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Panik statt Abenteuerlust: Wie der Druck der vielen Möglichkeiten mich krank gemacht hat

Wir sind die Generation Y. Wir können alles, wir dürfen alles. Aber was machst du, wenn du plötzlich nicht mehr funktionierst? Wenn statt Abenteuerlust auf einmal Angst und Panik deine ständigen Begleiter sind? Genau so geht es unserer Communityautorin. Hier erzählt sie, wie sich das anfühlt.

 

Was ein Mensch Mitte 30 heute alles kann – und was er alles soll

Ein Mensch meines Alters hat so
viele Möglichkeiten. Früher, also bei meinen Eltern, war das nicht
ganz so, bei meinen Großeltern absolut nicht. Überall liest man von dieser „Generation
Y
“ oder „Generation Beziehungsunfähig“, die immer nur Spaß will, aber auf keinen Fall feste Zusagen geben und schon gar kein geregeltes Leben will. Wir wollen frei sein, tun
und lassen was wir wollen, weil wir es können. Weil unsere Eltern – die Babybommer
– uns das Tag für Tag eingeredet haben, weil sie unser Selbstvertrauen ins Unermessliche gesteigert haben. Zumindest haben das die meisten Eltern meiner
Freunde und Bekannten getan – und meine Eltern auch. Sie haben mir
gesagt, dass ich alles schaffen kann, was ich will – wenn ich es denn will. Nur stand dabei immer dieses unausgesprochene „aber“ im Raum.

Ich kann alles werden, was ich will, wenn ich es denn will – aber es sollte
schon etwas mit Hand und Fuß sein. Etwas, das nicht versponnen oder abgehoben
ist, sondern eben etwas Sicheres, etwas womit man Geld verdienen kann und einen
möglichst sicheren Job hat. Am liebsten so etwas wie Beamtin. Nun, es liegt
wohl auf der Hand, dass ich keine Beamtin bin, sonst würde ich das hier nicht
schreiben.

Freiheiten mit einem großen „Aber“

Ich weiß jetzt also, dass ich
alles schaffen kann, wenn ich es nur genug will. Aber eben auch, dass ich bitte
etwas schaffen soll, was auch sicher und bodenständig ist. Problematisch wird
es nur, wenn man dann nicht so funktioniert, wie das von einem erwartet wird. Es ist
ja auch nicht so, als fände ich bodenständig und sicher verkehrt oder spießig,
nur ist es eben für mich vielleicht nicht der richtige Weg. Ich glaube meine
Eltern würden das sogar verstehen, oder sich zumindest sehr viel Mühe geben, es
zu akzeptieren. In jedem Fall würden sie mich voll und ganz unterstützen, denn
so sind meine Eltern. Engel. Das Dümmste was einem also passieren kann ist,
dass man nicht so funktioniert wie man

a) selbst gerne würde

und

b) es Deine
Eltern von Dir erwarten.

Die Kombination aus Beidem ist wirklich sehr ungünstig. Denn hätte ich eine Ahnung, was ich tun möchte und würde
meinen Eltern mit Begeisterung und Herzblut davon berichten, dann wären sie –
je nachdem wie verrückt die Idee für sie klingt – erst mal schockiert, würden
es vielleicht nicht verstehen, würden zweifeln. Aber sobald sie sehen würden,
dass ich mich mit vollem Engagement in die Sache hineinwerfe und dass es mir
ernst ist, würden sie mich unterstützen, wo sie nur können.

Nun ist das wirklich Dumme an
der Sache, dass ich

a) momentan keine Ahnung habe, was ich tun möchte

und

b)
nicht dazu in der Lage wäre, meine Träume umzusetzen.

Zumindest im Moment nicht. Bei der Reihenfolge
von a) und b) bin ich mir noch nicht so ganz sicher, denn ich weiß nicht, was
in meinem Fall schlimmer ist – oder ob das eine nicht das andere bedingt. Weiß ich
nicht, was ich will und bin deshalb zu nichts in der Lage oder aber macht mich
dieses zu nichts in der Lage sein so verrückt, dass ich nicht weiß, was ich
will?

Und dann funktionierst Du plötzlich nicht mehr… 

Hört sich das verrückt an? Nun, meine Ärzte nennen es eine depressive
Phase
und haben mir attestiert, dass ich unter einer Angsstörung leide. Und leiden trifft das Ganze sehr
gut. Ich leide wirklich, jeden Tag. Nur weiß ich nicht, ob ich unter der
Störung leide, oder darunter, dass ich so bin wie ich bin. Aber vielleicht ist
das ja ein und dasselbe. Ich bin mutlos und kraftlos und lustlos – und das jetzt
schon eine ganze Weile.

