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Warum das bedingungslose Grundeinkommen nicht das Ende der Arbeit bedeutet

Ich mache ein bedingungsloses Praktikum. Das heißt, ich werde auch bezahlt ohne zu arbeiten – und tue es trotzdem. Was lässt sich daraus über das Grundeinkommen lernen?

 

Mein bedingungsloses Praktikum

Seit Anfang September bin ich bedingungslose Praktikantin bei Mein Grundeinkommen. Das heißt, ich bekomme jeden Monat ein Grundeinkommen und darf arbeiten was, wann, wie viel und wo ich möchte – es werden (fast) keine Erwartungen an mich gestellt.

Viele Menschen haben mich gefragt, wie ich damit umgehe. „Chillst du dann den ganzen Tag?”, „Geil, ich würde erstmal in den Urlaub fahren”, “Warum gehst du dann überhaupt arbeiten?”

Und ich habe darüber nachgedacht. Ich bin relativ steil gestartet und habe mich dem Arbeitsrhythmus des Teams weitestgehend angepasst. Ich arbeite vier Tage die Woche. Nicht übertrieben. Aber „den ganzen Tag chillen“ ist das auch nicht.

Ich nehme mein Praktikum sehr ernst. Ich will dabei sein. Ich will ein gleichwertiges Teammitglied sein. Ich will verantwortungsvolle Aufgaben bekommen und diese erfolgreich meistern. 

Es geht dabei auch um Anerkennung. Um Zugehörigkeit. Diese ist für mich besonders wohltuend, nachdem ich nach dem Abschluss meines Masterstudiums das Gefühl habe, aus einem Feedback-Vakuum zu kommen. Alle paar Wochen eine Note für eine Hausarbeit und zwei Mal die Woche ein Feedback zu einem Diskussionsbeitrag im Seminar zu bekommen ist einfach nicht das Gleiche, wie der Alltag in einem echten Team. In einem echten Projekt.

Nach dem Praktikum steht auch mein ,eigentlicher’ Berufseinstieg an, der mir auch schon seit Monaten ein mulmiges Gefühl gibt. Das heißt, das Praktikum sehe ich auch als Chance, um noch mehr zu lernen und mich zu beweisen. Zu zeigen: Hey, ich kann was! Mich erfolgreich zu präsentieren in einem System, in dem was ich kann und wer ich bin knallhart und betriebswirtschaftlich bewertet werden.

Die Sozialpsychologie des Grundeinkommens

Als ich über meinen nächsten Blogpost zu meinem bedingungslosen Praktikum reflektiert habe, habe ich mich gefragt, wie dieser Druck, den ich mir mache und den ich von außen spüre, aber auch meine Motivation sich mit der Bedingungslosigkeit vertragen. Spielt die Bedingungslosigkeit für mich gar keine Rolle? Warum nicht? Warum arbeite ich nicht nur zwei oder drei Tage und genieße die drei Monate bevor es richtig ernst wird?

Obwohl natürlich viel von meiner Herangehensweise mit der kurzen Dauer des Praktikums zu erklären ist, glaube ich, dass meine Erfahrung interessante Einblicke in die ‚Sozialpsychologie des Grundeinkommens’ und moderne Arbeit geben kann, die ich in den folgenden vier Thesen zusammengefasst habe.

1.   Unser Arbeitsplatz ist weit mehr als nur eine Geldquelle

In Diskussionen zum bedingungslosen Grundeinkommen wird oft vermutet, „dass dann ja keiner mehr arbeiten gehen würde”. Und dann würde das Land zusammenbrechen (oder so). Als ob wir alle nur aufgrund finanzieller Zwänge nicht 70 Jahre auf der Couch sitzen, Chips essen und schlafen.

Und als wäre jeder Job, den es gibt, unverzichtbar für das System. Alljährlich werden in der Politik die Arbeitslosenzahlen diskutiert. Nicht unbedingt, weil Deutschland mehr Arbeitskräfte braucht, sondern weil die Menschen Arbeit brauchen.

Nur wegen des Geldes? Ich denke nicht. Ich beobachte viel mehr, dass in unserer Arbeitsgesellschaft ein Arbeitsplatz eine der wichtigsten Quellen unserer Identität und unseres Selbstwertes ist. Nicht umsonst fragt man Menschen, die man neu kennenlernt erstmal „was sie eigentlich machen” – und meint damit ihren Job. Und hört man Immobilienmakler*in/ Vertriebler*in/ Bäcker*in/ Journalist*in/ (…) hat man sofort ein Bild im Kopf: „Ah, cool!” Und meint: „Ach so Eine*r.“

2.   Anerkennung und Zugehörigkeit sind für uns (fast) so wichtig wie Geld

Wenn man Maslows Bedürfnispyramide folgt, dann müssen zunächst einmal unsere absoluten Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Obdach und körperlicher Gesundheit erfüllt sein, bevor wir uns um die nächsten Stufen kümmern können: Unserem Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit und individueller Anerkennung und schließlich nach Selbstverwirklichung.

Deshalb ergibt die Annahme, dass Menschen mit bedingungslosem Grundeinkommen weniger arbeiten würden, wenig Sinn. Seit den Anfängen unserer Arbeitsgesellschaft hat sich nämlich (neben der Familie) der Arbeitsplatz zu einer der wichtigsten Quellen für soziale Zugehörigkeit und Anerkennung entwickelt. Und je sicherer wir uns materiell fühlen, desto mehr streben wir nach Anerkennung und Selbstverwirklichung. Richtig ist vielleicht, dass weniger bezahlte Erwerbsarbeit ausgeübt werden würde. Das ist aber ein Thema für eine weitere Diskussion.

