Foto: Larry

Rebecca Brodsky: „In der Nacht kann man sein, wer man will“

Mit 25 Jahren einen Club eröffnen – und das auch noch im Berlin, das die ganze Zeit über das Clubsterben klagt? Rebecca Brodsky hat das nicht aufgehalten und so hat sie gerade das zweijährige Jubiläum des „Larry“ gefeiert. Ein Gespräch über die Höhen und Tiefen.

 

Das kann doch nicht die Chefin sein! Viel zu jung!

Ich stehe vor einer unscheinbaren, verhangenen Schaufensterfassade in der
Chauseestraße, Berlin Mitte. Denn genau dort befindet sich das
„Larry“, der Club von Rebecca, auf die ich hier warte. Und schon eilt eine junge, zierliche Frau mit blonden Haaren auf mich
zu. Sie begrüßt mich lächelnd und ihre tiefe Stimme steht stark im Kontrast zum
ersten Eindruck, den man von ihr hat. Etwas, das während des Gesprächs immer wieder
passieren wird – und sie sehr sympathisch macht.

Wir treten ein, vor mir liegt ein komplett schwarz gestrichener Raum, über mir dreht eine
Diskokugel leise ihre Runden. Der Hauptschalter für das Licht ist nicht
ausfindig zu machen, also lassen wir uns im Dunkeln nieder. Ich lasse meinen
Blick durch den kleinen Raum schweifen. Irgendwie hat so ein leerer Club ja
immer etwas Magisches. Man ahnt, was hier schon alles passiert ist und weiß es eben
doch nicht. Ich muss mein Notizbuch mit den Fragen in Richtung einer Pflanze
auf der Bar halten, hinter der etwas indirekte Beleuchtung in den Raum strahlt.
Wir fangen an zu reden, während Rebecca uns zwei Colas aufmacht – die trinkt sie
gerne während eines Interviews.

Der Name ist übrigens deshalb entstanden, weil ihr Vater ihr
als Kind immer sagte: „Häng mal nicht so den Larry raus.“ Hat sie dann eben doch gemacht – und
das ist auch ganz gut so.

Rebecca, das Larry hat gerade sein Zweijähriges gefeiert.
Wie schaust du auf die Zeit zurück?

„Ich will vor allem nie vergessen, warum ich den Laden
aufgemacht habe. Das war zu einer Zeit, als gerade viele Läden zu gemacht haben,
wie das Flamingo, aber auch das King Size oder das KTV – sie alle gibt es ja gar nicht mehr. Das waren alles
Läden, die Bar und Club zugleich waren und statt, dass so etwas noch einmal
aufmacht, gab es nur noch sehr schicke Läden, die dann von einer Szene
besiedelt wurden, die wir gar nicht ansprechen wollen. Ich will da niemandem zu
nahe treten, aber Hip Hop, Samtbezüge und teure Sofas wird es bei uns nicht
geben (lacht). Ich wollte mit einfachen
Mitteln etwas darstellen, was eher zur Kunst- und Schauspielszene passt. Leute,
die etwas älter sind und Stil haben. Also letztlich die Menschen, die damals
genauso gerne wie ich in besagte Läden gegangen sind, die es heute nicht mehr
gibt. Das ist das Konzept – natürlich zusammen mit guter Musik, die steht bei
mir immer im Mittelpunkt: 80er Wavepop, New Wave, Dark Wave, aber auch
Electronic Body Music – auf keinen Fall chartlastige Musik. Wenn überhaupt,
dann noch Künstler, die aktuell in der Spex stehen.“

Bist du denn auch mit der Kunstszene verbandelt, wenn du
dein Konzept so darauf abgestimmt hast?

„Ja, ich habe mit ein paar Galerien die Abmachung, dass die sie
Afterpartys nach Vernissagen bei uns machen, etwa der nach dem ‚Mitte-Cup’. Zudem
ist Mittwochs bei uns immer Artnight. Das Kunstwerk für diese Woche ist auch
schon da, das kannst du dir gerne ansehen. Wir stellen wöchentlich neue
Künstler vor, Kurator ist Hannes Gruber aus Kreuzberg. Einmal im Monat gibt es
auch eine Cocktailparty, für die wir jedes Mal eine eigene
Kampagne mit verschiedenen Fotografen realisieren – und den Cocktail gibt es dann für einen
Monat bei uns zu kaufen. Diesen Monat geht es um einen Hotelpagen, der in einem
Hotelzimmer mit vielen, eigenartigen Gestalten aufwacht und sich nicht erinnern
kann, was in den Stunden zuvor passiert ist.“

Rebecca vor dem Larry. Bild: Christopher Krätzmann

Du sagst, in der Zeit als du geöffnet hast, haben alle
zugemacht. Das Clubsterben in Berlin ist ja immer wieder ein Thema. Macht einem
das nicht Angst?