Obwohl es auch echt gute Phasen, teilweise sogar Monate
und Jahre gibt, in denen ich mir zumindest einbilde, dass es mir gut geht. Und
dann drehe ich wieder durch, so wie jetzt. Solange nämlich alles in
einigermaßen geregelten Bahnen verläuft, oder zumindest so, wie ich es mir
vorstelle, geht es mir gut. Wenn ich nicht zu viel nachdenke. Nur leider mag
ich Nachdenken wirklich gern. Ich grüble gerne stundenlang und dann drücke ich
mich wieder monatelang davor. Ich würde sagen, dass mit dem Nachdenken und mir ist so
eine Art Hassliebe. Ich kann nicht ohne, aber wenn ich dann zu tief drin
stecke, dann finde ich alles wieder ganz furchtbar.

Und jetzt, jetzt stecke ich fest

Nur jetzt sitze ich in dieser
ganz bescheuerten Situation fest und bin nicht in der Lage mich irgendwie
herauszumanövrieren. Und das nervt mich tierisch. Es gibt Tage, da bin ich so
wütend, dass ich keinen sehen mag und schon gar nicht mich im Spiegel.
Heute ist wieder so ein Tag. Deshalb sitze ich jetzt bei acht Grad in meiner
Winterjacke im Treppenaufgang meiner Eltern im Keller, rauche eine
Zigarette nach der anderen und trinke Bier. Weil es das in meinen Augen gleich
viel erträglicher macht.

Ich will nämlich auf keinen Fall mit jemandem reden
und schon gar nicht mit mir alleine sein, denn dann müsste ich ja wieder über
meine Situation nachdenken und sie doof finden und dann total ermüdet davon
einschlafen, dass ich ja sowieso nichts auf die Reihe bekomme. Zumindest nicht so
wie ich mir das vorstelle und schon gar nicht so, wie meine Eltern sich das
vorstellen. Ich soll glücklich sein, das wünschen sie sich sehr und das glaube
ich ihnen absolut. Aber schon allein diese „Forderung“ setzt mich derzeit so
sehr unter Druck, dass ich mich lieber bei Sonnenschein den ganzen Tag in
meinem Bett verkrieche, Serien schaue und mir zwischendurch selbst mein Grab
schaufel. Denn eigentlich will ich ja ganz andere Sachen!

Was ist aus meinen Träumen geworden?

Ich will ja erwachsen
sein, meine eigene Wohnung, interessante Freunde und einen super Job haben,
während ich mich erfolgreich durch mein Studium hangel. Das schaffe ich zumindest, und auch noch  mit guten Noten. Das ist allerdings reine
Glückssache. Denn ich bin faul – oh mein Gott, ich bin der Inbegriff
der Faulheit! Ich bin so faul, es grenzt an ein Wunder, dass ich hier mit
geputzten Zähnen sitze. Wobei ich den Schlafanzug heute auch nur für zehn
Minuten zum Kippen holen ausgezogen habe. Bei der Jobsuche ist das anders. Alle
denken, ich wäre zu faul mir einen zu suchen, aber da täuschen sie sich. Ich
hab einfach keinen Bock. So einfach ist das. Und weil ich hier ja alles habe –
im Keller, im alten Zimmer meines großen Bruders – muss ich ja auch nicht. Ich
kann das noch eine ganze Weile durchziehen, denn meine Eltern machen zwar
Druck, aber bisher nicht so sehr, dass ich das Gefühl hätte, ich müsste
jetzt aber mal wirklich sofort einen Job finden.

Mit einer Wohnung müsste ich das natürlich, denn die kostet eben einen Haufen Geld. Ach, wie gern ich  wieder
einen eigene Wohnung hätte! Denn es ist ja nicht so, dass ich mit knapp dreißig
Jahren den Auszug aus den elterlichen Gemächern noch nicht geschafft hätte. Pah, im
Gegenteil! Ich bin mit neunzehn ausgezogen und habe fast zehn Jahre „alleine“
gelebt. Also zumindest nicht bei meinen Eltern. Klar habe ich auch mit den
diversen Männern (und das hört sich jetzt mehr an, als es waren) zusammengelebt,
aber immerhin habe ich auch die meiste Zeit alleine in meiner Ein-Zimmer-Bude
verbracht. Und die Zeit, in der ich so ganz alleine meine Wohnung nur für mich
hatte, die war im Nachhinein betrachten schon verdammt gut. Währenddessen
hat sich das nicht immer so angefühlt, schließlich war ich alleine, aber irgendwie war es eben doch wahnsinnig toll.

So ist das eben mit allem im Leben. Hast Du eine Beziehung, wärst du lieber
Single, hast du keine, wünscht du dir nichts anderes. Hast du endlich das
urbane Stadtleben, von dem du immer geträumt hast, sehnst du Dich nach deiner
Heimat und dem kleinen Kuhdorf, aus dem du kommst. Hast du den geilsten,
bestbezahltesten Job, den du dir immer erträumt hast, dann würdest du alles für
einen 40-Stunden-Woche geben. Vielleicht hab ich mich schon immer zu viel beschwert
und vielleicht tut das auch jeder und somit hält man es für sozial anerkannt,
sich über all die Luxusprobleme zu ärgern und zu grämen. Natürlich nicht still
für sich allein, sondern am besten bei einem überteuertem Getränk im
Szenelokal. Und das will ich? Das wollen wir? Meine Ärzte hätten ihre Freude
daran.

