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Die sichere Geburt: „Es geht um so viel mehr als ,Hauptsache, das Kind ist gesund‘“

Carola Haucks Film „Die sichere Geburt“ zeigt auf eindringliche Weise, wie sehr die Geburtsbedingungen Einfluss auf den Verlauf einer Geburt nehmen. Und er fragt: Was können wir tun, um allen Frauen ein Geburtserlebnis zu ermöglichen, aus dem sie gestärkt hervorgehen? Wir haben Carola zum Interview getroffen.

 

Was muss sich in der Geburtshilfe ändern?

Warum hat sich die Kaiserschnittrate in den letzten Jahren in deutschen Geburtskliniken verdreifacht? Warum gibt es immer mehr Frauen, die nach einer Geburt traurig oder sogar traumatisiert sind?

Carola Hauck ist Regisseurin und wollte mit ihrem Film „Die sichere Geburt“ ein Standardwerk schaffen – für Frauen, die planen, ihr Kind in einer Klinik zur Welt zu bringen; für Frauen, die sich eine Hausgeburt wünschen; für Ärzt*innen, die laut Hauck heute oft gar nicht mehr wirklich wissen, wie eine physiologische Geburt ohne Interventionen funktionieren kann (und wie lange sie dauern kann). Hauck hat mit Pionier*innen der frauenzentrierten Geburtshilfe gesprochen – deren Erkenntnisse teilweise schon Jahrzehnte alt sind, aber heute dringlicher denn je ins Gedächtnis gerufen werden sollten, angesichts der dramatischen Entwicklungen in der Geburtshilfe: Wegen des Hebammenmangels würden Frauen in deutschen Geburtskliniken nicht so betreut, dass eine sichere Geburt für alle gewährleistet werden kann, sagt Carola Hauck.

Wir haben Carola getroffen und mit ihr darüber gesprochen, wie eine Geburtshilfe aussieht, die den Bedürfnissen aller Frauen gerecht wird – und wie ihr Film dabei helfen kann, etwas zum Besseren zu bewegen.

Quelle: Carola Hauck/anemonefilm

Du schreibst auf deiner Website, du hoffst, dass dein Film eine Art Standardwerk werden könnte für alle, die sich professionell mit Geburtshilfe beschäftigen. Warum?

 „Das ist wahrscheinlich der erste Film, der wirklich die Mutter und das Kind in den Fokus nimmt: Mir ging es darum, einen Film zu machen über die Physiologie der natürlichen Geburt, denn die wird meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet. Ich habe früher Medizin studiert und wollte Ärztin in der Geburtshilfe werden, und habe auch in der Gynäkologie parallel zum Studium gearbeitet – und da ist mir aufgefallen, dass in der klinischen Geburtshilfe ganz viele Dinge gemacht werden, die eminenz- und nicht evidenzbasiert sind, das heißt: Irgendeine graue Eminenz hat sich mal überlegt, das könnte man ja vielleicht machen, vielleicht ist das ja sinnvoll, da wurde aber nie überprüft, ob es nicht vielleicht sogar schädlich ist, sondern wurde übernommen; und daraus sind dann Praktiken entstanden wie zum Beispiel das sofortige Abnabeln nach der Geburt des Kindes, das auch inzwischen als ,normales‘ Abnabeln gilt –  man redet beim Auspulsierenlassen der Nabelschnur von ,verzögertem Abnabeln‘, auch wenn das eigentlich das normale, natürlichere Vorgehen wäre; und ich denke auch an die künstliche Beschleunigung einer Geburt. Das wider-die-Natur-Handeln wird hier zu einer neuen Norm gemacht.“

Warum war es dir so wichtig, diesen Film zu machen, dich so intensiv über Jahre mit dem Thema Geburtshilfe zu befassen?

