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Beauty-Filter: Kein schmutziger Trick oder böswillige Täuschung

Unsere Autorin benutzt bei Instagram gerne Beauty-Filter und ist der Überzeugung: Das ist weder antifeministisch noch Täuschung.

POV ist die Abkürzung für „Point of View“, also Sichtweise, Blickwinkel oder Erzählperspektive. Es ist der Punkt, von dem aus eine Person in der Welt agiert und sie erlebt. Mein POV hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder verändert. Mein POV heute hat rissige Lippen und Falten, die ich im Spiegel betrachte. Kleine Grießkörner unter den Augen, die ich mal professionell entfernen lassen müsste und Unregelmäßigkeiten in der Gesichtsfarbe. In meinem POV sehe ich heute, wie sich die Foundation über meine Gesichtstextur legt und versucht, all die feinen Linien und Härchen zu umschließen. „Nice try“, denke ich. „Aber da muss ein Beauty-Filter drüber.“ POV: Ich bin eine Frau im Internet.

Noch vor fünf Jahren war alles einfacher. Sobald die Frontkamera bei dem Instagram-Story-Button anging, habe ich den Aufnahmeknopf gedrückt, einen viel zu starken Farbfilter über das Bild gelegt und mein Selfie gepostet. Zack, so einfach war das. Mir reichte mein „New York“ oder „Oslo“-Farbfilter von Instagram, um mich wie ein Filmstar zu fühlen. Heute brauche ich mehr. Entweder die Frontkamera ist brutaler geworden oder ich bin gealtert. Eins von beidem muss es sein.

„Entweder die Frontkamera ist brutaler geworden oder ich bin gealtert. Eins von beidem muss es sein.“

Die Filter-Verkleidung

Heute klicke ich Instagram-Beauty-Filter wie „just Baby“ oder „the perfect face“ an und habe sofort porenlose Haut. Ich bekomme damit die Art von Nase, die man sich im real life mit ein bis drei chirurgischen Eingriffen erarbeiten müsste. Oft habe ich damit Lippen, die wie aufgespritzt wirken. Wenn ich ganz verrucht drauf bin, klicke ich meinen aktuellen Lieblingsfilter „bby demon“ an, dann kommen noch Teufelshörner hinzu. Manchmal klicke ich aber auch Filter an, die mich komplett entstellen oder aus mir eine sprechende Zitrone machen.

Ich bin da flexibel in meiner Filter-Verkleidung. Und hier kommt schon — wie immer — das erste Problem: Einige Menschen scheinen im Beauty-Filter-Gebrauch verantwortungslose Verschleierungstaktiken zu sehen. Immer wieder lese ich auf Instagram Statements wie: „Beauty-Filter verzerren die Realität auf Instagram!“ Als gäbe es die dort immer. Als gäbe es ein Anrecht auf radikalen Realismus in einer Welt voll surrealer Schönheitsideale. Authentizität kann manchmal ein anspruchsvolles Konstrukt sein, finde ich. Weil: Wer ist wann womit authentisch und wer entscheidet das? Wer hat Anspruch auf welches Ich von mir und warum?

Kein schmutziger Trick oder böswillige Täuschung

Nicht falsch verstehen: Auch ich liebe Content, mit dem ich mich identifizieren kann. Der meinen POV spiegelt oder meinen Horizont erweitert. Ich liebe es, wenn eine Person sich online verletzlich zeigt, der Welt vermeintliche Schwachstellen mitteilt. Für Normalisierungsprozesse einsteht, über schwierige Themen spricht und sich authentisch zeigt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich zeige mich auch verletzlich, aber eben manchmal mit einem Filter über der Nase. Und ich mag meine Nase. Die Filter sind kein schmutziger Trick oder böswillige Täuschung von mir. Es sind einfach Beauty-Filter. Ob man das jetzt auch wirklich schön findet, sei dahingestellt. Ich bin mir da selbst oft unsicher.

„Die Filter sind kein schmutziger Trick oder böswillige Täuschung von mir. Es sind einfach Beauty-Filter.“

Außerdem: Jeder Filter kann oben in der Story-Leiste angeklickt und selbst ausprobiert werden. Die Schönheitsfilter sind also – im Gegensatz zu mit beispielsweise FaceTune nachbearbeiteten Fotos – absolut transparent. Alle wissen, was da gerade passiert und können sich selbst die Teufelshörner und schmalen Nasen aufsetzen. Auf TikTok gibt es diese Filter auch, aber auch dort werden diese immer kenntlich gemacht. Von Täuschung kann man also nicht sprechen.

