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Warum wir heimlich die Pille absetzen

Noch immer verhüten die meisten Frauen mit der Pille – bis man sie wegen der vielen Hormone dann doch mal absetzt, um zu sehen: Geht es mir dann wirklich schlechter? Aber geredet wird darüber meist nicht – warum eigentlich?

 

Die Wirkung der Pille? Erst einmal: großartig!

Als Teenager habe ich das Thema Antibabypille mit meinen Freundinnen durchgeknatscht wie rote Hubba Bubba Kaugummis. Der fahle Nachgeschmack kam jedoch erst Jahre später. Damals freuten wir uns noch kollektiv über reinere Haut, schmerzfreie Perioden und größere Brüste, während im Hintergrund ein halb nackter Robbie Williams über den MTV-Bildschirm flimmerte. Verhütung schien so schön und einfach zu sein.

Die Pille, die im Mai diesen Jahres 55 Jahre alt wird, wurde schließlich schon in den 60ern als Epiphanie des Feminismus gefeiert. Sie galt als das Symbol der sexuellen Befreiung des weiblichen Geschlechts. Endlich war es uns möglich die Familienplanung bewusst zu steuern, arbeiten zu gehen, eine Karriere zu verfolgen. Eine gesellschaftliche Macht- und Kontrollverteilung zugunsten der Frau schien in greifbare Nähe gerückt.

Was bleibt? Ein fahler Nachgeschmack

Alles super also? Nun ja, in der Realität arbeiteten viele Frauen zunächst jedoch hauptsächlich im Niedriglohnsektor und die Führungspositionen blieben weiterhin der männlichen Bevölkerung vorbehalten. Auch legte es die Verantwortung zur Empfängnisverhütung allein in unsere Hände:

Du nimmst doch die Pille!?” wird heute noch zu oft, wie selbstverständlich, von Männern vorausgesetzt. Wie kann das sein. Und ist das noch Feminismus?

Holly Grigg-Spall, Autorin des umstrittenen Buches Sweetening the Pill” sagt: 

„Die Pille wird Frauen mit Akne, PMS, unregelmäßigen, schmerzhaften Perioden gegeben. Sie hat sich zu einem Medikament für die ‘Krankheit der Weiblichkeit’ entwickelt. Anstatt die Gesellschaft zu ändern, hat die Gesellschaft sich dazu entschieden Frauen zu reparieren.”

Pille als Medikament? Was ist da dran?

Die Pille enthält eine künstliche Form der Hormone Östrogen und Gestagen, die dem Körper eine permanente Schwangerschaft vortäuschen. Dadurch findet kein Eisprung und somit auch keine mögliche Befruchtung statt. Das soll hier keine Panikmache sein, aber natürlich kann die Pille, wie jedes Medikament, bestimmte Nebenwirkungen haben. Da wir sie aber ja nicht nehmen, weil wir krank sind, sondern sie uns hinter die Binde kippen, so selbstverständlich wie wir uns die Zähne putzen, bringen wir manche der unerwünschten Nebeneffekte erst gar nicht mit ihr in Verbindung.

Ich rede hier von den „harmloseren” Dingen wie Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, Übelkeit oder Gewichtszunahme. Auch die depressiven Episoden, Panikattacken und die immer geringer werdende Lust auf Sex schieben wir oft, allzu leichtsinnig, dem Stress in die Schuhe.

Doch manche Pillen erhöhen das Thromboserisiko erheblich, auch die Gefahr, an bestimmten Krebsarten zu erkranken, kann steigen. Das steht ja auch so in der Packungsbeilage, aber wirklich geglaubt, haben wir es eigentlich nicht. Einzelfälle hieß es. Bis dann mehrere Frauen, wahrscheinlich durch die Folgen der Einnahme bekannter Präparatestarben.

Jede Frau kennt die Auswirkungen ihres Zyklus auf Stimmung und körperliche Verfassung. Das ist kein Zufall, denn Hormone beeinflussen viele Abläufe, vom Immunsystem bis hin zur Fettverbrennung. Wie Alexandra Pope und Jane Bennett in, „The Pill: Are You Sure It’s For You?” erklären: “Die Pille verändert mindestens 150 Körperfunktionen und beinflusst all deine Organe.”

Schluss mit der Pille? Das muss man sich erst einmal trauen!

Wer das alles nicht mehr auf sich nehmen möchte, kann die Pille absetzen. Nach all den Jahren fühlt sich das an wie eine Trennung. Auch Angst vor Kontrollverlust über den eigenen Körper spielt eine Rolle. Nicht mehr wissen, wann die Tage kommen. Wie soll man denn da den nächsten Badeurlaub planen? 

Doch schon bald pendelt sich alles wieder ein und wir stellen fest, sie ist gar nicht so schwer, die Aussöhnung mit dem eigenen Körper. Schließlich hat man zusammen schon so einiges erlebt. Auch die Pickelchen vergehen wieder, und selbst wenn einer mal länger bleibt, dann ist das auch nicht das Ende der Welt. Plötzlich wiegt man sieben Kilogramm weniger und selbst gegen die Schmerzen ist ein Kraut gewachsen. Und ja, liebe Jungs, die ihr, nur ganz vielleicht, noch am mitlesen seid. Es fühlt sich an, als würde eine eiserne Faust die Organe in eurem Unterleib zusammen drücken. Über Stunden. Stellt euch einen gezielten Tritt in eure Eier vor und stellt ihn auf Dauerschleife.