„Mir sind einfach Frauen und Kinder und deren Rechte sehr wichtig. Frauen während der Geburt und Kinder, die geboren werden, sind einfach die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft, und sie haben keine Fürsprecher, sie haben keine Lobby, weil Geburt als etwas Privates gilt, worüber nicht wirklich geredet wird – und wenn, dann gibt es in der Gesellschaft eher so ein harmonisches Bild von der schönen Geburt, und niemand will wirklich hören, wie eine Geburt tatsächlich stattfindet. Frauen, die traumatisiert aus einer Geburt rauskommen, kriegen ganz oft zu hören: ,Ja, aber sei doch froh, dein Kind ist doch gesund und lebt‘ – das ist aber nicht der gewünschte Outcome einer Geburt, sondern der ist, dass die Geburt gut verläuft und für Mutter und Kind ein kraftvolles Erlebnis darstellt. Erst dann ist eine Geburt gut gelaufen.“

Im Film sagt ein Experte: Das Wichtigste bei einer Geburt sei Vertrauensbildung und Angstfreiheit, eine Frau müsse sich gebärfähig fühlen, und wenn sie das tue, dann würden 80 Prozent aller Komplikationen wegfallen; das Schlimmste sei, dass die Geburtshilfe enorm mit Ängsten überfrachtet werde. Kannst du kurz schildern, wie es dazu kam, dass die Geburt als ein im medizinischen Bereich angesiedeltes Risikoprojekt gesehen wird? Hat das mit dem wirtschaftlichen Druck der Kliniken zu tun und der Angst vor Geburtsschäden, der Angst, haftbar gemacht zu werden, oder was spielt da alles mit rein?

„Die Entwicklung fing damit an, dass Mediziner*innen die Geburt an sich gezogen haben – früher hatten wir eine reine Hebammen-Geburtshilfe, anfangs waren Krankenhausgeburten vor allem solche Geburten, bei denen so genannte ,gefallene Mädchen‘ oder Frauen, die unverheiratet oder außerehelich schwanger geworden sind, heimlich hingegangen sind, um anonym zu gebären. Ende des 19. Jahrhunderts verlagerten sich Geburten dann generell mehr in Krankenhäuser. Dazu kommt, dass die Geburtshilfe bis heute sehr männlich dominiert ist, auch wenn wir heute viel mehr Gynäkologinnen und Geburtshelferinnen haben: Der Blick auf die Ausbildung ist ein sehr männlicher, und man lernt in der Ausbildung ein leistungsorientiertes, effizienzorientiertes, männliches Denken, wir haben eine Idee von ,alles ist machbar‘, die Idee ist auch: Der Frauenkörper ist inkompetent, Frauen sind inkompetent, und wir können das besser, und deshalb wird permanent eingegriffen. Das ist keine bewusste Haltung, das ist etwas, das unterbewusst in unserer ganzen Gesellschaft mitgegeben wird, uns allen, und das wird verstärkt durch die Haltung der Schulmedizin.“

Der Film hat nach meinem Empfinden eine ganz klare Haltung: So wie es in den Klinken in Deutschland derzeit läuft, läuft es nicht gut. Ganz bewusst kommen ja Frauen zu Wort, die eine sehr schlechte Geburtserfahrung mit massiven Interventionen in der Klinik hatten und sich dann beim nächsten Kind für eine Hausgeburt entschieden haben, bei der alles ideal lief. Es kommen Fachleute zu Wort, die von der ganz natürlichen Geburt schwärmen, Frauen machen Bauchtanz zur Geburtsvorbereitung…nun gibt es aber sehr viele Frauen, die nicht die Geburt erlebt haben, die sie sich gewünscht haben, und bei denen es überhaupt nicht natürlich lief, egal wie intensiv und alternativ sie sich vorbereitet haben – am Ende kann dann trotzdem ein Notkaiserschnitt stehen. Wie kann man vermeiden, dass Frauen durch einen solchen Film hinterher ein schlechtes Gefühl vermittelt wird?

„Ich kriege viele Reaktionen auf den Film, viele Mails, gerade von Frauen, die schlechte Geburtserfahrungen hatten, und viele Frauen sagen mir, dass dieser Film ihnen geholfen hat, ihre Geburtserfahrung zu verarbeiten und zu merken, dass nicht sie schuld sind, sondern die Situation, in die sie in der Klinik geraten sind. Die Bedingungen in der Klinik können einfach sehr kontraproduktiv sein – für die Entspannung und für das, was der weibliche Körper in dem Moment eigentlich braucht, um sich zu öffnen. Und so kann eine Geburt in pathologisches Fahrwasser kommen, das fängt an mit: der fremde Geruch, das helle Licht, die vielen fremden Menschen, der Wechsel des Personals, vielleicht stimmt die Chemie nicht zwischen der Gebärenden und der Hebamme, und schon schließt sich der Körper der Frau – das sind die Dinge, die in der Klinik meiner Meinung nach nicht funktionieren.“

Aber ist das nicht weltfremd und kontraproduktiv, für alle Frauen eine Hausgeburt zu fordern? Vielen Frauen ist die Sicherheit, die Nähe zur medizinischen Versorgung wichtig, und wünschen sich natürlich trotzdem eine geborgene Geburt?