Selbstdarstellung geht natürlich nur in Selbstbestimmung. Wenn hingegen andere entscheiden wollen, wird es gewaltvoll und diskriminierend. Das ist mir neulich wieder aufgefallen, als die Bestseller-Autor*in Şeyda Kurt auf dem Cover von ZEIT Campus war. Offenbar hatte jemand Şeydas Nase im Nachhinein massiv bearbeitet und stark verkürzt. Beim Betrachten von Original und bearbeiteter Version kam in mir das schmerzhafte Gefühl von rassistischer Schönheitsnorm auf. Şeyda tat das einzig richtige und veröffentlichte das Original-Foto und die nachbearbeitete Version auf ihrem Instagram-Account. Sie forderte — wenig nachtragend, sondern proaktiv — 2 Euro pro falsche-Nasen-Heft für die Organisation Seebrücke. Boss-Move, finde ich. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, aber mich hätte es bestimmt (unnötigerweise) verletzt. POV: Du bist ein weiblich gelesener Mensch in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

Make-up ist keine Schummelei

Irgendjemand hat immer die Deutungshoheit, auch im Internet. Von vermeintlich peinlichen Duckface-Selfies bis hin zu langweiligen Fotos vom Essen hat sich die kollektive Ansicht zu Beiträgen auf Instagram schon ziemlich oft geändert. Was lange als cool galt, ist heute wieder out und andersherum. Das Gute ist: Unser Verständnis von Körper- und Schönheitsnormen verändert sich langsam auch endlich.

Noch vor einigen Jahren galt es als schwach, viel Make-up zu tragen. „Das ist Schummelei!“ hieß es dann oder dass die sich schminkende Person besonders unsicher sein müsse. Kann man sich heute echt nicht mehr vorstellen, aber einige Jahre lang galt Make-up sogar als anti-feministisch, in manchen Kreisen noch heute. Weil man sich angeblich nur für Männer schminken würde. Ich bin überzeugt: Das ist Quatsch.

Also warum dann die Beauty-Filter, quasi digitales Make-up, dämonisieren? Es ist doch nur ein „bby demon“.

Ich will nicht sagen, dass die Beautyfilter unproblematisch sind. Denn auch ich bemerke, dass ich mich manchmal unwohl fühle, wenn ich ohne Filter Bilder poste. Ein Gefühl, als wäre ich oben ohne im Internet zu sehen. Ich habe mich sogar bei Gedanken ertappt wie: „Oh Gott, wenn ich diese Person jetzt im real life treffe, sieht die mich ja ohne Filter!“ Das ist natürlich hoch problematisch. Aber es ist eben mein Problem, wenn ich den große-Lippen-und-schmale-Nasen-Filter nicht in die gleiche gedankliche Kategorie tue wie den sprechende-Zitronen-Filter. Irgendwo in meinem Kopf gibt es dann eben doch den Wunsch, so auszusehen, wie Fernsehen, Internet und Magazine es mir jahrelang vorgegeben haben und vorgeben. POV: Ich bin eine Frau mit internalisierten Schönheitsnormen einer patriarchalen Gesellschaft.

„Denn auch ich bemerke, dass ich mich manchmal unwohl fühle, wenn ich ohne Filter Bilder poste. Ein Gefühl, als wäre ich oben ohne im Internet zu sehen.“

Beauty-Filter – ein charakterlicher Makel?

Aber mir und anderen diesen Wunsch zum Vorwurf zu machen, finde ich auch engstirnig. Immer, wenn ich online Menschen sehe, die diese Beauty-Filter ironisch benutzen oder dazu aufrufen, es zu lassen, kommt bei mir die Message an: „Wenn du die (ge-)brauchst, bist du nicht stark und schön genug.“ Nur, weil andere sich selbst optisch gut aushalten, müssen sie doch nicht gleich diejenigen verurteilen, die sich ab und an anders wahrnehmen wollen. Als wäre es ein charakterlicher Makel, sich schön und zugehörig fühlen zu wollen. Egal, wie dieses „schön“ aussieht und ob es Teufelshörner hat. Lasst uns dieses Online-Narrativ ändern.

Trotzdem, auf lange Sicht will auch ich wieder weg von den Beauty-Filtern und zurück zum „Oslo“-Farbfilter auf dem Selfie. Ich bin auf einem ganz guten Weg. Bis dahin seid nicht so hart, wenn ich Weichzeichner benutze.

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Yasmin Polat, geboren 1989 in Berlin ist Journalistin und Autorin. Außerdem ist sie seit März 2021 Moderatorin des Spotify Originals Podcasts „FOMO – Was habe ich heute verpasst?“ in dem sie täglich über alles von Popkultur bis Politik berichtet. Sie ist vom medium Magazin in die „Top 30 unter 30“ Liste gewählt worden, das war allerdings schon 2017. Sie ist Mutter eines kleinen Sohnes.

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