Foto: Ruth Herzberg

War das mal Freundschaft? Eine krampfige Zufallsbegegnung auf dem Flohmarkt

Was wollen wir vom Leben und von der Liebe? Ruth Herzberg nimmt ihre Leser auf ihrer persönlichen Suche nach Antworten überallhin mit: Zum Spaziergang mit einem ungewaschenen Ex-Mann, zum Kiffen und in den oft skurrilen Alltag ihrer Patchworkfamilie.

 

Gefühle überleben überall

Ruth Herzberg schreibt Geschichten von manchmal entblößender Offenheit, sie seziert ihren Alltag und die Menschen, die darin vorkommen, ohne sich selbst zu schonen. Im Mikrotext-Verlag, einem kleinen Verlag für ausschließlich digitale Publikationen, sind nun ihre gesammelten Alltagsbeobachtungen erschienen, angereichert mit GIFs und Zeichnungen der Autorin.

Wir veröffentlichen bei uns eine Episode:

Zinkwannen

Manche
Menschen sind so edel und gediegen, dass ich mich in ihrer Gegenwart
automatisch wie ein Tropf benehme, ich kann nicht anders, ich bin
eben so.

Wir
gingen über den Flohmarkt und da war plötzlich Anna. War sie es
wirklich?

Ich
hatte sie schon so lange nicht mehr gesehen. Ja, sie war es, man
merkte es daran, dass sie mich erkannte.

Als
Gesellschaftstier wusste sie, was sich gehört, und umarmte mich. So
umschloss mich für ein paar Sekunden ein locker gestrickter,
dunkelblauer Kaschmirpulli, über einem schwarzen Rolli getragen und
unter einer anderen edel-unauffälligen Jacke, so edel-unauffällig,
dass ich über sie jetzt nichts mehr zu sagen vermag.

Nach
der Umarmung standen wir plötzlich dicht voreinander, so dicht, dass
ich ihr feines Parfüm wahrnahm und erkennen konnte, dass ihre Haut
noch bleicher geworden war und sich um Augen und Mund fein knitterte.
Ihr Haar hing einfach glatt herab, naturbelassen, simpel, echt.

Sofort
wollte man diesem Gesicht etwas hinzufügen: Make-up, Creme, wollte
ihr die Haare waschen und kämmen und zu einem ordentlichen Knoten
binden.

„Du
bist so eine schöne Frau, mach doch endlich mal was aus dir!“

Aber
natürlich war das alles Kalkül. So kann man auch eine
Anziehungskraft erzeugen, zwischen dem, was ist, und dem, was möglich
wäre, entsteht ein Sog der Faszination.

Anna
strahlte ein so ruhiges Erwachsensein aus, das ich wohl nie erreichen
werde. Zugleich hielt ich etwas an der Hand, was sie wohl niemals
haben würde, nämlich einen 12-jährigen Sohn, der sich an sie nicht
erinnern konnte, was mir zu glauben schwer fiel.

Ich
stupste ihn mehrfach in die Seite:

„Erinnerst
du dich wirklich nicht an Anna? Weißt du nicht, wir haben sie
besucht, und sie war bei uns!“

Aber
er schüttelte den Kopf. Anna meinte, das sei ja nun alles schon sehr
lange her.

So
standen wir nun, inmitten des Flohmarktgewimmels, (natürlich allen
im Weg).

Ich
wusste nicht, was ich auf ihr „Wie geht’s“ antworten sollte,
denn mein Leben fühlt sich in solchen Momenten so unendlich komplex
an, dass ein „Gut.“ nicht genügt.

So
sagte ich: „Gut, und ich habe noch ein Kind bekommen, die ist zwei
und jetzt bei ihrem Vater, mit dem ich zusammenlebe, er ist Franzose
und Herausgeber einer Zeitung, kennst du die?“

Es
klang banal und und überhaupt nicht komplex. Sie kannte auch die
Zeitung von meinem Freund nicht. Es war wirklich nicht leicht, sie zu
beeindrucken.

„Googel
das mal“, sagte ich und wusste, sie würde es nicht tun.

„Ich
radle auf dem Weg zur Arbeit ja immer an deinem Haus vorbei.“

Ich
versuchte, mir plump eine Einladung zu erschwindeln, ich mache sowas
gern bei unnahbaren Menschen.

Es
macht mir Spaß, den Mechanismus ihrer unverbindlichen Höflichkeit
in Gang zu setzen.

Sie
hat mit Freunden auf der Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg ein Haus
gekauft, ein großes Haus mit verwildertem Garten, und sie haben
alles äußerst geschmackvoll renoviert und ausgebaut.

Bohémehaft,
aber gediegen, genau die richtige Mischung aus komfortabel und
urbelassen. Alles ist so durchdacht, so richtig, so schön, so comme
il faut.

Ein
Paradies.

„Ja,
dann komm doch mal vorbei“, antwortete sie, genau wie ich es
erwartet hatte.

„Ja!
Du ich nehm dich beim Wort, das mach ich wirklich.“

Das
stimmte, denn ich fuhr ja vorbei, wie gesagt, und ich würde weiter
vorbeifahren, aber nie vorbeikommen.

Vielleicht
würde sie nun, an gewissen warmen lauschigen Sommerabenden mit einer
leichten Beunruhigung, die sie sich nicht erklären könnte, zum
Gartentürchen hin schauen.

„Wie
geht’s dir denn?“ fragte ich.

„Ja,
auch gut, viel zu tun, ich bin gerade im Stress.“

„Aha?“
sagte ich, ehrlich erfreut, denn ich weiß, dass die Zeiten für
Schauspieler hart sind. Ich dachte also, wenn Anna im Stress ist und
viel zu tun hat, dann dreht sie einen Film oder zwei gleichzeitig
oder sie spielt Theater in Paris oder stellt gerade ein eigenes
Projekt auf die Beine.

„Ich
muss pflanzen“, sagte sie.

„Pflanzen?“

„Ja,
ich habe Pflanzen gekauft, die müssen in die Erde. Deswegen bin ich
auch hier, es soll da hinten Zinkwannen geben.“

Ich
nickte und wünschte ihr viel Erfolg und dann verabschiedeten wir
uns. Ohne Umarmung.

Ruth Herzberg: Wie man mit einem Mann glücklich wird. Beobachtungen, mikrotext, ca. 180 Seiten auf dem Smartphone, 2,99 Euro

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