„Ich bin nicht per se gegen eine Klinikgeburt, wir könnten aber schauen, was funktioniert eigentlich so gut in der Hausgeburtshilfe, was können wir da in die Klinik implementieren; wäre es vielleicht sinnvoll, nicht in der Klinik, sondern ganz nah an der Klinik ein Geburtshaus zu haben, so dass vielleicht nur eine Tür geöffnet werden muss, wenn wir wirklich einen Notkaiserschnitt haben. Wenn wir uns die Zahlen anschauen von Alfred Rockenschaub, der die Semmelweis-Frauenklinik in Wien geleitet hat, mit über 4000 Geburten, darunter auch Risiko-Schwangerschaften: Der hatte eine Kaiserschnittrate von unter zwei Prozent, also: Die meisten Geburtspathologien entstehen durch Angst, aber sie entstehen auch durch mangelnde Fitness, falsche Ernährung, falsche Verhaltensweisen der Schwangeren, und hier müssten die Frauen an die Hand genommen werden, anstatt sie schon während der Schwangerschaft durch alle möglichen Tests zu verunsichern.“

Die von dir angesprochene Klinik von Alfred Rockenschaub, war das so ein Modell mit angrenzendem Geburtshaus?

„Das war eine normale Klinik, aber mit einer stringenten 1:1-Betreuung durch eine Hebamme für jede Frau und der konsequenten Haltung, dass die Frau das kann. Und dass die Frau darin bestärkt wird, die Geburt vaginal zu machen und dabei alles Mögliche auszuprobieren, und sich eben nicht auf den Rücken zu legen, es geht da immer um die Bestärkung der Frauen. Was ich an der aktuellen Geburtshilfe in der Klinik kritisiere, ist: Wir haben eine extrem dünne Personaldecke. Nicht nur durch die kaum zu stemmenden Ausgaben für die Haftpflichtversicherung, auch durch die schlechten Arbeitsbedingungen, die Arbeitszeiten, gibt es kaum jemand, der*die den Beruf der Hebamme oder des Geburtspflegers noch machen will. Die Frauen haben sich verändert, wollen selbst Familie haben, wollen den Beruf nur noch halbtags machen, sind krank, im Urlaub, in Elternzeit, und plötzlich haben wir von den acht Hebammen, die auf dem Papier stehen, nur noch zwei, die für drei Schichten da sind, die geraten in die Überforderung, wenn sie überfordert sind, sind sie am Cool-Out, das ist die Vorstufe vom Burnout, sie sind einfach nicht mehr in der Lage, empathisch zu sein, wenn sie total am Rande ihrer Kapazitäten sind, das ist einfach niemandem möglich.“

Welche Konsequenzen hat das?

„Ich hatte letztens bei einer Podiumsdiskussion eine leitende Klinik-Hebamme da, und die sagte: ,So, wie die Geburtshilfe derzeit in Deutschland aufgestellt ist, können wir in der Klinik keine sichere Geburt mehr gewährleisten‘, und ich bin heilfroh, dass das eine Hebamme aus einer Klinik das gesagt hat – denn wenn eine Hebamme fünf bis sieben Schwangere betreuen muss, wie sollen die denn überhaupt merken, dass das gerade eine Geburt in pathologisches Fahrwasser kommt, das merkt sie womöglich gar nicht, weil sie die Frau auch gar nicht kennt, nicht die acht oder zwölf Stunden am Stück begleitet hat, und das kann gefährlich sein.“

Auf unserem Panel zur Krise der Geburtshilfe auf dem Female Future Force Day sprach ein Chefarzt für Geburtsmedizin von seiner Wunschvorstellung einer Klinikgeburt mit Hausgeburt-Setting, also dass in der Klinik geboren wird, aber mit den Gegebenheiten einer Hausgeburt. Er sprach auch die Verlegungsrate von Erstgebärenden bei Hausgeburten in die Klinik von 30 Prozent an. Was hältst davon?

