Foto: Philippe Put – Flickr – CC BY 2.0

Warum wir auch über die Erziehung unserer Söhne reden müssen

Mädchen selbstbewusst erziehen – das ist zweifellos wichtig. Doch sollen wir bei den Jungs einfach alles machen, wie bisher?

 

Ich
habe lange überlegt, ob ich meine Gedanken, die ich seit dem Text „Was
zur Hölle ist eine echte Frau“
von Teresa Bücker mit mir herumtrage,
aufschreibe und teile.
Und ich merke, dass es mir
wichtig ist und ihr Artikel mir den entscheidenden Anstoß gab, die
Gedanken, die ich diffus schon länger habe, endlich einmal zu formulieren.

Nicht nur kleine Mädchen stärken

Das hier soll keinesfalls ein Gegenartikel sein, da ich Teresas
Gedanken bezüglich der Entwicklung kleiner Mädchen und des Frauseins
absolut teile und unterschreibe. Aber für mich fehlt etwas, etwas für
mich ganz Entscheidendes – und das möchte ich teilen, denn es ist wichtig.

Eigentlich finde ich diesen Aspekt noch
wichtiger als kleine Mädchen zu stärken, wenn ich an den ganzen
Gleichwertigkeitskampf zwischen den Geschlechtern denke.

Und
zwar denke ich an die kleinen Jungs: unsere Söhne. Warum werden diese
so wenig beachtet, wenn darüber debattiert wird, wie wir es schaffen
Gleichberechtigung in der Gesellschaft, dem Arbeits- und
Familienleben zu etablieren und zu leben? Was ist mit denen, die später
zu eben diesen Männern heranwachsen, die eher eingestellt werden, mehr
arbeiten als Frauen und weniger Elternzeit nehmen, die es gelernt haben
stark sein zu müssen und die allermeisten Chefetagen bewohnen? 

Welche Werte leben wir Jungen vor?

Ich
denke kleine Mädchen stärken ist die eine Sache. Aber nicht die
Wichtigste. Wir können noch so viel unsere Töchter so sein lassen wie
sie wollen, nicht nur mit rosa Kleidchen bestücken, sie klettern und
Indianer spielen
lassen. Wenn wir dabei aber auf der anderen
Seite den kleinen Jungs weiterhin so begegnen, wie es seit ewigen Zeiten
der Fall ist, ihnen erklären wie ein Junge zu sein hat, das
Rollenklischee und die scheinbar typischen Werte vorleben, dann wird
sich nie etwas ändern. 

Einem Jungen wird gesagt: „Jungs weinen nicht, ein Indianer kennt keinen
Schmerz, hab dich nicht so.“ Und vor allem auch: „Du bist doch kein
Mädchen, also kannst du doch keinen Zopfgummi tragen oder Pink
anziehen.“

Damit werden kleine Jungs genauso in Stereotype gerpesst wie kleine Mädchen und
es tut ihnen genauso weh, wenn ihnen schnelles Weinen und ein sensibler Charakter als nicht „jungenhaft“  vorgeworfen wird. Und sie können ebenso wenig einfach so sein, wie
sie sind, das sein, was sie sind: Nämlich schlichtweg Kinder – ganz individuelle Charaktere – die zufällig zu dem einen Geschlecht gehören, das äußerlich sichtbar ist. Meistens
gleicht das hormonelle Geschehen und die Entwicklung dem Äußerlichen,
aber das auch nicht immer. Nicht selten fühlen schon Kinder sich mit ihrem biologischen Geschlecht „anders“, spielen auf eine Art und Weise oder ziehen sich so an, dass unsere Gesellschaft es als „untypisch“ für sie betrachtet.

Jungen werden also genauso in die eine für sie vorgesehene Ecke gedrängt, ihnen wird genauso
auferlegt wie sie sich zu verhalten haben, was sie (nicht) anzuziehen
haben und dass sie die Starken sind. Auch wenn ein Junge sich gar nicht stark fühlt oder fühlen will. Auf der anderen Seite dürfen Jungen  nicht zu lebhaft oder zu wild sein … dann heißt es sofort, sie seien verhaltensauffällig und werden in die immer weiter wachsende Gruppe der ADHSler geschoben. Klar, dass da oft auch bei kleinen Jungs das eigentliche Wesen unterdrückt und abgeschafft wird, zugunsten des gesellschaftlich akzeptierten Rollenverständnisses. Wird das nur lange genug gemacht
und kriegt das ein Junge auf seinem Weg zum Mann tagtäglich mit, dann
ist es völlig klar, dass viele Männer so sind, wie sie sind. Und es ist klar, dass Frauen so sind wie sie sind. Und wie wir uns gegenseitig wahrnehmen.

Vielfältige Rollen für alle

Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir uns genauso Gedanken über die kleinen Jungen machen, und wie wir sie dazu ermutigen können, ihren ganz eigenen Weg zu gehen – fern von gesellschaftlichen Erwartungen.

Was bringt es, wenn unsere Töchter zwar selbstbewusst das
Haus verlassen, aber da draußen die Männer warten, die noch in den starren Geschlechterrollen stecken? Entsteht so Gleichberechtigung? Ich glaube nicht. Frauen werden dann weiter und
immer mehr kämpfen (müssen), weil sich die Jungs in ihrer Entwicklung
zum Mann weiterhin dem Rollenklischee unterwerfen müssen. Sie  werden nicht gestärkt. Bei ihnen wird nicht in der Kindheit angesetzt und es als selbstverständlich angesehen, dass sie Erzieher im Kindergarten werden können.

Gleichberechtigung kann aus meiner Sicht nur erreicht werden, wenn man im Kern
ansetzt und zwar bei denen, von denen man sich (später) erhofft sie
mögen Frauen als gleichwertig ansehen, in
allen Bereichen des Lebens. Und das sind unsere Söhne.

Sie werden nicht als Machos, als frauenfeindlich oder unterdrückend geboren. Sie werden dazu gemacht und zwar von ihren Vätern UND Müttern und allen anderen Personen, die sie in ihrer Kindheit begleiten. Da müssen wir ansetzen.

Als was werden wir geboren?

Unsere Söhne und Töchter werden in erster Linie als Kinder geboren. Und
nun sind wir schon überall drauf und dran Kinder stark machen zu wollen,
respektvoll und achtsam zu erziehen. Und ich finde, wir müssen dies für alle Kinder tun und sie dazu ermutigen, ihre Persönlichkeit voll zu entfalten – und dabei ihren eigenen Weg zu gehen, in dem was es für sie heißt, ein Junge oder Mädchen zu sein – oder etwas dazwischen. Uns unterscheidet immer, dass wir verschiedene Menschen sind. Aber die Kategorien weiblich und männlich? Meine Hoffnung ist, dass unser Geschlecht irgendwann nicht mehr das ist, was so einen großen Graben zwischen Menschen schlägt. Und dazu müssen wir alle Kinder stärken.

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