Foto: Anne Koch

Anne Wizorek: „Ich habe einen Wunsch frei? Dann wäre der Hass weg”

Mit #Aufschrei löste sie einen Sturm im Netz aus und war massiven Anfeindungen ausgesetzt – heute ist Hate Speech eines von Anne Wizoreks großen Themen.

 

Gegen Hate Speech

Das ist natürlich klar: Anne Wizorek hätte sehr gut in unsere Liste der „10 Femininstinnen, die mehr zu sagen haben als Alice Schwarzer“ gepasst: 2013 hat sie mit #Aufschrei eine Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit losgetreten. Das Hashtag wurde als erster überhaupt mit einem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Im Herbst des vergangenen Jahres erschien dann ihr Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht“, in dem sie nicht nur die Chronologie der Ereignisse damals nachzeichnet, sondern beschreibt, was einen modernen Feminimus für sie heute ausmacht.

Sie ist außerdem Mitgründerin des Gemeinschaftsblog kleinerdrei und berät Unternehmen zu Themen rund um Social Media. Zurzeit tourt sie auf Lesereise durch Deuschland, wir haben sie in Berlin getroffen.

Du bist mit deinem Buch auf Lesereise, sprichst über Feminismus und digitale Themen auf Konferenzen, in eurem Blog geht es um persönliche Erlebnisse und gesellschaftspolitische Fragen – gibt es denn das eine große Thema, das dich im Moment besonders beschäftigt?

„Ein Thema, das mich natürlich im Moment besonders beschäftigt, ist das Thema Gewalt im Netz, Hate Speech gegen Frauen und diskriminierte Gruppen allgemein, da brauchen wir einfach noch unheimlich viel Aufklärung, weil immer noch dieser Tenor vorherrscht: Naja, ist ja Internet, da musst du dir einfach ein dickes Fell zulegen, sonst brauchst du dich dort gar nicht erst zu äußern; Hasskommentare werden als Meinungsfreiheit verteidigt, und da müssen wir uns doch fragen: Wessen Meinung schützen wir, wenn wir das einfach so hinnehmen? Ich kriege sehr viele Mails von Frauen, die zum Beispiel kleinerdrei.org lesen und auch gerne aktiv werden wollen und sagen, sie trauen sich nicht, weil sie Angst haben vor diesen Hasskommentaren, sie wollen nicht zur Zielscheibe werden – und im Zweifelsfall partizipieren diese Frauen dann eben nicht im Netz, das kann es einfach nicht sein.“

Was machst du konkret?

„Ich schreibe Artikel dazu, halte Vorträge, habe eine Tagung organisiert. Und ich überlege gerade, einen VHS-Kurs zum Thema zu konzipieren wo Frauen erst mal fitgemacht werden in Bezug auf Medienkompetenz und auf den Fall der Fälle vorbereitet werden, also: Was musst du beachten, wenn du wirklich zur Zielscheibe geworden bist? Da geht es um alle technischen Sicherheitseinstellungen, die man beachten sollte, aber genauso: Was sollte ich beachten im Sinne der Selbstpflege, damit mich das möglichst nicht so hart trifft. Auf Lesungen und Vorträgen merke ich: Hate Speech ist fast immer das erste Thema bei Fragen aus dem Publikum, das beschäftigt derzeit viele Menschen.“

Worauf bist du am meisten stolz?

„Das ist wahrscheinlich schon mein Buch zur ,Aufschrei‘-Debatte – einfach weil ich nie damit gerechnet hätte, in meinem Leben mal ein Buch zu schreiben, das Angebot kam für mich sehr unerwartet. Das Schreiben war wiederum eine sehr intensive Erfahrung, und ich bin sehr stolz, dass ich es geschafft habe, dass ich irgendwann das Buch in den Händen halten und sagen konnte: Hey, das hier ist meine Arbeit!“

Gibt es für dich die eine Lieblingsseite im Netz?

„Das ist zwar keine klassische Seite, aber mein Tumblr-Dashboard. Ich sehe dort, was die Leute machen und veröffentlichen, denen ich auf Tumblr folge. Diese Mischung besteht aus vielen feministischen Blogs, kombiniert mit viel Popkultur und tagesaktuellen politischen Kommentaren – das ist auf jeden Fall ein Ort im Netz, wo ich immer gerne bin – auch weil mir dort kein Hass begegnet, das ist natürlich auch angenehm.“

Wovon sollte es im Netz mehr geben?