Wo liegt dein persönliches Glück? Und was machst du daraus?

Die Frage die über allem steht
und die andauernd und von jedem diskutiert wird ist doch: Was macht dich
glücklich? Und ich glaube, wenn man diese Frage für sich beantworten kann, dann
ist man fast schon unbesiegbar. Natürlich ist das noch lange keine Garantie
dafür, dass man das, was einen glücklich machen würde, tatsächlich auch
erreicht. Erst vor kurzem habe ich ein Buch gelesen, in dem es darum ging, seinen „ZDE“ (Zweck der Existenz) zu finden. Also diese eine Sache, für die man
geboren ist und die einen ganz sicher glücklich machen würde. Und das klingt in diesem Buch alles ganz einfach: Man stellt sich drei Fragen und versucht sie für sich
zu beantworten. Anfangs hat der Protagonist noch einige Schwierigkeiten damit,
doch nach einer Weile scheint ihm alles ganz einfach und klar. Und dann tut er
das und lebt glücklich bis an sein Lebensende.

Tja, ich habe das auch
versucht. Es klappt nicht! Sorry, einen einfachen Weg scheint es nicht zu
geben. Falls doch und falls ihn jemand gefunden hat, soll er ihn mir doch bitte
verraten. Ich würde sogar dafür bezahlen. Viel Geld. Aber bis dahin, muss wohl
jeder für sich den harten, langen Weg gehen. So ätzend das auch sein kann. Ich
lese so viel darüber, wie andere Menschen es geschafft haben und all diese
Geschichten finde ich faszinierend und motivierend zugleich. Und dann bin ich
für ungefähr zwei Stunden total energiegeladen und denke mir „Hey, jetzt habe
ich das endlich kapiert! Das macht total viel Sinn, das mache ich jetzt auch!“ Und dann sind die zwei Stunden um, oder ich bekomme mal wieder einen Schlag ins
Gesicht vom lieben Schicksal und alles ist dahin. So ergeht es mir auch jedes Mal,
wenn ich denke, Sport sei die Lösung. Wobei daran auch wieder die bereits
erwähnte Faulheit schuld sein könnte. Oder Sport ist halt doch nicht die Lösung
für alles.   

Aber egal wie ich es drehe und
wende, irgendwann muss ich doch mal zu einer Entscheidung kommen. Denn leider
kann es so nicht ewig weitergehen. Wobei leider hier vielleicht das falsche
Wort ist. Ich bin trotz allem stolz– aber bei meinen Eltern im Keller zu wohnen,
nagt mehr als nur ein bisschen an meinem Selbstwertgefühl. Und wenn es eines
gibt, das ich dringend bräuchte, dann ist es Selbstwertgefühl. Ich bin laut und
aufbrausend und alles nur, weil ich tief in mir drin ein kleines, armes Ding
bin, dass sich immer benachteiligt fühlt. Nicht nur von seinen Mitmenschen,
sondern ganz klar von der ganzen Welt. Und da hilft auch alles „aber anderen
geht es viel schlechter“-Gerede nicht. Das tut mir ja leid für diese ominösen
anderen, aber MIR geht es auch nicht gut und ich bin zu sehr Egoist, als dass
das ein adäquates Argument wäre. Aber Mitleid will ich auch nicht und ich kann
es absolut nicht leiden, wenn man sich um mich sorgt, weil mir das nur immer
wieder vor Augen führt, wie klein und arm ich doch bin. Ich wäre gern ein
großer, starker Mensch, von dem andere beeindruckt sind, denn an dieser Stelle
sind mir diese ominösen anderen dann doch wieder sehr, sehr wichtig. Viel wichtiger,
als sie mir vielleicht sein sollten.

Fazit

Manchmal denke ich, ich weiß
längst, was ich tun will und habe nur zu viel Angst davor, mir das einzugestehen. Denn das würde bedeuten, ich müsste mir selbst eingestehen, dass ich eben doch Talent habe. Oder noch schlimmer, ich würde
mir anmaßen, das von mir zu behaupten und am Ende vielleicht feststellen
müssen, dass mir dieses Talent kein anderer attestiert. Ich könnte scheitern.
Und diese Angst ist so lähmend, dass ich lieber nichts tue, um es herauszufinden.
Denn, ganz nüchtern betrachtet, kann ich alles werden. Ich kann alles tun, was
ich will, wenn ich es denn will. Solange es etwas Handfestes, Sicheres ist. Ich
könnte zum Beispiel zu einem großen Automobilhersteller gehen und dort mit meinem BWL-Zeug
irgendeinen gut bezahlten Job machen. Ich bin mir sicher, ich kann das. Ich
könnte aber auch alles auf eine Karte setzen und zum ersten Mal in meinem Leben
das tun, was ich wirklich will. Aber, was ist das?

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