Echte Alternativen zur Pille? Fehlanzeige

Bleibt noch die Frage, wie ab jetzt verhütet werden soll. Kondome sind natürlich wichtig, da sie auch vor Krankheiten schützen. Aber in einer monogamen Beziehung? Mal ganz ehrlich, wer hat da Bock drauf? Andere hormonelle Verhütungsmethoden wie das Implantat haben die gleichen Nebenwirkungen wie die Pille. Diaphragma? Mittelalterlich. Pille für den Mann, da kann man ja warten bis man alt und grau ist. Die Spirale? Na vielleicht. Kurzum, viele andere Verhütungsmittel sind anwenderunfreundlich oder schlichtweg Mist. Was also tun?

Es gibt dieses Ding namens

Natürliche Familienplanung, kurz NFP. Klingt aber erstmal nicht nach Verhütungsmethode, sondern nach Schwangerschaft. Und auch ein bisschen zu erwachsen. Weil ich es genauer wissen wollte, habe ich mir ein Buch dazu besorgt. Und schwups die wups, was soll ich sagen, ich war schockiert über meine eigene Unwissenheit. Schließlich hält man sich ja für, zumindest halbwegs, gebildet. Bleibt die Stichprobe bei den Freundinnen, um zu schauen, ob die wohl besser Bescheid wissen. Aber Pustekuchen, auch die gaben an, dass der Eisprung sich irgendwann in der Mitte des Zyklus befindet und vertrauten sehr vage auf die Angaben ihrer App. Dabei gibt uns unser Körper ziemlich genaue Zeichen, wir haben nur verlernt sie zu lesen.

Sicher, es erfordert ein gewisses Maß an Eigenverantwortung, aber bei richtiger Durchführung ist NFP immerhin fast so sicher wie die Pille, und das ganz ohne Nebenwirkungen. Und eigentlich ist es auch sehr spannend, was einem da plötzlich so alles auffällt. Das Grundprinzip ist folgendes: über verschiedene Methoden ermittelt man seine fruchtbaren Tage, an denen verhütet man zusätzlich, und an den anderen lässt man es sein. Wenn man mal ein Gläschen zuviel intus hat und unvorsichtig wird, kann das Ganze natürlich schnell in die Hose gehen.

Is NFP the new black – pardon – Antibabypille?

Sicher, ich bin nicht die einzige, die auf den Trichter mit der Natürlichkeit gekommen ist. Ich glaube die Dunkelziffer ist hier sogar überaus hoch. Auch wenn MTV mittlerweile dem Pay TV angehört und Robbie Williams seine Frau im Kreißsaal filmt, das Verhütungsthema bleibt unter Frauen ein Dauerbrenner. Doch immer öfter gibt es diejenigen, die verlegen auf ihre Fußspitzen schauen, wenn sie auf die Verhütungsmethode ihrer Wahl angesprochen werden. Ich bohre dann gemeinerweise weiter, bis heraus kommt: Huch, das ist wieder eine, die sich von den rosa Pillchen verabschiedet hat. Allerdings, und jetzt wird es ganz verrückt, irgendwo tief drinnen, scheint sie sich für diesen Entschluss zu schämen, zu fürchten, dass man sie als leichtsinnig und naiv abstempeln könnte.

Ich jedoch mag ihr am liebsten ein High Five geben dafür, dass sie kritisch hinterfragt, ob es nicht vielleicht doch die Pharmakonzerne sein könnten, in deren Interesse wir uns jahrzehntelang Hormone reinballern. Oder dafür, dass sie sich dachte, dass ökonomische Interessen in einer kapitalistischen Gesellschaft selten außer Acht gelassen werden können. Und vor allem auch dafür, dass sie in ihren Körper hinein gehorcht hat.

Es ist dein Körper

Versteht mich nicht falsch. Ich bin weder strikter Gegner der Pille, noch Verfechter ihres Gebrauchs. Mir ist klar, dass das eine Entscheidung ist, die jede Frau individuell und in Abhängigkeit ihrer Lebenssituation für sich selbst treffen muss. Manche scheinen wunderbar mit ihr klar zu kommen, andere hingegen überhaupt nicht. Ich, jedenfalls, bin kein medizinischer Experte auf dem Gebiet – aber ich bin skeptisch.

Mit 16 Jahren wäre eine ungewollte Schwangerschaft, für mich persönlich, sicher nicht ideal gewesen, daher nahm ich die Pille. Dennoch hätte ich gerne früher erfahren, dass Verhütung im Einklang mit dem Körper gar keine so bescheuerte Idee sein muss, und bei richtiger Anwendung, auch ganz prima funktionieren kann. Immerhin sind es nur ein paar wenige Tage im Monat, an denen wir schwanger werden können. Die Verantwortung für die Verhütung kann also ruhig auch öfter mal von Mann und Frau gemeinsam getragen werden, denn dann sind sexuelle Befreiung und Feminismus auch nicht länger an ein pharmazeutisches Produkt gebunden.

Hinweis: Dieser Text erschien zuerst auf Betweencities.de.

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