„Den Vorschlag finde ich total gut. Das wäre dann eher eine Geburtshaus-Geburtshilfe und keine Hausgeburt-Geburtshilfe. Zu die Verlegungsraten: Kliniken waren ursprünglich eine Notfallhilfe, das heißt, man kann ja nicht der Hebamme oder der Frau vorwerfen, dass die Hausgeburt abgebrochen wird – und das wird leider in Deutschland gemacht. Dabei ist die Verlegung ja gerade gut, wenn die Hebamme das Gefühl hat, zur Sicherheit gehen wir jetzt besser in eine Klinik, um eben weder Mutter noch Kind zu gefährden. Oder wenn die Frau dann doch sagt: Ich habe ein komisches Gefühl, ich würde jetzt doch lieber gern in die Klinik – denn dafür sind die Kliniken da. Eine Geburt hat eigentlich in einem Krankenhaus erstmal nichts zu suchen, denn da ist alles auf Effizienz ausgerichtet. Erst kommt die Anmeldung, dann geht es ins Patientenzimmer, dann ins Wehenzimmer, vorher wird noch ein CTG gemacht, dann in den Kreißsaal, die ganze Zeit sind Ortswechsel, das ist eine Zumutung für die Gebärende, die ja andauernd Wehen hat, und dann muss sie sich von einem Zimmer zum nächsten schleppen.“

Du sagst, der Film soll auch die volkswirtschaftlichen Langzeitschäden, die durch steigende Interventionen bei Geburten entstehen, deutlich machen. Welche Schäden meinst du damit?

„Das ist sehr vielfältig: Dadurch, dass wir im Moment eine in meinen Augen prekäre Art der Geburtshilfe haben und viele Frauen sich nicht gut betreut fühlen, steigt die Zahl der Interventionen an. Es werden zum Beispiel wehenfördernde oder wehenhemmende Mittel gegeben, oft gibt es dann einen Geburtsstillstand, oder die Frauen haben wegen der wehenfördernden Mittel so starke Schmerzen, dass sie die Wand hochgehen, also brauchen sie noch eine PDA, die PDA wird oft nicht als ,walking PDA‘ gesetzt, bei der die Frau noch laufen könnte, dann liegen die Frauen also doch wieder auf dem Rücken. 2016 lagen in den Kliniken 75 Prozent der Frauen immer noch auf dem Rücken während der Geburt, über einen langen Zeitraum, weil sie an ein Dauer-CTG angeschlossen werden, weil es zu wenig Hebammen gibt, die sie 1:1 betreuen können, man macht das also über ein Monitoring, und das hat einfach Folgen: Die Frau liegt auf dem Rücken, die Sauerstoffversorgung des Kindes ist womöglich nicht mehr so gut, möglicherweise gehen die Herztöne runter, die Frau hat zusätzliche Schmerzen, weil auf dem Rücken liegend der Ischias-Schmerz dazukommt, Schmerzmittel müssen weiter erhöht werden, diese Medikamente wirken auch auf das Kind, in Rückenlage wird dann häufig und oft nicht sachgemäß das so genannte Kristeller-Manöver angewendet. Das war ursprünglich ein Druck auf den Fundus der Gebärmutter, um die Geburt zu unterstützen, mittlerweile wird da richtiggehend das Kind rausgehebelt, zusätzlich womöglich mit Saugglocke, Dammschnitt, viele Frauen empfinden eine solche Geburt als eine absolute Gewalterfahrung, sie fühlen sich ausgeliefert.“

Du meinst, die Geburtserfahrung wirkt sich oft über einen längeren Zeitraum aus?

