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Psychische Erkrankung: Mein Irrweg durch das Gesundheits- und Arbeitssystem

Vor drei Jahren meldete sich Community-Mitglied Julia* zu einer stationären Therapie an, in der Hoffnung, so endlich ihre psychische Erkrankung hinter sich lassen zu können. Was folgte war ein belastendes, langwieriges Prozedere, in dem sie sich immer wieder alleingelassen fühlte.

 

Hilfe zu brauchen, reicht nicht aus

Anfang 2014 entschloss ich mich schweren Herzens, mich erneut in einer Kurklinik zur stationären Therapie anzumelden. Es begann eine Zeit des Wartens. Wenn man mich nur endlich an einer Klinik annehmen würde… Danach würde mein Leben ganz neu anfangen. Beruflich, wie auch privat. So dachte ich zumindest.

Respektive wundere ich mich über meine Naivität. Monatlich rief ich in der Klinik an, um mich als Springerin in Erinnerung zu bringen. Doch nichts passierte.

Die Fallstricke unseres Gesundheitssystems

Davon abgesehen, dass mir der Platz an einer Klinik verwehrt blieb, plagten mich viele Sorgen. Wovon sollte ich leben, wenn ich länger als 42 Tage krank geschrieben war? Lohnfortzahlung fiel bei mir weg. Wie lange konnte ich überhaupt für ein und dieselbe Krankheit krank geschrieben werden? Was mache ich nach 18 Monaten, wenn ich ausgesteuert wurde?

Der Irrweg von Gutachter zu Gutachter begann – und für mich war jeder Termin der blanke Horror. Eine Inquisition, die mir meine Hilflosigkeit vorführte. Jeder Termin mündete in Sprachlosigkeit, Tränen und zerkratzten Armen. Nur durch Selbstverletzung konnte ich den Druck loswerden, dem ich mich ausgesetzt sah. Ich wollte arbeiten, konnte jedoch nicht und wusste keinen Ausweg. Niemand sonst schien sich dafür zu interessieren interessiert zu sein.

Ich fühlte mich den Gutachtern, Krankenkassen, Ämtern und Ärzten ausgeliefert. Ich war ein Problem, für das es nur eine Lösung gab: an eine andere Stelle verweisen und nicht mehr dran denken. Zu allem Unglück konnte meine Therapeutin mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr weiter begleiten. Unser Kontingent war ausgeschöpft, die Krankenkasse bewilligte keine weiteren Sitzungen nach 120 Stunden. So musste ich mich auf die Suche nach einem neuen Therapieplatz begeben. Alleine.

Bürokratischer Irrsinn

Ich stieß dabei auf das sogenannte Kostenerstattungsverfahren, bei der gesetzliche Krankenkassen in Ausnahmefällen die Betreuung durch Therapeuten und Therapeutinnen übernimmt, die keinen Kassensitz haben. Ich fand eine Therapeutin, die sich auf das Prozedere einließ. Durch mich hatte sie das erste Mal Kontakt mit Krankenkassen. Es war für uns gleichermaßen ein unglaublicher bürokratischer Aufwand. Bewilligt wurde diese Therapie auch nur als Überbrückung, bis ich stationär aufgenommen wurde.

Im Herbst konnte ich nicht mehr und erkundigte mich nach Reha-Angeboten als Alternative. In einer Großstadt gibt es einige Angebote, welche die sogenannte „berufliche Rehabilitation gesundheitlich beeinträchtigter Menschen” fördern. Am Tag der offenen Tür einer Reha-Einrichtung wollte ich ihre Angebote kennenlernen und ging dahin. Hier konnte man sich in einer nachgestellten Arbeitswelt ausprobieren:

  • in der Küche

  • der Fahrrad Werkstatt

  • der Bibliothek

  • Metallverarbeitung

In der Raucherpause stand ein Rechtsanwalt neben mir und sprach aus, was ich dachte: „Wie soll es meiner beruflichen Rehabilitation dienen, in der Küche zu stehen oder Fahrräder zu reparieren? Mein Beruf verlangt überwiegend geistige Tätigkeit und die angebotenen Arbeitswelten langweilen mich.” Doch scheinbar waren wir allein mit diesem Problem…

