Foto: Annie Spratt | Unsplash

Dein Krebs hat mich stark gemacht – was ich aus der Krebserkrankung meiner Mutter lernte

Dieser Beitrag handelt von der stärksten Frau, die ich kenne. Wie sie sich gegen ihre Krankheit und die Krebszellen in ihrem Körper wehrte, niemals aufgab und am Schluss gesund wurde. Was ihre Krankheit mit uns als Familie machte. Und besonders, warum meine Mama mein größtes Vorbild ist.

 

Die Krebserkrankung hat unsere Familie verändert 

Es kam ein Moment, an dem ich meine Mutter nicht wieder erkannte. Diese von Krankheit ausgehöhlte Figur auf dem Sofa war doch nicht meine liebevolle, mutige und lebensfrohe Mama! Geplagt von den Nebenwirkungen der Chemotherapie und einem Leben, an dem sie nicht mehr aktiv teilnehmen konnte. Dieser doofe Krebs beschreibt zwar eine unserer dunkelsten Zeiten als Familie, doch es gibt ein Happy End. Nicht nur, weil der Krebs medizinisch besiegt wurde und meine Mama seit nun elf Jahren wieder gesund ist, sondern auch, weil eine noch stärkere Frau aus dieser Krankheit hervorgegangen ist – eigentlich sogar zwei. Denn auch ich bin an der Herausforderung gewachsen, als Person, Tochter und Frau.

In meiner Familie gibt es viele starke Frauen. Jede hat ihre eigenen mutigen Geschichten und alltägliche Herausforderungen, die anderen vielleicht nicht so wichtig vorkommen. Zum Beispiel meine Urgroßmutter, die gegen den Krieg und für Bildung kämpfte, in dem sie Schreibmaschinenkurse gab. Oder meine Oma, im Kampf gegen ein unterdrückendes System und für die Freiheit ihrer Kinder. Doch in dieser Geschichte geht es um meine Mutter und ihren ganz eigenen Kampf. Mit sich und einer Krankheit, die zum größten Feind wurde.

Meine Kindheit endete, als ich 13 Jahre alt war, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, denn meine Mutter wurde mit Brustkrebs diagnostiziert. Alles war plötzlich anders. Und jedes Mitglied unserer Familie musste sich nicht nur an die neue Situation gewöhnen, sondern auch eine neue Rolle einnehmen. 

Die Diagnose: Brustkrebs

Nach einer Routine-Untersuchung beim Gynäkologen fuhren wir ins Krankenhaus. Ein Knoten in der Brust sei erstmal nicht unbedingt etwas schlimmes, versicherte dieser meiner Mutter. „Aber gut, dass Sie ihn entdeckt haben. Den machen wir raus.“ Diese Zeit habe ich nur schwammig in Erinnerung, weil doch alles irgendwie schnell ging und ich eigentlich mit anderen Dingen beschäftigt war. Zum Beispiel mit meinem Pferd, den Jungs aus meiner Klasse und dem neuesten Tratsch meiner Freundinnen. Woran ich mich jedoch ganz genau erinnern kann ist der Moment, in dem wir erfahren haben, dass es doch etwas Schlimmes war in der Brust meiner Mutter. Es waren Krebszellen. Fiese böse Krebszellen, die alles kaputt machen können.

Mein Bruder und ich wurden aus dem Krankenzimmer meiner Mutter geschickt, damit der Arzt mit den Erwachsenen alleine reden konnte. Also schlichen wir über den kargen Flur der Station. Es roch nach Desinfektionsmittel und ungesunden Menschen. Wir entdeckten einen Getränkewagen, schauten uns um, konnten jedoch keine*n Besitzer*in entdecken, also nahmen wir uns einen Becher Orangensaft und verkrümelten uns mit Spielzeug und Büchern in die Kinderecke. Mein Bruder war damals noch keine zehn Jahre alt und hatte gerade den Wechsel auf die weiterführende Schule hinter sich. Ich steckte eigentlich in der Pubertät und hatte andere Probleme. Außerdem wussten wir ja noch nicht, dass sich unser Leben verändern würde.

Die Behandlung stand fest: erst Chemotherapie, anschließend Bestrahlung. Mit 13 weiß man im Normalfall nicht unbedingt, was das bedeutet, mit neun noch weniger. Also wurde uns gesagt, wir müssen jetzt stark sein. Mama würde es manchmal schlecht gehen, aber alles würde gut werden. Dass meine Mama diejenige war, die uns stark machte, scheint paradox. Und doch ist es der einzige Weg, der für mich logisch erscheint. In den folgenden Monaten veränderte sich also nicht nur unser Alltag als Familie, auch meine Perspektive und Wahrnehmung auf mein Leben war plötzlich eine andere. Zum ersten Mal erkannte ich, dass meine Mutter auch eine Frau war, unabhängig von Familienstand und Beruf. Und zwar eine starke Frau. 

Ein Monster namens Chemotherapie

Dennoch hat sich der Anblick dieser zerbrechlichen Figur auf dem Sofa in mein Hirn eingebrannt. Meine liebste, sonst so lebensfrohe und energetische Mama, die auch nach einem langen Arbeitstag noch Kraft und Freude daran fand, Zeit mit uns zu verbringen, hatte auf einmal nichts von beidem: weder Kraft noch Freude. Die Chemotherapie entzog ihr nicht nur die nötige Energie, um einen Alltag mit Kindern und Haustieren zu bewältigen, sondern auch die Freude daran, morgens aufzustehen. Das Essen schmeckte nach Metall, die Fingerspitzen waren so empfindlich, dass sogar das Aufheben eines Taschentuchs Schmerzen bereitete. Abgesehen von diesen körperlichen Einschränkungen blieb natürlich auch alles andere auf der Strecke: die Ehe meiner Eltern wurde auf die Probe gestellt, die Beziehung zu uns Kindern strapaziert und überfordert, Freundschaften waren plötzlich doch nicht so eng wie gedacht. Und ich hatte irgendwie trotzdem genug mit mir selbst zu tun.