„Es gibt potentiell unzählige körperliche und seelische Folgen, es kann zu Bindungsproblemen kommen, manche Frauen sind höchst traumatisiert, haben ein viel höheres Risiko, in eine postpartale Depression zu geraten, können dann ihr Baby und eventuelle Geschwisterkinder nicht mehr versorgen, die Partnerschaft leidet, Frauen fühlen sich durch den Dammschnitt, mögliche Entzündungen oder Vernarbungen beeinträchtigt in ihrer Sexualität… das heißt, es gibt ganz vielfältige Folgen, die wir so in Zahlen gar nicht ausdrücken können – welche Art von Therapien diese Frauen später brauchen und wieviel das kostet, wird ja nicht erfasst.“

Was ich hier schwierig finde: Es gibt ganz sicher sehr viele Frauen, die eine Geburt hatten, die auch nicht gerade optimal verlaufen ist, womöglich mit Interventionen, die die Frauen sich gerne erspart hätten, und die trotzdem eher pragmatisch mit dieser Erfahrung gut leben können, ohne traumatisiert zu sein – gerade wenn es keine gravierenden Spätfolgen gibt, und das ist ja bei der überwiegenden Mehrheit so – als Leserin kann man ja Angst kriegen, wenn man sich deine Aufzählungen ansieht. Wie könnte ein Weg aussehen, die aktuellen Probleme in der Geburtshilfe zu benennen, ohne Frauen Angst zu machen? Denn vorhin sprachen wir ja darüber: Das Beste für eine Geburt ist Angstfreiheit.

„Zum einen ist es so: Natürlich löst nicht jede Intervention ein Trauma aus. Das Trauma wird meistens durch die Art und Weise ausgelöst, wie die Intervention durchgeführt wird. Das heißt: Wenn die Ärzt*innen und Hebammen die Frau nicht ernst nehmen, nicht mit ihr sprechen, sie nicht aufklären, sondern eher drohen, oder zynisch werden, oder Sätze fallen wie ,Wenn Sie wollen, dass Ihr Kind behindert zur Welt kommt, dann machen Sie das, aber wir würden was anderes machen‘ – da läuft sehr viel auf der kommunikativen Ebene schief. Nun sind Frauen unter Wehen nicht besonders diskussionsfähig, und das sollte auch keine Frau sein müssen. Der Film kann dabei helfen, erstmal zu verstehen: Was läuft in meinem Körper eigentlich ab bei einer Geburt? Und wenn man das versteht, dann hat man schon mal sehr viel weniger Angst, und wenn man weniger Angst hat, ist der Sympathikus nicht so getriggert, da heißt, Frauen entwicklen weniger starke Schmerzen, brauchen weniger Schmerzmittel, und halten vielleicht Schmerzen besser aus, können sie besser veratmen, und entscheiden sich vielleicht bewusst für eine aufrechte Geburt, oder gebären im Squad, also in der tiefen Hocke, oder im Vierfüßler-Stand, oder oder oder…und Frauen auf Kliniksuche werden dann womöglich bei der Kreißsaal-Begehung nicht danach fragen, welche Brötchen es zum Frühstück gibt, sondern: Wie hoch ist hier die Kaiserschnittrate? Und wie kann man hier gebären? Und dann bleibt aber die Frage: Auf welche Hebamme treffen ich, wenn es so weit ist, und: Nimmt die mich mit auf die Reise, oder oktroyiert sie der Frau ihre Vorstellungen? Der Film soll ein Bewusstsein dafür schaffen, wo wir momentan stehen in der Geburtshilfe.“

Und wie kann man etwas verändern?

„Der Druck kann nur von den Eltern ausgehen. Alle Veränderungen, die es in der Geburtshilfe gab, durch die 68er, später in den siebziger-Jahren, dann nochmal in den achtziger-Jahren, als gegen die so genannte programmierte Geburt protestiert wurde, also dass Geburten tagsüber unter der Woche in einem bestimmten Zeitfenster eingeleitet wurden – all diese Veränderungen wurden von der betroffenen Gruppe, nämlich den Eltern initiiert, aber das Problem ist: Weil wir über das Thema Geburt in unserer Gesellschaft zu wenig reden, fangen die Eltern erst an, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wenn die Frau schwanger ist. Wir müssten das Thema Geburt wieder zu einem gesellschaftlichen Thema machen, so dass eben auch Männer verstehen: Das ist kein Frauenthema, denn auch Männer wurden ja irgendwann mal geboren. Und wenn Männer später Partnerinnen haben, die unter den Folgen einer Geburt leiden, dann betrifft sie das ganz unmittelbar – wenn zum Beispiel die Beziehung davon beeinträchtigt wird.“

Das Thema Geburtshilfe findet auf der politischen Agenda so gut wie nicht statt, obwohl es so viele Menschen betrifft und essentiell für jede Gesellschaft ist. Wo siehst du Mut machende Ansätze, und was können wir tun, damit das Thema stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein tritt?

