Foto: Allef V. – unsplash

Schräge Typen? Was wir von Biographien jenseits der Norm lernen können

Seit 20 Jahren begleitet mich ein Buch über ungewöhnliche Werdegänge. Jetzt habe ich den Autor interviewt.

Ein Buch meiner Jugend

Mit 13 Jahren ließ ich mir ein Buch schenken, auf welches ich nach einer Buchkritik in einer Mädchenzeitschrift sehr neugierig geworden war. Es hieß Schräge Typen?: Biografien jenseits der Norm. Das war 1996. Das Internet, Blogs und soziale Netzwerke sind in weiter Ferne, jedenfalls für einen durchschnittlichen Teenager. Die Biographien und Lebensentwürfe interessanter Menschen sind es nicht. Das Buch hat mich mehr inspiriert als jeder Songtext oder jedes Gemälde in den darauffolgenden Jahren. Ich lernte Camille Claudel, Jean Amery, Olymphe de Gouges, Jean Genet, Aleister Crowley, Georg Büchner, Bertha Freifrau von Suttner und Edgar Allan Poe kennen. Ich wollte so sein wie sie. So frei. So kreativ. So unangepasst. So legendär. So unverkennbar. In der Buchbeschreibung dazu heißt es: „Christian Urech beschreibt in seinem Buch ,Schräge Typen?‘ Lebensläufe abseits der Norm. Er führt die Grenzgängerinnen und Querdenker in alphabetischer Reihenfolge auf und ordnet sie verschiedenen ,Aussenseiterkategorien‘ zu. Diese Kategorien freuen mein spiessbürgerliches Gemüt mit anarchistischer Neigung ganz besonders: Auch für Einzelgänger, Unangepasste und Rebellinnen gibt es praktische Gedankenkästli. Beim Lesen dieses Buches darf man sich selber treu bleiben – und gewinnt gleichzeitig Lust zum Aufbruch.“ Yeah!

Als ich das Buch vor einigen Wochen einer Freundin zum Geburtstag schenkte, kam mir die Idee, dem Autor von damals ein paar Fragen zu stellen. Ich googelte ihn und schickte ihm eine E-Mail. Es dauerte ein paar Tage, bis eine Antwort kam. Ich dachte schon, der Herr würde mir gar nicht mehr antworten – doch dann kam eine sehr liebe E-Mail aus der Schweiz. Mit dabei die absolute Bereitschaft, mir ein Interview zu geben. Ich konnte also fragen, was ich wahrscheinlich schon seit Jahren fragen wollte. Hier lest ihr das Interview zwischen Christian Urech und mir über sein Buch Schräge Typen?Viel Spaß beim Lesen!

Herr Urech, wie sind Sie vor 20 Jahren auf die Idee gekommen, das Buch zu schreiben? Soweit ich weiß, gibt es bis jetzt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Büchermarkt.

„Ich habe mich schon immer für Aussenseiter interessiert, weil das die Menschen sind, die die interessantesten, spannendsten Geschichten zu erzählen haben, und ich liebe Geschichten. Sie sind das Salz in der Suppe, die Farbtupfer im manchmal grauen Alltag. Ich lese seit vielen Jahren nicht nur Romane, sondern mit Vorliebe auch Biographien. Dabei sind mir Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede aufgefallen, was mich bewogen hat, die verschiedenen Aussenseiter-Kategorien zu schaffen.“

Haben Sie über jede Person in ihrem Buch die dazugehörige Biographie gelesen?

„​Ja, ich habe zu jeder Person mindestens eine Biographie gelesen, gegebenenfalls oftmals auch die Bücher, die die Porträtierten selbst geschrieben haben​.“

Nach welchen Kriterien haben Sie die Biographien in ausgesucht?

„​Es ist eine sehr persönliche Auswahl – ich habe Personen ausgewählt, die ich schon kannte und/oder die mich interessierten. Natürlich hätte man auch ganz andere Personen auswählen können oder noch viele hinzufügen können, aber es war nicht​ ​mein Anspruch, eine vollständige Sammlung zu präsentieren, was wohl ein dickes Lexikon ergeben hätte. Es ging mir vielmehr um den Gedanken dahinter, den Leserinnen und Lesern Mut zu machen, sich selbst zu sein, auch wenn gelegentlich ,Schräges‘ zum Vorschein kommt. Meiner Auswahl wurde von einigen Stimmen vorgeworfen, ich hätte zuwenig weibliche Personen in die Sammlung aufgenommen – etwas, was ich bei einer Neuauflage sicher berücksichtigen würde.“

Haben Sie eine Lieblingsbiographie, die Sie besonders empfehlen würden, näher zu verfolgen? Sprich: Gibt es Personen im Buch die Sie bis heute besonders faszinieren?