„Auf deutscher Seite würde ich mir mehr schöne und experimentelle YouTube-Formate wünschen. Aktuell haben wir ja viele Comedy-Formate oder Schmink-Tutorials, dazwischen gibt’s aber eher kaum etwas, dabei ließe sich da noch viel mehr machen. Mein erster Gedanke bei der Frage war aber: Mehr Solidarität. Wir müssen alle unser Bewusstsein dafür schärfen, dass eben Menschen hinter diese Geräten und Bildschirmen sitzen und dass im Netz dieselben Machstrukturen walten wie außerhalb. Wenn dann zum Beispiel eine Frau mit Hasskommentaren angegriffen wird, darf es nicht sein, dass ihr auch noch gesagt wird: Selbst schuld wenn du ins Internet schreibst! Gerade dieser diffuse Zusammenhang namens Netzgemeinde sollte Solidarität und Sensibilisierung für Diskriminierungen noch viel stärker in den Fokus nehmen.“

Gibt es etwas, das du besser kannst als alle anderen?

„Hm, jeweils passende und aktuelle Gifs zu bestimmten Situationen zu finden, das kann ich schon ziemlich gut. Viele Leute fragen mich immer wieder, wo ich die eigentlich so schnell hernehme.“

Und was kannst du gar nicht gut?

„Feedreader lesen. Es gibt ja Leute, die regelmäßig Texte ablegen, sei es über Instapaper oder wo auch immer, um das dann nachzulesen, aber darin bin ich sehr schlecht. Bei mir ist das eher ein Linkfriedhof, ich lese das entweder nie oder viel zu spät. Wenn ich Online-Artikel lese, dann muss das eher sofort passieren, was meist in unzähligen offenen Browser-Tabs mündet, weil es natürlich so viele spannende Texte gibt!“

Du darfst dir eine Sache wünschen, die sich am Internet ändern würde – was wäre das?

„Dann wäre der ganze Hass weg. Keine Ahnung, wie das umgesetzt werden könnte, aber wenn es so auf einen Schlag ginge, das wäre schon toll. Natürlich geht es dabei nicht darum, keine Kritik mehr zuzulassen. Aber zwischen Kritik und Hasskommentaren besteht eben auch ein Unterschied. Gerade wenn Hass gezielt genutzt wird, um Menschen wieder aus dem öffentlichen Raum des Netzes rauszudrängen, ist das problematisch. Wäre der Hass weg, würden aber noch viel mehr interessante Leute mitmachen und viel fruchtbarere Diskussionen entstehen. Jetzt gerade sind wir an dem Punkt: Bloß nicht die Kommentare lesen! Denn das versaut mindestens den Tag. Die Möglichkeit, sich über eine Kommentarfunktion austauschen zu können, ist im Prinzip aber immer noch gut. Vielleicht kommen wir ja irgendwann an einen Punkt, wo das eben auch allen Spaß macht.“

Ertappst du dich manchmal bei Gedanken oder Ansichten die du als Feministin kritisch sehen würdest und wenn ja, was wären das für welche?

„Bloß weil ich mich als Feministin identifiziere, bin ich nicht plötzlich auf wundersame Weise vollkommen frei von allen Diskriminierungen und Dingen, die mir durch die Gesellschaft vermittelt wurden, das prägt ja trotzdem immer noch. Insofern habe ich schon manchmal noch diese Momente, wo ich zuerst denke: ,Wie hat die das denn jetzt geschafft, das kann ja nicht mit rechten Dingen zugegangen sein!‘ Dieser Neid unter Frauen, der kommt manchmal leider noch durch, und dann realisiere ich aber im nächsten Augenblick auch schon wieder, dass das totaler Quatsch ist und dass es sich bei dieser Missgunst um verinnerlichten Sexismus handelt. Diese Erkenntnis gehört für mich zu den schönsten, seit ich Feminismus entdeckt habe: Dass du dich mit und für andere, auch ganz wildfremde Frauen freuen kannst, ohne sie als Konkurrenz zu empfinden und dich dabei schlechter oder kleiner fühlen zu müssen – und das ist wiederum sehr befreiend. Es gibt im Alltag immer wieder Momente, in denen ich mich auch erst mal wieder freimachen muss von stereotypen Denkweisen oder vielleicht sogar daran scheitere. Ich finde es aber wichtig, das auch zuzugeben. Beim Thema Feminismus denken gerade auch viele Frauen, dass sie dann zu 110 Prozent politisch korrekt sein müssen, wenn sie sich Feministin nennen, aber: Wir sind alle Menschen und wir machen alle Fehler. Wichtig ist nur, dass wir aus diesen dann eben auch lernen.“

Welcher blöde Spruch geht dir am allermeisten auf die Nerven?

