Foto: Svenja and the City

„Trans ist nicht mein Hobby“ – Warum Sven heute Svenja heißt

Die Polizistin Svenja weiß seit ihrer Kindheit, dass sie eine Frau ist. Dennoch lebte sie bis ins Erwachsenenalter als „Sven“. Was sich für sie verändert hat.

 

Svenja and the City

„Inzwischen bin ich eine ganz gewöhnliche, handelsübliche Frau, wie man sie an jeder Ecke trifft“, schreibt Svenja auf ihrem Blog „Svenja and the City“. Sie arbeitet als Leiterin der IT-Forensik bei einem Landeskriminalamt und bloggt nebenher über ihren Alltag. Svenja hat fünf Kinder – mit „der besten Frau der Welt“ wie sie sagt. Verheiratet sind die beiden allerdings nicht mehr. Als die Ehe zerbrach, hieß Svenja noch anders. Ihre Frau nannte sie „Sven“. Erst nach der Scheidung begann sie, nicht mehr zu verdrängen, was sie schon immer wusste: Sie ist eine Frau – und wollte diese Geschlechtsidentität so leben. 

Sie ging mit Röcken zur Arbeit, begann, Hormone zu nehmen und mit High Heels über die Gänge des LKA zu laufen. Heute ist Svenja 54 Jahre alt und trägt seit über zehn Jahren ihren Wunschnamen. Zur Familie ist der Kontakt leider nur noch spärlich.

Svenja hat für uns eine Auswahl ihrer Blogbeiträge zusammengestellt, Einblick in ihr Leben gewährt und die Momente nacherzählt, die schwer waren und solche, die sie besonders glücklich gemacht haben.

Mittwoch, 5. Oktober 2005 – Alltagstest Tag 1

Heute ist der erste Tag, an dem ich nach meinem Outing in der neuen Rolle als Frau zum Dienst gehe. Ich bin total aufgeregt, denn natürlich sehe ich noch immer aus wie ein Mann. Von außen sieht ja keiner, dass ich innerlich schon mein ganzes Leben eine Frau bin. 

Was mir aber vorher niemand gesagt hat: bei extremen Hüfthosen hat man dauernd das Gefühl, dass sie gleich herunterrutschen. 

Und meine braunen Pumps waren Zuhause auf dem Teppichboden noch total unauffällig und leise, aber in den langen Gängen des LKA klackerten sie wie verrückt und waren furchtbar laut.

Jetzt gehe ich jeden Tag in weiblichen Sachen zum Dienst. Mit kleinen Babyschritten will ich langsam immer weiblicher werden und versuchen, meine Kollegen mit dem Tempo der Entwicklung nicht zu überfordern.

Welch ein besonderer Tag für mich. Nur wer selbst transgender ist, wird verstehen, welches Glücksgefühl diese Entwicklung heute für mich bedeutet. Endlich, endlich! Oh, ist das spannend und oh, Girl, bin ich glücklich! 

Mittwoch, 9. November 2005 – ständig als Frau leben

Inzwischen lebe ich seit genau vier Wochen 24/7 als Svenja und bin mehr als glücklich dabei. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben allmählich zurück ins Gleichgewicht kommt.

Obwohl ich noch immer unverkennbar männlich aussehe, macht es mir absolut nichts aus in diesem Outfit durch die Stadt zum Einkaufen zu stöckeln. So what!?

Zur Zeit schreibe ich gerade meinen Antrag auf Vornamensänderung. Den Antrag muss ich beim Amtsgericht in Kiel einreichen und mit etwas Glück und zwei Gutachten steht in wenigen Monaten „Svenja“ in all meinen Dokumenten! Ich kann es kaum erwarten.

Ich muss darlegen, dass ich seit mindestens drei Jahren den Drang verspüre, lieber als Frau leben zu wollen. Pah! Drei Jahre? Meine früheste Erinnerung daran geht in meine Kindheit zurück, als ich ungefähr acht Jahre alt war. Seitdem hat mich dieses Gefühl, eine Svenja und kein Sven zu sein, nie wieder losgelassen.