Statt Hilfe nur weitere Entmutigungen

Allerdings war das sowieso Makulatur, denn für den Antrag zur beruflichen Rehabilitation musste ich erst zur medizinischen Rehabilitation. Das ist eine „umfassende gesundheitliche Stabilisierung, insbesondere der Grundarbeitsfähigkeiten und der allgemeinen Handlungskompetenzen.” Oder kurz gesagt: zur Ergotherapie. Zweimal pro Woche ging ich nun zweimal für je 45 Minuten zur Ergotherapie. Mein Ziel war den Therapeutinnen gegenüber klar definiert: zurück in den Job!

So kam ich einmal zum Werken und Handarbeiten, das andere Mal zum „Computerkurs”. Ich erlernte Grundkenntnisse im Nähen und am Computer konnte ich Konzentrationsaufgaben lösen oder „frei” arbeiten, sofern die alten Computer mit eingeschränkten Zugängen das zuließen. Im Laufe der Wochen kristallisierte sich dabei immer mehr heraus, dass ich nicht mit mehreren Fremden in einem Raum arbeiten konnte. Hielt ich mich in einem Raum auf, so war das nur möglich, wenn ich einen möglichst großen Bogen um meine Mitpatientinnen machte.

Männliche Patienten durften eigentlich nicht mit mir in einem Raum sein. Als ich den Gang zur Toilette antreten musste, ertappte ich mich bei dem Gedanken, wie groß wohl mein gesundheitlicher Schaden wäre, wenn ich jetzt einfach aus dem zweiten Stock spränge, anstatt an meinen Mitpatienten vorbei zu gehen. Das war der Anfang meiner Einzelsitzungen, zu denen ich bald auch nicht mehr gehen konnte, da ich eine weitere depressive Episode überstehen musste. Es war klar, dass ich nur noch im Homeoffice arbeiten konnte.

„Frau Albrecht, das mit dem Arbeiten können Sie vergessen.“

Zwischenzeitlich verlangte die Krankenkasse, dass ich eine Reha bei meiner Rentenversicherung beantragte. Wieder ein Gutachter. Meine Hoffnung war zumindest eine Teilzeittätigkeit im Homeoffice. Meine Therapeuten bestätigen das auch schriftlich. Seine Diagnose nach 40 Minuten teilte er mir kurz und knapp mit: „Sie sind arbeitsunfähig” Ich brach in Tränen aus und konnte für den Rest des Tages nur noch heulen. Es kann doch nicht im Sinne der Gesellschaft sein, dass ich wegen meiner psychischen Erkrankung einfach aussortiert werde.

Die Gutachterin des Arbeitsamtes brauchte nur 20 Minuten, um auf das gleiche Ergebnis zu kommen. Dementsprechend konnte ich dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, durfte mich folglich nicht arbeitslos melden, um auf Jobsuche in Teilzeit zu gehen und wurde zu Hartz IV weitergeschoben.

Hier landete ich bei der DiMa – dem Disability Management. Das stellte fest, dass in meiner Situation erstmal Erwerbsminderungsrente bei meiner zuständigen Rentenversicherung beantragt werden müsste. Dazu sei ich verpflichtet. So besorgte ich mir alle Unterlagen und füllte sie nach bestem Wissen und Gewissen alleine aus. Hätte ich Hilfe haben wollen, hätte dies mindestens acht Wochen Wartezeit bedeutet. 