„Das ist ein Klassiker: Nämlich der, dass Feministinnen, bloß weil sie Diskriminierungen ansprechen und kritisieren, entweder schlechten Sex oder gar keinen Sex hätten und ihren Frust darüber an der Gesellschaft ausließen. Da denke ich immer: Um mein Sexleben muss sich nun wirklich niemand Sorgen machen. Außerdem ist sogar wissenschaftlich erwiesen, dass Feministinnen besseren Sex haben. Das macht ja auch total Sinn: Wenn die eigenen Bedürfnisse und Wünsche genauso im Mittelpunkt stehen und respektiert werden, wie die des Partners oder der Partnerin, dann ist halt ganz logisch, dass alle Beteiligten insgesamt mehr Spaß haben.“

Wenn du nicht auf Contenance achten würdest, was wäre deine Antwort auf „die müsste einfach mal wieder richtig gevögelt werden“?

„Stinkefinger und augenrollend abgehen? Aber eigentlich sind solche Kommentare etwas, womit ich mich gar nicht groß auseinandersetzen will. Wenn ein Angriff nicht auf inhaltlicher Ebene passiert, sondern direkt ein persönlicher Angriff auf mich ist, dann muss ich mich damit nicht beschäftigen.“

Welche Entwicklungen im Netz machen dir für die Zukunft Angst?

„Das Thema Vorratsdatenspeicherung – da denkt man, man ist sie gerade losgeworden und dann taucht sie wieder auf, und irgendjemand will sie erneut einführen. Wir müssen wirklich aufpassen, dass das nicht weiter ausgebaut und uns als wichtig für unsere Sicherheit verkauft werden soll, zumal wir bereits eine total überwachte Gesellschaft sind und dafür aber kaum ein öffentliches Problembewusstsein herrscht.“

Und welche Entwicklungen machen dir Hoffnung?

„Das ist zwar aus einer Not heraus geboren, aber ich beobachte gerade sehr intensiv, wie sich wirklich viele Netzwerke bilden von Leuten, die von Hate Speech betroffen sind. Die tun sich zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und ihre Expertise zur Verfügung zu stellen für andere Menschen, die Opfer davon werden oder es werden könnten. Zoey Quinn etwa, die im Zuge von Gamergate so krass angegriffen wird, hat eine Task Force gebildet, die Crash Override heißt. Das alles passiert zwar bisher vor allem in einem amerikanischen Kontext, aber ich habe das Gefühl, dass wir für den deutschen Sprachraum sehr viel von diesen Initiativen lernen können.“

Wenn es das Internet nicht gäbe, was würdest du jobmäßig heute wohl machen?

„Oh, gute Frage. Ich hatte irgendwann mal am Anfang meines Studiums auch mit dem Gedanken gespielt, Übersetzerin zu werden. Vielleicht wäre ich dann einfach vertieft in Bücher und würde Texte übersetzen?“

Neulich warst du zu Gast bei einer ziemlich unsäglichen „hart aber fair“-Sendung – wie schaffst du es, angesichts des Niveaus mancher Debatten und angesichts der Dumpfbacken, die manchmal in der Runde sitzen, nicht zu verzweifel? Verdängung? Yoga?

„Talkshows sind ja in der Regel so angelegt, dass harte Fronten aufeinander knallen, damit es eine gewisse Reibung gibt. Wenn ich da hingehe ist für mich klar, dass ich jemanden wie Wolfgang Kubicki nicht davon überzeugen werde, dass Alltagssexismus immer noch ein Problem ist. Aber ich möchte Leute, die diese Sendung sehen, dafür sensibilisieren und ihnen meine Standpunkte vermitteln. Insofern wäre es einfach nicht förderlich, wenn du dich auf die emotionale Ebene einlässt, die in so einer Sendung ja auch stattfindet. Für mich ist klar: Du willst jetzt einfach und deutlich rüberbringen, worum es beim Feminismus geht, und warum wir den Zustand der Geschlechtergerechtigkeit leider immer noch nicht erreicht haben, obwohl schon viel passiert ist. Und da hilft es einfach nicht, wenn sich alle gegenseitig beharken. Aber klar, einfach ist das trotzdem nicht. Wenn dann wieder die Behauptung kommt, es ginge um Einzelfälle, obwohl wir wissen, dass knapp 60 Prozent aller Frauen in Deutschland sagen, sie haben Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht, dann frage ich mich schon, was das soll. Umso wichtiger ist aber, auch in diese Formate zu gehen und die Reichweite für Aufklärung zu nutzen.“

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