Was habe ich nicht alles getan, um dieses Gefühl zu unterdrücken. Mehrmals alle meine Frauensachen in die Altkleidersammlung geschmissen und geschworen: Das machst du nie wieder – zwecklos, völlig zwecklos. Dieses Gefühl ist in mir drin und gehört zu mir, so wie meine braunen Augen zu mir gehören. Ich bin schon immer Svenja und vermutlich wurde ich so geboren. Jetzt will ich endlich auch auf dem Papier Svenja werden. Den Antrag auf Namensänderung habe ich schon geschrieben.

Freitag, 23. Dezember 2005 – ausgeladen

Es ist einen Tag vor Heiligabend und einer dieser Tage, die man getrost durchs Klo spülen könnte. 

Gestern lädt mich meine Noch-Gattin von ihrem Geburtstag am 26.12. aus („Ich will keinen Ärger, die haben alle extreme Probleme, mit dir umzugehen.“)

Als ich dann frage, wann es Heiligabend Essen gibt, druckst sie herum, bis Tina endlich damit rauskommt: um 17 Uhr. „Aber bis dahin musst du schon weg sein. Meine Eltern kommen und die wollen dich auf keinen Fall sehen.“

27. Dezember 2006 – Jahresrückblick 

Silvester: Die Silvesternacht 2005 auf 2006 feiere ich bei meinem besten Freund Dixon und seiner Frau Kerstin. Svenjas erstes Silvester.

Januar: Mein Geburtstag am 11. Januar ist der Schönste, den ich je gefeiert habe. Wir sind sechs Girls im bunten Mix aus Bio- und T-Girls. Spät nachts verlegen wir die Party in eine nahegelegene Bar, ins Birdcage. We had so much fun we nearly peed our pants…

April: Ich beschließe, doch keine Blondine mehr zu sein und bekomme meine echte Haarfarbe zurück. Freunde und Kollegen sprechen Dankgebete.

Juni: Meine Ehe wird nach 11 Jahren geschieden. Das ist traurig für mich.

September: Das erste Gutachten für meine Vornamensänderung ist fertig. Ausserdem bekomme ich die Nachricht, dass die Laserepilation ab jetzt vollständig von der Krankenkasse übernommen wird, yippieh!

Oktober: Der einjährige Alltagstest ist rum. Welch eine spannende Zeit!

November: Martina, meine Ex-Gattin klagt auf mehr Unterhalt.

Fazit: Das war vielleicht das glücklichste Jahr in meinem Leben. Auch wenn viele Tränen geflossen sind, habe ich doch viel gelacht, bin gestöckelt, habe mir Laufmaschen geholt, bin angeglotzt, ausgelacht und bewundert worden, habe zuviel Pink getragen, war zu dick geschminkt, habe zu laut gelacht und dabei soviel Spaß und Freude gehabt, wie noch nie in meinem ganzen Leben.

Donnerstag, 11. Dezember 2008 – Svenja nimmt die Pille

Weibliche Hormone bekomme ich nun schon seit mehr als einem Jahr. Ich nehme Estreva Gel, das in einem praktischen Pumpspender geliefert wird. Jeden Morgen nach dem Duschen gönne ich mir eine winzige Portion des klaren Gels und verteile es auf Brust und Arme.

Die Wirkung ist einfach umwerfend: Gesicht und Körper werden femininer, Begegnungen mit Ex-Frauen und Liebesfilme werden „heuliger“ und mein Busen wächst und wächst. Und trotzdem: Der volle Pamela Anderson Effekt will sich Oberweiten-mäßig einfach noch nicht einstellen.

Nach der letzten Blutuntersuchung erklärt mir der Endokrinologe, warum das so ist: Mein Östrogenspiegel gleicht inzwischen tatsächlich dem einer ganz normalen Frau. Mein Testosteronwert aber, das männliche Hormon, ist noch immer viel zu hoch und das ist schlecht.

Ich brauche also ein Medikament, dass den Testosteronspiegel senkt, oder zumindest wirkungslos macht. Das wirksamste und bekannteste Medikament dafür ist Androcur. Es ist sehr wirkungsvoll, aber leider auch ein echter Hammer. Depressionen, Müdigkeit und fett zu werden, sind drei Dinge, die ich nicht gebrauchen kann.