„Ja, das macht einem schon Angst. Deshalb bin ich auch im
steten Kontakt mit dem Vermieter und wir reden immer ganz offen über alles was
ansteht und wie es weitergeht. Wir sind noch nicht vom Clubsterben getroffen
und dafür, dass das so bleibt, kämpfe ich.“

Wieso eigentlich nicht? Was macht ihr denn richtig?

„Was wir richtig machen? (lacht) Naja, wichtig ist schon
mal die richtige Immobilie. Ich bin vor zwei Jahren mit dem Rad durch Mitte
gefahren und habe mir Läden angeschaut, die nicht im Netz zu finden sind –
also verlassene Gewerbeflächen, an denen nicht mal ein ‚Zu Vermieten’ -Schild
stand. Dann habe ich diesen Laden gefunden, bin ich zum Katasteramt und habe
das abgeklärt – mit Unterstützung einer Freundin, die Architektin ist und sich
mit diesen Dingen auskennt. Schließlich habe ich den Vermieter getroffen, habe ihm
gesagt, was ich vorhabe und er hatte glücklicherweise Lust darauf, dass mal
wieder jemand neues was im Nachtleben macht. Mein Glück! Denn wie er mir sagte,
hatte auch bekannte Szene-Größen Interesse an dem Laden.
Aber ich war ihm wohl sympathischer und so hat er mir die Chance gegeben. Wir
haben seither ein echt gutes Verhältnis und er kommt auch öfter abends hier
vorbei.“

Wie sieht es denn eigentlich mit deinem Background aus? Hat
schon einmal jemand aus deiner Familie in der Gastronomie gearbeitet oder wie
kommst du dazu?

„Ich sag mal so: Ich komme aus einer unmoralischen Familie
(grinst). Meine Eltern sind aus dem Glücksspielgewerbe. Mein Vater war
Automatenaufsteller und meine Mutter betreibt ein Casino – früher sogar
mehrere, aber sie lebt heute gar nicht mehr in Deutschland. Sie kommt nur noch
ab und an her, um das Geld abzuholen (lacht). So ein Casino hat ja auch ein
wenig mit dem Nachtleben zu tun und so kann man da schon eine Verbindung
herstellen. Aber eigentlich komme ich gar nicht aus dem Bereich. Ich habe
Modedesign in Hamburg studiert, doch schnell gemerkt, dass sich damit einfach
kein Geld verdienen lässt. Wenn man in der Branche in Berlin arbeitet, kann man
sich ja kaum eine Wohnung leisten!“

Hier geht man nicht zum gemütlichen Cocktailtrinken hin. Hier wird gefeiert. Bild: Rebecca Brodsky.

Und da dachtest du dir: Mache ich doch einfach mal einen
Club auf.

„Ich habe einfach schon immer gerne Partys gefeiert und war
schon immer begeistert vom Nachtleben. Auch auf psychologischer Hinsicht, denn
in der Nacht kannst du einfach sein, wer du willst. Ich habe da schon vieles
ausprobiert und etwa beim Ausgehen erzählt, dass ich für ein
Bestattungsunternehmen arbeite. Und das glauben dir die Leute! Du kannst
einfach sein, wer du willst, du kannst jeden Abend jemand anderes sein und die
Nacht ist immer ein Geheimnis. Man weiß nie, was passiert und das macht es so
spannend. Deshalb wird es auch immer das Nachtleben geben.“

Aber dennoch: du warst gerade einmal 25 Jahre alt.

„Ja genau, 25 Jahre. Aber ich war auch schon davor selbstständig.
Mit einem Tattoo-Studio. Allerdings bin ich keine Tätowiererin – meine
Schwester aber. Ich bin eher die , die den Businessplan umsetzt, die Räume
aussucht und das Ganze organisiert.“

Hat denn nie jemand gesagt: Rebecca, das ist eine Nummer zu
groß?

„Ja natürlich. Und diese Leute gibt es immer noch (lacht).
Es gibt sehr viele Menschen, die mir noch nicht einmal abnehmen, dass ich die
Chefin bin – obwohl ich den Laden nun seit zwei Jahren betreibe. Die kommen
dann rein und fragen: ‚Wo ist der Chef?’ und ich sage: ‚Der steht vor dir.’ So entsteht schon die ein oder andere absurde Situation. Nicht nur, weil ich so jung bin – sondern
auch noch eine Frau. Das kann schon so manches Weltbild zerstören.