Was heißt eigentlich stark sein? Müsste ich die Rolle meiner Mutter einnehmen, damit unsere Familie weiterhin funktioniert? War ich jetzt dafür verantwortlich, dass das Essen auf den Tisch kommt und mein Bruder seine Hausaufgaben macht? Ich glaube, er hat damals nicht richtig verstanden, was diese Krankheit wirklich bedeutet. Für ihn war der Brustkrebs unserer Mutter eben irgendeine Krankheit. Und diese umgab sie wie ein dunkler Schleier, aus dem sie auszubrechen versuchte. An manchen Tagen funktionierte das besser als an anderen. Und an wiederum anderen Tagen verschwand mein Bruder mit ihr darin.

Und plötzlich ist die Kindheit vorbei 

Mit 13 Jahren war für mich also Schluss mit Kindheit, die Pubertät habe ich gleich übersprungen. Keine Zeit mehr für Lästereien über Jungs, Haareflechten und Nägellackieren mit meinen Freundinnen. Ich hatte jetzt andere Aufgaben. Und eine ganz neue Art der Verantwortung. Mein Vater kümmerte sich Tag und Nacht um meine Mutter und alle anderen Dinge, die anfielen. Geld verdienen zum Beispiel. Also blieb der Großteil der Haushaltsaufgaben an mir hängen. Als Teenie gibt es aber tausend andere, bunte und aufregende Dinge im Kopf, die deutlich mehr Spaß machen als spülen, saugen und Müll rausbringen. Mein Bruder hatte damit zu tun, sich auf der weiterführenden Schule einzugewöhnen, und brauchte Hilfe bei den Hausaufgaben. Zusätzlich stand die Stallarbeit an, denn zwei Pferde versorgen sich auch nicht von selbst. Auch der Hund benötigt Auslauf. Und nicht zuletzt ging ich ja selbst noch zur Schule.

Mama, meine Heldin!

Meine Mutter und ich waren uns immer schon sehr nahe. Nicht nur durch unser gemeinsames Hobby, die Pferde, sondern auch dank ihrer offenen und ehrlichen Art der Erziehung. Während dieser Zeit wuchsen wir jedoch noch näher zusammen. Wir sprachen viel über ihre Krankheit und was der Krebs mit ihrem Körper machte. Ich verstand, dass sie sich auf mich verlassen musste, weil sie sich nicht mehr auf sich selbst verlassen konnte. Doch trotz der vielen Einschränkungen und Rückschläge durch die Krankheit habe ich meine Mutter noch nie so stark erlebt. Denn die Schwäche, die sie wie ein Nebel umgab, ging nur von ihrem Körper aus. Ein Körper, der zum Feind geworden war. Eine Last, der man nicht aus dem Weg gehen konnte. Doch dahinter und ganz tief drin war immer noch diese starke und selbstbewusste Frau, zu der ich aufblickte. Der Krebs hat zwar ihren Körper angegriffen, nicht jedoch ihren Verstand. Stark zu sein bedeutet, an sich zu glauben. Einen Plan B parat zu haben, wenn Plan A nicht funktioniert. Verantwortung abzugeben und nach Hilfe zu fragen, wenn man selbst nicht weiter weiß.

Meine Mama ist eine starke Frau, sie hat es auch in dieser dunklen Zeit geschafft, uns als Familie zusammenzuhalten. Sie hat gegen den Krebs und all seine Schattenseiten im Alltag gekämpft. Wenn ich früher nach Vorbildern gefragt wurde, fiel es mir immer schwer, eine scheinbar akzeptable Antwort zu geben. Zu irgendwelchen öffentlichen Persönlichkeiten habe ich nie eine solche Verbindung gehabt. Und eigentlich war die ganze Zeit über klar: mein Vorbild, das bist du, Mama! Du bist meine Alltagsheldin, meine beste Freundin, Seelsorgerin und größter Fan. Durch dich bin ich der Mensch geworden, der ich heute bin – mit all meinen Ecken und Kanten. Und dank dir habe ich gelernt, dass das gut so ist. Dass meine Fehler und Misserfolge, meine Krankheiten und Wehwehchen genauso zu mir gehören, wie der Krebs zu dir gehört. Als Teil deines Lebens.

Meine starke Mama hat mich zu einer starken Tochter gemacht. Die Pubertät zu überspringen und in den jungen Jahren so viel Verantwortung zu übernehmen war sicherlich keine leichte Aufgabe, aber sie hat mich nachträglich positiv geprägt. Die Dinge, die ich in dieser Zeit von meiner Mutter gelernt habe, sind Kernelemente meiner heutigen Weltanschauung. Den Glaube und die Hoffnung nicht verlieren, dass es irgendwie gut geht. Die Gewissheit, dass deine Familie immer für dich da ist. Die Liebe, die in allen Lebenslagen stärker ist als Hass. Und die starke Verbindung zwischen Mutter und Tochter, die ich nur jedem wünschen kann.

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