„Nehmen Sie zum ersten Mal die Pille?“

Der Doc empfiehlt mir als Alternative die gute alte Diane-35, eine bekannte Antibabypille. Sie enthält neben weiblichen Hormonen auch ein Gestagen, das den männlichen Hormonen entgegenwirken soll. Ich bin sofort einverstanden und bekomme gleich ein Drei-Monatsrezept mit auf den Weg. 

Auf dem Rückweg vom Arzt halte ich an einer Apotheke, um gleich das Rezept einzulösen. Aus Verlegenheit und weil ich gut drauf bin, frage ich die junge Apothekerin, ob ich jetzt auch wirklich nicht mehr schwanger werden könne. Sie merkt wohl nicht, dass ich sie nur ein wenig auf den Arm nehmen will und erklärt mit freundlicher Besorgnis:

„Aber nein, wenn sie die genau nach Vorschrift nehmen, ist sie völlig sicher. Nehmen Sie denn zum ersten Mal die Pille?“ Ich gebe auf. Sie ist total nett und merkt einfach nicht, dass ich mal ein Mann war und auch ohne diese blöde Pille vermutlich nicht schwanger werden würde. Als mir klar wird, welches perfekte Passing das eben war, bin ich total glücklich. Welch ein schöner Tag!

Sonntag, 20. Dezember 2009 – Die Angst vor Weihnachten

„Ich bin der größte Fan, den Weihnachten jemals hatte.“ Diesen Spruch von Bill Murray aus dem Film „Die Geister“, die ich rief, habe ich wohl tausend Mal gesagt. Bis zum 23. Dezember 2005. Danach habe ich es nie wieder gesagt.

Versucht es euch einmal vorzustellen. Ich bin der Weihnachtspapa für fünf Kinder, für die damals noch beste Ehefrau von allen und natürlich für unsere beiden Hunde. Dazu gibt es ein Riesenhaus, das geschmückt werden will, viele Geschenke zu kaufen, zu verpacken und zu verstecken, tausend Dinge zu erledigen und schließlich ein riesigen Großeinkauf von Lebensmitteln am Tag vor Heiligabend. Welch eine Unruhe, welch eine tolle lebendige Zeit.

Wie es früher war, wird es nie mehr sein 

„Papa, was krieg ich zu Weihnachten?“ Nicht einmal, sondern hundertmal werde ich das von den Kindern gefragt. Und sogar die beste Gattin ist neugierig, was sie wohl zu Weihnachten bekommt. 

Dann endlich ist Heiligabend da. Zwei große Einkaufswagen schieben Tina und ich bei Toys R’US durch die Kasse und türmen anschließend daraus einen riesigen Geschenkeberg vor dem Tannenbaum auf. Das halbe Wohnzimmer ist vollgestellt. Besonders das Fahrrad für K. und die Puppenküche für L. brauchen eine Menge Platz. Und wie zum Geier versteckt man einen drei Meter hohen Basketballkorb? Schließlich ist es soweit: „Kinder, Bescherung. Der Weihnachtsmann war da!“ rufe ich die Treppe zu den Zimmern der Kinder hinauf. Gleich darauf Getrappel, Gestampfe, Geschrei und in Windeseile ist die ganze Familie Sven im Wohnzimmer versammelt. Tina hat schon die CD mit den Weihnachtsliedern aufgelegt und ich muss ständig aufpassen, dass mir nicht jetzt schon diese blöden Tränen der Rührung die Wangen herunter kullern.

Wie jedes Jahr zu Weihnachten bin ich der Geschenke-Conférencier. Jedes Kind, jede Ehefrau, jeder Hund und jeder Papa – ganz stolz: Ich – bekommt der Reihe nach jeweils ein Geschenk und muss es unter den neugierigen Blicken der Familie auspacken und gebührend würdigen. Weil es so viele Köpfe und so viele Geschenke sind, dauert es jedes Mal Stunden, bis endlich alles geschenkt, ausgepackt, bewundert und gewürdigt ist, bis alle Batterien eingesetzt, alle Puppen angezogen und jedes Parfüm beschnuppert und richtig sexy gefunden wurde. Ich glaube, das waren die glücklichsten Momente in meinem Leben.

Nach der Trennung von meiner Familie war es nicht mehr dasselbe. Heute fürchte ich die Weihnachtszeit und am meisten den Geist der vergangenen Weihnacht. Er jagt mir richtig Angst ein. Dabei ist heute alles viel einfacher als früher. Bei Weitem nicht mehr so anstrengend, nicht mehr so teuer, nicht mehr so stressig, so gehetzt, so nervig. Aber dafür ist es auch nicht mehr schön.