3.   Innere Erwartungen wirken mindestens so stark wie äußere Erwartungen

Nach vielen Jahren der Sozialisierung in einer Gesellschaft, in der sich fast alles um Leistung dreht, ist es fast unmöglich diese Prägung einfach „wegzureflektieren“. Das hat sich bei mir persönlich vor allem im Studium gezeigt, als ich in meinem kleinen Zimmer im Studentenwohnheim saß und dachte: „Meera, du musst mehr machen, du musst es besser machen!” Und das obwohl das niemand zu mir gesagt hat. Und vermutlich auch keiner gedacht hat. Und vor allem niemanden interessiert hat, ob ich nun keinen, drei, fünf oder zehn Texte für das nächste Seminar durcharbeite.

Die Stimme war einfach in meinem Kopf. Ich weiß nicht, wann sie angefangen hat zu sprechen und alles was ich tue an einem unerreichbaren Leistungsideal zu messen, ich weiß nur, dass sie eine mächtige Antreiberin ist. Mindestens so stark wie die Angst vor greifbarem materiellen Abstieg und äußeren Erwartungen.

4.   Nicht nur materieller Zwang organisiert Gesellschaft, sondern unsere kollektive und individuelle Interpretation der Wirklichkeit

Stell dir vor, es ist Zeit zu arbeiten und niemand geht hin.

Stell dir vor, es ist Zeugnisausgabe und niemand geht hin.

Stell dir vor, es ist Zeit für ein Bewerbungsgespräch und niemand geht hin.

Hinter diesen Aussagen steckt natürlich die Frage, wodurch diese Situationen ihre Macht auf uns ausüben können. Meine These ist: Weil wir alle an sie glauben. Ein Zeugnis ist nur ein Stück Papier. Die Bedeutung bekommt es, weil wir alle verstehen was die Zahlen und Fächer darauf heißen sollen, weil wir ihnen automatisch eine Bedeutung zuschreiben und sie als gut oder schlecht oder „beeindruckend“ bewerten und mit unseren eigenen Erfahrungen abgleichen. Weil wir auf der Grundlage von Zeugnissen Mitglied bestimmter Institutionen werden können – oder eben nicht. Das ist alles Interpretation und gesellschaftliche Gewichtung, die immer nur im Kontext einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Gesellschaft Sinn ergibt.

Insbesondere Arbeit hat z.B. für die Babyboomer eine andere Bedeutung, als für die so genannte Generation Y (zu der ich mich zähle). Für mich bewegt sich die Bedeutung des Begriffs zwischen Zwang und Selbstverwirklichung, zwischen Wunsch und Notwendigkeit. Für andere bedeutet Arbeit eine bürgerliche Pflicht, eine Selbstverständlichkeit, um die es keiner Diskussion bedarf. 

Was den meisten Menschen in Deutschland gemein ist, ist aber, dass Arbeit ein ganz zentrales Element unseres Lebens ist. Und das ist so, weil wir es mehr oder weniger bewusst, gesellschaftlich so angelegt haben. Über Hunderte von Jahren! Diese Prägung verschwindet nicht einfach, nur weil der finanzielle Zwang wegfällt.

Insofern ist die Bedingungslosigkeit meines Praktikums in zweierlei Hinsicht faszinierend:

Zum Einen muss Freiwilligkeit mehrdimensional verstanden werden. Ja, niemand und nichts zwingt mich zur Arbeit – außer eben meine gesamte gesellschaftliche Prägung, meine Werte und Gedanken. Im Hinblick auf das bedingungslose Grundeinkommen mache ich mir deshalb wenig Sorgen, dass sich fundamental etwas zum Schlimmen verändern würde. Unsere Gesellschaft funktioniert nämlich nicht deshalb, weil wir einen Diktator haben, der uns physische Gewalt androht, wenn wir nicht tun, was verlangt wird. Unsere relativ freie demokratische Wohlstandsgesellschaft funktioniert, weil wir soziale Zwänge und Werte so verinnerlicht haben, dass wir von ganz allein dafür sorgen uns anzupassen, zu gefallen, dazuzugehören und uns selbst zu optimieren (und das ist erstmal neutral zu verstehen!). Diese Mechanismen und unsere innere kritische Stimme werden durch ein Grundeinkommen nicht einfach ausgehebelt. Es bricht nicht einfach alles zusammen.

Ich arbeite, weil ich es will

Zweitens kann ich trotzdem meine Arbeit mit mehr Würde verrichten, denn sie basiert nicht auf finanzieller Not und nicht nur auf sozialen Zwängen, sondern auch auf meiner Entscheidung und meiner Motivation und meiner Freude. Dadurch kann sie auch von meinem Team gewürdigt werden, das weiß: Ich bin da, weil ich wirklich da sein will, weil ich Zugehörigkeit empfinde und Wertschätzung erfahre. Nicht weil ich muss

Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist nicht dazu gedacht das Konzept der Arbeit abzuschaffen, sondern Menschen eine wirklich freie Wahl zu geben wie viel, wann, wo und was sie gerne arbeiten möchten und was sie unter ‘Arbeit’ verstehen. Gleichzeitig sollen ihre finanziellen Sorgen aufgelöst werden. 

Und das kann ich für die nächsten drei Monate bedingungslos genießen und zu 100 Prozent mitarbeiten.


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