„Es gibt ganz tolle Vereine, zum Beispiel GreenBirth oder Hebammen für Deutschland. Mother Hood, die lokal, aber auch überregional deutschlandweit engagiert sind, machen eine sehr gute politische Arbeit. Das bringt wirklich was, die lassen nicht locker, die sprechen mit Politiker*innen im lokalen Bereich, das kann sehr effektiv sein. Es gibt Podiumsdiskussionen zu meinem Film mit Politiker*innen, Klinikärzt*innen, Hebammen, direkt aus dem Publikum kommt Feedback, das ist eine gute Entwicklung, dafür hab ich den Film gemacht. Es ist auch politische Arbeit, mit diesem Film zu touren, damit mehr Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird und Politiker*innen in die Pflicht genommen werden. Ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit.“

Also alles, die mal Kinder haben wollen, sollten Vereinsmitglied werden?

„Vor allem würde es mich wirklich freuen, wenn sich noch mehr Männer engagieren würden, denn die frischgebackenen Mütter haben erstmal was anderes auf dem Schirm, sie müssen sich in ihre Mutterrolle reinfinden, und es ist einfach kein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Thema, in das die Männer genauso involviert sind; und wenn die Männer wollen, dass ihre Frauen eine gute Geburt haben, dann müssen sie sich auch dafür einsetzen, und zwar am besten schon vor der Geburt, als Mitglied eines Vereins, sie müssen Mitgliedsbeiträge zahlen, aber auch in sozialen Netzwerken aktiv sein und Politiker*innen richtig auf den Füßen stehen.“

Pessimistisch betrachtet würde ich sagen: Das ist alles völlig richtig, aber trotzdem frage ich mich: Wo kriegen wir Männer her, die sich freiwillig vor der Geburt ihres ersten Kindes bei einem Verein wie Mother Hood engagieren?

„Ich bin grundsätzlich erstmal eher positiv eingestellt. Ich habe das Gefühl, dass durch die Debatten der letzten Jahre, auch durch #metoo, und durch einen Generationswechsel die jungen Männer heute oft ganz anderes aufgestellt sind als die Männer in meinem Alter; für die ist es in der Regel überhaupt kein Thema, sich für Frauenrechte zu engagieren, und ich denke, das ist für junge Männer heute leichter. Dadurch, dass es Magazine wie Edition F gibt, die sich des Themas Gleichberechtigung annehmen, sind wir da schon weiter. Jetzt würde ich wiederum gerne noch ein Medium wie ,Men´s Health‘ mit ins Boot holen, und natürlich muss man auch für ein rein männliches Publikum andere mediale Strategien entwickeln; wir müssen einfach am Ball bleiben und die Männer darauf aufmerksam machen: ,Hey, wir brauchen euch hier, es ist kein Kampf gegen euch, es ist ein feministisches Thema, und Feminismus ist ein Thema, von dem alle profitieren, alle profitieren von einer Frau, die ein stärkendes Geburtserlebnis hatte‘. Männer können ja auch traumatisiert sein durch ein schlimmes Geburtserlebnis, wenn sie etwa daneben sitzen und nicht wissen, was sie machen sollen, während ihre Frau kaum mehr ansprechbar ist und leidet. Die Männer fühlen sich dann oft richtig schuldig. Männer profitieren von einer Partnerin, die nach der Geburt sagt: ,So, ich habe diese Geburt geschafft, ich kann alles, mir steht die Welt offen!‘.“

Wer Carolas Film sehen möchte, kann ihn hier kostenpflichtig streamen oder die DVD kaufen. Enthalten sind zwei Stunden Bonusmaterial. Wer mehr über Carolas Finanzierungsmodell erfahren möchte, kann hier nachlesen

Am 11.10. ist „Die sichere Geburt“ um 19 Uhr im City Kino Wedding zu sehen. Hier findet ihr Termine in weiteren Städten.

Titelbild: Depositphotos

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