Donnerstag, 29. Dezember 2011 – Zukunftspläne

Ich bin ein totaler Planungs­freak. Wichtiges und weniger Wichtiges wer­den aufge­schrie­ben, notiert, kal­ku­liert, geplant, festgehalten und nach­bereitet. Das hilft mir, meine Gedanken zu ordnen. 

Besonders aktiv bin ich zum Jahreswechsel. Dann schmiede ich neue Pläne, denke nach, for­mu­liere Wünsche und Ab­sich­ten und stelle jedes neue Jahr unter ein eigenes Motto. 2012 wird das Jahr, in dem ich hinter mir aufräume.

Das Thema Gewicht nehme ich mit ins neue Jahr hinüber. In 2011 habe ich es nicht immer geschafft, unter 83 Kilo zu bleiben und um es interessanter zu machen, habe ich das Ziel noch einmal um drei Kilo angeschärft. Ziele dürfen niemals leicht zu erreichen sein.

Das trans-Thema hingegen ist weitgehend durch und soll mit dem Posting zur Personenstandsänderung allmählich erledigt sein. Es beschäftigt mich nur noch selten, so wie mich auch meine Führerscheinprüfung, die Grundausbildung, oder die Zeit im Krankenhaus nicht mehr jeden Tag beschäftigen. Eine Weile sind das wichtige Themen und man erzählt gerne von diesem einen total fiesen Fahrprüfer, der extra die winzigste Parklücke ausgesucht hat und wie man es trotzdem geschafft hat, dort einzuparken. Doch irgendwann fährt man schon jahrelang sein eigenes Auto und denkt kaum jemals an die Fahrprüfung zurück. So ähnlich ergeht es mir in meinem siebenten Jahr als Svenja.

Auch über die Vergangenheit werde ich nicht mehr auf eine Weise schreiben, der man den Schmerz über den Verlust von Familie, Freunden und Bekannten anmerkt. Das liegt hinter mir und ich lasse jetzt los. Dieses Ziel wird vermutlich am schwersten zu erreichen sein, aber Ziele dürfen niemals einfach sein.

Die Sache mit den ehelichen Schulden habe ich inzwischen perfekt geregelt, das knechtet mich nicht länger. Nach zehn Jahren werde ich alles zurückgezahlt haben und sechs davon sind schon um. Dafür schäme ich mich nicht, sondern bin eher stolz darauf, mich nicht in die Insolvenz-Unterhalts-Hartz-IV-Lösung ge­flüch­tet zu haben, sondern in zähen Ver­handlungen nach endlosen Mahnbe­scheiden und eini­gen demütigenden Besuchen des Gerichts­voll­zie­hers alles alleine geregelt zu haben: hingefallen, aufgestanden, Krone gerade gerückt, Nase hoch­ge­zogen und weitergestöckelt.

Mittwoch, 1. August 2012 – 30 Jahre bei der Polizei

Die Stubentür fliegt auf. Mein Zugführer und zwei Gruppenführer treten ein. Ich springe auf, knalle die Hacken zusammen und brülle mit hochrotem Kopf: „Stube 333 mit vier Beamten vollständig zur Stu­ben­durch­sicht angetreten.“

„Rührt euch“, brüllt der Zugführer. „SCHRÄNKE AUUUF….!“ und zieht dabei das U in die Länge, damit es noch eindrucksvoller wirkt. Freitags ist Stubendurchgang und erst danach werden wir ins Wochenende entlassen. Das heißt, natürlich nur, wenn keine schweren Verfehlungen festgestellt werden.

Wie das eine Mal, als eine Flasche Punica einen klebrigen Ring in meinem Spind hinter­lassen hatte. Oder als eine Patronenhülse in den Sohlen meiner Stiefel steckte, die ich mir wohl auf dem Schießplatz eingetreten hatte.

Ist das wirklich schon 30 Jahre her? 

Die Tinte auf meinem Abizeugnis ist noch nicht ganz trocken, da stehe ich am 1. August 1982 vor dem großen Tor der Polizeikaserne in Eutin. Es ist Sonntag. In der Rechten eine Tasche mit Klamotten, in der Linken das Schreiben der Polizei, dass ich angenommen bin und mich ab sofort KKA nennen darf, Kriminalkommissarsanwärter.

