie sich zeigte.


Eine „Wir und Die“-Mentalität  ist genauso wenig für eine Partei geeignet, die eine gute Zukunft für Gesamt-Deutschland schaffen will wie ein „Sorry, an deiner Armut bist du wirklich selber schuld, hättest du halt was Ordentliches gelernt.“ Vielleicht überlegt sich diese Partei lieber mal, wie wir Kinderarmut eindämmen und die Chance auf Bildung endlich vom Einkommen der Eltern entkoppeln können. Wer Vollbeschäftigung will, der muss allen (jungen) Menschen in Deutschland den Zugang zu Bildung ermöglichen und genau das ist leider nicht der Fall. Die, die nicht viel Steuern zahlen, die keine laute Stimme haben, die fallen einfach unter den Tisch. Wahrscheinlich auch, weil sie viel zu müde sind von der Doppelschicht, um auf den Tisch zu hauen und sich anzumelden. Selbst schuld, oder?

Ein paar Stunden später lenkte Peter Tauber dann mit einer Entschuldigung ein, er hätte sich blöd ausgedrückt. Das ist gut und das ist wichtig, aber wirklich glaubhaft ist es leider nicht. Ein Missverständnis hätte man sicherlich schon gleich gestern Abend aus dem Weg räumen können. Aber wer weiß, vielleicht war der Shitstorm, die vielen Fragen, die Empörung darüber, dass ein Politiker so fern von der Realität der Bürger sein kann, ein Wake-up-Call. Vielleicht kommt da noch etwas, das wirklich dafür sorgt, dass wir alle (!) ein gutes Deutschland bekommen, in dem wir gerne leben.

Alle Artikelbilder: Peter Tauber | Twitter

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