Wie hast du denn eigentlich den Club finanziert? Hattest du
Eigenkapital oder hast du einen Kredit aufgenommen?

„Mit Eigenkapital. Mein Vater ist gestorben und ich habe
zwar nicht selbst geerbt, aber meine Mutter. Und der erzählte ich dann davon, dass
ich gerne etwas im Nachtleben hochziehen würde. Weil ich eine riesen
Plattensammlung habe, mit diversen Dj’s befreundet bin und mich mit dem Trinken auskenne.
Da meinte sie: ‚Schreibe erst mal einen Businessplan.’ Das habe ich dann in
einer Woche gemacht und ihr vorgelegt. Irgendwann waren wir dann bei der Bank und
der Herr dort meinte: ‚Ich habe nur eine Frage, kann man Cocktails in Berlin
wirklich für neun Euro verkaufen?’. Das konnte der sich gar nicht
vorstellen.

Bist du eigentlich selbst oft im Laden oder kannst du dich da ein wenig
rausziehen?

„Ja, meistens bin ich das. Auch wenn dich die Arbeit im
Nachtleben echt altern lässt – und genervter macht. Deswegen schaue ich, dass
ich einmal im Monat wegfliege und etwas ganz anderes sehe. Aber die Leute
wollen mich natürlich auch hier sehen und ich kann den Laden auch nicht immer alleine
lassen. Man vertraut einfach niemandem so richtig, wenn man mal ehrlich ist –
aber natürlich bin ich auch hier, um den Überblick zu behalten.“

Afterparty mit Kurator Hannes Gruber. Bild: Rebecca Brodsky

Wie hast du das denn am Anfang mit dem Personal gemacht?
Hast du erst einmal Freunde mit ins Boot geholt oder gleich fremde Menschen
gecastet?

„Genau, am Anfang waren es vor allem Freunde – aber irgendwann merkt
man, dass man mit Freunden nicht zusammenarbeiten kann. Und dann habe ich
begonnen, fremde Leute für die Jobs zu interviewen. Erst einmal über
Kleinanzeigen, aber das meiste, was dabei herauskommt ist Mist. Du musst
wirklich genau darauf schauen, wo du die Leute herbekommst. Heute machen wir es
so, dass wir Kontakt mit anderen Gastronomen haben, die Leute zu uns schicken,
die eigentlich bei ihnen anfangen wollten, aber keine Stelle frei war – so
ein Netzwerk ist wichtig.“

Wie ist das eigentlich mit anderen Clubbetreibern in Berlin?
Ist das ein gutes Netzwerk oder überwiegt da die Skepsis, weil ihr miteinander
konkurriert?

„Ich bin eigentlich gar nicht mit anderen Clubbetreibern
befreundet. Ich muss nicht mit jedem befreundet sein – auch wenn das jetzt arrogant
klingt. Ich habe einfach keine Lust durch die Welt laufen und sagen: ‚Hey hast du
einen Club, ich auch!’ Das ist mir zu flirty – und so bin ich nicht.

Wenn ein Freund oder eine Freundin jetzt einen Club eröffnen
wollen würde. Was würdest du raten? Worauf sollten sie achten?

„Ich würde erst einmal fragen: ‚Bist du eigentlich schon oft
genug ausgegangen, um einen Club zu eröffnen?’ Ich finde, ein Laden
braucht immer einen gewissen Spirit. Ich habe mich beispielsweise von Filmen
der 70er inspirieren lassen, aber da gibt’s natürlich noch vieles andere. Wenn
du eine charakterlose Bar aufmachst, dann kannst du die auch auf dem Dorf eröffnen, da musst du nicht nach Berlin kommen. Außerdem würde ich raten, dass
man auf das Personal ein, zwei oder fünf Augen wirft. Das ist leider super
wichtig.“

Hattest du da denn mal Ärger? Weil etwa Geld weggekommen
ist?

„Ja, na klar. Aber das kommt in jeder Bar vor, damit muss man rechnen. Mann kann eben nicht jede Minute danach schauen, ob alle alles richtig
abrechnen. Es passiert auch oft, dass sie ihren Freunden Drinks ausgeben,
da muss man echt drauf aufpassen – es sei denn, das ist für dich in Ordnung.“

Was wärst du denn eigentlich geworden, wenn nicht
Clubbetreiberin?

„Ich wollte eigentlich immer Schauspielerin werden – auch
schon vor meiner Modeausbildung. Aber das hat mir meine Mutter verboten. Sie
sagte immer: ‚Alle Schauspieler sind Nutten’. Also habe ich eben den Club
aufgemacht.“

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