Die nächsten Monate lernen wir viel Praktisches, einiges Überlebenswichtige und manches eher Unnütze. Endloses Marschieren durch die Wälder um Eutin, Einsatztraining, Geländeläufe, Selbstverteidigung, Polizeikette, Wasserwerferausbildung, Waffenkunde, Schießausbildung, Einsatztaktik, Kartenkunde, eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer, Orientierung mit dem Kompass im Gelände, Erste Hilfe, ein Schreibmaschinenkursus und dazwischen immer wieder Sport und Waldläufe. Außerdem lerne ich, wie man ein Bett richtig macht, Parkett spänt und bohnert, Toiletten schrubbt und Hemden auf DIN A4 zusammenlegt. Mein Vater, selbst Offizier der Bundeswehr, nannte das ironisch: den Prozess der Menschwerdung einleiten.

Nach der Grundausbildung dann mein dreijähriges Studium an der Verwaltungsfachhochschule in Kiel Altenholz. Damals bin ich zum ersten Mal nach Kiel gekommen, in die große Stadt, und habe mich sofort in sie verliebt. Hier möchte ich leben und arbeiten.

„Zu seinen Beamten halten“

Heute bin ich genau 30 Jahre bei der Kripo und ich bin noch immer gerne Polizistin. Es ist ein guter Beruf und ich mag die Tätigkeit, die oft abwechslungsreich und interessant ist, aber immer viel mit Menschen zu tun hat. Und ich genieße die Fürsorge, die ich von meinem Land erhalte, die Unterstützung, das „Zu seinen Beamten halten“.

Zweimal habe ich das am eigenen Leib erfahren, zuerst nach meinem schweren Dienstunfall 1993, als ich mir das Genick gebrochen habe und dann bei meinem Switch von Sven zu Svenja. Beide Male hat man mich nicht im Stich gelassen, sondern mit der ganzen Kraft einer großen Behörde unterstützt.

Fazit: Zehn Jahre noch, dann werde ich selbst außer Dienst gestellt. Über 40 Jahre werde ich dann gedient haben. Bin jeden Tag aufgestanden, habe mich presentable gemacht und bin fit und ausgeruht, gewaschen und gekämmt zum Dienst erschienen. Habe Aufregendes getan, Bürokram erledigt, habe mich gehauen, mich gelangweilt, bin verletzt worden, habe mich über Innerdienstliches geärgert, über Kollegen aufgeregt, mit ihnen gefeiert und gelacht und bin immer anständig bezahlt worden. Freue ich mich auf meine Pensionierung? Nein, das sicher nicht, aber meine Pension, die habe ich mir dann verdient.

Freitag, 20. Juni 2014 – Alltäglich und banal

Mit der Normalität ist das so eine Sache: Sie ist immer auch ein wenig langweilig. Die aufregende Zeit ist vorbei, in der jeder Schritt vor die Tür von höchster Aufmerksamkeit und ängstlicher Wachsamkeit begleitet war. Heute ist mir kaum noch bewusst, dass ich einmal trans war.

Aber was hat sich verändert, was ist heute anders als früher, als ich noch Sven war und nicht Svenja? Abgesehen von Klamotten, Busen und MakeUp wenig – und das Wenige ist auf das Älterwerden und auf die persönliche Entwicklung zurückzuführen, und nicht auf Hormone und hohe Schuhe. Als ich den Switch gemacht habe, war ich erst 43, heute bin ich 52, da soll ein Mensch sich schon verändern.  

Was hat sich seid dem Switch verändert?

Wichtiger ist, was sich nicht verändert hat – die Dinge, für die ich wirklich brenne, sie sind noch immer dieselben: Das Reisen auf meiner Enduro mit Zelt und Schlafsack, Fotoapparat und Notizbuch und später das liebevolle Kombinieren von Texten, Grafiken und Fotos zu einem Reisebericht, die Arbeit am Computer mit Grafiktablett und Photoshop, mit Html und CSS. Das begeistert Svenja ebenso sehr, wie es schon Sven begeistert hat. 

