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Wie ich nach einem schweren Unfall lernte, auf die Signale meines Körpers zu hören

Seit einem schweren Fahrradunfall lebt unsere Communityautorin Martina mit chronischen Schmerzen – bei uns schreibt sie darüber, wie sie gelernt hat, den Schmerz als dauerhaften Begleiter zu akzeptieren.

 

Als sich mein Leben auf einen Schlag veränderte

Vor vier Jahren hatte ich einen einen doofen Unfall in Barcelona, bei dem ich mir den linken Fuß gebrochen habe. Ein dummer Ausrutscher mit dem Rad, und schon lag ich auf der Straße. Als ich aufblickte, war mir sofort klar, das sieht richtig schlimm aus. Mein linker Fuß bog sich komplett nach links und war absolut nicht, wo er sein sollte. Den schmerzfreien Schockmoment habe ich leider nicht erlebt. Ich lag auf der Straße und musste schreien und weinen vor Schmerzen. Es kam einfach aus mir heraus und ich hatte keine, wirklich absolut keine Kontrolle über diese Schreie und die Schmerzen.

Die Nacht verbrachte ich in einem spanischen Krankenhaus in einem Delirium aus Schmerzmitteln und Schlaf. Am nächsten Tag wurde ich in einem anderen Krankenhaus von Gang zu Gang geschoben und habe in diesem Zustand aus Delirium und Abwesenheit auf meine Operation gewartet. Eigentlich war das der pure Horror. Aber in diesem Moment kam es mir ganz natürlich vor. Als die Operation endlich vorbei war, wachte ich in einer Intensivstation auf, musste ganz dringend auf die Toilette und mir wurde ohne Mitgefühl oder Einfühlungsvermögen eine Bettpfanne untergeschoben. Auch das habe ich nie hinterfragt. Ebenso wenig die Tatsache, dass man mich schon einen Tag später mit einem Beutel Schmerzmittel und ohne Krücken aus der Intensivstation geschmissen hat und ich plötzlich mit pochendem Bein und Schwindel irgendwo inmitten der Hitze Barcelonas stand.

Plötzlich stand ich auf einem Bein mit Schwindel auf der Straße

Zum Glück hat mich kurzfristig die Familie eines Freundes aufgenommen. Den Abend, den ich bei dieser Familie verbrachte, haben diese lieben Menschen hoffentlich mittlerweile vergessen. Denn im Nachhinein kommt es mir vor, als hätten sie ein Lazarett für mich eröffnet. Ich lag auf ihrem Sofa, nahm stündlich Schmerzmittel und konnte nicht aufhören, vor Schmerz zu stöhnen. Ich erinnere mich noch wie ich vor Erschöpfung manchmal einschlief und dann wieder aufschreckte. Es war einfach unmöglich, diesen Schmerzen zu entfliehen. Obwohl der Schmerz zunehmend leichter wurde, wurde er doch zu meinem konstanten Begleiter, den ich vor allem in der Nacht wahrnahm. Manchmal wachte ich in den Wochen danach im nächtlichen Dunkel auf und atmete über Stunden einfach nur in den Schmerz hinein. Ich begann mit ihm zu sprechen, auf ihn zu hören und lernte, ihn nicht zu bewerten.

Der Schmerz hat mich Präsenz gelehrt

Dadurch war ich absolut präsent mit dem Schmerz und meinem Körper. Manchmal war es, als würde ich den Heilungsprozess spüren. Ich erinnere mich auch immer wieder an die Bewunderung, die ich für meinen Körper empfand, der langsam die Knochen wieder zusammenwachsen ließ und mir währenddessen so klar und deutlich sagte, was er brauchte. Denn er brauchte wirklich sehr viel Schlaf, extrem viel gesundes Essen und Ruhe. Das klingt jetzt erst mal banal. Aber wenn ich ehrlich bin, in der Zeit vor dem Unfall waren Ruhe und Aufmerksamkeit für meinen Körper durch meinen Job und meine Karriereambitionen nicht so auf meiner Agenda gestanden. Ich hatte gerade meinen ersten Job angefangen, wollte etwas bewegen und etwas erreichen. Obwohl ich das nicht negativ bewerten möchte, hat mir doch mein Unfall sehr vieles beigebracht:

Ich war auf Hilfe von Freunden und Familie angewiesen

Denn plötzlich war ich auf die Hilfe meiner Familie, meines Partners und meiner Freunde angewiesen. Ich brauchte ihr Unterstützung, wenn es darum ging, Essen einzukaufen, meine Wohnung zu putzen und zum Arzt oder Physiotherapeuten zu kommen. So schwer es am Anfang war, meine Unabhängigkeit so eingeschränkt zu sehen – war ich es doch seit Jahren gewohnt, meine eigenen Wege zu gehen und mein Ding zu machen – so schön war es zu merken, wie sich alle kümmerten. Wenn ich ehrlich bin, ich habe es relativ schnell genossen, umsorgt zu werden. Bis heute bin ich dankbar für die Aufmerksamkeit und Liebe, die mir entgegengebracht wurde.

Für die Hilfe bin ich bis heute dankbar

Diese Dankbarkeit ist geblieben. Ebenso wie der Schmerz, der zu meinem konstanten Begleiter geworden ist. Gleichzeitig ist die Achtsamkeit gegenüber meinem Körper weiter gewachsen. Der Respekt, den ich für den Heilungsprozess empfunden habe, ist einer Art Aufmerksamkeit und liebevollen Anerkennung gewichen. Schon damals habe ich gemerkt, wie wenig ich den Schmerz be-oder verurteile. Er war einfach ein Teil von mir, manchmal schlimmer, manchmal weniger schlimm. Durch ihn bin ich meiner Familie, meinen Freunden und mir auf eine ganze neue Weise näher gekommen. Der Schmerz hat mich Achtsamkeit mit mir selbst und anderen sowie Stolz auf die unglaubliche Heilungskraft meines Körpers gelehrt.

Bis heute kann ich meinen linken Fuß weder voll anwinkeln noch beugen. Meine meditativen Joggingabende sind vorbei, ebenso wie die Squashbattles nach einem harten Arbeitstag. Stattdessen arbeite ich mit Yoga und ruhigen Balance-und Kraftübungen weiter daran, meinen Körper so anzunehmen, wie er eben ist. Durch meine Yogalehrerausbildung treffe ich auf immer mehr Menschen, die den konstanten Begleiter ,Schmerz‘  nur zu gut kennen. Vermutlich tragen wir alle in der einen oder anderen Form einen Schmerz mit uns. Manche von euch gehen vielleicht physisch schmerzfrei durch’s Leben, leiden dafür mental. Möglicherweise habt ihr auch ein viel schmerzvolleres Erlebnis hinter euch und ich maße mir keineswegs an, das zu bewerten.

Der Unfall hat mir geholfen, stolz auf meinen Körper zu sein

Doch für mich kann ich sagen, dass ich durch meinen Unfall und die Folgen gelernt habe, Schmerz wertfrei anzunehmen und liebevoll mit meiner Verletzlichkeit umzugehen. Ich gönne mir die nötigen Pausen, höre bewusst auf die Botschaften meines Körpers und bin dankbar für seine Stärke. Ich bin präsenter geworden und begegne Herausforderungen viel ruhiger. Denn ich weiß, dass ich ihnen im Notfall nicht allein gegenüberstehen muss, sondern Menschen in meinem Leben habe die mich auffangen und für mich da sind. 

Es ist mir nicht leicht gefallen, diesen Artikel zu schreiben. Doch ich hoffe, ich konnte damit ein paar von euch aufmuntern, eure eigene Verletzlichkeit zu umarmen. 

Auch wollte ich mich bei den vielen lieben Menschen bedanken, die mir einst beigestanden haben – vor allem dem Brasilianer, der meine Hand hielt, als ich schreiend und weinend auf der Straße lag. Ich weiß seinen Namen nicht und werde ihn vermutlich nie wieder sehen. Aber ich werde ihm für immer dankbar sein.


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