Fragen, auf die keine Institution Antworten weiß

Dem Rententräger stellt sich natürlich die Frage, worauf denn meine Erwerbsminderung zurückzuführen sei. Ein doppelseitiges Blatt mit dem Titel „Schadensmeldung” war also auszufüllen. Doch wie fasst man das Grauen deiner Kindheit in Worte, wo nur Sprachlosigkeit, Schmerz, Hilflosigkeit und Tränen sind? Wo Sprechen verboten war und mit harten körperlichen Strafen geahndet wurde? Ist die Mutter auch Täterin, weil sie dir nicht glaubte, als du ihr von den nächtlichen Vorkommnissen erzählt hast, sie dir sagte, dass du das nur geträumt hättest?

Und was passiert nach so einer Schadensmeldung? Werden die Eltern kontaktiert und zur Sachlage befragt? Werden meine Eltern mich anrufen und beschimpfen, bedrohen oder Schlimmeres? Fragen, die mir niemand beantworten konnte. Inzwischen schrieben wir Herbst 2015 und mein siebenwöchiger Aufenthalt in der Kurklinik stand endlich an. Die Zeit brachte mir endlich Klarheit darüber, dass ich arbeiten wollte. Auch wenn ich als erwerbsunfähig entlassen wurde.

Einer neuer Teil meiner Selbst

Außerdem erhielt ich eine weitere Diagnose, die mir das unglaublich erschwerte: DIS, die Kurzform von dissoziativer Identitätsstörung. Die DeGPT definiert sie als „Ausbildung mehrerer Persönlichkeitsanteile, die scheinbar autonom voneinander fühlen, denken und handeln und nicht der bewussten Steuerungsfähigkeit unterliegen. Abwechselnd übernehmen unterschiedliche, wie abgespalten wirkende Persönlichkeitsanteile die Kontrolle über das innere Erleben und das äußere Handeln, wobei den Betroffenen diese Vorgänge zumeist nur wenig bewusst und zudem kaum erinnerlich sind.”

Das erklärte meine Erinnerungslücken, meinen großen Kleiderschrank, der so unterschiedlich bestückt war. Verschiedene Fotos, auf denen ich so unterschiedlich aussah, dass Menschen mich als jeweils andere Person wahrnehmen. Meine inneren Stimmen, die untereinander diskutierten, wurden Anteilen meiner inneren Landkarte zugeordnet. Ich kenne diese bis heute nur in Bruchstücken.

Täterintrojekte, meine inneren Saboteure, kenne ich bis heute nicht richtig. Dazu blieb während meines zweiten Aufenthalts keine Zeit mehr. Und gegen ärztliche Empfehlung wurden mir die Fortsetzung der Behandlung bei meiner Therapeutin versagt. Zwölf Stunden wurden genehmigt, damit ich die Arbeit mit meiner bisherigen Therapeutin abschließen konnte – um dann einer psychiatrischen Institutsambulanz angegliedert zu werden.

Berufliche Chancen für Menschen in meiner Situation

Ich bin in der zweiten Hälfte meines Lebens angelangt, da ist die Chance auf „Heilung” oder Reintegration ins Arbeitsleben sehr gering. Entsprechend wenig finanzielle Mittel stehen zur Verfügung für all das, was mir oder anderen Betroffenen helfen würde: bei der Therapeutin unseres Vertrauens bleiben, Kunsttherapie oder Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Akademikern in meiner Situation werden noch Umschulungen angeboten, dazu zählte ich nicht. Für Menschen wie mich hat unser System zwei Möglichkeiten vorgesehen: Entweder ich machte weiter wie bisher oder ich ging in Rente. 

Doch ich wollte arbeiten. Zu meinen Bedingungen. Durch Zufall fand ich meine persönliche berufliche Chance in Form der Digitalisierung. Durch die Vorzüge des Internets war es mir möglich, von Zuhause aus zu arbeiten, viele Tools erleichterte mir Arbeitsprozesse, mit denen ich mich eigentlich schwer getan hatte. Meine psychische Erkrankung ist immer noch ein Teil von mir. Aber mithilfe der Reha und den Möglichkeiten, auf die ich online gestoßen bin, ist es mir inzwischen wieder möglich, selbstständig zu arbeiten. Endlich. 

*Julia Albrecht heißt in Wirklichkeit anders. 


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