Aber gibt es denn gar nichts, das heute grundlegend anders ist als früher, etwas, worin sich das Leben als Frau völlig unterscheidet von dem eines Mannes? 

Vielleicht eine Sache: Ich sehe Frauen und Männer heute völlig anders als früher. Frauen sind nicht mehr die verehrten Lichtgestalten, die es zu erobern gilt und Männer kommen mir heute seltsam oberflächlich vor. 

Fazit: Manchmal ist es fast ein bisschen langweilig, so ein handelsübliches Frauenleben, jetzt da der Switch vollzogen und das trans-Thema durch ist. Es wird Zeit, dass ich mir ein neues Abenteuer suche. Irgendetwas Aufregendes…

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Silvestermorgen. Ich stehe vor dem Weinregal im Supermarkt und nehme zwei Flaschen Sekt in die Hand. Wieso eigentlich nicht, denke ich? Es war ein turbulentes Jahr und wenn es je einen Grund zum Feiern gab, dann heute. 

Quelle aller Bilder: Svenja 

Eine kurze Bestandsaufnahme: Gesund? Bin ich. Mir fehlt nichts. Es ist Jahre her, dass ich zuletzt etwas hatte, oder überhaupt beim Arzt war.

Ich bin Chefin!

Beruflich? In diesem Jahr bin ich Chefin geworden, Leiterin der IT-Forensik des LKA, und im Dezember bin ich auch noch befördert worden. Ich könnte platzen vor Stolz. Aber trotzdem ist das nur die Arbeit. Ich habe auch noch ein Leben.

Thema Geld: Schulden, Alimente und Unterhalt haben mich zehn Jahre lang geknechtet, doch seit diesem Jahr bin ich schuldenfrei. Mein Gehalt hat sich damit über Nacht verdoppelt. Sämtliche Schulden beglichen, der Unterhalt bezahlt. Mit einer Insolvenz hätte ich das in sieben Jahren geschafft, aber das ist nicht mein Weg.

Die letzten zehn Jahre habe ich ein kleines Leben geführt. Das möblierte Zimmer, der alte Kleinwagen mit 50 PS, das 250ccm-Motorrad. Ich liebe diesen Minimalismus, mein kleines Leben, das ich dafür aber fett bewirtschaften kann: Ich leiste mir gutes Essen, Entrecôte und Wein, gebe Geld aus für Bücher, Filme und Musik, kaufe mir Schuhe und Kleider, und dann sind da noch meine Reisen.

Svenja feiert zehnten Geburtstag

Am 20. August ist mein neues Leben zehn Jahre alt geworden. Namensänderung, Personenstand, neue Geburtsurkunde, all das liegt lange hinter mir. Schon verrückt. Man liest zwar Geschichten über solche Sachen, aber man glaubt niemals, dass es einem selbst passiert.  

Doch auch wenn man die Vergangenheit hinter sich lässt, bleibt immer irgendwas, woran man festhält. Bei mir ist es das Endurowandern mit Zelt und Schlafsack. Das habe ich schon als Sven geliebt und das liebe ich auch heute noch: Motorradfahren, zelten, fotografieren, am Lagerfeuer sitzen, Fleisch braten, Bier trinken, eine gute Zeit haben. 

Was sonst noch? Ich fotografiere wieder, ein Hobby, das sogar noch älter ist als das Motorradfahren. Ich habe die Street Photographie für mich entdeckt und auch wenn mir Talent fehlt, Freude macht es trotzdem. Man muss nicht gut in etwas sein, um Spaß daran zu haben. Wer je eine Casting-Show gesehen hat, weiß, was ich meine.

Fazit: 2015 war ein unglaublich anstrengendes, schönes, beschwerliches, lustiges und ereignisreiches Jahr.

In wenigen Stunden kommt mein gesamter Freundeskreis zur Silvesterparty. Die letzte Zählung der Gästeliste ergab exakt: 1, meine Freundin Claudia. Ein kleiner, aber erlesener Kreis. 

Wir werden Raclette essen, Sekt und Wein trinken, ich werde meine neuen High-Heel-Pumps tragen, das Feuerwerk fotografieren und später vielleicht die Nachbarn heimsuchen. Ich freue mich auf Silvester.

Wenn ihr von Svenja lesen wollt, schaut doch mal auf ihrem Blog vorbei. 

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