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Wie lange soll ich stillen? Jede Frau sollte das ganz alleine entscheiden können

Warum kriegen so viele Frauen den Rat, abzustillen, auch wenn es dafür überhaupt keinen Grund gibt? Anja ist Hebamme und Bloggerin und hat dafür überhaupt kein Verständnis.

 

Warum sollte eine Frau abstillen?

Ich höre fast täglich irgendwelche
Geschichten, in denen Müttern von jemandem aus nicht wirklich
nachvollziehbaren Gründen geraten wird, abzustillen. Vor allem dann,
wenn das Kind nicht mehr ganz klein ist und damit „schließlich
keine Muttermilch mehr braucht”.

Mal ist es der Zahnarzt, der sagt,
dass sonst keine Zahnbehandlung mit Betäubungsspritze möglich wäre.
Mal ist es die Erzieherin in der Kita, die annimmt, dass das Stillen die
Eingewöhnung nur schwieriger machen würde. Oder der Hausarzt rät
zum Abstillen, weil die Mutter über eine allgemeine Erschöpfung
geklagt hat. Manchmal ist es aber auch die eigene Mutter oder
vielleicht der Partner, die meinen, dass nun aber doch mal Schluss
sein könnte mit der ganzen Stillerei.

Mutter und Kind sehen das aber zumeist ganz anders. Und der Gedanke, von heute auf morgen
abzustillen, ist nur schwer oder gar nicht vorstellbar. Das Stillen
braucht meist am Anfang seine Zeit, bis sich Mutter und Kind optimal
aufeinander eingespielt haben, und genauso braucht das Ende einer
Stillbeziehung seine Zeit, damit es ein guter Abschied von dieser
Lebensphase wird.

Stillen ist mehr als Nahrungsaufnahme

Ich glaube, genau das wird viel zu oft vergessen,
wenn schnell dahingesagt wird, dass das Kind nun doch keine
Muttermilch mehr brauchen würde. Stillen bedeutet mitnichten nur die
Aufnahme von Muttermilch. Aber trotzdem ist genau diese auch noch
wichtig und richtig jenseits der ersten Babymonate.

Gerade über die emotionale Ebene darf
nicht einfach hinweggegangen werden. Man braucht eigentlich nur mal
kurz dran zu denken, wie viele Eltern (und Kinder) der Abschied vom
Schnuller, also einem künstlichen, aber dennoch liebgewonnenen
Saugersatz, beschäftigt. Es gibt zahlreichen
Foreneinträge, Blogartikel und sogar Serviceangebote zu
diesem Thema. Sei es der Schnullerbaum oder die Schnullerfee, die sogar persönlich ins Haus
kommt, um den Entwöhnungsprozess zu unterstützen. Und trotzdem
braucht es einfach oft eine Weile und auch Eltern überlegen sich „unterwegs”, ihrem Kind doch noch mehr Zeit für diesen Schritt
einzuräumen.

Warum sollte es einem Kind, das an der
Brust nicht nur Nahrung aufnimmt, sondern auch sein Saugbedürfnis
bei Müdigkeit, Stress oder auch Schmerzen, wie etwa beim Zahnen
stillt, leichter fallen, darauf zu verzichten? Was genau bedeutet also
dieser Satz: „Das Kind braucht das doch nicht mehr…”? Und was
ist mit der Mutter? Auch ihr Körper und ihre Seele sind auf das
Stillen eingestellt und sie genießt meist die innige Verbindung mit
ihrem Kind. Natürlich tut sie das auch auf andere Weise, aber es ist
nicht bedeutungslos, ob sie stillt oder eben nicht.

Andere Wege suchen

Wäre es also nicht besser, statt der
schnell dahin gesagten und oft stark verunsichernden
Abstillempfehlungen einfach mal zu fragen, wie es Mutter und Kind
überhaupt damit geht? Um dann entsprechend nach anderen Wegen zu
suchen. Zum Beispiel nach dem stillverträglichen Medikament,
mit dem die Zahnbehandlung der Mutter schmerzfrei möglich ist. Oder
um den Blickwinkel zu ändern, denn vielleicht erschwert ja
nicht das Stillen die Kitaeingewöhnung, sondern hilft dem Kind beim
Verarbeiten der vielen neuen Eindrücke.

Und irgendwann kommt für jedes
Mutter-Kind-Paar der Zeitpunkt, an dem die Stillbeziehung endet. Doch
dieser ist höchst individuell und wird idealerweise von Mutter und
Kind ganz natürlich selbst bestimmt. Ein Abstillen, das nicht von
Mutter und Kind ausgeht, fühlt sich jedenfalls in aller Regel nicht
gut an und sollte den extrem seltenen Fällen vorbehalten sein, in
denen das wirklich (medizinisch) notwendig ist. Und gerade dann ist
eine gute und liebevolle Unterstützung wichtig. Es geht beim Stillen
nicht nur darum, ob die Brust der Mutter Milch produziert. Und
deshalb heißt Abstillen auch nicht nur, dass eine Tablette
eingeworfen wird oder ein Tee getrunken, um die Milchbildung zu
reduzieren. (Fach-)Personen, die das Abstillen aus welchen Gründen
auch immer empfehlen, sollten deshalb das große Ganze stets im Blick
haben, um Mütter nicht unnötig zu verunsichern oder in
Entscheidungen zu drängen, die sich zu diesem Zeitpunkt einfach
nicht richtig anfühlen. Denn Stillen bedeutet etwas – für diese
Mutter und für dieses Kind.

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog Von guten Eltern, den Anja und ihr Partner Christian gemeinsam betreiben. Wir freuen uns, dass sie ihn auch bei uns veröffentlicht.

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