„Es gibt viele Personen, die mich bis heute faszinieren, namentlich Schriftsteller und Künstlerinnen, zum Beispiel Jane und Paul Bowles, eines der seltsamsten Schriftstellerpaare, die es wohl je gegeben hat.​“

Finden Sie dass unsere Welt und die Gesellschaft, in der wie leben, offener für schräge Lebensläufe geworden ist? Zum Beispiel im Vergleich zu der Zei,t in der Sie das Buch damals schrieben? 

„Ja und nein. Rein äußerlich kann sich heute jeder so geben, wie er will, Tattoos, Piercings und gefärbte Haare sind heute modisch, früher waren sie Ausdruck einer gesellschaftlich kritischen Haltung wie beispielsweise bei den Punks mit ihren No-Future-Parolen oder bei den Hippies mit ihren Blumenkleidern und den langen Haaren. Auch Randgruppen wie Schwule, Lesben und Transmenschen sind heute – zumindest in unseren westlichen Gesellschaften – viel akzeptierter als noch vor 20 Jahren. Anderseits ist der Anpassungsdruck im Berufsalltag viel stärker geworden. Der Mensch hat zu funktionieren – fast wie eine Maschine. Da hat es für Nonkonformismus​ wenig Platz.​ Und durch Maschinen wird der Mensch in der Arbeitswelt ja auch zusehends ersetzt. Wohin das noch führt – zu mehr Freiheit oder zu mehr Zwang – ist heute schwer abzuschätzen.“

Was macht für Sie eine Biographie jenseits der Norm aus? Welche Zutaten benötigt es dafür?

„Eine Abenteurerhaltung dem Leben gegenüber. Neugierde und Entdeckergeist. ​Mut. Sensibilität. Einen Hang zum Querdenken. Toleranz. Das Bedürfnis, hinter die Fassaden zu blicken. Eine gewisse Gleichgültigkeit dem gegenüber, was andere von einem denken. Die Bereitschaft, im Leben mehrere, teils ganz unterschiedliche Rollen zu spielen. Die Fähigkeit, das Leben als Spiel zu begreifen. Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten. Respekt gegenüber Menschen und der Natur.“

So wie ich es empfinde, war ihr Buch damals der Zeit voraus, denn unsere Gesellschaft wird immer individueller und „nischiger“. Was halten Sie davon, einen zweiten Teil von „Schräge Typen“ zu schreiben? Ich zum Beispiel hätte schon ein paar Ideen wer dort gut hineinpassen würde…. 

​„Ich könnte es mir gut vorstellen, nur scheint mir ein Buch die nicht mehr zeitgemässe Form für ein solches Projekt zu sein. Ich könnte mir eher eine Webseite oder einen Blog vorstellen. Vielleicht mach ich mich daran, wenn ich einmal pensioniert bin …“

Finden Sie es schräg, dass Sie zwanzig Jahre nach Erscheinen des Buches von einer Modebloggerin eine E-Mail bekommen, in welcher sich diese dafür bedankt, dass Ihr Buch sie so sehr beeinflusst hat?

„Es ist schon etwas schräg, es ist aber vor allem sehr schön, also ganz schön schönschräg!​“

Lieber Herr Urech, ich bedanke mich herzlichst bei Ihnen für dieses Interview!

Warum ich diesen Artikel überhaupt schreibe? Weil ich es wichtig finde, seinen eigenen Weg zu gehen. Was jetzt platt klingt, ist doch irgendwie schwer heutzutage. Wie ich bereits bei Edition F schrieb, macht es uns Gleichmacherei, Außenkonditionierung und digitaler Verbesserungswahn nicht gerade einfach, eigene Ideale zu verfolgen, wenn diese nicht gerade en vogue sind. Keine der Personen in „Schräge Typen“ wäre so weit gekommen, hätte sie sich von etwas im Außen wirklich davon abhalten lassen, ihren Weg zu gehen. Hätte sie nicht an das geglaubt, was sie für sich als passend und korrekt erkannt haben. Hätte sie nicht zielstrebig und oft über Jahre ohne Erfolg weiter an ihren Werken gearbeitet. Heißt: Geld sollte nicht der erste Antrieb sein. Vincent van Gogh hat in seinem Leben nur ein einziges Bild verkauft. Wäre Geld sein Antrieb gewesen, hätte er wahrscheinlich nicht zehn Jahre lang hunderte von Bildern geschaffen. Ich denke, es finden uns immer die Bücher, die uns finden sollen. Ich bin dankbar, dass mich damals dieses Buch gefunden hat. Das es Leute wie Herrn Urech gibt, die solche Bücher schreiben. Es hat mich viele Jahre begeistert, inspiriert und amüsiert. Mich ermutigt ich zu werden. Und kein anderer sonst.

Und? Wie viel Dir steckt in Dir?

Mehr bei EDITION F

Karriereplanung ist nicht alles – Warum es sich lohnt, abenteuerlustig zu sein. Weiterlesen

Vom Nobody zum Überflieger: Wer im Job vorankommen will, braucht Karrierebrüche. Weiterlesen

Aimie-Sarah Carstensen: „Meine beste Entscheidung? Die Angst zu versagen beiseite zu schieben“ Weiterlesen

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.